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Die Talkshow nach dem „Tatort“: Jauch will nicht mehr, deswegen wieder Will

Von Dietrich Leder
12.06.2015 •

Es war eine Woche der Rücktritte. Erst verzichtete Sepp Blatter auf sein Amt als FIFA-Präsident. Dann traten die Deutsche-Bank-Chefs Anshu Jain und Jürgen Fitschen zurück. Fast zum selben Zeitpunkt gab Gregor Gysi, der Fraktionschef der Linken im Bundestag, bekannt, dass er sich aus der Politik zurückziehen werde. Und mitten in dieser Abschiedsorgie informierte am 5. Juni die ARD die Öffentlichkeit darüber, dass Günther Jauch zum Jahresende mit der nach ihm benannten ARD-Talkshow aufhören werde. Während Blatter und die Manager der Deutschen Bank nach wochenlanger massiver Kritik zurücktraten, schien Gregor Gysi nach 25 Jahren in politischen Funktionen zu erschöpft, um über sein 67. Lebensjahr hinaus einfach wie immer weiterzumachen. Bei Günther Jauch, 58, kann eine Mischung aus beiden Gründen zum Verzicht auf die Sendung geführt haben.

Jauchs Talkshow wurde von der ARD als das Flaggschiff ihrer politischen Gespräche verstanden. Das garantierte verbunden mit dem Sendetermin am Sonntagabend im Anschluss an den populären „Tatort“ jede Menge Aufmerksamkeit für den Starmoderator, aber auch eine ähnliche Portion an Kritik, die bald ebenso routiniert klang, wie Jauch seine Sendungen abspulte. Auch wenn er zu Beginn jeder Sendung immer noch – wenn es das Thema zuließ – sein Lächeln anstellte, das stets als Ausweis seines Charmes galt, wirkte er im Verlauf der Gespräche, vor allem dann, wenn sie sich in Details oder in Routinen verloren, stets ein wenig übelgelaunt.

Zu einer gewissen Dünnhäutigkeit, was Kritik angeht, kam eine sichtbare Erschöpfung hinzu: Jede Woche – außer in der Sommerpause – sich immer wieder aufs Neue ein tagespolitisches, gar ökonomisches oder soziales Thema zu erschließen und es mit Gästen der unterschiedlichsten Couleur zu besprechen, stellt schon höchste Ansprüche an einen Moderator. Vor allem, da sich Jauch in den zwanzig Jahren, bevor er mit „Günther Jauch“ begann, ja nicht mit vergleichbaren Themen beschäftigt hatte. Und seine Zeit als politischer Journalist lag weit zurück.

Er wird sich das alles vermutlich leichter vorgestellt haben. Was auch an einem Missverständnis lag. Günther Jauch verstand sich als Moderator, was für ihn seit seiner Zeit bei „Stern TV“ meint: als Sachwalter des gesunden Menschenverstands. In dieser Funktion begriff er sich als jemand, der nicht nur zum politischen Betrieb in einer gewissen Distanz stand, sondern auch zu den Journalisten, die diesen Betrieb tagein tagaus beobachten und kommentieren. Diesem Selbstverständnis ist eine gewisse Selbstüberschätzung einbeschrieben, der zufolge Jauch selbst daran glaubte, er könne selbst die Konflikte etwa einer Regierungskoalition, in einer Partei oder zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern einfach mit der Kraft des klaren und einfachen Wortes aufheben und in jene positive Stimmung überführen, die stets am Ende seiner RTL-Quizshow „Wer wird Millionär?“ herrscht, wenn alle irgendwie gewonnen haben. Doch Vergleichbares stellte sich nur selten am Sonntagabend im Ersten ein.

Und auch die ARD könnte sich ein Stück weit befreien

Zudem war diese Moderatoren-Praxis in der Politik selbst populär geworden. Bundeskanzlerin Merkels Moderation der Welt- wie der Innenpolitik in der Form, wie sie diese öffentlich darstellt und vorführt, steht deutlich in der Tradition von Günther Jauch. Auch der Protest einer Partei wie der AfD hat mit ihrem Gestus, mit dem sie einfache Lösungen verheißt, viel gemein mit dem Anspruch, mit dem Jauch jede Woche antrat. (Das wurde besonders in der Sendung mit dem griechischen Ministerpräsidenten Yanis Varoufakis im März deutlich, als Jauch für Momente wie ein Wutbürger aus Dresden wirkte.) So enteignete die Politik Jauch genau des Besitzstandes, mit dem er sich von eben dieser Politik unterscheiden wollte.

Nun wird, wie die ARD bereits am 9. Juni bekannt gab, Anne Will an den Sendeplatz zurückkehren, den ihr einst Günther Jauch weggenommen hatte. Will, 49, war bereits von 2007 bis 2011 Moderatorin der Sonntagsgesprächsrunde. Man muss den Wechsel als objektives Eingeständnis eines ARD-Irrtums begreifen. Ein Irrtum, dessen Hauptmotiv noch aus der Zeit stammt, als man sich an den privaten Sendern dadurch rächte, dass man deren Stars dorthin zurückholte, wo diese ihre Karriere einst begonnen hatten. Mit der Frage, wer besser geeignet ist, wöchentlich ein politisches Gespräch zu führen, hatte die ARD-Entscheidung vor fünf Jahren nichts zu tun.

Der Senderverbund teilte am 9. Juni auch mit, es bestehe in der ARD Einigkeit darüber, dass es ab 2016 am Mittwochabend auf dem Programmplatz nach den „Tagesthemen“, den Anne Will dann freimacht (22.45 bis 0.00 Uhr), „kein neues politisches Talkformat geben wird“. Nun kommt es darauf an, was es dort geben wird. Die ARD könnte auf diesem Sendeplatz künftig Dokumentarfilme ausstrahlen oder anspruchsvolle Serien (die etwa aus Jugendschutzgründen erst nach 22.00 Uhr laufen dürfen). Sollte es so kommen, dann wäre der Rückzug von Günther Jauch nicht nur für ihn eine gewisse Selbstbefreiung.

12.06.2015/MK

Print-Ausgabe 23/2019

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