ALM-Programmbericht: Immer mehr Scripted Reality

08.06.2015 •

Die privaten Fernsehsender Pro Sieben, Sat 1 und Kabel 1 strahlen deutlich mehr fiktionale Unterhaltungssendungen aus als die drei reichweitenstärksten Programme der RTL-Gruppe (RTL, Vox und RTL 2). Das geht aus dem Programmbericht der Landesmedienanstalten hervor, der am 12. Mai vorgestellt wurde. Demnach belief sich bei Pro Sieben im Frühjahr 2014 der Anteil der fiktionalen Unterhaltung an der täglichen Sendezeit auf insgesamt 68 Prozent. Bei Sat 1 und Kabel 1 waren es jeweils 57 Prozent. Bei den Sendern der RTL-Gruppe lagen die Werte signifikant niedriger: RTL kam auf 42 Prozent, Vox auf 38,1 und RTL 2 auf 44,9 Prozent. Im Ersten Programm der ARD belief sich der Studie zufolge der Anteil der fiktionalen Unterhaltung auf 42 Prozent, beim ZDF auf 38 Prozent.

Die Inhaltsanalyse hat im Auftrag der Landesmedienanstalten das in Potsdam ansässige Unternehmen GöfaK Medienforschung erstellt. Zur „fiktionalen Unterhaltung“ zählen die Forscher neben Filmen und Serien auch gescriptete Reality-TV-Formate. Die GöfaK Medienforschung untersucht bereits seit 1998 für den Programmbericht der Landesmedienanstalten jährlich die Inhalte der sechs Vollprogramme RTL, RTL 2, Vox, Sat 1, Pro Sieben und Kabel 1 und der beiden öffentlich-rechtlichen Hauptprogramme ‘Das Erste’ (ARD) und ZDF. Grundlage für die nun veröffentlichten Daten ist eine Sendewoche aus dem Frühjahr 2014. Zusätzlich sind in der Studie zum Vergleich Zahlen aus dem Herbst 2013 aufgeführt (Basis dafür war die Auswertung von zwei Sendewochen).

Privat-TV: Unterhaltung statt Nachrichten

Das Thema Reality-TV zählt zu den großen Trends bei der Entwicklung privatwirtschaftlicher Programme. Dieser Bereich, so stellten die Medienforscher jetzt fest, steht inzwischen auf der Programmskala von RTL, Vox und RTL 2 ganz vorne und bei Sat 1 und Kabel 1 an zweiter Stelle (hinter der fiktionalen Unterhaltung mit Filmen und Serien). Pro Sieben verzichtet nahezu komplett auf Reality-TV. Die Wissenschaftler unterscheiden zwischen fiktionalen Reality-TV-Formaten (gescriptete Doku-Soaps, Gerichts- und Personal-Help-Shows), narrativen Reality-TV-Formaten (Doku-Soaps, Daily Talks) und performativen Reality-TV-Formaten (vor allem Casting- und sonstige Reality-Shows).

Entfielen bei den acht untersuchten Vollprogrammen 1998 pro Tag insgesamt nur knapp zehn Programmstunden auf Reality-TV, waren es 2006 bereits 22 Stunden und schließlich im Frühjahr 2014 mehr als 43 Stunden – also ungefähr ein Viertel der gesamten Sendezeit. Nimmt man nur die Programme, die am stärksten auf Reality-TV setzen – also RTL, RTL 2, Vox, Sat 1 und Kabel 1 –, dann liegt deren Reality-TV-Anteil durchschnittlich bei einem Drittel der gesamten Sendezeit. Von diesen fünf Sendern haben die drei der RTL-Gruppe den größten Anteil an Reality-TV im Programm: „RTL, RTL 2 und Vox haben diese Entwicklung entscheidend vorangetrieben“, urteilen die Autoren der Studie.

Bei den Programmen der sechs untersuchten privaten TV-Anbieter belief sich im Frühjahr 2014 der Anteil von Werbung, Sponsoren-Hinweisen und Trailern im Schnitt auf mehr als ein Fünftel der täglichen Sendezeit. Beim Ersten Programm kamen Werbung und Sponsoring auf einen Anteil von 1,5 Prozent, die Programmhinweise auf einen Anteil von 2,1 Prozent. Die entsprechenden Werte beim ZDF betrugen 1,7 Prozent (Werbung, Sponsoring) und 2,2 Prozent (Trailer). Die kommerziellen Fernsehveranstalter setzen außerdem deutlich stärker auf die kurzfristige Wiederholung von Sendungen als die beiden öffentlich-rechtlichen Hauptprogramme. Bei RTL, Sat 1 & Co. machten diese Wiederholungen bis zu einem Viertel der täglichen Sendezeit aus. „Der höchste Anteil kurzfristiger Sendungswiederholungen war im Frühjahr 2014 bei Pro Sieben und Kabel 1 (ca. 7 Stunden pro Tag) sowie RTL und Vox (ca. 6 Stunden) festzustellen“, bilanzieren die Medienforscher.

Geringster Nachrichtenanteil bei Pro Sieben

Die größten Unterschiede beim Vergleich privater und öffentlich-rechtlicher Programme zeigen sich im Bereich der sogenannten Fernsehpublizistik. Dabei handelt es sich um alle Inhalte, die nicht der Unterhaltung zugeordnet werden, also etwa Nachrichten, Magazine, Reportagen, Dokumentationen und Talkformate. Während das Erste und das ZDF ihre Programmstrecken jeweils rund zur Hälfte aus diesen Elementen zusammenstellen, liegt der entsprechende Anteil bei den Privaten signifikant niedriger (RTL: 26,4 Prozent, Sat 1: 15,6 Prozent, Pro Sieben: 7,6 Prozent, Vox: 23,0 Prozent, RTL 2: 17,1 Prozent, Kabel 1: 17,2 Prozent).

Besonders deutlich wird der Unterschied der Systeme bei Nachrichtensendungen. Die geringsten Anteile haben hier Pro Sieben mit 0,8 Prozent, Kabel 1 mit 1,0 Prozent und RTL 2 mit 1,1 Prozent. Sat 1 kommt auf einen News-Anteil am Gesamtprogramm in Höhe von 2,4 Prozent. RTL bietet bei den Privatsendern traditionell den größten Nachrichtenanteil: Er macht 4,3 Prozent des täglichen RTL-Sendevolumens aus. Dies entspricht allerdings nur etwa einem Drittel des Anteils, der bei RTL Werbung und Sponsoring vorbehalten ist. Beim Ersten beträgt der Nachrichtenanteil der Untersuchung zufolge 9,2 Prozent, beim ZDF 8,3 Prozent.

08.06.2015 – mak/MK