Eine beispiellose Affäre

Die Vorwürfe gegen Mitarbeiter wegen sexueller Belästigung erschüttern den WDR

Von René Martens

04.05.2018 • Als die Illustrierte „Stern“ und das gemeinnützige Recherchezentrum Correctiv am 4. April unter der Überschrift „Er nannte sich ‘Alpha-Tier’“ publik machten, dass gegen einen seit Jahrzehnten als Auslandskorrespondenten tätigen Redakteur des WDR massive Vorwürfe der sexuellen Belästigung vorliegen, hielten es manche Branchenbeobachter noch für einen Einzelfall. Dass der Artikel der Auftakt zu den Recherchen einer in der Geschichte des öffentlich-rechtlichen Rundfunks beispiellosen Affäre sein würde, die den WDR erschüttert, war zu diesem Zeitpunkt noch nicht abzusehen.

Der erste Artikel bewirkte nicht nur, dass der WDR den Auslandskorrespondenten freistellte, er sorgte auch dafür, dass beim „Stern“ und bei Correctiv eine Fülle von neuen Hinweisen eingingen, die sich in den folgenden zwei Wochen in weiteren Artikeln über weitere WDR-Mitarbeiter niederschlugen, die der sexuellen Belästigung bezichtigt werden. Ebenfalls mit Recherchen in dieser Sache in Erscheinung traten der „Spiegel“, die „Süddeutsche Zeitung“ und „Zapp“, das Medienmagazin des Dritten Programms NDR Fernsehen.

Sieben beschuldigte Personen

Die Vorwürfe, die das selbsternannte „Alpha-Tier“ betreffen und auch dessen Nebentätigkeit als Leiter von Seminaren für Nachwuchsjournalisten und insbesondere Nachwuchsjournalistinnen umfassen, reichen 27 Jahre zurück. Zu jener Zeit war noch Friedrich Nowottny Intendant des WDR. Die Namen der inzwischen mehreren Beschuldigten wurden von den berichtenden Journalisten in der Regel bisher nicht genannt. „Zwar stehen die Personen, um die es hier geht, teilweise regelmäßig vor der Kamera, sie sind aber keine Personen des öffentlichen Lebens im rechtlichen Sinne“, sagt Marta Orosz, die für Correctiv in Sachen WDR recherchiert hat, gegenüber der MK. Eine Ausnahme ist der Fall Gebhard Henke. Der Leiter des Programmbereichs ‘Fernsehfilm, Kino und Serie’ beim WDR ging am 30. April mit einer Presseerklärung selbst an die Öffentlichkeit, nachdem ihn WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn (dessen Vertrag in diesem Jahr zur Verlängerung ansteht) aufgrund von Vorwürfen, die den Angaben zufolge von zwei Personen vorgebracht wurden, tags zuvor – es war ein Sonntag –  freigestellt hatte. Henke bestreite, „sich jemals so verhalten zu haben, wie ihm dies vorgeworfen wird“, teilte sein Anwalt Peter Raue in der Erklärung mit.

Zu den mittlerweile mindestens sieben beschuldigten Personen (Stand: 4. Mai) gehört auch ein hochrangiger Angestellter einer WDR-Tochterfirma. Unter WDR-Mitarbeitern kursieren die Vorwürfe gegen diesen Beschuldigten spätestens seit Juni 2017. Zwei Frauen, die in der Firma seit langem der Geschäftsleitung angehört hatten, verließen damals das Unternehmen sehr überraschend. Der prominenteste Beschuldigte ist ein früherer ARD-Korrespondent und Moderator, der mittlerweile im Ruhestand ist. Wann genau welche Vorwürfe die Senderspitze und Vertreter der Gremien des WDR erreicht haben bzw. dort aktenkundig geworden sind – das wird sich in einigen Fällen womöglich nicht dokumentieren lassen.

In der Berichterstattung geht es nicht nur um die Vorwürfe, sondern auch die Art, wie der WDR mit ihnen umgegangen ist. So kam in den Berichten zur Sprache, dass eine Personalrätin 2010 Kontakte zu mutmaßlichen Übergriffsopfern hatte. Diese hatten es der Personalrätin aber nicht erlaubt, ihre Namen der Senderspitze mitzuteilen. Der „Spiegel“ schrieb dazu: „Was ist los in einem Betrieb, in dem sich mögliche Betroffene sexueller Belästigung nicht aus dem Schutz der Anonymität trauen?“ Um dann auch gleich eine Antwort mitzuliefern: „Es ist schwer, sich die Unternehmenskultur, in der so etwas möglich ist, anders als höchst hierarchisch und düster vorzustellen.“

Irritierendes Krisenmanagement

Den Kontakt zwischen diesen mutmaßlichen Opfern und der Personalrätin hatte ein Redakteur des WDR hergestellt. Anerkennung widerfuhr ihm allerdings nicht, im Gegenteil, ihm wurden arbeitsrechtliche Konsequenzen angedroht. Diese bizarre Maßregelung erinnert zumindest entfernt an einen 2013 bekannt gewordenen Fall. Damals war ein Unterhaltungsredakteur intern versetzt worden, nachdem er das fragwürdige Gebaren einer Talkshow-Produktionsfirma recherchiert und beanstandet hatte. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ berichtete im März jenes Jahres über den Fall.

In der aktuellen Angelegenheit verkündete der WDR zunächst am 18. April, zwei Wochen nach der ersten Veröffentlichung von „Stern“ und Correctiv, ein „Paket von Sofortmaßnahmen“. Unter anderem wurde WDR-Mitarbeitern nahegelegt, sich in Fällen von Machtmissbrauch und Übergriffen an zwei externe Ombudsfrauen zu wenden. Da es sich dabei aber um Rechtsanwältinnen einer Kanzlei handelte, die vorher den WDR gegen ehemalige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vertreten hatte, riet der Personalrat sogleich davon ab, diese externen Juristinnen zu konsultieren. Rund eine Woche später, am 26. April, gab WDR-Intendant Tom Buhrow bei einer in Köln anberaumten Pressekonferenz zu, diese Kanzlei zur Ombudsstelle zu ernennen, sei keine gute Idee gewesen.

Ungeschickt, um das Wenigste zu sagen, war es vom WDR auch, einen Zwischenbericht zu den Vorwürfen der sexuellen Belästigung von der Revisionsabteilung des Senders erstellen lassen – obwohl gegen einen dort tätigen Mitarbeiter ebenfalls Belästigungsvorwürfe vorliegen. Diese Vorwürfe seien, wie der „Spiegel“ berichtet, dem WDR bereits bekannt gewesen, bevor „Stern“ und Correctivdie aktuelle Veröffentlichungswelle ausgelöst hatten.

Sender holt Wulf-Mathies als Sonderermittlerin

Nun kann es natürlich vorkommen, dass man unter Druck falsche Entscheidungen trifft. Die Häufigkeit, mit der der WDR in Krisensituationen mit Statements und Maßnahmen Mitarbeiter und teilweise auch Journalisten mindestens irritiert, ist allerdings frappierend. So war es auch im vergangenen Jahr in der Debatte um den vom WDR für die Ausstrahlung bei Arte beauftragten Dokumentarfilm „Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa“, als der öffentlich-rechtliche Sender eine verdiente Redakteurin des eigenen Hauses und die Autoren des Films desavouierte. „Rückblickend gesehen war der Fall ein Kommunikations-GAU, den manche auf die starke Hierarchisierung im Sender zurückführten“, schrieb Carmen Molitor dazu in der MK (siehe diesen MK-Artikel).

Am 26. April gab der WDR bei der erwähnten Pressekonferenz in Köln auch bekannt, dass er als Sonderermittlerin für diesen Komplex Monika Wulf-Mathies, 76, einst unter anderem als Vorsitzende der Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV) tätig, habe gewinnen können. Die Gewerkschafterin wird bei ihrer Arbeit unterstützt von der auf Arbeitsrecht spezialisierten BonnerKanzlei Pauly & Partner. „Wir sind nicht der verlängerte Arm des Arbeitgebers“, sagte Wulf-Mathies bei dem Pressetermin. Über ihre Einsetzung als Sonderermittlerin berichtete an jenem Tag sogar die ARD-„Tagesschau“ in ihrer Hauptausgabe um 20.00 Uhr.

So anerkennenswert es ist, dass der WDR hier, wenngleich verhältnismäßig spät, eine tendenziell hilfreiche Entscheidung getroffen hat: Bei derselben Pressekonferenz fiel Intendant Tom Buhrowdurch ein so befremdliches wie breitbeiniges Statement auf. Er sagte: „Ich habe nicht das Gefühl, dass sich irgendjemand im WDR scheuen würde, Dinge zu Gehör zu bringen – auch unangenehme Dinge.“ Gemessen an den Recherchen sämtlicher mit dem Thema befassten Medien handelt es sich hier nicht um ein substantiiertes „Gefühl“.

Grundsatzdebatte über die Strukturen des WDR

Schon in einem frühen Stadium der Affäre hatte die WDR-Personalratschefin Christiane Seitz in einer mehreren Medien zugänglich gemachten Mail, die an die Mitarbeiter des Senders gegangen war, kritisiert, der Personalrat habe „immer wieder vergeblich gefordert, im absolut hierarchisch geprägtem WDR eine wirklich umfassende, strukturelle Kontrolle und Ahndung von Machtmissbrauch und Herabwürdigung gegenüber Schwächeren und Abhängigen zu gewährleisten“.Die „WDR-Spitze“, forderte Seitz, müsse willens sein, „das seelische und körperliche Wohl der Beschäftigten als zentrales Anliegen zu sehen und danach zu handeln. Wir brauchen nicht nur digitalen Wandel, neue Geräte und neue Gebäude. Wir brauchen“, so die Personalratsvorsitzende, „eine neue Unternehmenskultur, die unsere wichtigste Zukunfts-Ressource in den Mittelpunkt stellt: die Menschen, die hier arbeiten“.

Nun lässt sich gewiss darüber streiten, inwieweit eine Landesrundfunkanstalt oder überhaupt ein Medienunternehmen fürs„seelische und körperliche Wohl“ der Mitarbeiter zuständig ist. Aber es ist sicherlich so, dass man sich darauf verständigen kann zu sagen, dass ein Unternehmen dieses Wohl nicht mutwillig beschädigen sollte. Der Formulierung der WDR-Personalratschefin kann man wohl entnehmen, dass Letzteres ihrer Wahrnehmung nach in der jüngeren Vergangenheit beim Sender allzu oft passiert ist. Und diese Wahrnehmung hat sie nicht exklusiv. Die außergewöhnlich hohe Zahl von Hinweisgebern, auf die die verschiedenen Medien bei ihrer Berichterstattung über sexuelle Belästigungen beim WDR offenbar zurückgreifen konnten, ist ein Indiz dafür, dass die aktuelle Affäre auch ein Ventil dafür ist, eine grundsätzliche Unzufriedenheit zum Ausdruck zu bringen – sei  es bezüglich der eigenen Situation oder hinsichtlich des Umgangs mit Kollegen. Dass unbequeme Haltungen nicht gefördert werden (um es milde zu formulieren), dass Redakteure und freie Mitarbeiter unter Hierarchen leiden oder sich zumindest ungerecht von ihnen behandelt fühlen – so etwas scheint bei jeder Landesrundfunkanstalt der ARD vorzukommen. Beim WDR gibt es all das aber offenbar häufiger.

So unangemessen es  auch klingen mag für Frauen, die unter den Übergriffen zu leiden hatten und deren Folgen noch heute spüren – es ist zu hoffen, dass die Aufarbeitung der vielfachen Vorwürfe der sexuellen Belästigung über diese hinausgeht und in eine breitestmögliche Grundsatzdebatte über die Strukturen des WDR mündet. Dann bestünde zumindest eine kleine Chance auf eine Rundumerneuerung des größten ARD-Senders.

04.05.2018/MK

Print-Ausgabe 16/2018

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