Die Kirche ist ein Medium

Ein Gespräch mit Rainer Maria
Kardinal Woelki über neue
Technologien und veränderte
Kommunikationsverhältnisse

Von Dieter Anschlag und Lutz Hachmeister

04.04.2018 • Rainer Maria Kardinal Woelki, 61, ist seit Mitte 2014 Erzbischof von Köln sowie Metropolit der zugehörigen Kirchenprovinz. Papst Franziskus ernannte ihn am 11. Juli 2014 zum Kölner Erzbischof. Zuvor war Woelki ab Juli 2011 rund dreieinhalb Jahre Erzbischof von Berlin; Papst Benedikt XVI. hatte seinerzeit am 2. Juli 2011 Woelkis Wahl durch das Berliner Metropolitankapitel bestätigt und ihn zum Erzbischof von Berlin ernannt. Rainer Maria Woelki wurde am 18. August 1956 in Köln-Mülheim geboren, wo er seine Kindheit verbrachte und Abitur machte. Er studierte in Bonn Theologie und Philosophie. Nach mehreren Stationen mit priesterlicher und seelsorgerischer Tätigkeit wurde er 1990 Geheimsekretär von Joachim Kardinal Meisner, des damaligen Erzbischofs von Köln. Von 1997 bis Anfang 2003 war Woelki Direktor des Theologenkonvikts Collegium Albertinum in Bonn. Im Februar 2003 wurde Woelki Weihbischof in Köln. Von Joachim Kardinal Meisner, dessen Nachfolger als Erzbischof er heute ist, wurde Weihbischof Woelki zum Bischofsvikar für die Fragen der Glaubenslehre und Ökumene ernannt. Dann erhielt Woelki 2011 den Ruf nach Berlin, wo er Erzbischof wurde, um anschließend in der gleichen Funktion in seine Heimatstadt Köln zurückzukehren. Seit 2001 ist er Kardinalspriester von San Giovanni Maria Vianney. Woelki ist heute unter anderem auch Vorsitzender der Kommission für Wissenschaft und Kultur der Deutschen Bischofskonferenz. MK-Chefredakteur Dieter Anschlag und Lutz Hachmeister, Direktor des Instituts für Medien- und Kommunikationspolitik (IfM), sprachen mit Kardinal Woelki im Erzbischöflichen Haus in Köln über die publizistische Rolle der katholischen Kirche in Zeiten „sozialer Netzwerke“ und neuer globaler Kommunikationskulturen. • MK

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MK: Eminenz, Sie haben Ende letzten Jahres mit der Sprachassistentin „Alexa“ von Amazon ein kleines, aber öffentlichkeitswirksames Spiel gemacht – sie haben ihr theologische Fragen gestellt, die das Gerät nicht beantworten konnte. Sind Sie sich sicher, dass es bei Computersystemen auch noch in dreißig oder fünfzig Jahren dieses theologische Unverständnis geben wird? Es gibt ja eine ausgedehnte Diskussion um künstliche Intelligenzen – könnte es also nicht sein, dass „die Antiquiertheit des Menschen“, die Günther Anders schon einmal philosophisch proklamiert hat, über neue technologische Supersysteme auch theologische Konsequenzen hat?

Kardinal Woelki: Ja, „Alexa“ hat diese Fragen nicht beantworten können, zum Beispiel die danach, was an Weihnachten eigentlich geschieht; aber dadurch, dass wir dieses Thema angesprochen haben, konnte dann Alexa gleichsam „missioniert“ oder „evangelisiert“ werden: Kurz nach dem Erscheinen des Videos konnte man bei Twitter sehen, dass Amazon Alexa um eben diese fehlenden Antworten erweitert hat. Das heißt, Amazon hat gewissermaßen nachgebessert und ein Stück der christlichen Botschaft ist so Teil der künstlichen Intelligenz geworden. Das wollen wir weiter ausbauen! An diesem Beispiel erkennt man: Auch die künstliche Intelligenz muss erst „gefüttert“ werden, damit der entsprechende Algorithmus arbeiten kann. Ich bin aber überzeugt davon, dass Maschinen im Letzten niemals die Kreativität, Spontaneität und die Intelligenz des menschlichen Geistes werden ersetzen können. Im Endeffekt werden derartige Maschinen immer nur das Produkt menschlicher Intelligenz sein und bleiben, die dann sicherlich gute Hilfestellungen mit Blick auf die Beantwortung von Fragen, von Wissensfragen, geben können.

MK: Es gibt Naturwissenschaftler wie Stephen Hawking, die etwas skeptischer sind und zumindest die Möglichkeit sehen, dass eine unkontrollierbare Entwicklung von Robotik und Künstlicher Intelligenz die menschlichen Wesen überrollen kann. Es gibt ja eine Koevolution: Der Mensch kann komplexe Technologien erschaffen, die entwickeln sich weiter und wirken auf den Menschen zurück. Inwieweit ist das ein göttlicher Plan?

Die apersonale Maschine

Kardinal Woelki: Ich glaube nicht, dass ein göttlicher Plan dahintersteckt, das wäre mir auch eine zu bequeme Interpretation. Im Grunde genommen hat der Mensch eine Sonderstellung in der Welt. Es ist bislang das einzige Wesen, das über „Geist“ verfügt; dem es dank seiner Vernunftbegabung gelungen ist, durch Reflexion und in der Aufnahme der Beziehung zu Gott sich selbst zu hinterfragen. Nur der Mensch kann sich selbst noch einmal zu sich selbst verhalten. Das kann im Letzten keine apersonale Maschine leisten, und auch in Zukunft wird das nicht zu leisten sein. Eine Maschine wird deshalb nie in gleicher Weise wie der Mensch Ebenbild Gottes sein. Denn Gott denken wir mit unserem begrenzten menschlichen Verstand als „jemanden“; als eine Person. Der Mensch steht in Korrelation aufgrund der Ebenbildlichkeit und seines Personseins zu Gott.

MK: Es gab schon Momente – wie etwa zu Zeiten der Kuba-Krise –, als die Möglichkeit, als die Gefahr bestand, dass der Mensch mit seiner Fähigkeit, Technologien zu produzieren, sich selbst und diese Erde weitgehend zerstört hätte. Das war am Ende ja sehr knapp, wie wir durch die Historiografen wissen.

Kardinal Woelki: Sicherlich. Aber nun sitzen wir immer noch hier und können über solche Fragen reden, weil sich damals Menschen in der letzten Konsequenz doch auf ihre Verantwortung für die Welt besonnen haben. Weil sie nicht all das angewendet haben, was in diesem Fall technisch möglich gewesen wäre. Diese Verantwortung ist mit jeder neuen technischen Entwicklung untrennbar verbunden. Aber ich habe schon ein Grundvertrauen in die Reflexionsfähigkeit der Menschenwesen, sich dieser Verantwortung immer wieder zu stellen.

MK: Die Medien im heutigen digitalen Zeitalter werden stark von den großen US-amerikanischen Technologie-Konzernen beeinflusst, die wir alle kennen: Facebook, Google, Apple, Amazon, Twitter. Das hat die Kommunikationsverhältnisse, das Kommunikationsgefüge in der Welt sehr stark verändert und es tangiert nicht zuletzt auch die publizistische Arbeit der katholischen Kirche, die ja auch im Bereich der Medien seit jeher aktiv ist. Die neuen Wissens- und Datenkonzerne scheinen nun zunehmend das zu bestimmen, was früher als „Publizistik“ bezeichnet wurde. Wie sehen Sie die Auswirkungen dieser Entwicklung für die kirchliche Kommunikationsarbeit?

Die sozialen Medien

Kardinal Woelki: Ich glaube, dass wir heute wie damals Paulus auf den Areopag dieser Welt gehen müssen, um unsere Botschaft zu verbreiten. Dieser Areopag wird heute auch durch die neuen sozialen Medien bestimmt. Deshalb habe ich unmittelbar bei meinem Amtsantritt als Erzbischof im Erzbistum Köln großen Wert darauf gelegt, dass wir diese Formen der Digitalisierung ernst nehmen und auf die Kommunikation mit diesen neuen Medienformen setzen. Es muss uns als Kirche darum gehen, mit den uns heute zur Verfügung stehenden Mitteln die Botschaft des Evangeliums zu verbreiten. Und wenn eben heute ein Großteil der Menschheit und vor allen Dingen auch gerade junge Menschen diese Dienste nutzen, müssen wir als Kirche in diesen Diensten und Medien unterwegs sein und unsere Botschaft so aufbereiten und so darstellen und so formulieren können, dass die Essentials dieser Botschaft heute den Menschen erreichen.

