Der europäische Traum

Zum 80. Geburtstag des früheren SWF-Justitiars und Arte-Vizepräsidenten Jörg Rüggeberg

Von Sabine Rollberg
26.07.2018 •

26.07.2018 • „Widersprüchlichkeiten im Leben können bereichernd und produktiv sein. Die Kunst, mit ihnen zu leben, lernt man beim Rundfunk allemal.“ Das schrieb der 1938 in Hanau geborene Jurist Jörg Rüggeberg 2004 in einer Festschrift für seinen Freund und Kollegen Wolfgang Tinnefeldt. Zusammen mit Dieter Lau waren Rüggeberg und Tinnefeldt, diese drei Juristen, nicht als Aprilscherz zum 1. April 1977 zum damaligen Südwestfunk (SWF) nach Baden-Baden gekommen, gleichzeitig mit dem neuen Intendanten Willibald Hilf. Sie meinten es ernst, sie wollten dort etwas bewegen. Man nannte sie „die Dreierbande“. Sie flüsterten dem Kohl-Freund Hilf den Enthusiasmus für Europa ein. Beim Südwestfunk traf Rüggeberg auf einige Mitstreiterinnen und Mitstreiter – wie zum Beispiel Gerd Opitz –, denen die Aussöhnung mit Frankreich eine Herzensangelegenheit war.

Jörg Rüggeberg wurde 1984 Leiter des SWF-Justitiariats. Und als zwischen Bundeskanzler Kohl und Frankreichs Staatspräsident Mitterrand das Projekt eines europäischen Fernsehsenders konkreter wurde, war es naheliegend, dass der SWF-Chefjurist Rüggeberg mit der Ausarbeitung des Staatsvertrags für Arte betraut wurde, wie der Sender, der in Straßburg seinen Sitz erhielt, dann heißen sollte. Es ist der einzige Staatsvertrag zwischen einem Staat, also Frankreich, und den deutschen Bundesländern (seinerzeit noch elf). Rüggebergs Basisarbeit für Arte wuchs zu einer tiefen Bindung; Liebe wäre das angemessene, aber dann doch falsche Wort, denn dieses Gefühl reserviert der Familienmensch für seine Frau, Kinder und Enkelkinder, die das internationale Gen von ihm geerbt haben.

Er verhandelte und formulierte

Jörg Rüggeberg kandidierte 1993 für den frei werdenden Intendantensessel in Baden-Baden, verlor jedoch gegen Peter Voß, der parteipolitisch (unionsnah) besser vernetzt war: Der Gewinner wollte den Konkurrenten dann gerne sofort aus den Augen verlieren und schlug Rüggeberg für den Posten des stellvertretenden Arte-Präsidenten in Straßburg vor, mit der baldigen Option, dann erster deutscher Arte-Präsident zu werden. Rüggeberg zog 1995 noch in das alte Arte-Gebäude in der Straßburger Innenstadt. Er kam nicht als Arte-Debütant, wie die meisten anderen, er kannte die Strukturen, er hatte sie ja selbst verhandelt und formuliert.

Herzstück seiner Arbeit in Straßburg wurde einer der wenigen Punkte, die im Staatsvertrag für Arte konkret ausformuliert sind: die europäische Ausweitung des Senders, der ja ursprünglich das Projekt „Europäischer Kulturkanal“ (EKK) war. Dass in der Folge vieles so unkonkret blieb, hatte immer einen bitteren Nachgeschmack für den Juristen Rüggeberg. Ein Gründungsfehler von Arte ist in seinen Augen, dass die Ministerpräsidenten der Bundesländer, die den Arte-Vertrag unterschrieben haben, die weiteren Aufgabe sofort an die Landesrundfunkanstalten weitergegeben haben. Nur der Druck des damaligen Bundeskanzlers Kohl (CDU), übermittelt vom baden-württembergischen Ministerpräsidenten Lothar Späth (CDU), habe die ARD-Anstalten dazu gebracht, dem Arte-Konstrukt beizutreten. Die Drohung war damals, so hieß es, dass im Fall der Verweigerung kein Politiker mehr mit den Öffentlich-Rechtlichen je wieder über eine Gebührenerhöhung sprechen werde.

