Frankreich: Künftig leitet eine Frau France Télévisions

02.06.2015 •

Die Leitung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens in Frankreich wird erstmals von einer Frau übernommen: Delphine Ernotte Cunci übernimmt am 22. August bei France Télévisions das Amt der Präsidentin. Die 48-jährige Ingenieurin arbeitet derzeit noch als Managerin des Telekom-Unternehmens Orange France.

Delphine Ernotte Cunci wird bei der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalt in zwölf Wochen Nachfolgerin von Rémy Pflimlin. Der 61-Jährige hatte sich vergebens um eine Kandidatur für eine zweite fünfjährige Amtszeit als Präsident von France Télévisions bemüht. Pflimlin war im Juli 2010 vom damaligen konservativen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy direkt ernannt worden (vgl. FK-Heft Nr. 31/10).

Am 23. April wurde Delphine Ernotte Cunci im dritten Wahlgang vom nationalen Rundfunkrat Conseil Supérieur de l’Audiovisuel (CSA) mit der erforderlichen Mehrheit von fünf der acht Stimmen gewählt. Ihr Gegenkandidat war der 60-jährige Pascal Josèphe, Gründer der Medienberatungsgesellschaft IMCA und früherer Fernsehmanager. Für ihn hatten zuvor im zweiten Wahlgang, wie auch für seine Konkurrentin, jeweils vier CSA-Mitglieder gestimmt. Insgesamt gab es 33 Bewerber für das Spitzenamt bei France Télévisions; davon wurden allerdings nur sieben vom CSA angehört.

Verjüngung des Publikums

Seit der unter Staatspräsident François Hollande vor zwei Jahren verabschiedeten Rundfunkreform (vgl. FK-Heft Nr. 33-34/13) werden die Führungspersonen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Frankreich wieder vom CSA bestimmt. Delphine Ernotte Cunci war bereits mit dem ersten Wahlgang die Favoritin für die Pflimlin-Nachfolge bei France Télévisions; sie wurde insbesondere von CSA-Präsident Olivier Schrameck unterstützt. Die CSA-Mitglieder werden je zur Hälfte von den Präsidenten der beiden französischen Parlamentskammern ernannt, und zwar für eine Amtszeit von sechs Jahren. Den CSA-Präsidenten beruft der Staatspräsident.

Mit der Wahl von Delphine Ernotte Cunci würdigte der CSA ihre „anspruchsvolle Vision eines öffentlich-rechtlichen Fernsehens von morgen“. Die neu gewählte TV-Präsidentin setzte sich im von ihr vorgestellten „strategischen Projekt“, einem 31-Seiten umfassenden Dossier, für ein „modernes und kreatives öffentlich-rechtliches Fernsehangebot“ ein. France Télévisions solle „offen über die Welt“ berichten, „für alle zugänglich“ und dabei „ein mit sich im Reinen befindliches öffentlich-rechtliches Unternehmen“ sein. Als wichtiges Ziel nannte Ernotte Cunci die Verjüngung des Publikums. Zu France Télévisions gehören die fünf landesweiten Fernsehprogramme France 2, France 3, France 4, France 5 und France Ô. 2014 erreichte das Unternehmen damit einen Gesamtmarktanteil von rund 30 Prozent. Außerdem veranstaltet France Télévisions den Rundfunk (Fernsehen und Radio) in den neun französischen Überseegebieten und ist als Anteilseigner an weiteren TV-Anbietern wie dem deutsch-französischen Kulturkanal Arte, dem Auslandssender TV 5 Monde und dem Nachrichtenkanal Euronews beteiligt.

Marktführer TF1 den Rang ablaufen

Das öffentlich-rechtliche Hauptprogramm France 2, so hat es sich die neu gewählte TV-Präsidentin außerdem zum Ziel gesetzt, soll in absehbarer Zeit dem derzeit dominierenden kommerziellen Konkurrenten TF1 den Rang ablaufen und zum „führenden französischen Fernsehkanal“ werden. Für den regional orientierten Sender France 3 kündigte Ernotte Cunci eine grundlegende Reform an. France 4 soll sich künftig nur noch an Zuschauer unter 15 Jahren und nicht mehr an junge Erwachsene wenden. Bei all ihren Plänen wird die neue Chefin aufgrund der schwierigen finanziellen Lage nicht um Einsparungen und Personalabbau herumkommen. Im Jahr 2014 verzeichnete France Télévisions ein Defizit in Höhe von 38 Mio Euro. Das Unternehmen verfügt über rund 10.000 Mitarbeiter. Das Jahresbudget beträgt 2,8 Mrd Euro und ergibt sich hauptsächlich aus Rundfunkgebühren.

Delphine Ernotte Cunci stammt aus einer Arztfamilie im südwestfranzösischen Bayonne und ist baskisch-korsischer Herkunft. Sie studierte Ingenieurswesen an der Pariser École Centrale und promovierte dort 1989. Ihre gesamte berufliche Karriere verbrachte sie seit 1989 beim damaligen staatlichen Unternehmen France Télécom, das seit 2013 unter dem Firmennahmen Orange in Frankreich und im Ausland agiert. Sie begann dort als Finanzanalystin und brachte es 2011 zur stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden. In dieser Position war sie zuletzt direkt für Orange France verantwortlich, dem größten und wichtigsten Teil des Weltunternehmens mit insgesamt über 80.000 Beschäftigten. Sie ist seit 1990 mit dem Schauspieler Marc Ernotte verheiratet.

02.06.2015 – me/MK