MK: Aber begibt sich die Kirche damit nicht in eine Gefangenschaft? Man leitet einen gewissen Traffic, wie man heute sagt, zu Facebook und Amazon über, nach dem Motto: Viele Klicks für den Papst sind gut. Aber hier handelt es sich um kommerzielle US-Großkonzerne, die damit große Gewinne machen. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat ja das gleiche Problem, er ist nolens volens damit verwoben. Inzwischen sagen sogar frühere Facebook-Manager: Wir haben da ein Monster herangebildet. Dann gibt es in diesem Zusammenhang die Probleme mit Fake News, mit russischen Hackern und so weiter, wir kennen das alle. Sie könnten ja auch sagen: Da machen wir nicht mit, wir sind stark genug, unsere Botschaft auf anderen Wegen zu verkündigen.

Kardinal Woelki: Ich glaube nicht, dass wir uns den neuen Kommunikationswegen komplett entziehen könnten oder sollten. Sie sind inzwischen einfach so etabliert im gesellschaftlichen Miteinander und auch im politischen Bereich, dass wir daran einfach nicht vorbeikommen. Jetzt zu sagen, wir gehen nur noch über die Verkündigung im Gottesdienst oder die Verkündigung, wie wir sie durch die Erfüllung diakonischer oder karitativer Aufgaben in der Gesellschaft wahrnehmen – das sind sicherlich Formen der Verkündigung, die weiterhin sehr relevant sein werden –, aber würden wir das nur auf diese Weise tun, dann würden wir einen Großteil der Menschen nicht mehr erreichen. Also werden wir nicht daran vorbeikommen, auch in diesen Diensten unterwegs zu sein. Wir werden uns aber sicherlich darum bemühen müssen, dass wir sie verantwortet nutzen. Ich erwarte, dass sowohl die Betreiber dieser Plattformen wie natürlich auch die politisch Verantwortlichen Bedingungen schaffen, damit diese Dienste so eingesetzt werden können, dass sie den Menschen und auch der Gesellschaft im Letzten dienen. Das schließt natürlich auch eine Verantwortung zur Wahrhaftigkeit ein; es schließt ein, dass die Menschen diese Dienste so nutzen, wie sie im Idealfall auch im persönlichen Miteinander umgehen: respektvoll und im Hinblick auf Wahrhaftigkeit.

MK: Sie haben im März 2017 in Bezug auf Fake News und Hasstiraden in den sozialen Netzwerken gesagt, dass Sündenböcke gesucht und gefunden würden und dass die Stimmung angeheizt werde durch die sogenannten sozialen Medien, die ja von vielen mittlerweile auch „asoziale Medien“ genannt werden, was vielleicht sogar treffender ist. Ist das vor allem ein quantitatives Problem? Man könnte ja auch sagen: Diese Grundstimmung, diese Wut, den Hass, den Neid, das gab es immer schon, als Sündenfälle der Menschen, als Momente politischer Radikalisierung, es gibt nur inzwischen quantitativ mehr Kanäle, wo das jetzt sichtbarer wird. Oder ist es ein qualitativer Sprung?

Die zunehmende Boulevardisierung

Kardinal Woelki: Natürlich gibt es Unzufriedenheit, natürlich muss es Foren geben, in denen ich mich auch kritisch mit politischen oder gesellschaftlichen Entwicklungen oder auch Entwicklungen innerhalb der Kirche auseinandersetzen kann, das will ich gar nicht in Abrede stellen. Doch ich finde, es muss immer in einer Form geschehen, die den Respekt und die Achtung vor dem Anderen zum Ausdruck bringt. Das ist das Erste. Das Zweite: Ich muss mich in meiner Kritik so äußern, dass sie konstruktiv und weiterführend ist, und die Kritik muss auch so vorgetragen werden, dass ich mit meinem Namen und meinem Gesicht dafür einstehen kann. Dass ich mich nicht in einem Netz anonym lediglich in eruptiven Hass- oder Wutausbrüchen äußere und beleidigend und die Würde anderer Menschen verletzend blindwütig um mich schlage. Das ist eigentlich ein pubertäres Verhalten, das ist ein kindisches Verhalten, darauf liegt kein Segen.

MK: Das heißt, Sie würden stark dafür plädieren, dass in diesen Medien die Anonymität eingeschränkt wird?

Kardinal Woelki: Ja. Denn man sollte mit seinem Namen zu dem stehen können, was man dort äußert. Wir leben ja hier glücklicherweise in einer freiheitlichen Demokratie und nicht in einem totalitären Regime. Nichts gegen eine lebendige, auch mitunter zugespitzte politische Diskussionskultur, aber jede Meinungsäußerung sollte in einer Form vorgetragen werden können, für die ich personal oder institutionell einstehe und wofür ich dann auch zur Rechenschaft gezogen werden kann.

MK: Sobald dabei Strafgesetze verletzt oder etwa Morddrohungen ausgesprochen werden, müsste man dagegen vorgehen können.

Kardinal Woelki: Das wären für mich solche Beispiele.

MK: In einem Fragebogen des Deutschlandfunks haben Sie vor rund einem halben Jahr bemerkt, dass „in den Nachrichten häufiger über Belangloses berichtet wird als früher“. Woran haben Sie das festgemacht? Gibt es da nach Ihrer Einschätzung einen Wandel im journalistischen Berufsverständnis? Dass in den Medien geballt irgendwelchen Highlights und Events, Spektakeln und Skandalen hinterhergelaufen wird, ist ja kein ganz neues Phänomen. In dem zweiteiligen ARD-Film „Gladbeck“ konnte man kürzlich noch einmal gut beobachten, wie Journalisten damals bei diesem Geiseldrama außer Rand und Band geraten sind, auch einige von ARD-Landessendern, und das war vor Facebook und Twitter.

Die bestellte Entführung

Kardinal Woelki: Deshalb weiß ich auch nicht, ob es ein Wandel im journalistischen Berufsverständnis gibt oder nur Reaktionen auf einen Wandel im technologischen Gefüge und auch im gesellschaftlichen Bewusstsein. Auf der einen Seite hat sich durch die Digitalisierung das publizistische Netzwerk globalisiert, entgrenzt und auch individualisiert. Ich habe jetzt die Möglichkeit, über alles und jedes de facto auch selbst zu berichten und zu erzählen. Das wirkt natürlich auch auf den etablierten Journalismus ein und weist ihm eine veränderte Position zu. Was mir aber besonders auffällt, ist eine zunehmende Boulevardisierung auch in den Nachrichten- und Informationssendungen, sowohl bei privaten wie öffentlich-rechtlichen Medien.

MK: Es wird infantiler, hat man den Eindruck, die Menschen werden wie kleine Kinder behandelt und nicht mehr so richtig ernst genommen.

Kardinal Woelki: Das ist bei manchen Formaten und Themen auch mein Eindruck. Es müsste eigentlich in Nachrichtensendungen immer noch darum gehen, in wesentlichen Fragen des gesellschaftlichen Zusammenlebens eine politische Meinungsbildung zu ermöglichen, auf der unsere Demokratie aufbaut. Es geht um die wichtigen Themen: Wie wollen wir zusammenleben, wie können wir Fragen der Armut, der sozialen Gerechtigkeit angehen und behandeln? Dann habe ich aber auf der anderen Seite den Eindruck, dass auf einmal auch in den Nachrichtensendungen vermehrt bunte, unterhaltende, oberflächliche Meldungen auftauchen. Ich finde nicht, dass so etwas in Nachrichtensendungen hineingehört.

MK: Gerade auch nicht in die Nachrichten- und Informationsprogramme der öffentlich-rechtlichen Sender, die ja über den Rundfunkbeitrag durch die Gesamtgesellschaft alimentiert werden, damit sie relevante Informations- und auch Bildungsprogramme liefern.

Kardinal Woelki: Ich weiß nicht, ob das bei den Öffentlich-Rechtlichen nur wegen der Konkurrenz durch die Privatsender geschieht, bei denen das sehr viel stärker der Fall ist. Ich bin vor einiger Zeit durch Zufall mal in eine Informationssendung des Privatfernsehens hineingeraten. Da wurde darüber berichtet, dass es in Paderborn eine Gruppe von Menschen gibt, bei denen ich meine Entführung bestellen kann. Die mich also entführen und die dann mit allem Drum und Dran auf offener Straße...

MK: …als Scherz oder wirklich, um Lösegeld zu erpressen?

