Was es nicht
zu verpassen galt

Fernsehfilm-Festival Baden-Baden: Der Hauptpreis geht an „Meine Tochter Anne Frank“

Von Jörg Gerle
24.12.2015 •

Der Zufall mag eine Rolle gespielt haben, dennoch ist es immer ein bemerkenswertes Indiz für die Bedeutsamkeit eines Festivals, dass bei seiner Preisverleihung keiner der Ausgezeichneten sich hat entschuldigen lassen. Dabei handelt es sich bei den „Betroffenen“ sämtlich nicht etwa um Stars, die gerade nichts anderes zu tun haben, sondern um die vielbeschäftigte Crème de la Crème des deutschen Fernsehbusiness. Matthias Brandt, Barbara Auer und Christiane Paul für die Darsteller-­Sonderpreise, Felicitas Woll und Marcus Mittermeier für den Publikums- und Marc Brumm für den MFG-Förderpreis, Matti Geschonneck für den Preis der Studentenjury, schließlich Regisseur Raymond Ley und Darstellerin Marla Emde für den Hauptpreis. Ganz zu schweigen von all den vermeintlich Unterlegenen, jenen ebenfalls tragenden Persönlichkeiten, die sich zwischen dem 23. und 27. November sonst noch in Baden-Baden eingefunden hatten, um zwischen dem Publikum versteckt zu vernehmen, was die Jury über ihre Werke zu sagen hatte. Um im Zweifel Einspruch zu erheben oder auch nur gerührt zu sein, ob all des Lobes, das hier öffentlich und spontan verteilt wurde.

Das Fernsehjahr ist wieder einmal zu Ende und auf dem Fernsehfilm-Festival Baden-Baden konnten alle sehen, was es 2015 nicht zu verpassen galt. Zwölf Produktionen, die beweisen, wie lebendig und wertig das Format auch dann ist, wenn es einmal nicht kurze Zeit zuvor von einem Kinostarttermin „geadelt“ wurde. Zwölf Filme, die mutig und nicht nur inhaltlich aussagekräftig sind, sondern auch markante Handschriften tragen, die weit weg verortet sind von all den diffamierenden Kommentaren, die Kritiker landläufig immer wieder mit dem Begriff „Fernsehfilmästhetik“ einleiten.

Form versus Inhalt

Zwölf Filme, die bereits bei ihrer Erstausstrahlung zum Teil für Furore sorgten, waren in Baden-Baden noch einmal zu sehen. Im beschaulichen Runden Saal der Bel Étage des noch beschaulicheren Kurhauses im vorweihnachtlichen, so gar nicht festivalgeschäftigen Bäderstädtchen. Warum sollte man sich das antun? Sicher, weil dort seit der Festivalgründung 1989 nicht nur geschaut, sondern auch danach über das Gesehene diskutiert wird. Sicher, weil nicht nur eine Jury dies öffentlich tut, sondern ein jeder – Zuschauer oder Macher – das im Zweifel tun darf. Sicher, weil es kaum einen besseren Ort gibt wie jenes von der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste geschaffene, vom früheren Radio-Bremen- und ARD-Programmdirektor Hans Abich initiierte Festival, auf dem das Fernsehen zeigt, was es eben auch kann.

Und dies geht – natürlich und glücklicherweise – keinesfalls nur harmonisch und einvernehmlich vonstatten. Die Filme, die nach Vorschlägen der ausstrahlenden Fernsehsender von den Mitgliedern der Akademie nominiert worden sind, erfüllten zwar auch dieses Jahr sämtlich gewisse Mindeststandards an Form und Inhalt, sind aber ansonsten, um es salopp zu sagen, grundsätzlich auch „zum Abschuss freigegeben“. Unter dem auch im dritten Jahr souveränen Jury-Vorsitz des Schriftstellers und Fernsehkritikers Torsten Körner (Berlin) durften heuer weitere Meinungsmacher wie die WDR-Talkmoderatorin Bettina Böttinger, die Schriftstellerin und Drehbuchautorin Thea Dorn, die Filmemacherin Isabel Kleefeld und der Schauspieler Ulrich Matthes in dem Gremium über das Gesehene auf der Baden-Badener Bühne quasi zu Gericht sitzen. Und das geschah mitunter durchaus hart, aber nie ohne Leidenschaft für das Fernsehen. Filme wie „Tag der Wahrheit“ (Arte/ARD/SWR/Degeto/SRF), „Am Ende des Sommers“ (ARD/MDR/ORF), „Meister des Todes“ (ARD/SWR/BR/Degeto) und „Die Ungehorsame“ (Sat 1) wurden mindestens kontrovers diskutiert.

Zwingend, erschütternd, aufregend

Eines der großen Themen in dieser TV-Festival-Woche spiegelt dabei zugleich ein ganz zentrales Thema des filmischen Werks in seiner Gesamtheit wieder: Form versus Inhalt, Machart versus Geschichte. Natürlich ist es eminent wichtig, wenn sich ein Film endlich einmal damit beschäftigt, wie skrupellos, naiv und grob fahrlässig die einschlägige deutsche Wirtschaft das Exportieren von Waffen betreibt. Natürlich ist es nötig, Filme zu machen, die sich mit häuslicher Gewalt beschäftigen und Frauen ein Sprachrohr geben, die unter ihren (Ehe-)Männern zu leiden haben. Dennoch ist es unerlässlich, jene Filme auch zu kritisieren, wenn sie aufgrund handwerklicher Mängel ihr Thema verschenken.

Daniel Harrichs Wirtschaftskrimi „Meister des Todes“ erzählt von einem jungen Waffennarren, gespielt von Hanno Koffler, der in einem schwäbischen Städtchen beim fiktiven Rüstungshersteller HSW arbeitet und zu spät erkennt, dass ein illegal eingefädelter Millionendeal mit Mexiko ganz unmittelbar den Tod von Menschen zufolge hat. Die Gewissenskrise macht ihn zum Aussteiger und Whistleblower und bringt ihn wie auch seine Familie in Lebens­gefahr. Der von wahren, genau recherchierten Begebenheiten ausgehende Thriller sei, so die Jury-Einlassungen, durchzogen von „Kitschmomenten“ (Torsten Körner), von „Drehbuchschnitzern“ und Unzulänglichkeiten in Ton und Synchronisation (Ulrich Matthes). Thea Dorn stellte zudem ob der formalen Unzulänglichkeiten zwischenzeitlich die „Warum-ist-so-etwas-hier-im-Festival?“-Frage, um dann aber ob der Wichtigkeit des Sujets zurecht einen Kotau zu machen.

Isabel Kleefeld stellte es in ihrem ebenfalls wenig positiven Resümee zu „Meister der Todes“ bereits fest: Bei seiner Fernsehausstrahlung wurde der Fiction-Film nach wahren Begebenheiten von einer 45-minütigen Dokumentation, die ebenfalls Daniel Harrich verantwortete, begleitet. Zwingend, erschütternd, aufregend und gut.

Menschen können irren

Wäre es hier nicht verwegen, mehr Mut einzufordern? Mut der verantwortlichen Redakteure von Südwestrundfunk und Bayerischem Rundfunk, der Verantwortlichen in der ARD-Programmdirektion, einmal auch das Experiment eines großen Dokumentarfilms zur besten Sendezeit zu wagen? Einen großen, abendfüllenden, mit mehr Budget versehenen Dokumentarfilm jener Art, die in Hollywood mit dem Oscar ausgezeichnet werden? Das Potenzial dazu hat das Waffenhandel-Thema nach Meinung aller gehabt. So ist es leider in einem zwar engagierten, aber von Degeto-Machart geprägten Film ‘verbrannt’ worden.

„Mir ist es schleierhaft, wie diese Schmonzette den Weg in dieses Festival finden konnte.“ Mit diesen Worten eröffnete Ulrich Matthes die Diskussion zu einem anderen Film mit ‘wertvollem’ Thema und gab zugleich den Startschuss zur kontroversesten Diskussion der Festivalwoche. Denn Torsten Körner hielt fast im selben Atemzug entgegen, „Die Ungehorsame“ sei ganz im Gegenteil „ein herausragender Fernsehfilm“. Eine junge Frau ersticht in der heimischen Küche ihren Ehemann, doch Motiv und Motivation für die Bluttat sind zunächst gänzlich unklar. Im anstehenden Prozess sollen die Fragen geklärt werden, aber je tiefer die Anwältin in das Seelenleben der Angeklagten vordringt, desto erschreckendere Begebenheiten tun sich auf.

Das Sprechen über Film, der vom Privatsender Sat 1 stammte, steht und fällt natürlich mit den Diskutanten – und die waren in diesem Jahr in ihrer Mischung brillant. Der emotional aufbrausende, dann aber dennoch nachvollziehbar argumentierende Matthes stand dem analytischen Philosophen und Ausgleicher Körner gegenüber und beide wurden von Kolleginnen ergänzt, die wohl Kopf und Bauch zu trennen wussten, ohne Gefühl und Intellekt indes trennen zu wollen. So entpuppte sich das Gespräch über „Die Ungehorsame“ zu einem exemplarischen Schlagabtausch über Film. Warum darf eigentlich im Fernsehen selbst nur über Literatur derart engagiert und eloquent geredet werden und nicht über Film?

Während sich Bettina Böttinger in Sachen „Die Ungehorsame“ mit Ulrich Matthes solidarisierte und auf die wenig nachvollziehbare Inszenierungsweise des Films verwies, zeigte sich Thea Dorn wiederum beeindruckt, gar gerührt und lobte das mit wenig Pathos versehene Drehbuch. Der laut Torsten Körner für den auftraggebenden Sender Sat 1 atypisch unsentimentale, konzentrierte und ehrliche Beitrag ist ein Paradebeispiel für einen zwiespältigen Film, an dem sich die Geister scheiden. Dass dies in Anwesenheit der beiden Hauptdarsteller Marcus Mittermeier und Felicitas Woll, des Autors Michael Helfrich und des Regisseurs Holger Haase geschah, war umso respektabler.

Bettina Reitz ab 2016 Jury-Vorsitzende

Wie Mittermeier in der Diskussion zu Recht und beeindruckt bemerkte, sei die Diskussionskultur über Film gerade innerhalb der Branche sonst eher von falschem Lob und Unehrlichkeit geprägt. Das sei hier in Baden-Baden erfrischend anders. Ganz großes Lob! Dass „Die Ungehorsame“ am Ende ausgerechnet den 3sat-Zuschauerpreis bekam, veranlasste den während der ganzen Woche großartigen und polarisierenden Ulrich Matthes bei der Laudatio auf der Preis­verleihung zu der ironischen Spitze, dass der Preis eindrucksvoll zeigen würde, „dass Menschen irren können“. Ob er nun sich selbst oder das Publikum meinte, ließ er salomonisch offen.

Natürlich gab es auch Filme, die unisono Begeisterung provozierten. Die Münchner „Polizeiruf“-Folge „Kreise“ (ARD/BR) von Regisseur und Autor Christian Petzold beispielsweise, der hier die gängigen Standardsituationen des Krimi-Genres zu einem geheimnisvollen, schwebend-schönen Film über existenzielle Einsamkeit verdichtet und diese in drei verschiedenen Varianten durchspielt. Über diesen Film schwärmte Thea Dorn zu Recht, er enthalte „eine der berührendsten, enigmatischsten Liebesgeschichten, die ich seit langem im deutschen Fernsehen gesehen habe“, und sie dekonstruierte dabei, dass es bei einem Krimi-Plot immer um die Aufklärung eines Falls gehen müsse und auch das sei hier bestens geglückt. Die Jury verlieh dann auch folgerichtig Sonderpreise für die Schauspielleistungen von Matthias Brandt als Kommissar Hanns von Meuffels und Barbara Auer als seine aus dem Norden zugereiste Kollegin, die dem Film Gesicht und Seele verliehen hätten.

