Die Charta der Autoren

Film, Fernsehen, Drehbuch: Interview mit Orkun Ertener zur Initiative „Kontrakt'18“

Von Harald Keller

21.07.2018 • Im Vorfeld des diesjährigen Filmfests München (28. Juni bis 7. Juli) sind über 90 deutsche, vornehmlich für das Fernsehen tätige, teils preisgekrönte Drehbuchautoren am 9. Juni mit einer ungewöhnlichen gemeinsamen Erklärung an die Öffentlichkeit getreten. Darin verpflichten sich die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner unter der Überschrift „Kontrakt'18“, nur noch in Vertragsverhandlungen über neue Projekte einzutreten, sofern ihnen eine Stärkung ihrer urheberschaftlichen Rolle im Produktionsprozess, konkret: mehr Mitspracherecht und Einfluss gewährt wird. Für manche der Beteiligten sind die genannten Vertragsklauseln bereits berufliche Wirklichkeit. Insofern handelt es sich bei der Erklärung in gewisser Hinsicht auch um einen symbolischen und solidarischen Akt: Was bisher einigen wenigen als Privileg zugebilligt wird, soll gemäß ausländischem Vorbild – in der begleitenden Presseerklärung beziehen sich die Verfasser auf die USA, Großbritannien, die skandinavischen Länder und Frankreich – zur selbstverständlichen Praxis werden. Auslöser, um tätig zu werden, war ein Eklat beim Deutschen Fernsehpreis 2018, als die Drehbuchautoren der nominierten Produktionen in der sogenannten „ersten Einladungsrunde“ nicht berücksichtigt wurden. Nach Protesten dagegen wurden die Drehbuchautoren dann doch noch zur Preisverleihungsgala eingeladen (vgl. hierzu ausführlich MK-Artikel). Für die MK sprach Harald Keller mit dem Drehbuchautor Orkun Ertener, der gemeinsam mit seinen Kollegen Kristin Derfler, Annette Hess und Volker A. Zahn einer der Initiatoren der „Kontrakt'18“-Initiative ist, der seit Veröffentlichung der Erklärung viele weitere Autorinnen und Autoren beigetreten sind (vgl. MK-Meldung und Dokumentation). • MK

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MK: Herr Ertener, über 90 Drehbuchautorinnen und -autoren, Sie eingeschlossen, haben eine Erklärung mit der Überschrift „Kontrakt'18“ erarbeitet und veröffentlicht, in der sie vertragliche Verbesserungen vor allem im Hinblick auf Anerkennung und Stärkung ihrer Urheberschaft bei Fernsehproduktionen einfordern. Wie ist es zu dieser Initiative gekommen?

Ertener: Die Vorgänge um den Deutschen Fernsehpreis 2018 waren die Initialzündung. Es gab schon vorher diesen Gedanken, eine Charta der Autoren zu entwerfen, eigene Bedingungen zu formulieren, um unsere Arbeit aus unserer Sicht sinnvoll zu machen. Darüber haben wir schon länger diskutiert. Aber nach dem Fernsehpreis im Januar – das war ja tatsächlich ein sehr symbolträchtiger Ausschluss der Autoren aus der Branche…

MK: …deutlicher hätte man es nicht machen können.

Ertener: Ja, deutlicher hätte man es nicht machen können. Im Internet gibt es eine interne Plattform mit knapp 60 Autorinnen und Autoren. Dort haben wir dieses Thema diskutiert. Relativ bald sind Kristin Derfler, Annette Hess, Volker A. Zahn und ich zusammengekommen und haben überlegt: Was können wir machen? Kurz vor der diesjährigen Berlinale gab es ein Treffen mit ungefähr 20 Kollegen in Köln, auf dem wir diese Punkte, die wir vier vorab entworfen hatten, ausgearbeitet haben. Dann haben wir begonnen, das im Internet zu diskutieren. Relativ kontrovers zum Teil. Wir haben das vorbereitet, bis es dann zu einem größeren Treffen im Hotel „Savoy Berlin“ kam, das war am 24. Mai. Über 30 sehr, sehr bekannte, renommierte und vor allem erfahrene Kollegen waren dabei. Die Atmosphäre war sehr schön, konstruktiv. Wir haben sehr konzentriert und präzise gearbeitet und dann ist daraus diese Erklärung entstanden.

