Was man recherchieren kann

„Strg_F“ vom NDR für Funk: Politik und Buntes für das jüngere Publikum

Von René Martens

02.07.2018 • „Das wird jetzt nicht die dicke, fette Recherche“, verkündet die Autorin Patrizia Schlosser gleich zu Beginn ihrer Reportage „Die Hochzeitsindustrie – Wie viel darf Heiraten kosten?“ Sie wolle nur einfach mal der Frage nachgehen, ob sich ihr demnächst heiratender jüngerer Bruder „von der Hochzeitsindustrie verarschen“ lasse. Schlossers Film ist Teil der am 27. Februar dieses Jahres gestarteten wöchentlichen Sendereihe „Strg_F“, die vom Team des NDR-Politmagazins „Panorama“ (ARD) für Funk, das gemeinsame Online-Jugendangebot von ARD und ZDF, produziert wird.

Als „Strg_F“ – der Name leitet sich her von der Tastenkombination Strg (Steuerung) + F, mit der sich auf dem Computer Dokumente durchsuchen lassen – an den Start ging, kündigte der NDR es als „neues Rechercheformat der Redaktion ‘Panorama’“ an. Wer den Begriff „Rechercheformat“ so verstanden hatte, dass bei „Strg_F“ ausschließlich politische oder gesellschaftspolitische Themen abgehandelt werden, musste seinen Eindruck schnell korrigieren. Andererseits: „Rechercheformat“ ist ein dehnbarer Begriff und recherchieren kann man gewiss auch das Thema Hochzeitskosten.

Die lebensgefährliche Flucht eines Syrers

Wirft man einen Blick auf die Titel der Sendungen, die in den vier Wochen vor Niederschrift dieses Artikels ihre Online-Premiere hatten (Veröffentlichungstag ist jeweils der Dienstag), gewinnt man einen ungefähren Eindruck von der Breite des „Strg_F“-Spektrums. Eine Woche vor dem Beitrag über die „Hochzeitsindustrie“, der am 19. Juni erstmals zu sehen war, war mit „Bart-Wahnsinn – Was bringen Minoxidil, Barttransplantation und Co.“ ein weiterer servicejournalistischer Beitrag online gegangen.

In den zwei Wochen zuvor liefen indes Filme zu politischen Themen, und zwar „Abgetauchte Ex-Terroristen – Wie lebt man im Untergrund?“ (über ein Trio, das zahlreiche Medien in der jüngeren Vergangenheit mit dem Begriff „RAF-Rentner“ belegt haben) sowie „Hohe Mieten, leere Häuser – Haben Hausbesetzer recht?“. „Strg_F“ erinnert somit an die ebenfalls auf ein jüngeres Publikum zielenden Online-Plattformen „Vice“ und „Buzzfeed“, die politische und bunte Themen aller Art kombinieren. Was die Länge eines Films angeht, haben die Macher von „Strg_F“ keine Vorgaben: Die bisher ins Netz gestellten Filme sind zwischen fünfeinhalb und 32 Minuten lang.

Der bisher am meisten Aufsehen erregende Beitrag aus der Ende Februar gestarteten Reihe basierte – um eine Formulierung der eingangs zitierten Patrizia Schlosser aufzugreifen – durchaus auf einer „dicken, fetten Recherche“: In der in zwei Teilen am 10. und am 17. April online gegangenen Reportage „Flucht zurück“ (Teil 1: „Warum Syrer Deutschland verlassen“; Teil 2: „Todesangst und Knast“) geht es um Syrer, die erst vor kurzer Zeit unter bedrohlichen und kostspieligen Umständen nach Deutschland gekommen sind – und nun denselben Weg unter denselben Umständen wieder zurückgehen. Eine halbstündige Fassung des insgesamt 55 Minuten langen „Strg_F“-Zweiteiler lief auch im Ersten Programm der ARD im Rahmen der Reihe „Weltspiegel extra“ (vgl. MK-Artikel).

Journalistische Arbeit transparent machen

„Flucht zurück“ ist ein packender und – wertfrei gemeint – distanzloser Film. Die Autorin Alina Jabarine und Autor Nino Seidel machten gar keinen Hehl daraus, dass sie mit ihren Protagonisten mitfieberten. Die offenbar auch NDR-interne Kritik an ihrem Verhalten in dem Film konterte Jabarine am 12. Mai bei „Z2X“, einem von „Zeit Online“ veranstalteten „Festival der neuen Visionäre“ in Hamburg. „Ich habe in der Nacht zum 13. Februar einen Syrer umarmt und das ist ein Problem. Er hieß Basel, war 25 Jahre alt und die Umarmung war fest, weil ich nicht wusste, ob ich ihn wiedersehen würde“, sagte die NDR-Autorin unter anderem. Jabarine bezog sich dabei auf eine lebensgefährliche Schlauchboot-Überfahrt über einen griechisch-türkischen Grenzfluss, die dem Syrer bevorstand. Sie wünsche sich, sagte Jabarine des Weiteren, dass „wir Journalisten zeigen, wie wir recherchieren, wie wir mit Menschen umgehen, wo wir auch mal in der Zwickmühle stecken zwischen Professionalität und Menschlichkeit. Und auch mal hinterfragen, ob mehr Menschlichkeit eigentlich zwangsläufig weniger Professionalität bedeuten muss“.

Es gehört zu den Eigenheiten von „Strg_F“, dass die Autoren immer wieder zeigen, wie sie recherchieren, und dass sie dem Zuschauer Auskunft darüber geben, was sie getan haben oder zu tun gedenken. Man mache damit journalistische Arbeit transparent, sagen die Macher. Das erweist sich bei bestimmten Themen als sinnvoll, allerdings wird in solchen Passagen oft auch Banales hochgejazzt. Das zeigt zum Beispiel der Film „Hohe Mieten, leere Häuser – Haben Hausbesetzer recht?“. Die Auto­rin Carla Reveland erzählt hier, dass ihre Mutter früher Häuser besetzt hat, und es liegt daher nicht fern, dass sie von ihrer Tochter für diesen Film interviewt wird. Völlig unnötig aber, dass man Reveland zwischendurch im Auto sieht und sie sagt: „Ich bin jetzt unterwegs zu meiner Mutter.“ Abgesehen davon, dass Bilder von TV-Journalisten in Autos grundsätzlich überflüssig sind, wirkt der zitierte Satz geradezu lächerlich, da Clara Reveland und ihre Mutter nur zehn Autominuten voneinander entfernt zu wohnen scheinen.

Die Qualitätsunterschiede zwischen den einzelnen „Strg_F“-Filmen sind dabei wesentlich größer als bei anderen Regelformaten. Angesichts dessen, dass „Strg_F“ erst seit rund vier Monaten existiert und sich noch in einer Phase des Ausprobierens befindet, ist das aber kaum überraschend.

Verschwimmende Grenzen

Der neben dem Zweiteiler „Flucht zurück“ bisher stärkste Film ist „‘Fick die Cops’ – Wieso hassen Rapper die Polizei?“ (seit dem 27. März online). Johannes Edelhoff interviewt hier deutsche HipHop-Künstler zu den Hintergründen ihrer explizit polizeifeindlichen Texte. Außerdem hat der Autor den einen Hamburger Studentenchor dafür gewinnen können, harte Anti-Polizei-Texte in herkömmlichen Chor-Arrangements und damit nunmehr plötzlich harmlosem, geradezu friedlichem Gewand zu präsentieren. Eine kluge, augenzwinkernde Idee, mit der Edelhoff ein bisschen die Aufregung konterkariert, die Texte dieser Art oft auslösen. Johannes Edelhoff zählt zu den etablierten „Panorama“-Redakteuren und -Autoren, die für „Strg_F“ tätig sind; Christian Salewski und Christian Deker gehören ebenfalls dazu.

Mal entsteht aus einem „Strg-F“-Film eine andere Version fürs ‘erwachsene’ Fernsehen (siehe „Flucht zurück“), mal läuft es auch umgekehrt. Die bereits erwähnte Reportage „Abgetauchte Ex-Terroristen – Wie lebt man im Untergrund?“, bei Funk am 22. Mai online gegangen, hatte am 3. April dieses Jahres das Dritte Programm NDR Fernsehen in seiner Reihe „Panorama – Die Reporter“ in einer halbstündigen und damit etwas längeren Fassung erstausgestrahlt – unter dem Titel „Die Unfassbaren“.

Somit steht „Strg_F“ für eine ähnliche Entwicklung wie die von Radio Bremen verantwortete neue Reihe „Rabiat“, die vom 30. April bis 11. Juni jeweils montags von 22.45 bis 23.30 Uhr im Ersten Programm der ARD lief (vgl. MK-Artikel): Die Grenzen zwischen dem auf jüngere Zuschauer zugeschnittenen Online-Angebot Funk – „Rabiat“ stammt von den Machern des Funk-Formats „Y-Kollektiv“ – und dem linearen ‘Erwachsenen-Fernsehen’ beginnen zu verschwimmen.

02.07.2018/MK

Print-Ausgabe 23/2018

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren