Andauernde Veränderung

30. Prix Europa: Die integrative Institution Arte und der Hörspielwettbewerb

Von Jochen Meißner

31.10.2016 • „Changing Europe!“ war das Motto des Prix Europa 2016, der vom 15. bis 22. Oktober im Berliner Haus des Rundfunks ausgerichtet wurde. Die Veranstalter konnten dabei ein Jubiläum begehen, der Wettbewerb, der sich im Untertitel als „The European Broadcasting Festival“ bezeichnet, ging jetzt zum 30. Mal über die Bühne.

Die Verlaufsform im Motto deutet an, dass der Veränderungsprozess andauert, als dessen Teil man sich beim Prix Europa begreift und der in Richtung Integration läuft. Und das ganze sei kein leichtes Unterfangen, wenn man sehe, wie derzeit in Ungarn, Polen und auch in der Türkei die Freiheit der Presse eingeschränkt werde, wie Cecilia Benkö Lamborn, die Intendantin des öffentlich-rechtlichen schwedischen Rundfunks und die Präsidentin des Prix Europa, in ihrer Festrede zum 30-Jährigen anmerkte. Der „Lifetime Achievement Award“ des Wettbewerbs ging diesmal denn auch nicht an eine Person, sondern an „eine integrative Institution“: den in Straßburg ansässigen deutsch-französischen Kulturfernsehsender Arte, dessen Präsident Peter Boudgoust (auch SWR-Intendant) den Preis in Berlin entgegennahm. Arte veranstaltet mittlerweile auch Webradio.

Zum Jubiläum hatte der Prix Europa die neue Wettbewerbskategorie „Digital Audio“ ausgeschrieben, die audiobasierte Formate vom Podcast bis hin zu Social-Media-Aktivitäten umfasst. Erster Gewinner wurde hier die dänische Podcast-Serie „Ringbindsattentatet“ („Der Aktenordner-Attentäter“), in der es um einen ungeklärten Mordfall aus den 1980er Jahren geht. Der WDR war in dieser Kategorie mit dem Hörspielprojekt „Anmerkung 24“ (vgl. MK-Kritik) angetreten.

Schmetterling und Biene

Hätte man sich im Hörspielwettbewerb für die Kategorie „Radio Fiction“ ein eigenes Motto wünschen können, so wäre es der Appell „Float like a butterfly sting like a bee“ gewesen, mit dem sich der Boxer Muhammad Ali 1964 (als er noch Cassius Clay hieß) erstmals für einen Kampf motivierte. Denn nur selten schwebte das Hörspiel wie ein Schmetterling oder stach wie eine Biene.

Verwendet haben das Zitat Florent Barat (Autor, Regisseur) und Sébastien Schmitz (Komposition, Koregisseur) in ihrer fünfteiligen Hörspielserie „Beaux Jeunes Monstres“ („Schöne junge Monster“), die den Prix Europa im Hörspielbereich „Serien und Mehrteiler“ erhielt. Muhammad Ali dient in der Serie als Inspirationsquelle für den unter Kinderlähmung leidenden 14-jährigen William, der sich kaum artikulieren kann und trotzdem zusammen mit seinen ebenfalls gehandicapten Mitschülern einen Aufstand anzettelt.

Autor Florent Barat arbeitet seit 15 Jahren mit Behinderten, von denen man auch in der rotzig-humorvollen und wunderbar lebensbejahenden Radioproduktion hören konnte. Die Komposition von Sébastien Schmitz wurde von Christophe Rault abgemischt, der schon an den beiden Stücken beteiligt war, mit denen arteradio.com in den vergangenen Jahren jeweils den Prix Europa gewonnen hatte. So sorgte „Beaux Jeunes Monstres“ (RTBF), das produziert wurde vom unabhängigen belgischen ‘Collectif Wow!’, dann doch für einen Höhepunkt in der Hörspielkategorie des diesjährigen Prix Europa.

Hörspiel im gefährlichen Stadium

„Beaux Jeunes Monstres“ war nicht das einzige Stück, dass sich mit dem Phänomen des „Locked-in-Syndroms“ befasst hat – aber das einzige gute. In den anderen Hörspielen war es mal eine Kriegsverletzung, die für die Unfähigkeit zur Kommunikation mit der Außenwelt verantwortlich war, wie in der spanischen Produktion „El fusil de Johnny“ („Jonnys Gewehr“), mal waren dafür Unfälle verantwortlich, wie in den beiden BBC-Produktionen „Halfway Here“ („Auf halbem Weg“) und „The Sky is Wider“ („Der Himmel ist weiter“). Und das waren nur die Produktionen, in denen Komapatienten die Hauptrolle spielten.

Die Rückkehr der inneren Stimmen von Ich-Erzählern ins Hörspiel war beim Prix-Europa-Wettbewerb signifikant und lief gewissermaßen nach dem Motto „Lieg still wie ein Komapatient und rede wie ein Wasserfall“. Große Emotionen und ein kräftiger Druck auf die Tränendrüse durften da nicht fehlen. Kein Wunder, dass BBC-Hörspielchefin Alison Hindell in den täglichen Jury-Diskussionen in Berlin eine Lanze für das Genre Soap Opera brach und den etwas anspruchsvolleren Kollegen Snobismus vorwarf.

Damit hat eine Entwicklung, die man seit einigen Jahren besonders im skandinavischen und britischen Hörspiel beobachten kann, ein gefährliches Stadium erreicht. Aus der Tradition der üblichen „well-made plays“ wird das Hörspiel zu einem marketingorientierten Produkt gemacht, das möglichst die Reichweite des Programms erhöhen soll. Wenn man sich aber, bevor ein Autor auch nur den Computer hochfährt, Gedanken über Zielgruppen macht und über den Hörer möglicherweise verschreckende akustische Mittel, dann beraubt man sich ohne Not eben jener künstlerischen Freiheit, die der öffentlich-rechtliche Hörfunk immer noch genießt und aus der heraus er seine Existenzberechtigung bezieht. Eine gewisse Unzufriedenheit mit der Situation scheint man auch in den Hörspielredaktionen zu verspüren. Kein Wunder, dass es in den Stücken des Jahrgangs 2016 vor Komapatienten nur so wimmelte und auch das Genre der Dystopie gerne bedient wurde.

Als bestes europäisches Hörspiel wurde aber keines der explizit komatösen Hörspiele ausgezeichnet, sondern der Prix Europa ging in dieser Kategorie an die Produktion „Asjad“ („Dinge“), ein Stück, in dem die Hauptperson selbst freiwillig ihre Außenwelt nach und nach abschafft. In dem Hörspiel des estnischen Autors Andres Noormets ist der Protagonist auf dem Trip der Minimalisten und Das-eigene-Leben-Simplifizierer. Weil aber in einer materialistischen Welt die Dinge alles sind („Things are everything“, wie es auf Englisch im sonst in estnischer Sprache verfassten Stück heißt), muss konsequenterweise alles Materielle ausgelöscht werden. Selbst die eigene Erinnerung und das eigene Gedächtnis müssen überschrieben werden.

Neuer akustischer Raum

Das Stück von Andres Noormets endet mit einem Neustart, in dem sich aus sinnfreien Lautverbindungen ein neuer akustischer Raum bildet. „Ohne Raum kein Lebensraum“, sagt das neue Ich im Hörspiel und bricht in neue Welten auf. Auch in „Asjad“ überzeugte wieder das sorgfältig komponierte Sounddesign, das schon Noormets’ Hörspiele „Päev“ („Der Tag“) und „Vaikus ja Karjed“ („Stille und Schreie“) ausgezeichnet hatte. Mit letzterem Stück hatte der Estländer 2010 ebenfalls schon den Prix Europa gewonnen.

Die deutschen Beiträge „Und jetzt: Die Welt!“ (MDR) von Sibylle Berg (vgl. MK-Kritik) und „Herz der Finsternis“ (WDR) nach Orson Welles (vgl. MK-Kritik) landeten hier nur im Mittelfeld. Dafür schaffte es das vom Schweizer Rundfunk SRF zusammen mit dem WDR produzierte Hörspiel „Atlas der abgelegenen Inseln“ von Judith Schalansky und Thom Luz (vgl. MK-Kritik) auf den zweiten Platz – und das obwohl bzw. genau weil man sich in der Jury-Diskussion nicht einigen konnte, ob das überhaupt ein „Radio Drama“ im klassischen Sinne sei. Auch die „Fairy Songs & Pop Tales“, für die der Schweizer Rundfunk Poetry-Slammer beauftragt hatte, eine Mischform aus einem Popsong und einem Märchen zu entwickeln, kamen gut an. Weniger gut gefiel das sehr traditionell adaptierte Lustspiel „Die Juden“ von Gotthold Ephraim Lessing, das der Österreichische Rundfunk (ORF) hier ins Rennen geschickt hatte.

TV-Preise für WDR und ZDF-Koproduktion

Moderneres gab es vom rumänischen Rundfunk zu hören. In der Inszenierung ihres eigenen Stücks „Biblia Neagra a Lui William Blake“ („Die schwarze Bibel des William Blake“) setzte Ilinca Stihi einmal mehr auf das Hörspiel im Breitwandformat und überraschte mit einer sechsminütigen Eingangssequenz, die bis dahin die narrativste Soundkomposition des Wettbewerbs sein sollte. Jedenfalls so lange, bis der russische Rundfunk mit seiner Kurzhörspielreihe „Radio Esperanto“ kam. Dessen erste Folge „Happy Birthday, Darling“ handelt von einem Geburtstag der völlig außer Kontrolle gerät und in eine ebenso kriegerische wie komische Apokalypse mündet – und dazu brauchte es kein einziges Wort, sondern nur ein Schauspielerpärchen, dass die Melodie des Geburtstagsliedes trällert, und eine exzellente Soundkomposition.

Stücke, die sich mit dem aktuellen Thema Flüchtlinge und Migration beschäftigten, waren in der Hörspielkategorie nur zweimal vertreten (eines kam aus Bulgarien und eines aus Dänemark). In anderen Wettbewerben tauchte das Thema prominenter auf und zwei deutsche Produktionen waren dabei erfolgreich: Als bester Dokumentarfilm wurde die von Elke Sasse stammende, auf Handy-Videos von Flüchtlingen basierende Produktion „My Escape – Meine Flucht“ (WDR Fernsehen/Deutsche Welle; vgl. MK-Kritik) mit dem Prix Europa ausgezeichnet und der Prix Genève für das beste Debüt-Drehbuch ging an den Deutsch-Kosovaren Visar Morina für die WDR-Produktion „Babai – Mein Vater“. Als beste Fernsehserie wurde der isländische Zehnteiler „Trapped“ prämiert, der vom ZDF koproduziert wurde und in Deutschland im nächsten Jahr ausgestrahlt werden soll.

31.10.2016/MK

Print-Ausgabe 24/2018

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