Jörg Rüggeberg verhandelte also mit vollem Elan unter anderem auch mit den Spaniern um den Beitritt und wunderte sich, als ihn ZDF-Intendant Stolte energisch ausbremste. Das ZDF ist wie die ARD Gesellschafter von Arte und die Senderchefs bestimmen die Arte-Geschicke auf der deutschen Seite. Als Rüggeberg Stolte auf den im Staatsvertrag gestellten Auftrag zur Europäisierung hinwies, antwortete der Herr vom Lerchenberg, das wolle keiner der Entscheider auf der deutschen Seite, denn wenn außer Deutschland und Frankreich noch andere Länder dazukämen, würde der deutsche Anteil am Arte-Kuchen kleiner. Das Interesse der deutschen Intendanten konzentriere sich rein auf das Finanzielle, hat Jörg Rüggeberg immer bedauert: „Was in den Arte-Strukturen an Widersprüchlichkeiten liegt, überschreitet das vertraute Maß freilich bei weitem“, schreibt er in der eingangs zitierten Festschrift. Arte sei für die deutschen Intendanten ein ungeliebtes Kind und Rüggeberg wusste um deren Ablehnung gegen eine europäische Erweiterung.

„Es läuft doch alles zur Zufriedenheit der Beteiligten und das Image ist so prächtig“, befand etwa der damalige ZDF-Intendant Dieter Stolte – wieso solle man dann etwas ändern? Und so lehnten die Verantwortlichen von Arte Deutschland nicht nur die mit den französischen Partner Arte France eingeleiteten Bemühungen um eine weitere Europäisierung ab, sondern auch Rüggebergs Aufforderung an die deutschen Sender, Werbung oder Programmhinweise für Arte zu senden. Der Arte-Vizepräsident durfte seine Wünsche an die deutschen Gesellschafter nicht einmal selbst in deren Gesellschafterversammlung vortragen. Das lehnten diese in ihrem Bestreben, die Straßburger – und dazu zählte auch Rüggeberg – kleinzuhalten, ab.

Rüggeberg setzte sich dafür ein, dass Straßburg, also der Arte-Sitz, mehr Kompetenz zur Programmgestaltung bekommt. So machte er sich nicht beliebt bei den deutschen Senderchefs, deren primäres Interesse an dem deutsch-französischen Projekt sich darauf beschränkt, Geld von Arte zu bekommen für Programm, das zwar zuerst bei Arte ausgestrahlt wird, dass sie dann aber nach sechs Monaten Arte-Exklusivität unendlich lange weiter ausstrahlen können, ohne dafür bezahlt zu haben.

Entscheidendes für Arte beigetragen

Jörg Rüggeberg war ja mit der Aussicht nach Straßburg gekommen, vom Stellvertreter zum Präsidenten des Senders zu werden. Als Vize hatte er sich dafür warmgelaufen. Im Gründungsvertrag war ein Wechsel auf dem Arte-Chefsessel zwischen einem deutschen und einem französischen Vertreter alle zwei Jahre festgelegt. Seit der Gründung von Arte 1991 war der Franzose Jérôme Clément Monsieur le Président. Auf den ersten fälligen Wechsel hatte die deutsche Seite verzichtet, weil sie keinen geeigneten Kandidaten gefunden hatte.

Zum zweiten Wechseldatum sollte nun Jörg Rüggeberg antreten. Einen Fehler hat er in dieser Zeit ganz sicher begangen: Beflissen hatte er mit Clément und anderen Parisern stets in seinem frisch gelernten Französisch gesprochen, was jedoch keinen Respekt einbringt. An den Kandidaten stellte nun der Vorsitzende der deutschen Gesellschafterversammlung, NDR-Intendant Jobst Plog die Frage, welche Truppen denn hinter Rüggeberg stünden, wohlwissend, dass dessen Heimatsender, der Südwestrundfunk (SWR), Nachfolgesender des SWF, mit seinem ehemaligen Gegenspieler Peter Voß ihn mitnichten unterstützen würde. Jobst Plog war inzwischen im Luberon Ferienhausnachbar von Jérôme Clément geworden. Das bindet mehr als alte Zusagen.

So blieb Jörg Rüggeberg Vizepräsident von Arte. Die Wochenzeitung „Die Zeit“ (Ausgabe Nr. 40/1996) kommentierte die merkwürdige Kandidatenkür damals mit der Überschrift „Deutsche Deppen: Die Präsidentenkür beim Kultursender Arte“. Rüggeberg kehrte dann zur Familie nach Baden-Baden zurück, er hat sich den Traum, was aus Arte aus erweiterter europäischer Sicht hätte werden können, erhalten. Und noch immer ist er erfüllt vom Glück, Entscheidendes für diesen außergewöhnlichen Sender beigetragen zu haben. Am heutigen 26. Juli wird Jörg Rüggeberg 80 Jahre alt. Herzlichen Glückwunsch zu diesem Geburtstag!

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Sabine Rollberg, seit Anfang dieses Jahres im Ruhestand, arbeitete als WDR-Redakteurin, ARD-Auslandskorrespondentin und Arte-Chefredakteurin.

26.07.2018/MK

Print-Ausgabe 23/2019

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