Netzwerke und Rezepte

Auch ein Stück Zeitgeschichte: Die Erinnerungen der Filmproduzentin Regina Ziegler

Von Karl-Otto Saur

08.08.2018 • Wie sieht ein erfolgreicher Filmproduzent aus? Er ist ein Zigarren rauchender älterer Herr, eher etwas wohlbeleibt, der bei teurem Wein seine Deals aushandelt. Er weiß, welcher Stoff beim Publikum ankommt, er weiß, wie man die Senderverantwortlichen bedienen muss, er hat ein Gespür dafür, welcher Schauspieler oder welche Schauspielerin das Zeug zum Star hat. Und er weiß, woher er das viele Geld bekommen kann, von dem niemand vorher weiß, ob das fertige Werk es auch wieder in die Kasse zurückspült. Regina Ziegler scheut sich nicht in ihrem Erinnerungsbuch, das sie selbst „Autobiografie“ nennt, die Klischees aufzuzählen, die das Bild von Produzenten in der Öffentlichkeit über Jahrzehnte geprägt haben.

Sie hat ihr Buch offensichtlich geschrieben, um zu beweisen, dass der Beruf nicht zwangsläufig nur von genusssüchtigen Männern ausgeübt werden kann. Im Gegenteil, sie will an ihrem eigenen Beispiel zeigen, dass auch eine Frau, die ohne Kapital, ohne einen bekannten Namen und ohne Verbindungen zu den Großen der Branche sich durchsetzen kann, wenn sie nur an sich selbst glaubt. Sie erzählt die Aschenputtel-Geschichte der kleinen Produktionssekretärin beim Sender Freies Berlin (SFB), die niemand besonders ernst nimmt, um am Schluss zufrieden feststellen zu können, die meisten Kollegen und Konkurrenten überflügelt zu haben. Das Buch trägt den Titel „Geht nicht gibt’s nicht“.

Sie trifft häufiger den richtigen Ton

Wer das Buch liest, wird feststellen, dass dieser Titel ihren Charakter widerspiegelt, „Geht nicht gibt’s nicht“ nämlich ist das persönliche Motto der heute 74-Jährigen. Und diese Devise ist denn auch die Grundlage für die erstaunliche Lebensleistung, eine der großen unabhängigen deutschen Produktionsfirmen – Ziegler Film – aufzubauen und zum Erfolg zu führen. Regina Zieglers Mut zum Risiko wird immer wieder herausgefordert. Und das Ergebnis gibt ihr in den meisten Fällen Recht. Egal ob sie neue Wege im Herz-Schmerz-Genre geht oder mit einer Reihe wie „Lauter tolle Frauen“ (vgl. FK-Hefte Nr. 40/98 und 46/98) ihre eigenen Erfahrungen widerspiegelt: Sie trifft häufiger als andere den Ton, der im Fernsehen für Erfolg sorgt.

Der Leser darf miterleben, wie sie als junge Anfängerin das macht, was in der Management-Literatur später als Erfolgsrezept verkauft wird: Sie knüpft Netzwerke. Ihre Wohnung in Berlin wird der Treffpunkt der Film- und Fernsehwelt. Am Esstisch kompensiert sie die Härte, die das Geschäft auch von ihr fordert. Der Abdruck diverser Rezepte zwischen den Texten der Kapitel beweist, dass diese Art von Kommunikation sich nicht nur auf die Geschäftspartner beschränkt. Ein besonders schönes zwischenmenschliches Beispiel ist ihr Umgang mit Brigitte Mira. Die Freundschaft zu der erheblich älteren Schauspielerin beginnt, als sich deren Karriere schon zu Ende neigt. Sie vermittelt ihr im wahrsten Sinne des Wortes im eigenen Haus ein neues Heim und eine neue Karriere.

Das Imaginäre in die Tat umsetzen

Eine kleine Anekdote spiegelt die Freundschaft wieder. Regina Ziegler und Brigitte Mira sind beide nach Köln in Alfred Bioleks damaliger Talkshow „Boulevard Bio“ (ARD/WDR) eingeladen. Der Hotelportier in Köln begrüßt sie herzlich und wendet sich an Brigitte Mira mit den Worten: „Wie schön, dass sie mal wieder bei uns wohnen, liebe Frau Meysel.“ Und er bittet um ein Autogramm. Brigitte Mira unterschreibt ohne Zögern mit „Inge Meysel“. Regina Ziegler lässt der Nacherzählung dieser Anekdote noch den Satz folgen: „Anschließend haben wir herzlich gelacht.“ Wie auch an manch anderen Stellen des Buches beschleicht den Leser hier das Gefühl, dass Regina Ziegler ihren Lesern nicht ganz traut, einen Scherz auch als Scherz zu verstehen. Da hätte ein Lektor – wie an manch anderer Stelle ebenfalls – eingreifen können, um die Erklärung der Pointe zu vermeiden. Und der Lektor hätte auch merken können, dass der lebensbedrohende Tsunami im Indischen Ozean, dem die ganze Familie mit einer Portion Glück entkommen ist, nicht Weihnachten 2003, sondern ein Jahr später passierte.

Das Buch verfolgt zwei Ziele, die sich nur schwer vereinbaren lassen. Es will erklären, was ein Produzent alles leisten muss, bis eine Serie oder ein Film auf dem Bildschirm bzw. im Kino erscheint. Gleichzeitig will Regina Ziegler aber auch darüber Zeugnis ablegen, wie sie selber es immer wieder gewagt hat, all die Partner, die man zu einer Produktion braucht, zu überzeugen, das Imaginäre in die Tat umzusetzen. Im Anhang der Lebensgeschichte hat sie all ihre Produktionen aufgeführt. Mancher Leser wird erstaunt sein, was alles aus ihrer Werkstatt stammt. Und sie führt alle Preise auf, die sie in ihrem Produzentinnenleben erhalten hat – eine lange Liste, die auch ein Spiegelbild des deutschen Fernsehens ist. Am 16. März 2018 wurde Regina Ziegler von der ‘Allianz Deutscher Produzenten – Film und Fernsehen’ für ihr Lebenswerk mit dem Carl-Laemmle-Produzenten-Preis ausgezeichnet.

Tochter Tanja, Enkelin Emma

Nur ein Film fehlt: die Geschichte ihrer Ehe. Fast gleichzeitig mit dem Start in die Selbständigkeit lernt Regina Ziegler den Regisseur Wolf Gremm kennen. Für ihn lässt sie sich scheiden. Und Gremm wird für sie nicht nur der Lebensbegleiter, sondern auch einer der wichtigsten Regisseure. Gremm wurde von der Kritik nicht immer gut behandelt. Aber ein Fernsehspielchef brachte es einmal auf die einfache Formel: „Ein Film von Wolf Gremm hat immer eine hohe Einschaltquote.“

Auf dieser Grundlage bildete das Ehepaar auch ein höchst erfolgreiches Team. Und auch als Paar waren sie kaum zu erschütternde Partner, egal ob in der Öffentlichkeit oder im Freundeskreis. So sind die stärksten Passagen in Regina Zieglers Erinnerungen dem gemeinsamen Kampf gewidmet, als Gremms Krebskrankheit sich als drohendes Todesurteil herausstellt. Er starb im Juli 2015 im Alter von 73 Jahren in Berlin.

Wie sehr Regina Zieglers Arbeit auf die Familie abgefärbt hat, zeigt auch die Tatsache, dass Tochter Tanja als Produzentin und als Mitgeschäftsführerin von Ziegler Film fest in die Arbeit ihrer Mutter eingebunden ist. Und die Mutter manchmal träumt, dass auch Enkelin Emma noch dazu stoßen wird.

08.08.2018/MK