Auf Erneuerungskurs

Österreichische Hörspieltage erstmals in Hainburg an der Donau

Von Angela di Ciriaco-Sussdorff

27.06.2018 • Im Lauf ihrer über 40-jährigen Geschichte haben die Österreichischen Hörspieltage mehrfach den Ort gewechselt. Ins Leben gerufen wurden sie Anfang der 1970er Jahre von Jan Rys in Unterrabnitz im Burgenland. Jan Rys, ein zu Lebzeiten sehr bekannter und geschätzter Autor, hatte genügend kollegiales Potenzial, um anderen Autoren und Autorinnen aus dem Hörspielbereich eine Plattform zu geben, auf der mit Ausdauer über fertige Produktionen wie auch über Lesungen noch unfertiger Texte diskutiert, beraten und gestritten werden konnte. Ein Hauch von Anarchie wehte damals, Textarbeit, begleitet von burgenländischen Spirituosen, umwehte die Beiträge der Eingeladenen.

Danach fanden die Hörspieltage auf Initiative Günter Ungers in Rust am Neusiedlersee statt. Unger war damals beim Österreichischen Rundfunk (ORF) Literaturchef des Landesstudios Burgenland. Und das Städtchen Rust, es ist ebenfalls ein Locus amoenus, ein von klappernden Störchen und heftigen literarischen Ambitionen belebter Tagungsort. Dann gab es ein Jahr Unterbrechung und anschließend wurden die Österreichischen Hörspieltage von dem Theater- und Hörspielautor Helmut Peschina weitergeführt, zuerst in Horn und danach, ab 2004, in Berging bei Neulengbach in Niederösterreich.

Ein strengerer Geist

Peschina, geschätzter Bearbeiter klassischer Stoffe und Präsident des Verbandes der österreichischen Dramatikerinnen und Dramatiker, setzte sich vehement und erfolgreich für die Fortführung der Tagung ein und leitete sie sieben Jahre lang. Ab dem Jahr 2012, übernahm dann der Schriftsteller und mehrfach ausgezeichnete Dramatiker Robert Woelfl die Leitung und er lenkt die Hörspieltage seither ebenfalls mit Sachkenntnis und Diplomatie. Unterstützt wird er dabei unter anderem vom Regisseur Götz Fritsch, dem Altmeister der Szene, und dem immer wieder passioniert für junge Talente eintretenden Klangzauberer und Komponisten Peter Kaizar.

Gefördert werden die Hörspieltage mittlerweile nicht mehr vom ORF, sondern von der Kunstsektion des österreichischen Bundeskanzleramts, dem Land Niederösterreich, der Verwertungsgesellschaft Literar-Mechana und dem Verband der österreichischen Dramatikerinnen und Dramatiker. Seit diesem Jahr nun haben die Österreichischen Hörspieltage erneut ein neues Domizil: Hainburg an der Donau, östlich von Wien gelegen, kurz vor der slowakischen Grenze. Mit der dort 1723 gegründeten Tabakmanufaktur sollte seinerzeit die mittelalterliche, stark bewehrte Stadt wirtschaftlich unterstützt werden, die durch die Türkenbelagerung schwer getroffen worden war. Im Jahr 2001 wurde aus der Manufaktur nach wechselvollem Schicksal die „Kulturfabrik“ unter der Ägide des Landes Niederösterreich und aus dem gegenüberliegenden, imposanten Minoritenkloster ein gut geführtes Tagungshotel.

Nach den idyllischen und unkompliziert-charmanten Tagungsorten der Vorjahre können sich nun die Hörspielmacher in einem eher klassischen Ambiente mit klaren Baulinien, Donaublick und einem Genius loci bewegen, der einen ganz eigenen Einfluss auf die Tagung zu haben scheint. Womöglich wird sich das in den nächsten Jahren ändern, aber in diesem ersten Jahr in der Hainburger „Kulturfabrik“ (10. bis 13. Mai 2018) wehte ein etwas strengerer, allerdings auch disziplinierter Geist, von dem viele angetan waren – wiewohl er bei den Teilnehmern doch noch die Sehnsucht nach den Wiesen von Berging, Rust oder Unterrabnitz aufkommen ließ.

Etwas Unerlässliches fehlte

Aber die Zeiten haben sich geändert. Und auch das Konglomerat von Individualisten, das die Tagung kennzeichnet, muss sich dem stellen. Bemerkt wird dies von den Teilnehmern – die ja alle Spezialisten ihres Mediums sind – gleich zu Beginn: Etwas bisher für selbstverständlich Gehaltenes fehlt, nichts Künstlerisches, aber etwas für die Wirkungskraft einer solchen Tagung eigentlich Unerlässliches – es fehlen ganz überwiegend die Vertreter der deutschsprachigen Rundfunkanstalten. Der ORF hatte mit Kurt Reissnegger den Leiter des Bereichs ‘Literatur und Feature’ entsandt, dessen Kennerschaft auch im Hörspielbereich unbestritten ist. Für die Sender aus Deutschland war (auch die ARD vertretend) Jakob Schumann anwesend, beim Deutschlandfunk Kultur verantwortlich für Krimis, geboren 1987, vom Theater kommend und voller Interesse für den Hörspielbereich. Alle anderen Rundfunkanstalten, auch die der deutschsprachigen Schweiz, hielten sich diesmal mit der Entsendung von Dramaturgen zurück.

Zweifellos ist der Werkstattcharakter von jeher ein Merkmal der Österreichischen Hörspieltage gewesen. Wichtig für alle, die als freie Kreative im Medium Radio tätig sind – sei es als Autor, als Regisseur, als Komponist –, sind Austausch und Anregung, auch heftige Kritik. Aber selbstverständlich haben solche Tagungen mehr oder weniger offen den Charakter einer Börse. Man hofft und möchte die fertige Produktion in den Programmen der Sender unterbringen. Die Informationen hierzu bringen die fest angestellten Redakteure bzw. Dramaturgen mit in ihre Rundfunkanstalten mit. Außerdem lernen sie die Macher kennen, diese bekommen ein Gesicht; es können neue Projekte verabredet werden und dabei wären der redaktionellen Phantasie keine Grenzen gesetzt.

Die Grenzen indes waren diesmal anderer Art, sie bestanden nämlich darin, dass – bis auf die beiden Genannten – keine weiteren Sendervertreter in Hainburg anwesend waren. Das wird hoffentlich im nächsten Jahr wieder anders sein. Man darf dabei nicht vergessen, dass selbst fest angestellte Redakteure Gäste der einladenden Organisationen sind. Den jeweiligen Sender kostet das quasi nichts, allenfalls einen einzigen Arbeitstag der Freistellung, denn die Österreichischen Hörspieltage finden immer von Donnerstag (Feiertag) bis Sonntag statt. Ein kleines „Opfer“, sollte man meinen, für die Arbeitgeber.

Das Hörspiel hat zu kämpfen

Das Hörspiel ist ja nach wie vor ein gerne gezeigtes Feigenblatt der Sender, wenn es um Finanzen geht und der Kulturauftrag der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten belegt werden muss. Dann wird es flugs aus dem Ärmel geschüttelt und die „einzige genuine Kunstform des Radios“ mantrahaft beschworen. Ansonsten zerhackt man (etwa beim WDR; vgl. diese MK-Meldung) große Produktionen auf ein Miniformat mit Ausstrahlungen in rund dreißigminütigen Sendeteilen – und hat sogar die Unbekümmertheit, dies als kulturtragende Maßnahme zu verkaufen. Einige Sender haben insgesamt ihr Hörspielprogramm zurückgesetzt, Sendezeiten werden eingedampft und Stellen von in Pension gehenden Hörspielredakteuren werden immer häufiger nicht nachbesetzt. Das Hörspiel hat derzeit zu kämpfen und nicht nur einer der rund 50 Teilnehmer in Hainburg hörte da ein Totenglöcklein bimmeln.

Aber so weit ist es noch lange nicht. Das Hörspiel hat sich in vielen Dekaden von manchen Tiefs erholt und dann wieder Aufschwung genommen. Vor allem war und ist es ein Probelabor für viele junge Talente, die sich ihrerseits natürlich auch und vor allem an ein junges Publikum wenden, das ganz offensichtlich nicht nur bei Twitter et al. versanden möchte. Umso mehr gilt es, die Erneuerung der Österreichischen Hörspieltage zu intensivieren: Man möchte dieses Biotop der Medienlandschaft für ein breiteres Publikum öffnen. Die Klagenfurter Bachmann-Tage könnten hierfür als Blaupause dienen.

Der „Slabbesz“-Preis

Wie in den Jahren zuvor stellten sich auch bei den diesjährigen Hörspieltagen die Macherinnen und Macher wieder dem Fachpublikum von Kolleginnen und Kollegen. Jeweils drei bis vier Einreichungen pro Halbtag – ein strammes Programm also – wurden gemeinsam gehört, begleitet von wechselnden, fachkundigen Moderatoren.

Und eine Besonderheit, die auf den Hörspieltagsgründer Jan Rys zurückgeht, blieb natürlich erhalten. Es ist der spezielle Preis dieser Tagung: Rys erfand, von Sliwowitz gestärkt, diesen undotierten Preis, dem er den skurrilen Phantasienamen „Slabbesz“ gab. Was immer das heißen mag – dieser „Slabbesz“ (was ja fast ein wenig wie „Sliwowitz“ klingt) ist eine Freude für jeden, der die Auszeichnung mit nach Hause nehmen darf. Eine CD mit der Aufnahme der ausgezeichneten Produktion plus anschließender Diskussion dient dabei als „Kokarde“. Auch das ein kleines Beispiel dafür, wie Erfindungsreichtum pekuniären Mangel ersetzen kann.

Allerdings wäre es sinnvoll, diese Auszeichnung bei den künftigen Veranstaltungen wieder mit mehr Bedacht zu verleihen. Diesmal wurde der Preis – im Gegensatz zu dem ansonsten in Hainburg herrschenden strengeren Geist – an über die Hälfte der Tagungsbeiträge vergeben, wodurch sich wiederum keine Produktion nennenswert von den anderen absetzte. Weniger wäre hier auf jeden Fall mehr gewesen. Die Tagungsleitung wird dies sicherlich überdenken, um dem Preis in Zukunft und über den Rahmen der Tagung hinaus mehr Ansehen zu geben. Dies wiederum ist wichtig, um den Österreichischen Hörspieltagen insgesamt in der Wahrnehmung der deutschsprachigen Rundfunkanstalten wie auch der Hörer das ihnen zustehende Gewicht zu geben.

27.06.2018/MK