Auch die eher bissige denn erbauliche Sozialsatire „Ein großer Aufbruch“ (ZDF) von Matti Geschonneck (Regie) und Magnus Vattrodt (Buch) über ein mit Gift und Galle gespicktes Familientreffen erntete in Baden-Baden Applaus. Vielleicht eher noch, weil sie im Kreise der Zwölf als einzige Komödie daherkam und so die Grimmigkeit und ‘Wichtigkeit’ der anderen Filme ein wenig aushebelte. Der Lohn zudem: Der Film erhielt den Preis der Studentenjury. Ein weiterer Darstellerpreis des Festivals ging an Christiane Paul für ihre Leistung in der Hauptrolle des Films „Unterm Radar“ (ARD/WDR/Degeto).

Cathrin Ehrlich neue Festivalleiterin

Großer Gewinner des diesjährigen Festivals war indes wieder ein thematisch bedeutsamer Film, der von Regisseur Raymond Ley in der im öffentlich-rechtlichen Fernsehen so beliebten Mischung aus Realfilm mit integrierten Dokumentarszenen konzipiert wurde. Doch in „Meine Tochter Anne Frank“ (ARD/HR/WDR/RBB) machte dieser Kniff auch laut Jury-Meinung inszenatorisch Sinn, indem er die filmische, sprich fiktive Wirklichkeit nicht zerstört, sondern behutsam ergänzt. „Ein berührender Film, ein wohltuender, stiller Film, kein pompöses Gedenken, vielmehr ein Triumph des liebenswürdigen Eingedenkens“, hieß es in der Begründung der Jury zu dem Film, der die bekannte Geschichte der Anne Frank anhand ihres Tagebuchs, aber aus der Sicht ihres Vaters Otto Frank erzählt, der den Nazi-Terror überlebte. „Der behutsamen Montage, dem herausragenden Spiel der Darsteller und der unsentimentalen Erinnerungskraft der Zeitzeugen“ (Jury-Begründung) ist es in der Tat zu verdanken, dass hier ein formal und inhaltlich gleichermaßen auf hohem Niveau befindliches Werk zur besten Produktion des Jahres gekürt wurde, die dafür den Fernsehfilm-Preis der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste erhielt. Die Hauptrollen spielen Mala Emde als Anne und Götz Schubert als Otto Frank.

„Mehr Jugend, mehr Wildheit, mehr Ungestüm“ und „eine Vielfalt, die auch über die Ränder der vermeintlichen Mitte der Gesellschaft hinausweist“, das forderte Torsten Körner bei seinem Resümee nach dreijähriger Jury-Präsidentschaft für den Fernsehfilm. Er wird in seiner Funktion in den nächsten drei Jahren von Bettina Reitz abgelöst, der früheren Filmproduzentin und ehemaligen BR-Fernsehdirektorin, die seit kurzem Präsidentin der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film ist (vgl. MK-Meldung). Und Körners Ansprüche waren solche, die auch Ulrich Matthes und Thea Dorn bei den Jury-Diskussionen nicht müde wurden, von den Produzenten und Machern der Fernsehsender einzufordern.

Mehr Mut zur Emotion, der ausgerechnet bei dem von Sat 1 verantworteten, beim Tochtersender Sixx gesendeten Krimi „Bissige Hunde“ von Alexander Eslam konstatiert wurde, sollte künftig im Fernsehen häufiger gefunden werden, so die Jury. Es war ein wunderbares Statement einer wunderbaren Veranstaltung, die nicht nur Filme mit ‘staatstragenden’ Inhalten einforderte, sondern auch so schöne, spielerische, überraschende Beiträge wie den Diplomfilm und das Regiedebüt Eslams, der es verstanden hat, dass virtuoses US-Fernsehen auch in Deutschland möglich sein kann. Cathrin Ehrlich, die nun für die nächsten drei Jahre als Nachfolgerin von Klaudia Wick die Leitung der Baden-Badener Veranstaltung innehaben wird, sollte mit ihrem Fernsehfilm-Festivalteam ein wichtiger Kommunikator dieser Botschaft bleiben.

24.12.2015/MK