Michel Houellebecq: Unterwerfung. 2-teiliges Hörstück (SWR 2)

Beachtlicher Zwitter

30.10.2015 •

30.10.2015 • Der Bestseller „Unterwerfung“ (Originaltitel: „Soumission“) von Michel Houellebecq hat sich Anfang des Jahres mühelos weit oben in den „Spiegel“-Charts halten können und das über viele Wochen. Kein Wunder, denn der Autor antizipiert gesellschaftliche Umwälzungen aus französischer Sicht, die radikale Entmachtung und den Umsturz der zunächst laizistischen Führungselite durch eine islamische Kaderschmiede, eine mögliche Entwicklung, die Aufgrund der aktuellen Flüchtlingsproblematik auch in Deutschland (zumal an Stammtischen) heftig diskutiert wird. Der ironisch-sarkastische Duktus des Romans, sein schwächelnder und wankender Held Franςois, der lieber epikuräischen Genüssen frönt und in die neue islamische Weltordnung eher hineintorkelt als aus intellektueller Einsicht ihr folgt, das ist die eigentliche Stärke dieser literarischen Fiktion.

In einem Interview vom Februar dieses Jahres gab Houellebecq zu Protokoll: „Ich beobachte, dass es Frankreich dreckig geht. Auf meine Befindlichkeit dabei kommt es nicht an. Ich bin neutral, nicht engagiert und nicht voreingenommen. Ich habe keine Botschaft zu verkünden, ich gebe nur meine Sicht der Welt wieder. Mein Roman ist zutiefst zwiespältig, man kann ihn wie eine verzweifelte Geschichte oder wie eine hoffnungsvolle Geschichte lesen.“

Der Roman seziert – orientiert am Diskurs unter französischen Intellektuellen – in breiten und langen Passagen den allmählichen Zerfall der nationalen Identität, gibt Raum für den immer schwächer werdenden Schlagabtausch zwischen Rechts und Links, katapultiert die islamische Weltordnung in die Sorbonne und das erodierende Frankreich. Der gelangweilte Held, schonungslos dem unübersetzbaren „Ennui“ verpflichtet, ein trinkfester Professor, der nur sein Leben leben will und sich lieber der literarischen Dekadenz und der Fin-de-siècle-Stimmung eines Joris-Karl Huysmans (1848 bis 1907) widmet, er wird zum Sinnbild der eigenen intellektuellen Schwäche. Eher zufällig, so will es scheinen, findet hier eine satirisch überhöhte Konversion („Unterwerfung“) unter das Diktat Mohammeds statt. Franςois, so viel scheint sicher, wäre auch ganz anderen geistigen Strömungen gefolgt, falls dem Held dies opportun erschienen wäre.

Noch vor dem am 7. Januar dieses Jahres verübten Terrorakt auf die Redaktion des fran­zösischen Satireblatts „Charlie Hebdo“ hatten Leonhard Koppelmann und der SWR beschlossen, den Roman für das Radio einzurichten. Und es dürfte kein Zufall sein, dass der Genre-Titel „Hörspiel“ in den Programmankündigungen nun ausdrücklich ver­mieden wurde. In der Funkfassung dominieren breite, fast monologisch angelegte Disputationen und Abhandlungen über Christentum und Islam, das Römische Reich und das zerfallende Europa, Gespräche also, die letztlich einem spielerischen Dialog zuwiderlaufen und die Eigenwilligkeit dieses literarischen Zweiteilers ausmachen, einer „Vorlesung“ also, wenn man so will, die über ihre Gesamtlänge von rund drei Stunden die ungeteilte Aufmerksamkeit beim Hörer einfordert.

Der Regisseur und Bearbeiter Koppelmann sieht in dem Helden – der von Samuel Weiss in dem Stück überzeugend zelebriert wird – eine durch und durch ambivalente Figur: „Er ist nicht der zynische Welt-Dekonstrukteur à la Houellebecq, eher ist er der tumbe Held, der durch eine Geschichte stolpert, deren Ausmaß und Herausforderung er nicht absieht – er ist darin einem Parzival nicht unähnlich, nur dass sein Gral die Menschheit nicht mehr von Unfruchtbarkeit und Siechtum erlösen kann, sondern nur noch für eine individuelle Ruhigstellung reicht.“ In weiteren Rollen agieren und sprechen neben Samuel Weiss Schauspieler wie Wolfram Koch, Christian Redl, Johannes Silberschneider, Johann von Bülow, Imogen Kogge und Hedi Kriegeskotte.

Die SWR-Produktion als beachtlicher Zwitter zwischen Hörbuch und Hörspiel mag als Medientransfer zulässig sein, auch wenn sie auf Kosten von dialogischer Vielfalt gestaltet ist. Der Held verschwindet bisweilen im Thesengestrüpp seiner Referenten und den Kathedermonologen von Geheimdienst, Politik und Literatur, eine Manifestation, die in dieser Zuspitzung in der Romanvorlage nicht zu finden oder zu beklagen ist, da die Vorlage elegant Arabeske an Arabeske zu fügen weiß, was das Hörgeschehen allzu oft ausspart. So bleibt es bei einem ehrenwerten und mutigen Versuch mit Überlänge, der aber dem ‘Kulturfaktor Rundfunk’ immer noch Rechnung trägt und daher kaum oder nur verstohlen zu tadeln wäre.

30.10.2015 – Christian Hörburger/MK