Andere Formen des Erzählens

Zum „neuen Info-Abend im Ersten“ mit „Was Deutschland bewegt“ und „Rabiat“

Von René Martens

30.05.2018 • Seit dem 30. April gibt es im öffentlich-rechtlichen Fernsehen am Montag den „neuen Info-Abend im Ersten“. So nennt zumindest die ARD ihren gesellschaftspolitischen Schwerpunkt, der noch bis zum 11. Juni fortgesetzt wird. Am Montag danach läuft bereits die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland. Nach dem Turnier bricht im Fernsehen dann die Sommerpause an, in der es zwar weiterhin Programm gibt, aber wirkliche Höhepunkte bekanntlich ausbleiben; die spart man sich lieber für zuschauerintensivere Zeiten.

Zurück zum „neuen Info-Abend im Ersten“. Dessen Hauptkomponenten sind jeweils sechs 45-minütige Filme unter den Reihentiteln „Die Story im Ersten: Was Deutschland bewegt“ (20.15 Uhr) und „Rabiat“ (22.45 Uhr). Hinter letzterer Reihe, verantwortet von Radio Bremen, steht das Y-Kollektiv, das seit dem Sommer 2016 einmal pro Woche Reportagen für „Funk“, das gemeinsame Online-Jugendangebot von ARD und ZDF, produziert. Das Team wurde gerade für den Grimme Online Award nominiert – für seinen „ganz persönlichen, authentischen und direkten Blick auf die Welt“, wie es die Nominierungskommission formulierte.

Gesellschaftspolitische Themen zur Hauptsendezeit

Zu den Besonderheiten der kleinen Informationsoffensive gehört, dass das Erste mit „Was Deutschland bewegt“ (den bekannten Zusatztitel „Die Story im Ersten“ kann man hier getrost als überflüssig bezeichnen) erstmals seit 2015 wieder versucht, am Montag zur Primetime um 20.15 Uhr regelmäßig gesellschaftspolitische Themen dem Publikum nahezubringen. Damals lief kurzzeitig die 2017 eingestellte Reihe „#Beckmann“ zur Hauptsendezeit (vgl. diesen MK-Artikel). Ein weiteres Merkmal des neuen Schwerpunkts: Gelegentlich wird die montags laufende Talkshow „Hart aber fair“ (21.00 bis 22.15 Uhr) thematisch an die vorher gezeigte „Was-Deutschland-bewegt“-Sendung angekoppelt. Zumindest bei den ersten beiden am 30. April und 7. Mai war das der Fall.

Die Sendetitel der zwei neuen ARD-Reihe sind aus unterschiedlichen Gründen nicht ideal. „Was Deutschland bewegt“ ist nur mäßig originell, denn der Untertitel der werktäglichen Arte-Reportage „Re:“, die vor rund einem Jahr startete (vgl. diese MK-Meldung und diesen MK-Artikel), lautet zum Beispiel „Was Europa bewegt“. Und ganz grundsätzlich stellt sich bei solchen Titel die umgekehrte Frage: Ja, will man etwas senden, was einen nicht bewegt? Dass für die junge Radio-Bremen-Reihe um 22.45 Uhr der eindeutig negativ konnotierte und derzeit unter anderem als Beschreibung für die Politik des US-Präsidenten Donald Trump dienende Begriff „rabiat“ herhalten musste, ist ebenfalls alles andere als gut gewählt. Die Namensgebung geht laut einer zum Sendestart verschickten Pressemitteilung von Radio Bremen zurück auf eine Äußerung von ARD-Chefredakteur Rainald Becker. „Ich möchte rabiate Geschichten aus dem Blickwinkel der Autoren“, hatte Becker bei einer ARD-Sitzung gesagt.

Als Auftakt für „Was Deutschland bewegt“ war Knud Vettens Dokumentation „Die Schattenseiten des Booms“ (ARD/MDR) zu sehen, die unter anderem den systematischen Mindestlohnbetrug zum Thema hat. In der Reinigungsbranche etwa besteht der – wenn man es denn so nennen will – Trick, den Arbeitskräften den Mindestlohn vorzuenthalten, darin, unrealistische Zielvorgaben für das Reinigen einer Fläche festzulegen und dann fürs Nacharbeiten nicht zu bezahlen. Die anschließende „Hart-aber-fair“-Sendung griff das Thema auf unter dem Titel „Beruf Niedriglöhner – Wirtschaftsboom auf Kosten der Ärmsten?“. Sie litt nicht zuletzt unter der leicht weltfremd wirkenden Ausgangsfragestellung. Dass ein „Boom“ auch Opfer mit sich bringt, ist einerseits gewiss beklagenswert, andererseits liegt es quasi in der Natur der Sache. Aber dass Sendungstitel von Talkshows aus Fragen bestehen, die rhetorisch, suggestiv oder banal und also keine Fragen im eigentlichen Sinne sind, hat ja fast schon Tradition.