Die Populärkultur

Kardinal Woelki: … nein, nein, das ist schon ein Scherz, ein Abenteuer, ein Spiel. Es gibt ja, glaube ich, auch Spielräume, sogenannte „Escape Rooms“, in die ich mich einschließen lassen kann und wo ich dann in der Gruppe einen Lösungsprozess entwickeln muss, um wieder aus diesem Raum hinauszukommen. Die Fortführung dessen ist jetzt offenbar, dass ich mich entführen lassen kann und ich in diesem Spiel mitmachen muss, um diese Entführung in irgendeiner Weise zu beenden. Darüber wurde bei diesem Privatsender in einer Informationssendung berichtet. Da finde ich: Das ist jetzt nichts, was mich weiterbringt in meiner politischen Bildung. So etwas muss ich nicht wissen. Und schließlich stellt sich für mich auch die Frage nach der Verantwortung, ob man über solche Dinge vielleicht besser gar nicht berichten sollte, weil dies unter dem Vorwand des „Events“ letztlich doch auch zu einer Verrohung der Gesellschaft führen kann.

MK: Herr Kardinal, Sie sind kürzlich zum Vorsitzenden der Kommission für Wissenschaft und Kultur der Deutschen Bischofskonferenz gewählt worden. Wenn man Wissenschaft und Kultur mal begrifflich nimmt, müsste dann nicht auch die Medienkultur dort eine stärkere Rollen spielen, wenn man bedenkt, wie stark das Leben jüngerer Generationen heute durch Smartphones, durch Games, durch Apps fast umhüllt ist. Es ist ja die erste Generation, die täglich mit einem ausgelagerten Computer lebt. Wäre das eine Idee, auch Fragen, die diesen Bereich von Medien betreffen, in diese Kommission stärker einzubinden?

Kardinal Woelki: Es wäre zumindest ein Bereich, mit dem sich diese Kommission noch expliziter auseinandersetzen muss. Wir haben in der Bischofskonferenz mit der Publizistischen Kommission eine eigene Medienkommission, die sich mit all dem, was mit Medien zusammenhängt, sehr kompetent auseinandersetzt. Ich würde spontan zunächst einmal sagen: Das ist eine Frage, die gerade in dieser Medienkommission näher behandelt werden sollte. Aber Spiele und Apps sind mittlerweile Teil der Populärkultur und ich werde in der neuen Funktion mit Interesse verfolgen, wie wir mit diesen Entwicklungen medial wie kulturell umgehen. In unserer Wissenschaftskommission geht es vor allem aber um Hochschul- und hochschulrechtliche Fragen, es geht um Fragen, die die theologischen Fakultäten beschäftigen, und es geht auch um Konkordatsfragen und ähnliches.

MK: Die katholische Kirche ist eine Institution, die gerade in den letzten Jahren immer wieder mit medialen Angriffen konfrontiert worden ist, vom Gebaren des Limburger Bischofs bis hin zu diversen Missbrauchs- und Finanzskandalen. Ist diese Berichterstattung aus Ihrer Sicht im Wesentlichen fair und sachgerecht gewesen?

Die Aufarbeitungsleistung der Medien

Kardinal Woelki: Zunächst bin ich sehr dankbar, dass es diese kritische Berichterstattung der Medien gibt. Und ich glaube, dass wir ohne die Aufarbeitungsleistung der Medien über das, was in Limburg oder was mit Blick auf Missbrauch von Schutzbefohlenen geschehen ist, nicht so schnell weitergekommen wären in der Selbstreflexion. Das hätte von uns allein so nicht in dieser Geschwindigkeit aufgearbeitet werden können. Insofern bin ich sehr dankbar und möchte das nicht missen, weder in Bezug auf die Kirche noch in Bezug auf die Politik oder andere gesellschaftliche Gruppen. Darin liegt eine ganz zentrale Aufgabe der Medien. Natürlich ist es nicht immer angenehm, wie dann über die Kirche berichtet wird. Doch wir sind ja auch in manchen Fällen selbst dafür verantwortlich, dass man so über uns berichten musste. Zudem ist aber auch feststellbar, dass bei vielen Journalisten das Wissen über Kirche und kirchliche Zusammenhänge abnimmt und die Darstellung dann nur sehr verkürzt geschieht. Die Kirche wird zwar noch als ein wichtiger gesellschaftlicher Player wahrgenommen, der mit Schulen und Krankenhäusern und Kindertagesstätten gesellschaftlich vieles leistet, auf der anderen Seite nimmt aber die Kenntnis innerkirchlicher Prozeduren und Kommunikationen ab.

MK: Aber als Person, als Erzbischof von Köln, als Kardinal wollen Sie sich über die öffentliche, auch journalistische Wahrnehmung nicht beschweren?

Kardinal Woelki: Nein. Wir bemühen uns aber auch, möglichst offen auf Medien und Medienvertreter zuzugehen, und versuchen auch das, was wir machen, möglichst transparent zu kommunizieren. Sicher, es gibt immer Luft nach oben und manches gelingt gut, manches weniger gut. Deshalb haben wir hier auch unsere Medienabteilung nochmal neu aufgestellt. Wir haben das „Presseamt“ zu einer Hauptabteilung Medien und Kommunikation weiter­entwickelt; wir haben als einen Teil dieser Hauptabteilung einen „Newsdesk“ eingerichtet, um einfach schneller und näher an den Journalisten dran zu sein und die Dinge, die uns wichtig sind, professionell zu kommunizieren.

Der 1. FC Köln

MK: Wie wichtig ist für Sie die lokale Kommunikation? Man liest manchmal im „Express“, dass Sie den Fußballern des 1. FC Köln gutes Gelingen wünschen, wobei es derzeit trotz ihrer Wünsche sehr unwahrscheinlich ist, dass der Verein in der Ersten Bundesliga verbleibt. Oder Sie haben den sogenannten „Arbeiterstrich“ an der Venloer Straße und am Eigelstein verurteilt. Und mehr bezahlbaren Wohnraum für Bedürftige gefordert. Wie wichtig ist das, hier als Kölner Erzbischof, als Kölner Kardinal, lokale Fragen zu thematisieren?

Kardinal Woelki: Das ist für mich sehr wichtig. Der Bischof soll nahe bei den Leuten sein. Und auch die Probleme der Stadt verstehen. Es ist auch der Ausdruck einer Identifikation mit der Stadt und ihren Menschen.

MK: Sie sind ja in Köln geboren. Selbst im Fußballstadion sieht man Sie beim FC. Und man sieht ja nicht so viele Kardinäle in Fußballarenen. Welche Rolle spielt der 1. FC Köln in Ihrem Leben?

Kardinal Woelki: Der FC spielt eine große Rolle in meinem Leben, ohne dass ich jetzt die Zeit hätte, besonders regelmäßig ins Stadion zu gehen. Das ist einfach durch meine dienstlichen Verpflichtungen nicht möglich. So geschieht es mehr oder weniger punktuell, dass ich mal ein Spiel im Stadion besuchen kann. Und durch die etwas unregelmäßige Festlegung der Spiele – mal freitags, mal samstags, mal sonntags, jetzt neuerdings auch mal montags – ist es natürlich besonders schwierig.

MK: Diese Zerstückelung der Bundesliga geschieht wegen der Fernsehgelder für die Liga. Das ist ja nicht im Sinne der Fans.

Kardinal Woelki: Ja, das kann man so sagen. Aber ich verfolge die Spiele über die neuen Medien, regelmäßig über die entsprechenden Apps wie die vom „Kicker“ oder auch über Live-Ticker vom „Stadt-Anzeiger“ oder vom „Express“. Ein Pay-TV-Abo habe ich nicht, denn ich habe auch nicht die Zeit, um jedes FC-Spiel live im Fernsehen zu verfolgen.

MK: Lassen Sie noch einmal auf das publizistische Engagement der Kirche kommen. Es gibt dieses berühmte Wort von Robert Geisendörfer, einem protestantischen Pfarrer und Medienorganisator, vom „Engagement ohne Eigennutz“ in diesem Bereich. Geisendörfer hatte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs die Idee, dass die Kirchen in der damals verwüsteten publizistischen Landschaft nach 1945 eine neutrale unabhängige Rolle spielen und den medienkritischen Diskurs über diese wichtigen gesellschaftlichen Beeinflussungsinstrumente gleichsam aus einer höheren Warte mitgestalten könnten. Ist dieses „Engagement ohne Eigennutz“ ein wenig verloren gegangen? Man kann doch den Eindruck haben, dass sich die Kirchen in ihrer Publizistik durchaus wieder mehr auf Eigen-PR und die Darstellung der eigenen Position fokussieren, und nicht mehr so kraftvoll über bestimmte Akademien, Tagungen und Dienste den medienkritischen Diskurs insgesamt gestalten.

Die uneigennützige Kommunikation

Kardinal Woelki: Zunächst einmal möchte ich darauf hinweisen, dass die Kirche insgesamt uneigennützig kommuniziert, weil sie selber im Grunde genommen ein Medium ist: Sie existiert nur deshalb, damit die Botschaft des Evangeliums – die im Letzten dann eben nicht etwas Sachhaftes, sondern eine Person ist, nämlich Christus – unter die Menschen kommt. Insofern ist die Kirche selber ein solches Medium und so gesehen ist das Uneigennützige, der Verweischarakter auf Christus, immer Kern ihrer Kommunikation. Ansonsten haben wir ja mit der Katholischen Nachrichten-Agentur KNA, mit katholisch.de, oder auch hier in Köln mit unserem Domradio und der Kirchenzeitung Medien geschaffen, mit denen wir am gesellschaftlichen Diskurs teilnehmen. Sowohl durch die KNA wie auch bei katholisch.de oder etwa beim Domradio werden politische und gesellschaftliche Entwicklungen kommentiert, begleitet und dargestellt, auch durch das Katholische Medienhaus in Bonn. Auf diesem Wege leisten wir also unseren uneigennützigen Beitrag.

MK: Die Kirche ist ja auch nicht unprominent vertreten in den Aufsichtsgremien der öffentlich-rechtlichen Sender. Manche dieser Gremien werden von kirchlichen Vertretern geleitet, vielleicht auch weil sich der direkte Parteieneinfluss in diesem System etwas abgeschwächt hat. Doch in diesen ganzen Debatten zur Frage „Was wird aus dem öffentlich-rechtlichen System?“ – ARD, ZDF und Deutschlandradio haben 9,4 Milliarden Euro Budget, alles zusammengenommen, und bilden das reichste öffentlich-rechtliche Rundfunksystem der Welt –, sollten da nicht die Kirchen noch stärker ihre Stimme erheben, wenn es darum geht, darauf hinzuweisen, worauf sich öffentlich-rechtliche Sender zukünftig besinnen sollten?

Kardinal Woelki: Da bin ich jetzt ein wenig überfragt, denn für dieses medienpolitische Gebiet im engeren Sinne bin ich nicht wirklich der Fachmann. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist nach wie vor sehr wichtig, wenn er überparteilich, journalistisch professionell und der Wahrheit verpflichtet dazu beiträgt, dass es eine permanente politische Diskussion gibt über die Themen und Inhalte, die eine Gesellschaft zusammenhalten und zusammenbringen.

MK: Das kann wohl nicht diese Talkshow-Kultur sein, bei der man den Eindruck hat, da treten immer nur dieselben dreißig, vierzig Leute auf…

Die Stimme der Kirche

Kardinal Woelki: Nein, ich finde, das ist auf Dauer eine langweilige Form. Ich meine eher Beiträge, wie sie etwa im Radio bei uns in Nordrhein-Westfalen bei WDR 5 oder im Deutschlandfunk laufen, die informativ sind, die gut recherchiert sind, die auch nach den unterschiedlichen Seiten hin abgecheckt sind, so dass derjenige, der hört oder auch nachliest, sich umfassend informieren kann und es ihm möglich ist, seine eigene Position zu bilden. Und da, finde ich, gehören die Kirchen mit dazu. Sie haben in diesen gesellschaftlichen Diskurs dann ihre Stimme ebenfalls einzubringen und abzugeben, um ihre Perspektive deutlich zu machen. Und das finde ich bis heute auch ganz gut abgebildet, nicht nur in den Gremien, sondern vor allem im Programm selbst.

MK: Waren Sie eigentlich schon einmal zu Gast in einer Talkshow?

Kardinal Woelki: Bis auf den „Kölner Treff“ nicht in den größeren Talkshows, ich war bisher nur in den kleineren Eins-zu-Eins-Formaten. Es gab natürlich Einladungen für Talkshows in den Hauptprogrammen von ARD und ZDF. Manchmal werde ich von Sendervertretern angesprochen, dass es wichtig wäre, dass auch in einer solchen Talkshow ein hochrangiger kirchlicher Vertreter sitzen würde, damit dort die Stimme der Kirche zu hören sei. Aber ich habe oft den Eindruck, dass es dabei gar nicht mehr ums Zuhören und den Austausch von Argumenten geht, sondern es ist eine Selbstdarstellungsshow, jeder bekommt seine Rolle zugewiesen und soll diese erfüllen. Es war aus diesem Grund bisher meine bewusste Entscheidung, dort nicht hinzugehen.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk

MK: Das öffentlich-rechtliche Rundfunksystem wird in letzter Zeit heftig unter Druck gesetzt, in ganz Europa. Aus marktliberalen und neuerdings aus rechtspopulistischen Kreisen kommt der Vorschlag, man könne den öffentlich-rechtlichen Rundfunk radikal auf ein Grundversorgungsangebot zusammenschrumpfen oder ihn auch ganz abschaffen, denn heutzutage gebe es in der Medienwelt ja genug andere Kanäle, um sich zu informieren oder zu unterhalten...

Kardinal Woelki: Die öffentlich-rechtlichen Sender abzuschaffen, hielte ich für fatal. Ich halte es für eine ganz große Errungenschaft, dass wir sie haben und dass sie eben politisch unabhängig und kritisch die politische und gesellschaftliche Entwicklung unseres Landes begleiten und kommentieren. Das müssen wir uns auch etwas kosten lassen, und zwar nicht nur im politischen, sondern auch im kulturellen Bereich. Und die große Chance ist ganz einfach, dass wir da nicht kommerzialisiert werden und dass wir uns da nicht einfach mit den Themen beschäftigen, die gerade en vogue sind und mit denen man Quote machen kann, sondern dass gerade im öffentlich-rechtlichen Bereich Themen behandelt werden können und sollten, die von Bedeutung sind, das heißt, die mit Fragen des gesellschaftlichen Zusammenhaltes, mit Lebensfragen, mit Fragen der menschlichen Existenz zusammenhängen.

MK: Sie haben eben gesagt: Die Kirche ist ein Medium – eine interessante Perspektive. Es ist ja so, dass die katholische Kirche eben durch besondere Liturgien, durch besondere Mythen, durch besondere Wappen, durch Farben näher an jeder Form auch von Medientheorie und Medienreflexion ist als andere Kirchen Der bis heute weltweit einflussreichste Medientheoretiker, Marshall McLuhan, ist ein zum Katholizismus konvertierter Kanadier, Leo Kirch, der bekannteste deutsche Medienunternehmer, war ein dezidierter Katholik. Auf der anderen Seite waren publizistische Verbreitungsmedien immer Agenten der Säkularisierung, der gesellschaftlichen Aufklärung. Wie würden Sie dieses Verhältnis sehen? Würden Sie sagen, die Traditionspflege dieser katholischen Liturgien ist nach wie vor ein Vorteil im Wettstreit auch gesellschaftlicher, kultureller Meinungen und Institutionen?

Die katholischen Riten und die Medien

Kardinal Woelki: Auf jeden Fall! Die katholische Liturgie ist so angelegt, dass sie durch ihre Gestalt und einfachen Zeichen jedem Menschen verständlich sein soll. Allein dadurch, dass Farbe im Spiel ist, dass die Sinne angesprochen werden über die Liturgie und über all das, was wir mit Katholizismus im Grunde genommen verbinden. Die „Inszenierung“ ist kein Selbstzweck, sondern soll verdeutlichen: Hier geschieht etwas Wertvolles. Wenn Sie an diese großen Bilder zum Beispiel von der Beerdigung von Papst Johannes Paul II. auf dem Petersplatz denken – und wenn dabei dann noch eigentlich Zufälle oder Fügungen mit dazuspielen, also, wie der Wind in diesem Evangeliar spielt, das sind einfach Bilder, die nicht vergessen werden und die sich einfach tief einprägen. Und das macht natürlich einen großen Unterschied zu einer recht wortlastigen Feier aus, in der mehr oder weniger eine Gemeinde still sitzt und einen Text betet oder ein Wort hört. Diese katholischen Formen und diese Riten sind so sinnfällig, dass sie für Medien und für die Kommunikation in Medien natürlich sehr naheliegend sind.

MK: Es gibt auch großartige Spielfilme wie „In den Schuhen des Fischers“ mit Anthony Quinn und Oskar Werner, ein Film, der ja auch schon einen osteuropäischen Papst in den Mittelpunkt stellt, 1968. Diese Dialektiken von filmischer Projektion und Realität sind ja auch faszinierend.

Kardinal Woelki: Oh ja. Den Film kenne ich, sicher.

MK: Allein der Vatikan als Institution mit allen Mysterien und Verschwörungstheorien, das ist natürlich ein enormer Ankerpunkt der Berichterstattung.

Kardinal Woelki: Das stimmt. Obwohl ich mir natürlich ganz allgemein weniger Verschwörungstheorien wünsche, weil die meisten zwar schöne Geschichten sind, aber nur selten überhaupt etwas mit der Realität zu tun haben.

MK: Eminenz, vielen Dank für dieses Gespräch.

04.04.2018/MK

Print-Ausgabe 25-26/2018

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