MK: Wenn Sie sagen, es sei kontrovers diskutiert worden: Gibt es denn Kollegen, die nicht einverstanden sind?

Ertener: Es gibt keinen Kollegen, der das inhaltlich ablehnt. Es gibt allerdings Kollegen, die sich das vielleicht im Moment aufgrund ihrer ökonomischen Situation und ihres vielleicht noch nicht so ausgeprägten Namens oder ihres noch nicht so ausgeprägten Renommees noch nicht zutrauen. Es wird vielleicht im ersten Schritt nicht für alle funktionieren, sondern nur für den Teil, der da unterschrieben hat. Das Kontroverse war eigentlich: Können wir uns das trauen? Die Antwort der Mehrheit war dann: Ja. Wir können uns das trauen.

MK: Die Unterzeichner kündigen an, nur noch dann in Vertragsverhandlungen eintreten zu wollen, wenn die Punkte des Kontrakts eingehalten werden. Kommen bei der Durchsetzung nicht Einnahmeverluste oder Einnahmeeinbußen auf sie zu? Sind sie dahingehend abgesichert?

Das kostet die andere Seite ja kein Geld

Ertener: Eine Streikkasse meinen Sie? Nein. Das ist ja auch kein Streik. Es gibt Kollegen, zu denen gehöre ich auch, bei denen diese Punkte in den Verträgen bereits enthalten sind. Die Punkte, die wir in unseren Verträgen haben wollen, kosten ja kein Geld. Es geht darum, die kreative Kontrolle über das Buch zu behalten, eine einvernehmliche Lösung bei der Regie zu finden und sich im weiteren Prozess der Filmherstellung bis zum Schluss produktiv zu beteiligen. Das kostet die andere Seite, den Produzenten, den Sender, kein Geld und ich glaube, unsere – vielleicht sehr optimistische – Prognose ist, dass es im Wesentlichen zumindest bei den renommierten Kollegen auch nicht zu Einkommensverlusten kommen wird. Davon gehe ich nicht aus. Es muss ein Umdenken stattfinden. Das ist jetzt ein Versuch, die Kultur unserer deutschen Fernsehlandschaft ein bisschen zu ändern. Das Denken zu ändern, die Arbeit der Autoren und Autorinnen so in den Vordergrund zu heben, wie es in anderen Ländern längst selbstverständlich ist.

MK: Gab es diesbezüglich eigentlich Veränderungen, Brüche in der Fernsehgeschichte? Früher kannte man ja als Zuschauer durchaus Autorennamen wie Herbert Reinecker oder Wolfgang Menge, auch andere.

Ertener: Herbert Reinecker hatte natürlich eine solitäre Position, weil er alle Krimis damals geschrieben hat fürs ZDF, für den Freitagabend, vom „Kommissar“ über „Derrick“ bis Ich-weiß-nicht-was. Insofern war er bekannt und hat seine Familie für die nächsten Generationen schon finanziert. Wolfgang Menge hat diese frühen Events gemacht, war auch ein großer Name, aber sonst… Uns beiden fallen viele Namen ein aus dieser Zeit damals, aber allen anderen wahrscheinlich nicht. Ich glaube, dass diese Fixierung, das Primat der Regie, schon immer dagewesen ist. Möglicherweise auch durch die Herkunft des Fernsehens vom Theater und nicht vom Kino. Das wäre meine These. Der Regisseur als Gesamturheber – das hat hier eine sehr, sehr starke Tradition. In den USA, Großbritannien, überall sonst im Serien-Bereich ist in den letzten Jahren viel passiert. Eine Entwicklung, die bei uns sehr, sehr verzögert eingesetzt hat, vor zwei, drei, maximal vier Jahren. Es ist ja hier wirklich lange Jahre nichts passiert. Davon kann auch ich ein Lied singen, von der ZDF-Serie „KDD – Kriminaldauerdienst“ und anderen Dingen, die hier nicht funktioniert haben. Hier ist die Tradition des Regiefernsehens und des Produzentenfernsehens bis heute etwas Ungebrochenes.

MK: Also ist ein neues Denken gefragt, keine Rückbesinnung auf etwaige bessere Zeiten.

Ertener: Es gab ganz sicherlich bessere Zeiten, tatsächlich sogar, was die Serie angeht. Aber das wäre jetzt ein Fachgespräch… In den 1970er und Anfang der 1980er Jahre, als so genuin deutsche Serien entstanden sind – von Autoren wie Stromberger, Fassbinder, Reitz –, da gab es bessere Zeiten. Aber was das Thema angeht, das wir jetzt besprechen, gab es keine besseren Zeiten.

MK: An wen richten sich Ihre Forderungen?

Wir wollen nur noch unter diesen Umständen arbeiten

Ertener: Die Adressaten sind eigentlich alle Branchenkollegen. Zuallererst natürlich Produzenten. Ich würde es aber nicht „Forderungen“ nennen. Das ist ja im Grunde eine Selbstverpflichtung. Dass man sagt: Wir wollen nur noch unter diesen Umständen arbeiten. Aber wer das zur Kenntnis nehmen, akzeptieren und mit uns darüber in einen Dialog treten sollte, sind natürlich zuallererst die Produzenten, wo es tatsächlich auch Unterstützer gibt, auch Wertschätzung gegenüber der Arbeit von Autoren. Also Produzenten, Sender, auch durchaus die Regie, wo wir auch ganz viele Kolleginnen und Kollegen kennen, mit denen man gut zusammenarbeiten kann, wo, sagen wir mal, unsere Gleichrangigkeit wahrgenommen werden muss. Diese drei Hauptbereiche sind es.

MK: Können Sie Beispiele nennen für negative Formen der Zusammenarbeit?

Ertener: Ich muss es etwas allgemeiner sagen. Es ist immer ein Film oder eine Serie – obwohl es in der Regel auch faktisch nicht der Fall ist – eines Regisseurs oder eines Schauspielers. Gucken wir zum Beispiel auf die Amazon-Serie „You Are Wanted“ mit Matthias Schweighöfer. Da hat natürlich jetzt Schweighöfer auch Regie geführt und das ist total auf ihn zentriert. Die Kollegen, die die Bücher geschrieben haben, laufen unter dem Radar. Deren Arbeit wird sozusagen unterschlagen. Was grundsätzlich ein Problem ist, sind die sogenannten „Regiefassungen“. Es gibt auch die Auffassung, es gebe eigentlich keine Regiefassungen, sondern Drehfassungen. Regisseure schreiben sich gerne – manchmal sind sie sogar vertraglich dazu verpflichtet, zumindest behaupten sie das – eine Regiefassung, die nicht vom Autor abgenommen werden muss oder wo keine Rücksprache gehalten werden muss. In der dann sehr, sehr starke Eingriffe vorgenommen worden sind. Es gibt – das können Sie nachlesen auf der Internetseite des Bundesverbandes Regie – eine Selbstdarstellung unter der Definition „Was sind die Aufgaben der Regie?“. Da wird dann auch das Drehbuch als Aufgabe der Regie definiert und die Gesamturheberschaft in Anspruch genommen. Da ist so ein schöner Satz drin, das ist ganz witzig, ich hol’s mal gerade auf den Bildschirm und zitiere: „Allgemeine Definition: Regisseur oder Regisseurin sind bei der Entstehung eines Films von der Vorbereitung bis zum fertigen Werk die entscheidende künstlerisch-gestaltende Kraft. Sie sind nicht nachschaffende Interpreten eines vorbestehenden Werkes, sondern Gestalter einer originalen Schöpfung.“ Und dazu steht vorher noch: „Gemeint ist der Haupturheber am Fernsehwerk“, der das „gegebenenfalls im Zusammenwirken mit anderen Mit-Urhebern gestaltet, zum Beispiel Kamera.“ Steht hier. An einer anderen Stelle ist von der „Verständigung über die beabsichtigte Gesamtwirkung des Filmwerks und der erforderlichen Produktionsmittel mit Produzent und/oder Fernsehsender“ die Rede – der Autor ist da gar nicht erwähnt in der Selbstdarstellung des Regieverbands. Daraus kann man auch einiges schließen.

