Fusion bei Kabelnetzbetreibern: Tele Columbus kauft Primacom 

27.07.2015 •

Tele Columbus, Deutschlands drittgrößter Kabelnetzbetreiber, hat den Konkurrenten Primacom gekauft. Primacom (Sitz: Leipzig) ist das viertgrößte Kabelunternehmen hierzulande. Die Übernahme gab die in Berlin angesiedelte Tele Columbus AG am 16. Juli bekannt. „Da sich die Netze von Tele Columbus und Primacom hervorragend ergänzen und die Ausrichtung der Unternehmen auf die wohnungswirtschaftliche Kundenbasis vergleichbar ist, besitzt diese Zusammenführung eine große strategische und wirtschaftliche Logik“, erklärte Ronny Verhelst, der Vorstandsvorsitzende von Tele Columbus.

Das Unternehmen ist seit dem 23. Januar an der Börse gelistet. Nach der Bekanntgabe der Übernahme von Primacom stieg der Aktienkurs von Tele Columbus um bis zu 9 Prozent an. Seit dem Börsengang hat Aktie von Tele Columbus (Ausgabepreis: 10 Euro) um etwa 40 Prozent auf rund 14 Euro zugelegt. Für den Erwerb von Primacom zahlt Tele Columbus insgesamt 711 Mio Euro – ein hoher Preis, wenn man bedenkt, dass Tele Columbus an der Börse derzeit nur rund 800 Mio Euro wert ist. Hinzu kommt, dass das Unternehmen laut Stand von Ende März Schulden in Höhe von 377 Mio Euro hat. Zum Jahresende 2014 betrug die Schuldenlast sogar noch 643 Mio Euro. Einen großen Teil der Einnahmen aus dem Börsengang, die sich insgesamt auf knapp 370 Mio Euro beliefen, setzte Tele Columbus dafür ein, um die Schulden zu reduzieren.

Den Kaufpreis für die Übernahme von Primacom will Tele Columbus über drei Wege bezahlen: erstens aus verfügbaren Barreserven, zweitens über Bankkredite und drittens über eine Brückenfinanzierung. Nach MK-Informationen soll mit rund 550 Mio Euro der größte Teil des Primacom-Kaufpreises über Bankkredite abgewickelt werden. 125 Mio Euro in Form einer Brückenfinanzierung stellen die drei Investmentbanken J.P. Morgan Securities, Goldman Sachs International und BNP Paribas bereit, bis Tele Columbus im zweiten Halbjahr 2015 über den Kapitalmarkt zusätzliche Finanzmittel erhält (über eine Kapitalerhöhung und/oder andere Maßnahmen). Aus den Barreserven soll ein mittlerer zweistelliger Millionenbetrag für den Primacom-Kauf eingesetzt werden.

Das fusionierte Unternehmen erreicht künftig nach eigenen Angaben 2,8 Mio angeschlossene Haushalte mit Kabelfernsehen, Telefonie-Diensten und schnellen Internet-Zugängen (Breitband). Tele Columbus hat zwischen 1,6 Mio und 1,7 Mio Kunden, bei Primacom sind es knapp 1,2 Mio. Beide Unternehmen sind überwiegend in Ostdeutschland aktiv. In Westdeutschland betreiben sie vor allem in Baden-Württemberg, Hamburg, Hessen und Nordrhein-Westfalen jeweils einzelne Netze. Tele Columbus hat rund 500 Mitarbeiter, bei Primacom sind es 450 Beschäftigte.

Größter Netzbetreiber hierzulande ist Kabel Deutschland mit Sitz in Unterföhring bei München. Dem Unternehmen, das seit 2013 im Besitz des britischen Telekommunikationskonzerns Vodafone ist, gehören Netze in 13 Bundesländern mit rund 8,3 Mio angeschlossenen Haushalten. Im Mai 2012 hatte Kabel Deutschland angekündigt, Tele Columbus kaufen zu wollen. Diese Transaktion kam jedoch nicht zustande, weil das Bundeskartellamt im Februar 2013 aus wettbewerbsrechtlichen Gründen die Genehmigung verweigert hatte (vgl. FK-Heft Nr. 9/13).

Keine Kartellamtsprüfung

Zweitgrößtes Kabelunternehmen in Deutschland ist Unitymedia mit 7,1 Mio Kunden. Unitymedia gehören Netze in Nordrhein-Westfalen, Hessen und Baden-Württemberg. Das in Köln ansässige Unternehmen ist Teil des Kabelkonzerns Liberty Global, der vom US-amerikanischen Medienunternehmer John Malone kontrolliert wird. Unitymedia war im Jahr 2012 einer der Interessenten, die Primacom übernehmen wollten. Die Eigentümer von Primacom sagten aber später den Verkauf ab, da sie die eingegangenen Preisgebote als zu niedrig einstuften (vgl. FK-Heft Nr. 39-40/12).

Tele Columbus und Primacom erreichen zusammen als fusioniertes Unternehmen einen Umsatz von rund 345 Mio Euro. Dieser Gesamtumsatz kommt zustande, wenn man die Umsatzzahlen aus dem Jahr 2014 von Tele Columbus (213 Mio Euro) und Primacom (132 Mio Euro) addiert. Das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) betrug bei Tele Columbus 2014 insgesamt 99 Mio Euro, bei Primacom waren es 55 Mio. Tele Columbus wies im vorigen Jahr einen Netto-Verlust von 21,9 Mio Euro aus. In dem Fehlbetrag enthalten waren einmalige Kosten für den Börsengang, die sich auf 13,5 Mio Euro beliefen. Wie Primacom das vergangene Jahr unter dem Strich abgeschlossen hat, ist nicht bekannt. Tele Columbus rechnet damit, die Übernahme Ende Juli vollziehen zu können. Eine Genehmigung des Zusammenschlusses durch das Kartellamt ist nicht erforderlich. Das hängt damit zusammen, dass der Umsatz beider Unternehmen unter dem Schwellenwert von 500 Mio Euro liegt, ab dem die Fusionskontrolle greift.

Überschuldung, Sanierung, Börsengang

Tele Columbus und Primacom waren früher schon einmal über die Dachgesellschaft Orion/Escaline miteinander verbunden. 2009 war wegen Überschuldung von Orion/Escaline die Trennung der beiden Kabelunternehmen erfolgt. Primacom geriert dann im Jahr 2010 selbst in eine massive finanzielle Schieflage, in deren Folge die börsennotierte Muttergesellschaft Primacom AG Mitte Juli desselben Jahres Insolvenz anmelden musste. Das operative Geschäft von Primacom, wurde in der Folge vom Insolvenzverwalter an die luxemburgische Gesellschaft Medfort S.à.r.l. verkauft. Deren Eigner – drei Finanzinvestoren und eine Bank – leiteten bei dem Kabelunternehmen einen Sanierungskurs ein.

Tele Columbus wurde nach der Trennung von Orion/Escaline von einer Beteiligungsgesellschaft übernommen. Heute gehören die Aktien an der Tele Columbus AG mehrheitlich sieben Finanzinvestoren. Sie besitzen zusammen 58,5 Prozent der Anteilsscheine. Größter Einzelaktionär ist mit 21 Prozent York Capital Management Global Advisors. Tele-Columbus-Chef Ronny Verhelst und Finanzvorstand Frank Posnanski erhielten Boni dafür, dass Ende Januar der Börsengang gelang. Für Verhelst betrug der im ersten Quartal 2015 ausgezahlte einmalige Bonus 3 Mio Euro, bei Posnanski waren es 1,5 Mio. Im Vorfeld des Börsengangs waren an die beiden Führungskräfte in „Anerkennung und Würdigung der erheblichen, zusätzlichen Arbeitsbelastung“ bereits einmalige Sondervergütungen ausgezahlt worden (Verhelst: 500.000 Euro; Posnanski: 250.000 Euro). Alle genannten Vergütungszahlen stammen aus dem Bericht über das Geschäftsjahr 2014, der im Frühjahr 2015 vorgelegt wurde.

27.07.2015 – Volker Nünning/MK

` `