Chris Thorpe: Confirmation – Bestätigung (SWR 2)

Der gescheiterte Homo politicus

03.12.2015 •

03.12.2015 • Anlässlich der Bühnenrealisation von Chris Thorpes Stück „Confirmation – Bestätigung“ im Mannheimer Theaterhaus Ti G7 (Mai 2015) gab der Autor Auskunft über die Intention des außergewöhnlichen Projekts, das die subtilen Verstrickungen der menschlichen Psyche, ihre Korruptionen, Abirrungen und Vorurteile, in einem monologischem Laborexperiment vor Ohren führt. Der britische Autor erläuterte gegenüber dem „Mannheimer Morgen“: „Es ist eine Art Untersuchung, wie mein Kopf oder besser gesagt: mein Verstand funktioniert. Und darüber hinaus auch, wie unsere Köpfe im Allgemeinen funktionieren. Wenn wir die Welt betrachten, dann sehen wir automatisch Dinge, die unsere Standpunkte und Ansichten bestätigen. Und wir ignorieren die Dinge, die unsere Sicht auf die Welt nicht stützen. Das ist ein Phänomen, das rein evolutionsgeschichtlich unheimlich spannend ist und es uns immer schon ermöglicht hat, Gruppen zu bilden, die Menschen vereinen, die gemeinsame Ziele haben. Was eine unglaublich nützliche Sache ist.“

Das Denkexperiment macht deutlich, dass die Kategorien links und rechts, liberal und konservativ, faschistisch und antifaschistisch sich aus ganz ähnlichen, ja, scheinbar deckungsgleichen Sicht- und Weltmustern speisen können und die vermeintlich oppositionelle Lebenshaltung letztlich eine Chimäre oder ein intellektueller Trugschluss ist. Zu diesem Zweck unterhält sich in dem Stück die Protagonistin, die auf der Suche nach den eigenen Vorurteilen und Denkfehlern ist, mit einem ausgewiesenen Rassisten, der aber im Privatleben der örtlichen Feuerwehr dient und sich für die Behinderten einsetzt.

Allerdings – und das ist nicht ganz unwichtig – kommt der „nette Rassist“ auf der Bühne und im Hörspiel immer nur im Bericht oder eben im wörtlichen Zitat vor, nicht jedoch in direkter Rede. Der Rechtsextreme, im Stück wird er Glen genannt, provoziert mit vermeintlichen „Schnittmengen“ wie etwa der, die sich in dieser (von der Protagonistin wiedergegebenen) Frage verbirgt: „Findest du auch, dass das Bildungssystem dieses Landes mittlerweile eher darauf ausgerichtet ist, Rädchen im Getriebe eines von oben gesteuerten Systems zu produzieren, als individuelles Glück und Selbstverwirklichung zu befördern?“ Worauf die Protagonistin antwortet: „Und ich sagte, ja, ich glaube, so könnte man das sehen. Vor allem im Moment.“ Weiter geht es so: „Und dann sagte Glen: Schön. Ab jetzt gehen unsere Meinungen vermutlich auseinander.“ Und so: „Übrigens, das Allererste, was Glen zu mir sagte, vor alldem hier, war: Du musst wissen, dass ich ein stolzer Nationalsozialist bin. Glen, sagte ich, soll das heißen, du bist ein Nazi? Und er sagte: Ja. Aber vergiss mal die Deutschen.“

Der Regisseur, Komponist und Hörspielautor Klaus Buhlert hat für den SWR die anspruchsvolle „Theaterperformance“ von Chris Thorpe als Hörstück eingerichtet und damit den lohnenden Diskurs über politisches Denken und Handeln einer breiten Hörerschaft zugänglich gemacht. Der Monolog scheint unter dem wichtigen „Confirmation“-Motto zu stehen: „Es gibt bekannte Bekannte, Dinge, von denen wir wissen, dass wir sie nicht wissen. Aber die Dinge, über die wir uns Sorgen machen müssen, sind die unbekannten Unbekannten – Dinge, von denen wir nicht wissen, dass wir sie nicht wissen.“ Der zunächst sich sperrig anhörende Monolog macht im weiteren Verlauf aber die Brisanz ideologischer Weltbetrachtung mit radikaler Folgerichtigkeit (Zeichen von Pegida, Flüchtlingen und „Gutmenschen“) deutlich.

Wie von fern, aber wohl rein zufällig wetterleuchtet übrigens in der experimentellen Versuchsanordnung auch ein Faust-Fragment (1759) von Gotthold Ephraim Lessing (1729 bis 1781). In ihm wird sehr lapidar nach dem „schnellsten Geist der Hölle“ gefragt, wobei die Antwort ein „siebter Geist“ gibt, wenn dieser ausführt: „Nicht mehr und nicht weniger als der Uebergang vom Guten zum Bösen“ sei der schnellste Geist. Übertragen aufs Stück „Confirmation – Bestätigung“ (aus dem Englischen übersetzt von Katharina Schmitt) könnte dies heißen: Unsere Vorurteile und Urteile über das gesellschaftliche und politische Gegenüber sind dem Grunde nach oft deckungsgleich, zumindest verwandt mit den extremen und fundamentalistischen Weltordnungen – nur lügen wir uns allzu oft etwas in die eigene Tasche. Diese bittere Einsicht hat Chris Thorpe gnadenlos durchgespielt.

Corinna Harfouch spricht in der knapp einstündigen Produktion den überführten, bloßgestellten, zurechtgestutzten und weltanschaulich gescheiterten Homo politicus mit Brillanz und der notwendigen Resignation. Die doppelschichtigen Fragen und Gegenantworten ließ Regisseur Klaus Buhlert durch monologische Raumspiegelungen durchaus klug aufbrechen. Auch als Hör-Ereignis ist die Botschaft alles andere als tröstlich und ziemlich schmerzlich, weil jede Menge politischer Götzen (von ganz recht bis ganz links) zertrümmert durch den Äther schwirren.

 

03.12.2015 – Christian Hörburger/MK