In Gefahr in Nordeuropa

Prix Europa 2018: Der Hörspielwettbewerb und die Situation des Genres

Von Rafik Will

20.11.2018 • Es ist das größte europäische Rundfunkfestival, das jetzt wieder vom 14. bis 19. Oktober ausgerichtet wurde: In Berlin und Potsdam kamen rund 1000 Medienschaffende aus über 30 Ländern zum trimedialen Wettbewerb Prix Europa zusammen, der nun zum 32. Mal ausgerichtet wurde. Präsentiert und bewertet wurden Einreichungen aus den drei Medienbereichen Fernsehen, Radio und Online. Hieraus wurde in insgesamt zwölf Kategorien das jeweils beste Stück gekürt und mit einer Stier-Trophäe geehrt. Seit dem letzten Jahr sind die Preise nicht mehr dotiert (vgl. MK-Artikel).

Auf dem Gebiet des Hörspiels gab es in diesem Jahr 30 Nominierungen. 18 von ihnen traten um den Titel des besten Einzelstücks an, bei den anderen zwölf Produktionen ging es um die beste Serie. Die Jury setzte sich wie stets aus Hörfunkschaffenden zusammen, meist Vertreter der Redaktionen der einreichenden Anstalten. Die Vorführungen der Stücke und die daran anschließenden Diskussionen fanden in Berlin im ‘Haus des Rundfunks’ beim gastgebenden Sender, dem Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB), statt.

Vertauschte Jury-Begründungen

Das Hörspiel mit seinen beiden Preiskategorien sorgte bei der Abschlusszeremonie des diesjährigen Prix Europa, die zum ersten Mal in der Potsdamer Schinkelhalle stattfand, auch für das gewisse Extra an Nervenkitzel. Denn die Jury-Begründungen für die beste Serie und das beste Einzelstück waren offensichtlich vertauscht worden, so dass die jeweiligen Laudatoren mit verkehrten Zetteln auf der Bühne standen. Die Gewissheit, wer den Preis und die damit verbundene Stier-Skulptur für sich verbuchen konnte, ließ am Abend des 19. Oktober in diesem Fall deshalb auch etwas auf sich warten.

Glücklicherweise wurden aber nicht die ‘falschen’ Preisträger ins Rampenlicht gerufen. So konnten sich nach ein paar Schrecksekunden die aus Großbritannien angereisten Repräsentantinnen des Stücks „The Chosen One“ über die Auszeichnung ihrer Produktion als bestes Hörspiel („Best European Radio Fiction of the Year“) freuen. Das mit illusionistischer Klangkulisse aufwartende, rein szenisch aufgebaute Hörspiel, handelt von einer Art V-Frau, die verdeckt in einer indischen Sekte ermittelt und dabei Opfer einer Verschwörung wird. Sie will Beweise gegen den Sektenguru sammeln, der ihre Schwester in den Selbstmord getrieben hatte.

Bemerkenswert ist, dass das von Goldhawk Productions für die BBC fabrizierte Hörspiel, das von der Sektenaussteigerin Avi Garvi verfasst wurde, bei der Herstellung mit enorm hohem Reiseaufwand verbunden war, denn die Aufnahmen wurden in Indien durchgeführt – eine Jagd nach Authentizität, die man selbst bei Filmproduktionen eher selten findet.

Weniger lange warten musste die Redakteurin von Danmarks Radio, um die Trophäe für die beste Serie („Best European Radio Fiction Series of the Year“) entgegennehmen zu können, denn da war die Sache mit den vertauschten Jury-Begründungen sozusagen schon Routine und die Sache schnell gemanagt. Ausgezeichnet wurde die Produktion „The Thing With Liv“ von Judith Budtz Sørensen. Es handelt sich um eine mit Laiendarstellern realisierte Jugendhörspielserie, die sich in zehn Folgen mit der multiperspektivischen Aufklärung eines Falls von sexualisierter Gewalt auseinandersetzt.

Auch sonst dominierten unter den 30 Hörspielnominierungen die schweren Themen. Ebenfalls mit sexualisierter Gewalt unter Teenagern beschäftigte sich das isländische Stück „Manners“ von María Reyndal, das allerdings zu sehr auf eine Mitleidsästhetik setzte. Sogar der Täter bekam hier eine herzzerreißende Backgroundstory und war die meiste Zeit des Stücks über am Weinen.

Offener Brief nach Dänemark

Ein anderes aktuelles Thema, das Absinken der Hilfsbereitschaft in Europa für Flüchtlinge, wurde in einigen der Stücke verhandelt. Die vom Saarländischen Rundfunk (SR) stammende Produktion „Diensterklärung“ von Chris Ohnemus veranschaulicht den ethischen Abstieg unserer Gesellschaft in einer streng nach Kapiteln gegliederten Selbstbetrachtung einer Flüchtlingshelferin von der ersten Stunde ihres Engagements an bis heute (vgl. MK-Kritik). Magda Woitzucks Stück „Die Schuhe der Braut“, eingereicht vom Öster­reichischen Rundfunk (ORF), arbeitete sich ebenfalls sprachlich und klanglich kunstvoll an dieser Selbstbespiegelung ab. Es stellte das ästhetisch wohl ambitionierteste Stück des Wett­bewerbs dar und wählte die Mittel einer mit biblischer Mythologie aufgeladenen Groteske. Und als düstere Integrationskomödie konnte auch das in Schwitzerdütsch gehaltene SRF-Hörspiel „Fasch es Fescht“ („Fast ein Fest“) aus der Feder des Autors Peter Weingartner überzeugen.

Krieg kam in der Runde der beim Prix Europa 2018 präsentierten Hörstücke weniger als gegenwärtiges denn als historisches Thema vor. Terrorismus als thematischer Gegenstand wurde meist in das Feld der Science-Fiction-Geschichten verbannt. Ansonsten regierte die Zeitlosigkeit: Fantasy-Inszenierungen für Groß und Klein, tragikomisch aufgemachte Geschichten von Krankheiten und anderen schweren Einzelschicksalen und manchmal auch witzige Abenteuerkomödien zum Hören. Am überzeugendsten war hier „Wrapped“, das vom öffentlich-rechtlichen irischen Rundfunk RTÉ produzierte Hörspieldebüt der Theaterautorin Tracy Martin. In ihrem Stück lösen sich zwei Frauen aus ihren Abhängigkeitsverhältnissen, um zuerst zu einer starken Gemeinschaft zu verschmelzen und sich dann bald nach ihren eigenen Bedingungen in die Nesseln zu setzen.

Ortswechsel: Von Berlin nach Potsdam

Besondere Erwähnung beim diesjährigen Hörspielwettbewerb verdient ein von den Mitgliedern der Jury unterzeichneter offener Brief an Danmarks Radio, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk Dänemarks. In dem Brief ist die dringende Bitte formuliert, die Hörspielabteilung der Rundfunkanstalt nicht, wie vorgesehen, ersatzlos zu streichen. In Dänemark hatte die rechtsliberale Regierung in diesem Jahr beschlossen, die Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks von einem Gebühren- auf ein Steuermodell umzustellen, was mit großen Einsparungen einhergehen und somit auf allen Gebieten des Senders zu einer massiven Einengung des Angebots führen wird (vgl. MK-Artikel). So sollen ab 2019 drei von acht Radiowellen und ebenfalls drei von sechs Fernsehkanälen bei Danmarks Radio eingestellt werden. Es könnte also sein, dass beim Prix Europa künftig keine dänischen Hörspiele mehr ausgezeichnet werden können, da Danmarks Radio womöglich bald mangels einer entsprechenden Abteilung gar keine Stücke mehr einreichen kann – Hörspiel in Gefahr in Nordeuropa.

Unterzeichnet wurde beim Prix Europa im Vorfeld der Abschlusszeremonie auch die sogenannte „Potsdamer Erklärung“, in der sich 21 Rundfunkorganisationen, darunter Arte, der RBB, das ZDF, der ORF und das Deutschlandradio wie auch die BBC und France Télévisions, zu einem starken öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Europa bekennen.

„The Cleaners“ beste TV-Dokumentation

Im Fernsehbereich ging auch eine Stier-Trophäe mit nach Deutschland: Die internationale Koproduktion „The Cleaners“ (Gebrüder Beetz Filmproduktion) gewann den Preis als beste europäische TV-Dokumentation. Der 85-minütige Film von Hans Block und Moritz Riesewieck zeigt die Arbeit von Menschen, die verstörende Aufnahmen aus sozialen Netzwerken löschen. Von deutscher Seite waren an der Produktion die ARD-Rundfunkanstalten WDR, NDR und RBB beteiligt. Auch der deutsch-französische Sender Arte war Koproduzent. In Deutschland wurde der Film, der zunächst im Kino lief, im Fernsehen unter dem Titel „Im Schatten der Netzwelt – The Cleaners“ ausgestrahlt (am 28.10.18 bei Arte und am 11.9.18 im Ersten Programm der ARD). Als Journalist des Jahres wurde beim diesjährigen Prix Europa der Franzose Laurent Richard für das von ihm initiierte staatenübergreifende Recherchekollektiv „Forbidden Stories“ ausgezeichnet.

Den Shuttle-Service von Berlin zum Abschluss-Event in Potsdam wird es im Übrigen 2019 nicht mehr brauchen: Ab dann findet der Prix-Europa-Wettbewerb für die nächsten fünf Jahre komplett in der brandenburgischen Landeshauptstadt statt. In Berlin – man kennt das durchaus – scheint es wieder einmal finanzielle und strukturelle Probleme zu geben.

20.11.2018/MK

Print-Ausgabe 24/2018

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren