Die Ruhe nach dem Sturm

Das WDR-Politmagazin „Monitor“ besteht 50 Jahre

Von Reinhard Lüke
14.05.2015 •

Als „Monitor“ vor zehn Jahren 40 wurde, beging der WDR den runden Geburtstag mit großem Tamtam. Eine dicke Pressemappe informierte über die Historie des Politmagazins, im Dritten Programm WDR Fernsehen gab es eine „Lange Monitor-Nacht“ und auf einer öffentlichen Podiumsdiskussion mahnte Gastrednerin Gesine Schwan, im Ringen um Aufklärung nicht nachzulassen (vgl. FK 24/05). Dennoch war nach Feiern bei diesem Anlass damals kaum einem zumute. Zumindest nicht den Redakteuren um die damalige „Monitor“-Leiterin Sonia Mikich. Schließlich hatten die ARD-Verantwortlichen gerade beschlossen, die „Tagesthemen“ werktags künftig bereits um 22.15 Uhr beginnen zu lassen und die Politmagazine deshalb um ein Drittel ihrer tradierten Sendezeit auf 30 Minuten zu kürzen. Was also vor zehn Jahren als feierlicher Festakt gedacht war, geriet zur hitzigen Diskussionsveranstaltung, bei der allen voran der damalige ARD-Programmdirektor Günter Struve am Pranger stand.

Am 21. Mai begeht man beim WDR in Köln nun den 50. Geburtstag des – nach „Panorama“ (NDR) und „Report München“ (BR) – drittältesten der politischen Magazine im Ersten Programm der ARD. Doch die Feierlichkeiten nehmen sich diesmal vergleichsweise bescheiden aus. Wie es der Zufall will, fällt der Geburtstag exakt auf einen regulären Sendetag des Magazins, weshalb es an diesem Donnerstagabend auch eine ganz normale „Monitor“-Ausgabe geben soll. Eine anschließende Sondersendung („50 Jahre Monitor“) von 22.30 bis 23.45 Uhr im WDR Fernsehen mit Beiträgen und Studiogästen ist die einzige Form, in der dieser runde Geburtstag auf dem Bildschirm seinen Niederschlag findet. Am 3. Juni gibt es dann noch in Köln eine kleine Feier für geladene Gäste mit einem Vortrag von Julian Nida-Rümelin, Ex-Staatminister für Kultur und Medien und derzeit Philosophie-Professor in München, und mit satirischen Anmerkungen von Kabarettist Frank-Markus Barwasser („Pelzig hält sich“). Dass man für die Satire einen Mann des ZDF verpflichtet hat, statt sich im hauseigenem Humoristen-Pool etwa der „Mitternachtsspitzen“ zu bedienen, mag nicht allen im WDR gefallen, doch ansonsten scheinen die Feierlichkeiten diesmal in bemerkenswerter Harmonie über die Bühne zu gehen.

„‘Monitor’ war nie politischer als heute“

Auch Georg Restle, seit 2012 Redaktionsleiter und Moderator von „Monitor“, macht wenige Wochen vor dem Geburtstag im Gespräch mit der MK einen gänzlich aufgeräumten Eindruck. „Nun ja“, sagt er scherzhaft, „weitere Kürzungen unserer Sendezeit sind meines Wissens zur Zeit jedenfalls nicht geplant. Der Druck von außen auf die Politmagazine war allerdings immer da und daran hat sich auch heute nichts geändert. Sobald wir bei den Marktanteilen mal unter die Zehn-Prozent-Marke geraten, wird von der Medienkritik immer wieder die Daseinsberechtigung der Magazine in Frage gestellt. Das geschieht zum Glück weniger innerhalb der ARD und hier im WDR schon gar nicht. Schließlich müssen wir uns mit unserer Marke ja auch nicht verstecken. Ich finde, ‘Monitor’ war nie politischer als heute und steht auch im Vergleich mit den anderen Magazinen im Ersten gut da.“

Das ist hinsichtlich der Einschaltquoten durchaus so etwas wie ein Euphemismus. Mit im Schnitt 2,67 Mio Zuschauern (Gesamtpublikum) und einem Marktanteil von 10,1 Prozent rangierte „Monitor“ im Jahr 2014 ganz knapp vor „Panorama“ nur auf dem vorletzten Platz unter den sechs ARD-Politmagazinen. Was allerdings weniger mit journalistischen Inhalten als mit den Weißkitteln der Sachsenklinik zu tun hat. Denn bis 2012 belegten „Monitor“ und „Panorama“ noch die Spitzenpositionen, doch dann verschob die ARD die bis dahin montags ausgestrahlten Magazine – „Report München“, „Report Mainz“ (SWR) und „Fakt“ (MDR) – im Zuge einer in Zusammenhang mit der Verpflichtung von Günther Jauch stehenden Rochade auf den Dienstag, wo sie seither unmittelbar im Anschluss an die quotenstarke Arztserie „In aller Freundschaft“ zu sehen sind. Und prompt gerieten die Magazine am Donnerstag – neben „Monitor“ und „Panorama“ noch Kontraste“ vom RBB – beim Audience-flow ins Hintertreffen.

Für Georg Restle jedoch ist das noch längst kein Grund, mit massenattraktiveren Service-Themen ein breiteres Publikum ködern zu wollen. „Wir nehmen“, so der gebürtige Esslinger, „auch weiterhin keine Rücksicht auf Gefälligkeiten und greifen komplexe Probleme auf wie etwa die Finanzkrise, Globalisierung, Lobbyismus oder die Diskussion um das transatlantische Freihandelsabkommen TTIP. Solche Wirtschaftsthemen erfordern einen großen Recherche-Aufwand, sind in der bildlichen Umsetzung nicht immer einfach und auf den ersten Blick vielleicht auch nicht so attraktiv, dass man damit die Massen vor den Bildschirm locken könnte. Aber wir machen sie, weil wir sie für eminent wichtig halten.“

Im WDR dürfte Restle für diese Haltung die Rückendeckung gewiss sein. Immerhin ist seine Vorgängerin im Amt, Sonia Mikich, inzwischen zur Fernsehchefredakteurin des größten ARD-Senders avanciert. Und auch mit der – vordergründig – betrüblichen Altersstruktur des „Monitor“-Publikums hat Restle inzwischen seinen Frieden gemacht: „Unsere Zuschauer sind heute im Durchschnitt 62 Jahre alt und damit sogar etwas jünger als vor ein paar Jahren, als wir schon mal bei 64 Jahren lagen. Wären unsere Zuschauer tatsächlich so alt, müssten wir uns große Sorgen machen. Doch ein Großteil der jüngeren Zuschauer verfolgt „Monitor“ längst nicht mehr linear während der Live-Ausstrahlung sondern zeitunabhängig im Internet. Entweder die ganze Sendung oder auch nur einzelne Beiträge. Wenn wir diese Nutzer dazu rechnen, liegen wir bei einzelnen Sendungen vermutlich bei einem Altersdurchschnitt von rund 50 Jahren, was dann schon ziemlich nah am Altersdurchschnitt der  deutschen Bevölkerung liegt.“

Seehofer will sie nicht in Bayern sehen

Dass die Zeiten, in denen „Monitor“-Ausgaben für politisch interessierte Bürger und Volksvertreter ein Pflichttermin waren, vorbei sind, weiß natürlich auch Georg Restle, der im Jahr 2000 in die Redaktion eintrat, 2007 stellvertretender Redaktionsleiter wurde und dann 2010 für zwei Jahre als Korrespondent in die russische Hauptstadt Moskau ging. An Politiker auf der Ministerebene, so gibt er zu, komme man mit kritischen Fragen heute praktisch überhaupt nicht mehr heran. Schließlich seien die inzwischen im Umgang mit den Medien auch weit versierter unterwegs als in früheren Jahrzehnten. Wer sich davon ein Bild machen will, kann sich anlässlich des 50. Geburtstags auf der exzellenten Homepage von „Monitor“ 20 ausgewählte Beiträge aus der Geschichte des Magazins ansehen. Darunter Klassiker wie etwa Franz Josef Strauß 1972 im „Kreuzfeuer“-Interview mit dem „Monitor“-Duo Claus Hinrich Casdorff und Rudolf Rohlinger, bei dem der CSU-Chef gegen „tendenziösen Journalismus“ und „Fangfragen“ wetterte. Natürlich darf bei dieser Zusammenstellung auch der Bericht über die Würmer in den Fischen wieder einmal nicht fehlen, der 1987 die deutsche Fischindustrie über Wochen lahmlegte.

Und dann ist da noch ein Beitrag über Wolfgang Clement, seinerzeit Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, der sich im Jahr 2000 im SPD-Wahlkampfbus unangenehmen Fragen gegenübersah und dabei schier ausrastete. Autor des Stücks: Georg Restle. Der erinnert sich, damals gefürchtet zu haben, dass Clement in dieser Situation durchaus handgreiflich hätte werden können. Reaktionen wie die Gereiztheit eines Wolfgang Clement sind bei Politikern heutzutage kaum noch zu evozieren. Aber hin und wieder lässt sich denn doch noch ein Volksvertreter zu Wutausbrüchen hinreißen. Wie etwa CSU-Chef Horst Seehofer. Obwohl er nicht einmal selbst betroffen war. Am Rande einer Veranstaltung in Würzburg hatten ein „Monitor“-Redakteur und sein Team vor zwei Jahren die bayerische Landtagspräsidentin Barbara Stamm (CSU) zum Thema Vetternwirtschaft gestellt, die zuvor auf mehrere Interviewanfragen nicht reagiert hatte. Als Seehofer davon Wind bekam, nannte er das Ganze vor Journalisten einen „unerhörten Vorgang“ und forderte bezüglich der „Monitor“-Journalisten: „Die müssen raus aus Bayern!“

Solch peinliche Ausrutscher von prominenten Politikern sind zwar eine nette Dreingabe, aber nicht unbedingt das, was man bei „Monitor“ in erster Linie bewirken möchte. Da passt schon eher der aktuelle Fall aus Gelsenkirchen ins Konzept. In der letzten Sendung vor dem Jubiläum (Ausgabe vom 30. April) gab es einen Bericht über krude Machenschaften des örtlichen Jugendamtsleiters und seines Stellvertreters, die sich offenbar über die Betreuung deutscher Jugendlicher im Ausland bereichert hatten. Wenige Tage nach Ausstrahlung der „Monitor“-Ausgabe wurden die beiden hochrangigen Angestellten seitens der Stadt beurlaubt. Georg Restle empfindet solche unmittelbaren Erfolge auf lokaler Ebene natürlich als Genugtuung, aber letztlich möchte er mit seiner Sendung gerne an größeren Rädern drehen. „Anders als früher“, so Restle, „braucht es heute einen bereits vorhandenen gesellschaftlichen Resonanzboden, um mit einzelnen Berichten Wirkung zu erzielen. So gab es die Diskussion um die geplante Privatisierung von Trinkwasser in Europa in den sozialen Netzwerken schon 2012. Unsere Sendung dazu war dann jedoch so etwas wie der Auslöser, wodurch aus der Diskussion schließlich ein breiter Protest wurde. Mit dem Ergebnis, dass die EU ihre Pläne schließlich zurücknahm.“

Renaissance des Investigativen

Insgesamt scheinen die Verantwortlichen von „Monitor“ mit der aktuellen Situation ihrer Sendung zufriedener zu sein als manche ihrer Vorgänger. Wobei es durchaus ein Alleinstellungsmerkmal ist, dass das WDR-Magazin im Laufe eines halben Jahrhunderts lediglich sechs Redaktionsleiter hatte, und zwar Redaktionsleiter, die zugleich immer auch als Moderatoren fungierten. Auf Claus Hinrich Casdorff folgte von 1976 bis 1981 Claus Richter, dann gab Gerd Ruge ein nur zweijähriges Intermezzo, bis er sein Amt an den unlängst verstorbenen Klaus Bednarz abgab, der „Monitor“ ab 1983 für 18 Jahre seinen unverwechselbaren Stempel aufdrückte, bis 2002 Sonia Mikich das Magazin übernahm und es zehn Jahre lang leitete.

Herrscht nach den stürmischen Aufregungen rund um den 40. Geburtstag derzeit also in jeder Hinsicht eitel Sonnenschein? Diesen Eindruck mag Georg Restle denn doch nicht so im Raum stehen lassen und er verweist auf drastisch geänderte Rahmenbedingungen: „Der Rasenmäher in Gestalt des Sparzwangs innerhalb des WDR ist auch an uns nicht spurlos vorübergegangen. Was unter anderem dazu geführt hat, dass wir weniger freie Mitarbeiter beschäftigen können. Nimmt man den Umstand hinzu, dass auch sämtliche Online-Aktivitäten auf unserer Homepage und in den sozialen Netzwerken von den Redakteuren erledigt werden, hat die Arbeitsbelastung bei ‘Monitor’ in den letzten Jahren erheblich zugenommen.“

Und natürlich lässt Restle auch keinen Zweifel daran, dass er die Verkürzung der Magazine auf 30 Minuten nach wie vor für einen Fehler hält. So bleibe unter anderem für die Satire, mit der die Sendung einst regelmäßig für Aufreger sorgte – etwa bei Theo Waigel (CSU), dem man unterstellt hatte, als Finanzminister die Ziehung der Lottozahlen zu manipulieren –, einfach keine Zeit. Doch große Lamentos sind nicht Georg Restles Ding. Vielmehr hat er eine Renaissance des Investigativen ausgemacht. „Die stelle ich“, sagte er, „zum einen hier im Sender, aber auch innerhalb der ARD fest, wo man inzwischen wieder vermehrt der Ansicht ist, dass investigative Recherchen und Berichte zum Kerngeschäft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks gehören und man dafür auch Geld in die Hand nehmen muss. Auf der anderen Seite habe ich den Eindruck, dass auch bei jüngeren Menschen das Interesse an echten Nachrichten wieder gestiegen ist. Es gab eine Zeit, da hatten wir hier Volontäre im Haus, die nicht wirklich Lust auf langwierige Recherchen hatten. Das hat sich erfreulicherweise geändert. Zudem bewegen sich in der aktuellen Bloggerszene viele Jüngere, die Spaß daran haben, Geschichten auf den Grund zu gehen.“

Wenn auch nicht eitel Sonnenschein, so herrscht bei „Monitor“ rund um den 50. Geburtstag zumindest so etwas wie die Ruhe nach dem Sturm.

14.05.2015/MK