25. Zonser Regionalhörspieltage: Wenig Interesse der ARD am Genre

Von Waldemar Schmid

13.07.2018 • Das Arbeitstreffen war der 25. Zonser Regionalhörspiel-Wettbewerb mit einer Preisvergabe. Vom 6. bis 8. Juni trafen sich im Internationalen Mundartarchiv (IMA) des Rhein-Kreises Neuss in Zons (Dormagen) wieder 20 Medienfachleute und Regionalhörspiel-Redakteure von ARD, ORF und SRF, also aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, um unter anderem das beste Regionalhörspiel des Jahrgangs zu küren und auch den Darstellerpreis zu verleihen. 1993 fanden die Zonser Regionalhörspieltage erstmals statt.

Die großen ARD-Anstalten Westdeutscher Rundfunk (WDR) und Bayerischer Rundfunk (BR) hatten, wie schon öfters, in diesem Jahr erneut keine Wettbewerbsbeiträge eingereicht, auch der kleine Saarländische Rundfunk (SR) war diesmal nicht dabei. Die ARD-Sender, so hat es den Anschein, haben nur noch wenig Interesse am Genre Regionalhörspiel.

Niederdeutsch hat eine Lobby

Mit insgesamt acht Einreichungen lag aber die Anzahl der Wettbewerbsstücke bei diesen 25. Regionalhörspieltagen dennoch etwas über dem Standard. Der Hessische Rundfunk (HR) war wieder einmal mit einer Produktion vertreten, die aber eher als dokumentarisches Hörstück daherkam: Es handelte sich um „Mein Freund Lennie oder Die Reise“ von Ulrich Gerhardt (Buch und Regie). Der Autor ließ seinen in die USA ausgewanderten Schulkameraden Lennie in dessen amerikanisiertem Frankfurterisch Erinnerungen vortragen. Das Stück war eine Koproduktion des HR (federführend) mit dem Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) und dem Deutschlandfunk Kultur. Es war im vorigen Jahr von der Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste zum Hörspiel des Monats September gewählt worden (vgl. MK-Meldung).

Es gehört zu den Besonderheiten des Zonser Regionalhörspiel-Wettbewerbs, dass Genre-Überschreitungen bei den eingereichten Stücken immer mehr zur Regel werden. Sie werden auch immer nötiger, denn das Genre Regionalhörspiel schwächelt quantitativ. Und genregerechte Vergleiche aller zum Wettbewerb eingereichten Stücke zu ziehen, ist nicht einfach.

Es wurde auch in diesem Jahr wieder deutlich, dass aus den Regionalstudios kommende Produktionen vorwiegend erzählende Stücke sind, in denen Text und Aufbau nicht unbedingt dem Standard etwa von modernen Kunsthörspielen entsprechen können. Ganz extrem hörte man das bei dem Tirol-Stück „Mazeltov, Adolf!“ (Ö1/ORF) von Uli Brée; Regie führte Martin Sailer. Hier wurden Vorgänge aus der Nazi-Zeit und aktuelle rechte Ideologien in vielleicht gutgemeinter political correctness aufeinander bezogen; es endete dann aber als Schmonzette wie aus einem Blut-und-Boden-Heimatfilm. Die Landesstudios des Österreichischen Rundfunks produzieren keine Regionalhörspiele mehr, die Einreichung des ORF-Studios Tirol für den Zonser Wettbewerb war eine Ausnahme.

Der obligatorische Check des Ist-Bestandes an Sendeplätzen für Regionalhörspiele ergab wenig Neues: Niederdeutsch hat in den Senderegionen von Radio Bremen und Norddeutschem Rundfunk (NDR) eine mächtige Lobby, Südwestrundfunk (SWR) und Mitteldeutscher Rundfunk (MDR) produzieren auch weiter, vom Bayerischen und Westdeutschen Rundfunk hört man weiterhin wenig bzw. nichts, für den Österreichischen Rundfunk gilt auch eher Fehlanzeige, während der Schweizer Rundfunk SRF von der Definition des Deutschweizerischen als Mundart(en) profitiert; zudem werden dort neuerdings experimentelle Stücke für das Programm SRF 2 Kultur produziert, die hier durchaus für eine kleine Renaissance des Mundartlichen sprechen.

Darstellerpreis für Wolfram Berger

Die Themen der Wettbewerbsstücke waren mehrheitlich aktuell. Zwei befassten sich mit Flüchtlingsschicksalen: das Kinderhörspiel „Ezad und Luca“ (SRF 1) von Suzanne Zahnd (Regie: Julia Glaus) und „Freundschaft, das ist wie Heimat“ von Kathrin Hildebrand (Regie: Günter Maurer), realisiert vom SWR-Studio Tübingen für das Programm SWR 4 Baden-Württemberg. Ein Kindesmissbrauchsfall war Hintergrund von Hugo Rendlers für SWR 4 produziertem alemannischen Hörspiel „Unterm Schnee“ (Studio Freiburg), inszeniert von Kirstin Petri. Die Liebe zwischen zwei jungen Menschen mit Behinderung wurde in der Radio-Bremen-Einreichung „Een Fall vun Leevde“ („Ein Fall von Liebe“) thematisiert, einem Stück von Helga Bürster unter der Regie von Hans Helge Ott.

Unterschiedliche Welt- und andere Sichten hörte man von den Polizisten Lothar-Ost und Lothar-West zwischen Polizeidienst und Indianerkriegsspielen im MDR-Hörspiel „Manitu“ von Holger Böhme (Regie: Gabriele Bigott). Kein lockeres Spiel mehr war das Thema in „Fasch es Fescht“ („Fast ein Fest“) von Peter Weingartner, einer Produktion von SRF 1 (Dramaturgie und Regie: Reto Ott). Aber eben auch ‘Archivthemen’ waren mit dabei, wie das schon genannte Stück „Mein Freund Lennie oder Die Reise“ und wie das dokumentarische Hörspiel „Der Bergfex – Luis Trenker ungeschminkt“ (RBB Kulturradio) von Jan Decker, inszeniert von Anouschka Trocker (vgl. MK-Kritik).

Mit knapper Mehrheit sprach die Jury dem MDR-Hörspiel „Manitu“ den Zonser Hörspielpreis zu und damit dem Autor Holger Böhme, der damit das Preisgeld von 2500 Euro von der Kulturstiftung der Sparkasse Neuss entgegennehmen durfte. Es wurde bei diesem Hörspiel (vgl. MK-Kritik) die humorige Art der Dialoge gewürdigt, die Präsenz des Leipziger Sächsisch von Lothar-Ost-Darsteller Jörg Schüttauf als Kontrast zur Standardsprache von Lothar-West (Gustav Peter Wöhler) sowie das Hörenlassen von stabilen Ost/West-Vorbehalten, das eine augenzwinkernde Auseinandersetzung auf Augenhöhe bewirke, so die Jury.

Der undotierte zweite Preis ging an das SWR-4-Stück „Unterm Schnee“ von Hugo Rendler. Hier war es neben der meisterlichen Komposition von Musik und Geräuschen eine Regie, welche die alemannischen Erzählsplitter in Bewegung und den Hörer in Bann hält. Wichtig war dabei das behandelte Thema Kindesmissbrauch. Den dritten Preis (ebenfalls undotiert) erhielt das schweizerische Hörspiel „Ezad und Luca“. Hier sei kindgerecht das Thema Migration und Integration behandelt worden, so die Jury, auch die Musik habe die Stimmungen bestens getroffen.

Den seit fünf Jahren ausgeschriebenen „Zonser Darstellerpreis“, dotiert mit 1000 Euro (hälftig gestiftet von der ARD und der Sparkassenstiftung Neuss), erhielt in diesem Jahr der in Graz geborene Schauspieler und Hörspielsprecher Wolfram Berger. Er gilt in Österreich als einer der vielseitigsten Theater-, Film-, Radio- und Performancekünstler, er ist ein Meister der Sprachen, Dialekte und Regiolekte. Im Anschluss an die Preisverleihung unterhielt er das Publikum in Zons mit einer 15-Minuten-Sprechsolo-Groteske zum Phänomen Mundart.

13.07.2018 – MK