MK: In welchem Umfang würden Sie denn den Regisseuren Eingriffe zugestehen? Es war ja zum Beispiel so, dass selbst Robert Townes Drehbuch zu „Chinatown“, das allgemein als eines der besten aller Zeiten angesehen wird, von Regisseur Roman Polanski nicht eins zu eins übersetzt, sondern partiell gekürzt wurde. Gerade in Hollywood sind ja massive Eingriffe ins Drehbuch eher die Regel als die Ausnahme.

Film ist immer ein Kollektivwerk

Ertener: Das kann man, glaube ich, nicht mathematisch oder arithmetisch ermitteln. Es kommt uns auf die vertrauensvolle Zusammenarbeit an. Mag das jetzt auch wie ein Spruch klingen. Wenn es sich tatsächlich in der Vorbereitung, bei den Leseproben oder wo auch immer ergibt, dass der Regisseur Veränderungen vorschlägt, Verbesserungen, was auch immer, da wird sich kein Autor und keine Autorin finden, die das verweigern. Es geht um die Mitarbeit, um die weitere Kontrolle. Film ist immer ein Kollektivwerk. Das ist tatsächlich so. Jeder Szenenbildner, Schauspieler, Schnittmeister bringt große kreative Energie ein. Das ist gar nicht die Frage. Vor allem wenn es sich um Originalstoffe handelt – das heißt, ich habe die Idee, ich schreibe das Buch –, möchten meine Kollegen und ich nicht an irgendeinem Punkt von unserem Werk getrennt werden. Das ist kein Verfügungsmaterial. Ich bin der Urheber. Ich bin der Komponist, wenn Sie so wollen. Natürlich ist die Interpretation dann Sache des Orchesters und des Dirigenten. Aber wir wollen nicht von unserem Werk getrennt werden. Ich glaube, niemand ist so sehr zu Zugeständnissen bereit wie wir, weil das zur Berufsdefinition gehört, Zugeständnisse zu machen. Es geht nur darum, beteiligt zu bleiben. Um die Abstimmung.

MK: Die Arbeitsbedingungen in den USA werden häufig als positives Beispiel angeführt, auch in Ihrer Pressemitteilung zu „Kontrakt'18“. Aber sind die Autoren dort wirklich in einer besseren Situation? Die Autoren-Produzenten sind teils ja Unternehmer und tragen damit einiges Risiko. Und sind keineswegs gegen Willkürmaßnahmen gefeit, wie unter anderem das Beispiel Frank Darabont zeigt, der gegen seinen Willen von seinen Aufgaben als Showrunner der Serie „The Walking Dead“ entbunden wurde. Welche Praktiken der US-Branche wären für Deutschland erstrebenswert, welche eher nicht?

Ertener: Man kann schon sagen, dass sich die ja zum Teil wirklich sehr, sehr hohe Qualität und Innovationskraft einzelner Serien der Handschrift der jeweiligen Showrunner oder Creators, derjenigen, die das Werk tatsächlich erfunden und in die Welt gebracht haben, verdankt. Das ist, glaube ich, der Vorteil daran, die Kontrolle zu haben – der Showrunner, der dann in einem Writers Room mit Staffwritern zusammenarbeitet. Was Sie sagen, ist aber auch richtig, und diese Diskussion wird wohl auch in Deutschland kommen müssen. Es wäre ja dann Rosinenpicken, wenn die Autoren sagen, wir hätten gern die vollständige Kontrolle, wir wollen aber nicht das Risiko tragen. Der Autoren-Produzent, der Showrunner, trägt auch Risiko. Er hat ungleich mehr Chancen, Geld zu verdienen und Gewinn zu maximieren; aber das bedeutet natürlich auch, dass er ein Risiko tragen muss. Diese Verbindung zwischen Writing und Producing gibt es auch in Deutschland immer häufiger. Aber das ist etwas, was wir auch unter uns Autoren noch weiter diskutieren müssen. Auch zusammen mit Produzenten. Unsere Erklärung „Kontrakt'18“ geht ja in die Richtung, mehr Verantwortung übernehmen zu wollen. Und irgendwann muss das auch unternehmerische Verantwortung, unternehmerisches Risiko sein.

MK: Man kann sich vorstellen, dass nicht jedem der organisatorische und kaufmännische Part liegt, dass manche sich lieber ganz auf die kreative Arbeit konzentrieren möchten.

Ertener: Es gibt ganz unterschiedliche Charaktere und Wünsche, absolut. Es gibt Kollegen, die lieber schreiben und nur schreiben und nicht mit im Schneideraum sitzen. Ich bin da anders. Es gibt aber etliche Kollegen, die so sind wie ich. Es geht darum – so abgedroschen es vielleicht klingt –, die Kontrolle über das Werk zu behalten. Das ist dann auch Mehrarbeit; die Inhalte unserer Erklärung führen dann ja auch zu mehr Arbeit. Aber wenn das künstlerische Ergebnis so ist, wie ich es mir annähernd vorstelle, wenn meine Handschrift dann noch sichtbar ist – dafür übernehme ich dann gerne Risiko und Verantwortung.

MK: In den USA ist es mehrfach vorgekommen, dass Fernsehautoren den gesamten Produktionsbetrieb lahmlegen konnten, weil sie dort in den Gewerkschaften bestens organisiert sind. Wäre so etwas in Deutschland denkbar? Oder wenigstens wünschenswert?

Eine Marktmacht wie die Autorengewerkschaften in den USA

Ertener: Würde ich mir das wünschen? Definitiv ja. Dass wir diese Marktmacht hätten. Aber wir sind nicht so gewerkschaftlich organisiert. Wir sind als Autoren in einem Verband organisiert. Das Berufsbild ist hier nicht so einheitlich definiert wie in den USA. Die Gewerkschaft „Writers Guild of America“ ist eine unglaublich starke Organisation und das sind wir hier leider nicht. Sie merken ja auch möglicherweise – was jetzt nicht als Kritik zu verstehen ist –, dass wir eine Privatinitiative ins Leben gerufen haben und das nicht innerhalb des Verbands gemacht haben. Obwohl durchaus Wohlwollen von Seiten des Verbands da ist. Die meisten Autoren, die auf dieser Unterschriftenliste verzeichnet sind, sind Verbandsautoren. Und dennoch haben wir das außerhalb des Verbands gemacht, weil bei uns dieser Verband definitiv diese Macht nicht hat.

MK: Liegt das auch daran, dass viele Drehbuchautoren – ähnlich wie Journalisten – Individualisten, Einzelkämpfer sind?

Ertener: Das sind wir. Aber das ist jetzt dieser Zusammenschluss, die Vernetzung, die auch über neu entstehende Plattformen und regelmäßige Konferenzen stattfinden soll, was ich sehr, sehr wichtig finde. Wir werden Ende dieses Jahres eine Konferenz abhalten, wo wir die ersten Ergebnisse zusammentragen und diskutieren wollen. Sie haben vollkommen Recht, bislang ist es so, dass Autoren, wahrscheinlich tatsächlich ähnlich wie freie Journalisten, Einzelkämpfer sind. Das hat es aber auch leicht gemacht, sie gegeneinander auszuspielen – was die Übernahme von Drehbüchern angeht oder jemandem das Drehbuch wegnehmen und jemand anderen beauftragen und so weiter. Absolut, ja. Autoren sind traditionell Einzelkämpfer. „Kontrakt'18“ versucht, etwas dagegen zu unternehmen.

MK: Sie haben eine geplante Konferenz angesprochen. Was geschieht noch, wie wird es weitergehen?

Ertener: Wir kommen jetzt zum Münchner Filmfest mit unserer Erklärung raus. Es gibt viel Medienresonanz in den großen Blättern, in den Branchenblättern ohnehin. Ich glaube, das wird eine große Diskussion auslösen, weil das ein unerwarteter Schritt ist. Wir werden sehen, wie das ab dem 1. Juli in künftige Verträge einfließen wird. Einvernehmliche Entscheidungen über die Regie, Autorisierung der Drehfassung – das ist schon quasi ein revolutionärer Akt. Es ist wirklich so. Wir werden sehen, was andere dazu sagen werden. Es wird ein Dialog losgehen und materiell wird dann die Frage sein: Wie schlägt sich das in den Verträgen und den Arbeitsbedingungen nieder? Wir werden sehen, ob die Produzenten sagen: ‘Nein, auf gar keinen Fall, solche Verträge schließe ich nicht ab.’ Wir werden uns austauschen. Diese Leute, die die Erklärung unterschrieben haben, werden sich permanent miteinander kurzschließen, werden über ihre Erfahrungen berichten, nicht erst auf der Konferenz, sondern auch vorweg, in geschlossenen Foren und natürlich auch in persönlichen Gesprächen. Ich glaube, das ist eine große Stärke; wenn es Verträge gibt, die wegen „Kontrakt'18“ nicht zustande kommen, dann werden die Kollegen sofort informiert werden.

MK: Punkt 6 der Erklärung enthält eine Selbstverpflichtung zu solidarischem Handeln. Demnach übernehmen die Unterzeichner Buchüberarbeitungen nur noch, wenn sie sich mit den vorher tätigen Autoren abstimmen können. Wie verhält es sich denn mit ‘inoffiziellen’ Adaptionen ausländischer Fernsehserien? Wenn Angebote kommen, eine ausländische Produktion ohne Lizenzerwerb ins Deutsche zu übertragen? Wären da nicht auch sensiblere Arbeitsformen angebracht?

Ertener: Solche unglücklichen Angebote sind mir auch schon gemacht worden. Das ist eine interessante Frage [lacht]. Tatsächlich habe ich darüber bisher nicht nachgedacht, was Punkt 6 angeht. Bei Punkt 6 geht es um die Arbeit von Kollegen, denen Bücher entzogen worden sind. Aber Sie haben vollkommen Recht – es ist ja geistiges Eigentum von anderen Menschen aus anderen Ländern. Darüber sollten wir reden. Darauf habe ich noch keine Antwort. Ich kann nur sagen, dass ich das rundweg ablehne. Aber ich glaube auch, dass das abgenommen hat. Ich weiß nicht, ob ich mich irre. Aber ich meine, das war früher, in den 1990er Jahren, als das Privatfernsehen seine Hochzeiten hatte, bei den TV-Movies, wo man Kinofilme eins zu eins abgekupfert hat und solche Sachen – ich meine, dass das abgenommen hat.

MK: Das gab und gibt es nicht nur bei den Privaten. Wobei ich mir manchmal nicht sicher bin, ob die Redakteure es nicht gemerkt haben oder ob sie es tatsächlich so gewollt haben…

Ertener: Ich bin sicher, sie haben es gewollt [lacht].

21.07.2018/MK

Print-Ausgabe 24/2018

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