Chris Ohnemus: Diensterklärung. Eine Selbstbetrachtung für mehrere Stimmen (SR 2 Kulturradio)

Flüchtlingshelfersyndrom

03.11.2017 • Pogrome rechtsradikaler Gruppen und auch sogenannter Normalbürger, die eine mental undifferenzierte Fremdenfeindlichkeit und Phobie vereint, schockieren seit Jahren die liberale und ‘weltoffene’ Gesellschaft. Seltener nimmt die Öffentlichkeit Nachrichten über die Hilfsbereitschaft von einzelnen Personen und sozialen Gruppen wahr, die Flüchtlingen und Asylanten helfen und im besten Fall deren Integration fördern. Das ist der soziale Hintergrund, den das Hörspiel „Diensterklärung“ auf das Flüchtlingshelfersyndrom fokussiert.

Im Mittelpunkt des Stimmenhörspiels, das Dialoge und Chorpartien integriert, steht die Ich-Erzählerin, eine namenlose 47-jährige berufstätige Frau, verheiratet und Mutter einer Tochter. Die Frau zieht aus den im Fernsehen gezeigten Bildern über das Flüchtlingselend eine ihr Leben verändernde Konsequenz. Denn sie kann sich dem, was sie da im Fernsehen sieht, nicht entziehen: „Biblisch anmutende Bilder [...]. Die Frau mit dem Kopftuch und um sie herum sie ängstlich umklammernde hungrige Kinder. Einwanderungsgruppen, erschöpfte [...] Männer mit Bärten um durstige Lippen, das Trauma des Krieges, die Spuren der Hölle in den Gesichtern.“ Der Chor der Helfer kommentiert: „Jahrhundertgeschichte im Daily-Format.“

Die Ich-Erzählerin spürt eine „Last“ der Mitverantwortung und zugleich den „Ehrgeiz“ zu helfen. Sie opfert jede freie Stunde ihrer Mission: Sie hilft den Flüchtlingen mit vielen Diensten, sie kocht für sie, sie macht Botengänge zu den Ämtern, sie gibt Sprachunterricht und sie versucht auch emotionale Beziehungen zu den Menschen aufzubauen. Sie möchte mit ihrem sozialen Engagement und ihrer Empathie die Schuld ihrer Familiengeschichte abtragen: „Meine Vorfahren waren selber Soldaten und Mörder, Zerbombte und Flüchtlinge [...]. Die Traumata unserer eigenen Kriege. Jetzt können wir etwas darüber erfahren.“

Die Frau zahlt einen hohen Preis für ihre „Diensterklärung“: Sie lässt die Wohnung verwahrlosen, vernachlässigt ihre pubertierende Tochter, entfremdet sich von ihrem Ehemann und sie erleidet eine neuronal bedingte Krankheit. In der Auszeit reflektiert sie ihr Engagement, das vom Ehemann und ihrer Freundin als „naiv, romantisch, eine Flucht“ kritisiert wird. Sie selber artikuliert ihre Enttäuschung über das Fehlverhalten und auch die Kriminalität einzelner Flüchtlinge und verhehlt nicht ihre Resignation: „Ich war enttäuscht, von mir und den anderen, ernüchtert und traurig, wie nach einem Rausch.“ Am Schluss des Hörspiels (Untertitel: „Eine Selbstbetrachtung für mehrere Stimmen“) benennt die Frau die Crux des Helfersyndroms: „Wie wäre es, nicht immer nur helfend, sondern auch nehmend und fordernd zu sein?“

Chris Ohnemus, Jahrgang 1964, hat in ihrem Text einem ebenso aktuellen wie brisanten Themenkomplex ein nachdenkenswertes Detail dargestellt. Dramaturgisch wenig überzeugt dabei der aus vier Helfern bestehende Chor, der teilweise überflüssige Kommentare evoziert. Im Übrigen weiß nur der Leser des Manuskripts dieses Hörspiels, dass eine Studentin, eine Arzthelferin, eine Migrantin und ein „Ossi“ den Chor bilden. Regisseur Martin Zylka, der für den Saarländischen Rundfunk (SR) bereits einige Hörspiele der Autorin realisiert hat, ist bei der 50-minütigen Produktion „Diensterklärung“ unter dem Strich eine gute Arbeit zu attestieren und das gilt auch für das Sprecher-Ensemble mit Anne Ratte-Polle als Ich-Erzählerin in der Hauptrolle.

06.11.2017 – Norbert Schachtsiek-Freitag/MK