Im Internet veröffentlichte Recherche-Ergebnisse

In „Ungleichland – Wie aus Reichtum Macht wird“ (ARD/WDR), dem am 7. Mai gesendeten zweiten „Was-bewegt-Deutschland“-Film, führte das Autorenteam Michael Schmitt, Andreas Spinrath, Julia Friedrichs und Fabienne Hurst das Thema des ersten Beitrags auf andere Weise weiter. Für den Film hatte sich der verantwortliche WDR mit der Kölner Produktionsfirma Bildundtonfabrik (BTF) zusammengetan, die auch für Jan Böhmermanns „Neo Magazin Royale“ verantwortlich ist. Der 20.15-Uhr-Film vom 7. Mai ist wiederum Teil des neuartigen Großprojekts „Ungleichland – Vermögen, Chancen, Macht“, das im Netz bereits 2017 startete. Zum Konzept dieses Projekts – das erste unter dem Obertitel „Docupy“ – gehört es, regelmäßig ausgewählte Teile der Recherchen im Internet zu veröffentlichen, und zwar in Form von ein bis zweieinhalb Minuten langen Videos. Die beteiligten Journalisten arbeiten damit nicht mehr nur an Film-Endprodukten im herkömmlichen Sinn, sondern veröffentlichen ihre Arbeitsergebnisse in verschiedenen Stufen. Zudem fordern sie im Rahmen dieses Prozesses Nutzer auf, selbst Informationen beizusteuern, die dann wiederum später für die Sendungen im linearen Fernsehen Verwendung finden können.

Dass ein Teil der Bilder von „Ungleichland“ explizit fürs Netz entstanden ist, war der visuellen Umsetzung der Experteninterviews anzumerken. Die von den Filmemachern ausgewählten Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler sprechen direkt in die Kamera, damit die Bilder auf kleinen Bildschirmen überhaupt eine Wirkung entfalten können. Diese Statements wirken dann auch im linearen Fernsehen intensiver als die üblichen Expertenäußerungen.

Das Dokumentieren des Work-in-Progress-Zustandes

Eine tragende Figur des Films ist der sehr reiche Bauunternehmer Christoph Gröner. An einer Stelle wird er gefragt, wer mächtiger sei: die Politiker oder die Unternehmer. „Na ja, wir sind schon mächtiger, wir Unternehmer“, sagt er. Das werden Konzernlenker früherer Generationen nicht anders gesehen haben, nur haben sie es nicht so freimütig im Fernsehen gesagt. Am zweiten „Was-Deutschland-bewegt“-Abend erwies sich die anschließende „Hart-aber-fair“-Sendung als gute Ergänzung: Während die Autorinnen und Autoren der Dokumentation sich dabei zurückhalten mussten, Gröners Positionen einzuordnen und zu bewerten, tat dies in Frank Plasbergs Talksendung der Juso-Vorsitzende Kevin Kühnert auf so instruktive wie unterhaltsame Weise.

Mit dem ersten „Docupy“-Projekt setzten der WDR und die Bildundtonfabrik zumindest einige gar nicht mal kleine Fragen auf die Agenda: Ist eine derartige Portionierung der Inhalte ein zukunftsträchtiges Konzept? Wird das Dokumentieren des Work-in-Progress-Zustandes andere Fernsehjournalisten zu einer ähnlichen Arbeitsweise inspirieren? Der im Ersten Programm zu sehende „Ungleichland“-Film war wiederum gewissermaßen die Kurzfassung einer „Ungleichland“-Minireihe, die am 16., 23. und 30. Mai in drei (für diesen MK-Artikel nicht berücksichtigten) Folgen im Dritten Programm WDR Fernsehen zu sehen war. Die Mehrfachverwertung beschränkte sich zudem nicht nur auf das bewegte Bild. Eine gedruckte Version der „Ungleichland“-Recherchen war bereits am 3. Mai im Magazin der Wochenzeitung „Die Zeit“ erschienen – nicht zuletzt eine Art Werbemaßnahme für die Ausstrahlung des 20.15-Uhr-Films am 7. Mai.

Unter anderem die dramatisch schlechte Ausstattung von Jugendämtern war schließlich eines der Hauptthemen des dritten Films der sechstteiligen Primetime-Reihe. Das Thema diesmal: „Wenn Eltern ihre Kinder misshandeln“ (ARD/HR). Christine Rütten, Petra Boberg und Dominik Nourney griffen dabei auf eine Studie der Hochschule Koblenz zurück, die am Tag der Ausstrahlung (14. Mai) in Berlin der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Demnach fehlen in bundesdeutschen Jugendämtern derzeit 16.000 (!) Stellen. Unter journalistischen Aspekten war der Beitrag „Wenn Eltern ihre Kinder misshandeln“ ein sehr hoch einzuschätzender Film. Unpassend war aber zum Beispiel, dass die Musik hier als aufdringlicher Emotionsverstärker diente – ganz anders als etwa bei „Ungleichland“, wo dezente Sounds Atmosphäre schufen und den Bildraum erweiterten.

„Wir berichten nicht nur, vor allem erleben wir“

Obwohl die „Was-Deutschland-bewegt“-Filme die eine oder andere Schwäche aufweisen, verdient die ARD Lob für diese Programmanstrengung. Genau das gilt für „Rabiat“ auch. „Drogenrepublik Deutschland“ hieß der Auftaktfilm dieser Reportage-Reihe am 30. April. Es war eine kritische Bestandsaufnahme, aber anders als üblich zeigte Autorin Anne Thiele Konsumenten illegaler Drogen nicht als tief Gefallene. Sie machte auch nicht den Fehler, ihre Protagonisten – einen Dealer, den sie bei der nächtlichen Arbeit begleitete und eloquente Partygänger aus dem akademischen Milieu – zu verteufeln.

So teilweise selbstbewusst Thieles Gesprächspartner auch auftraten – erkannt werden wollten sie lieber nicht. Mal sind die Personen nur von hinten zu sehen, mal nur deren Oberkörper. Ihre Stimmen werden von Schauspielern nachgesprochen. Dadurch entsteht beim Zuschauer eine zusätzliche Ebene, denn die Schauspieler bringen natürlich ihre Interpretation mit ein. Das ist auf jeden Fall der bessere Weg, als – wie sonst oft der Fall – die Stimme von Menschen, die nicht erkannt werden möchten, so zu verfremden, bis sie leicht blechern klingen.

Eine der Maximen der „Rabiat“-Macher lautet: „Wir berichten nicht nur, vor allem erleben wir.“ So formuliert es jedenfalls Manuel Möglich, Autor des am 7. Mai unter dem Titel „Netzwerk Pervers“ gesendeten zweiten „Rabiat“-Films“. Möglich porträtierte hier Personen aus der BDSM- und Fetisch-Community und er berichtete in der Tat nicht nur, sondern er ließ sich auch von einer seiner Protagonistinnen fesseln. Diese Art der teilnehmenden Beobachtung erinnerte teilweise an die im Dritten Programm NDR Fernsehen gezeigte Reihe „7 Tage…“ Ein noch stärkerer Bezugspunkt ist „Wild Germany“, eine von Manuel Möglich präsentierte Reportage-Reihe, die von 2011 bis 2013 bei ZDFneo zu sehen war.

Ein weiterer Anhaltspunkt für die Haltung des „Rabiat“-Teams: Steffen Hudemann, der Autor des dritten Films – Titel: „Geld.Macht.Glück (14. Mai) – sagte darin unter anderem den Satz „Tobias und Philipp sind mir sympathisch“. Gemeint waren die Gründer eines Essenslieferdienstes, die zu den im Film porträtierten Reichen gehörten. Dass ein Fernsehautor so etwas über die Personen äußert, über die er berichtet, ist ungewöhnlich. „Geld.Macht.Glück“ war ein eher schwächerer unter den ersten drei „Rabiat“-Filmen. Hudemann glitt manchmal in PR-Sprache ab – „Dass es das Unternehmen noch gibt, macht ihn stolz. Deshalb führt er mich gern herum“, hieß es über den Textilkonzernchef Wolfgang Grupp –, und in seinen besseren Momenten bot „Geld.Macht.Glück“ lediglich soliden, manchmal ironisch gebrochenen People-Journalismus.

Die persönliche Haltung der Autoren

Vereinfacht und erst einmal wertfrei gesagt, handelt es sich bei den „Rabiat“-Filmen um Weiterentwicklungen der Presenter-Reportage. Die Autorinnen und Autoren von „Rabiat“ stehen in noch größerem Maß im Zentrum als bei herkömmlichen Filmen dieses Genres. Ihre persönliche Haltung zu den jeweiligen Themen und Personen kommt stärker zum Ausdruck.

Sieht man einmal ab von dem nicht besonders glaubwürdigen Erstaunen über diese oder jene vermeintliche Krassheit – zu Beginn von „Drogenrepublik Deutschland“ etwa darüber, wie leicht es ist, auf der Warschauer Brücke in Berlin Drogen zu kaufen –, lässt sich sagen, dass die Stärke zumindest der ersten beiden „Rabiat“-Filme darin bestand, dass die Macher tiefer in Milieus eintauchten und sich stärker auf Personen einließen als es im Reportage- und Dokumentationsfernsehen sonst üblich ist.

Die Macher von „Rabiat“ stehen also für explizit weniger Distanz als es im herkömmlichen TV-Reportage- und Doku-Journalismus üblich ist. Das dürfte vor allem damit zu tun haben, dass im Netz, wo „Rabiat“ seinen Ursprung hat, andere Formen des Erzählens notwendig sind. Dass Filme dieser Art künftig auch im linearen Fernsehen zunehmen werden, ist wohl keine allzu kühne These.

30.05.2018/MK

Print-Ausgabe 25-26/2018

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren