Mariola Brillowska: Die Kochastronautin (Ö1/ORF)

24.09.2018 •  „Kochen in der Raumstation“ – so heißt nicht nur der Titel eines Songs im Stück, so lautet auch die Tätigkeits- und Ortsvorgabe in dem poppigem Semi-Improvisationshörspiel „Die Kochastronautin“ von Mariola Brillowska. Das äußerst phantasiereiche und doppelbödige Stück entstand als Produktion der Autorin im Auftrag des Österreichischen Rundfunks (ORF) und wurde Ende August in dessen Programm Ö1 urgesendet.

Als Heldin tritt in dem Hörspiel die „Sternen-Köchin“ Lola Brzozadrzewska in Erscheinung. Die Polin will die schlechte Stimmung an Bord der internationalen Raumstation ISS durch frisch zubereitete Speisen verbessern und dort die Ära der Fertiggerichte beenden. Besonders am Herzen liegt es ihr dabei, „die Russen vom Dosenfisch runterzubringen“. Mal ehrlich: Das ist doch eine heldenhafte Mission! Das in Aluminium gebannte, mit Öl oder Tomatensauce übergossene Fischfilet-Elend bringt einen schließlich bei jedem Verzehr erneut zu der Erkenntnis, dass sowohl der Fisch als auch man selbst etwas Besseres verdient hätte.

Allerdings hat die Profiköchin Lola mit allerlei Hürden zu kämpfen, um ihrem Beruf auch nachgehen zu können. Das fängt schon beim strikten Alkoholverbot auf der Raumstation an – dabei betrachtet die Protagonistin dehydrierten Wodka als eine der wichtigsten Zutaten beim Kochen –, und es geht weiter damit, dass in ihrer Küche ein Fenster mit Blick auf die Sterne im All fehlt, ein Blick, den sie als Sternenköchin jedoch dringend zur Inspiration benötigt. Der sehr lustige Vorschlag des Bordpersonals lautet, einfach ein Loch in die Außenwand zu zimmern.

In Passagen wie der zuletzt genannten machen sich die aus dem Improvisationstheater stammenden Anleihen bemerkbar: Raumgrenzen werden – übrigens ein sehr hörspielaffiner Einfall, schade, dass so etwas nicht öfter geschieht – im Dialog definiert, wissenschaftliche Plausibilität spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Diese Methode ist eine beeindruckend verspielte und freie Annäherung ans Medium Hörspiel, die man von Brillowskas Arbeiten, die bisher vor allem mit Günter Reznicek als Koautor entstanden sind, kennt und schätzt. Reznicek tritt übrigens auch bei diesem Hörspiel wieder in Erscheinung. Von ihm stammt der taumelig-gedämpft daherkommende Song „Alkohol auf der ISS“.

Die Songs, Geräusche und eventuell auch einige Punkte des Handlungsverlaufs waren natürlich vorproduziert bzw. vorbereitet, wodurch „Die Kochastronautin“ nur teilweise ein Improvisationsstück ist. Aber schon die ungezwungene Sprechhaltung, die man sonst nur selten antrifft, macht deutlich, dass hier nicht Wort für Wort, Satz für Satz ein Skript abgearbeitet wurde, sondern die gesprochene gegenüber der geschriebenen Sprache mindestens einen gleichwertigen Rang einnimmt.

Abgesehen von dieser außergewöhnlichen Ästhetik überzeugt das 55-minütige Hörspiel auch auf der inhaltlichen Ebene. Nahrungsmittelzubereitung und Raumfahrt sind Tätigkeitsbereiche, die entweder als weiblich oder männlich konnotiert gesehen werden. Lola bricht mit diesen Zuschreibungen, indem sie beide Berufe für sich verknüpft.

Und dann bringt Lola einen noch mehr zum Nachdenken. Denn sie wird von der restlichen Crew eher als nerviger Hausdrachen oder als Sexobjekt betrachtet denn als gleichwertiges Mitglied der Mission. Ihr Kochen wird also nicht als professionelle Berufstätigkeit akzeptiert, sondern wieder in die Sphäre der Care-Arbeit platziert. Und wer an die zahlreichen Fernsehköche denkt oder die Küchenchefs in Restaurants, die mit Sternen ausgezeichnet werden, muss zugeben, dass hier wieder die Männer dominieren. Frauen wird es zwar negativ angelastet, wenn sie nicht kochen können; wenn sie aber kochen können, müssen sie das meist im Rahmen unbezahlter oder schlecht bezahlter Fürsorgetätigkeiten tun und selbst eine professionelle Sterneköchin wird dann auch schnell wieder zur Kompaniemutter degradiert.

Das Hörspiel „Die Kochastronautin“ ist online auf Mariola Brillowskas „Soundcloud“-Seite weiterhin nachzuhören. Wer gerne mal einen durchdachten und trotzdem vor Spontaneität sprühenden Science-Fiction-Plot hören möchte, der mit Humor und grotesken Wendungen aufwartet, sollte sich das Stück unbedingt anhören. Nicht zu vergessen mit Blick auf die Qualität dieser Produktion sind auch die sehr flexiblen und doch rollenstabilen Sprecher – Felix Kubin, Petra McCoy, Philipp Mummenhoff, Ludger Dünnebacke, Stefan Eckel und Mariola Brillowska selbst –, die das Stück, hervorragend unterstützt von Bela Brillowskas Musik, zu einem runden Hörvergnügen machen.

24.09.2018 – Rafik Will/MK