Hannah Ley/Raymond Ley: Meine Tochter Anne Frank (ARD/HR/WDR/RBB)

Alles richtig gemacht

20.02.2015 •

20.02.2015 • Der Erstaunlichste an diesem Film ist eigentlich der Umstand, dass er nicht schon vor Jahren oder gar Jahrzehnten gedreht wurde. Schließlich ist „Das Tagebuch der Anne Frank“, in Niederländisch verfasst und 1947 erstmals in Holland erschienen, inzwischen in rund 70 Sprachen übersetzt und gehört mit einer Gesamtauflage von rund 20 Mio Exemplaren längst zu den international erfolgreichsten Bestsellern überhaupt.

Zwar produzierte der Deutsche Fernsehfunk (DFF) der DDR bereits 1958 eine Adaption der Tagebuchaufzeichnungen (Regie: Emil Stöhr), der mehrere ausländische Verfilmungen folgten, doch das Fernsehen und das Kino der Bundesrepublik haben den Stoff bei aller umfangreichen filmischen Aufarbeitung der NS-Vergangenheit bis heute seltsamerweise ignoriert. Und vor einem Jahr sah es so aus, als sollte sich daran auch so schnell nichts ändern. Produzent Oliver Berben, der das Tagebuch des aus Frankfurt am Main stammenden Mädchens für das ZDF verfilmen wollte, geriet in Zwist mit der Erbengemeinschaft, die über die Rechte an dem Buch wacht. Woraufhin das Projekt schließlich ad acta gelegt wurde. Die Produktionsfirma AVE (Holtzbrinck) stellte sich daraufhin offenbar etwas geschickter an und realisierte unter Federführung des Hessischen Rundfunks (HR) diesen Film für die ARD, der nun kurz vor Anne Franks 70. Todestag im März dieses Jahres (das exakte Datum ist nicht bekannt) seine Ausstrahlung im Ersten erlebte.

Und um es vorwegzunehmen: Das versierte und vielfach ausgezeichnete Filmemacherduo Hannah und Raymond Ley („Die Kinder von Blankenese“, „Eine mörderische Entscheidung“, jeweils ARD) hat dabei so ziemlich alles richtig gemacht. Schließlich hätte man dieses zwischen 1942 und 1944 im holländischen Exil verfasste Tagebuch eines jüdischen Mädchens, das schließlich im KZ Bergen-Belsen seinen Tod fand, auch geradezu als Musterfall dafür nehmen können, es als schwülstig-pathetisches Melodram zu verfilmen.

Doch das Autorenduo umschiffte diese Untiefen bereits mit der Entscheidung, die tragische Geschichte der Anne Frank aus der Perspektive ihre Vaters Otto Frank zu erzählen, der als einziger seiner Familie den Holocaust überlebte (er starb 1980 im Alter von 91 Jahren). Dessen Erinnerungen an seine Tochter gestalteten sich in diesem Doku-Drama auf Zeitebenen. Da war zum einen die gemeinsame Zeit im Versteck im Hinterhaus in der Amsterdamer Prinsengracht und zum anderen die Phase nach Annes Tod, in der Otto Frank in einer Mischung aus Irritation und Stolz anhand der Aufzeichnungen seine Tochter praktisch neu kennenlernte und er nicht zuletzt entscheiden musste, ob diese Tagebuchaufzeichnungen nun publiziert werden sollten oder nicht. Schließlich hatte Anne stets klargestellt, dass diese Notizen lediglich der Fundus für einen Roman sein sollten, den sie nach Ende des Krieges schreiben wollte.

In den kammerspielartigen Szenen, die im Amsterdamer Hinterhaus spielen, in der sich die Familie mit anderen Juden versteckte, lernt man Anne Frank als ungemein neugieriges, vitales Mädchen kennen, das den Mitbewohnern mit seinen kessen, manchmal auch altklugen Bemerkungen durchaus auch auf den Wecker fällt. „Der liebe Gott weiß alles, aber Anne wusste alles besser“, erinnert sich eine ehemalige Freundin in einem der aktuellen Statements, die die Spielszenen ergänzten. Löblich, dass die Filmemacher, die auch Zugriff auf jene Textpassagen hatten, die Otto Frank seinerzeit für eine Veröffentlichung für zu persönlich hielt, nicht unerwähnt ließen, dass sich Annes Neugier auch auf Sexualität erstreckte, die sie mit dem Sohn einer im selben Haus untergetauchten Familie erkundete. So bewegte sich der Film durchgehend fernab einer ikonografischen Denkmalpflege, indem er seiner Hauptfigur in ihrer fraglos besonderen Situation alle menschlichen Züge eines ‘normalen’ Teenagers zugestand.

Der NS-Terror, der außerhalb des Verstecks auch in Amsterdam herrschte, wurde hier quasi ins Haus geholt, indem manchmal die Wände von Annes Kammer zur Leinwand wurden, auf denen Archivbilder der Kriegsgräuel zu sehen waren. Ein Regie-Einfall, dessen Umsetzung leicht ins Kunstgewerbliche hätte abrutschen können, hier jedoch gänzlich stimmig und ohne Effekthascherei in Szene gesetzt wurde. Ähnlich brillant nahm sich der Schachzug aus, die Nachkriegszeit in Gestalt jenes SS-Mannes ins Bild zu rücken, der die Franks schließlich verhaftet hatte. Da saß der Mann in seinem Eigenheim bei Kaffee und Kuchen und ließ sich von einem Journalisten zu seiner Zeit in Amsterdam befragen. „Wer interessiert sich denn heute noch für die Bagage?“, fragte der ehemalige Oberscharführer den Reporter.

Für die vergleichsweise kleine Rolle des Journalisten hatte man Axel Milberg gewinnen können, wie überhaupt das Darsteller-Ensemble dieses Films durchweg überzeugend agierte. Die 19-jährige Mala Emde in der Rolle der Anne Frank ist wirklich eine echte Entdeckung und Götz Schubert bewies als Otto Frank einmal mehr, dass er ein Mann für die leiseren (Zwischen-)Töne ist. Bliebt eigentlich nur noch die kongeniale Arbeit von Philipp Kirsamer (Kamera), Hans Peter Ströer (Musik) und Heike Parplies (Schnitt) zu loben. So wurde „Meine Tochter Anne Frank“ unter dem Strich ein souverän inszeniertes, im besten Sinne bewegendes Stück Fernsehen ohne falsches Pathos. (Der Film wurde wegen eines ARD-„Brennpunkts“ zum Ukraine-Konflikt 15 Minuten später ausgestrahlt als ursprünglich geplant.)

20.02.2015 – Reinhard Lüke/MK

Aus der Vaterperspektive: Ein bewegendes Stück Fernsehen

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