Eine Formel für die Ewigkeit

Die USA und das Eigenheim-Fernsehen: Auch Hillary Clinton schaut HGTV

Von Franz Everschor
09.09.2016 •

Als Hillary Clinton, die jetzige amerikanische Präsidentschaftskandidatin der Demokratischen Partei, im Jahr 2012 von ihrem Amt als US-Außenministerin zurücktrat, sagte sie zu einem Reporter der „New York Times“ unter anderem: „Ich hoffe, dass ich jetzt mehr Zeit habe, ‘Love It or List It’ zu sehen. Ich finde das sehr entspannend.“ Die Serie, die Hillary Clinton so entspannend findet, ist nur eine von vielen konzeptionell ähnlichen Produktionen eines TV-Networks, dessen Name außerhalb der USA auch eingefleischte Fernsehzuschauer wahrscheinlich noch niemals gehört haben, dessen Programm aber zu den größten Erfolgsgeschichten des amerikanischen Fernsehens gehört. „Love It or List It“ ist eine Sendung von HGTV.

Die Buchstabenkombination HGTV steht eigentlich als Abkürzung für „Home and Garden Television“. Doch selbst regelmäßige Zuschauer des Senders wissen das heute praktisch nicht mehr. Vom ursprünglichen Konzept des Networks ist heute nur noch die Hälfte übrig, nämlich die Konzentration auf des Amerikaners höchstes Lebensziel: das eigene Heim. Es gibt keine Sendung dieses 24-Stunden-Kanals, die nicht mit Wohnhäusern, deren An- und Verkauf, Renovierung oder Dekoration zu tun hat. Es ist ein formelhaftes Fernsehprogramm, wie es im Buche steht – und ein süchtig machendes. Fast könnte man meinen, die HGTV-Macher hätten eine Erfolgsformel für die Ewigkeit gefunden, so unaufhaltsam entwickelte sich der Erfolg dieses ‘Haus-und-Garten-Fernsehens’.

Paare suchen sich ein Haus

Täglich zur selben Zeit und oft auch als Marathonsendung über viele Stunden hin kann der Zuschauer die beiden populärsten Halbstundenprogramme von HGTV erwarten. Noch bevor Binge Viewing, also das durchgehende Anschauen kompletter Serienstaffeln, in den USA die große Attraktion der Streaming-Anbieter wurde, praktizierten die Anhänger von HGTV das Dauerfernsehen; selbst am späten Abend sehen regelmäßig noch rund 1,6 Millionen Zuschauer das Programm. Das freut nicht nur den HGTV-Eigentümer Scripps Network, dem auch noch das Food Network und der Travel Channel gehören, sondern das ist auch ein gefundenes Fressen für die Werbeindustrie, die angesichts solcher Resonanz gerne ihre Spots bucht.

Alles, was HGTV sendet, basiert auf dem Konzept von „House Hunters“, einem Format, das die Zuschauer voyeuristisch an der Suche eines Paares – mal Eheleute, mal beste Freunde, mal Weiße, mal Schwarze, mal Gays, mal Lesben – nach einem Haus oder einer Wohnung teilnehmen lässt. Der Aufbau der Sendungen ist stets derselbe: Die beiden Aspiranten sehen sich drei Objekte an, der Zuschauer begleitet sie bei der Besichtigung, hört und sieht ihre Reaktionen und darf raten, wofür sich die Kauf- oder Mietlustigen letztlich entscheiden werden. Was die Sendungen unterscheidet und farbig macht, sind nicht nur die wechselnden Objekte, sondern auch die wechselnden Persönlichkeiten der Käufer und die wechselnden Städte und Landschaften, in denen sich die Immobiliensuche abspielt. Es war nur eine Frage der Zeit, bis dem stets in einem der US-Staaten angesiedelten Ursprungsformat „House Hunters“ eine Begleitserie hinzugesellt wurde: „House Hunters International“. Das reisefreudige amerikanische Volk wird darin bis in die exotischsten Lokalitäten der ganzen Welt entführt, auch hier immer begleitet von einem englischsprachigen Makler, der dem kauflustigen Paar den Weg weist.

Der psychologische Faktor

Seit dem Jahr 1994 existiert HGTV und hat sich mit der Zeit über das ganze Angebotsspektrum von Kabel über Satellit bis zum Videostreaming verbreitet. Rund 96 Millionen Haushalte können die Programme von HGTV heute empfangen, was 82 Prozent der gesamten US-Fernsehhaushalte entspricht. Schon bald war der Bedarf an Serien-Episoden so stark, dass die Eigenproduktion nicht mehr ausreichte. Inzwischen liefert eine ganze Reihe von unabhängigen Produktionsfirmen Material an, nicht nur aus den Vereinigten Staaten, sondern auch aus Kanada, Australien und anderen Teilen der Welt. Über 2000 Episoden von „House Hunters“ existieren inzwischen und werden abseits der Hauptsendezeit ständig wiederholt. Die Herstellungskosten sind niedrig und die Amortisationsrate wächst mit jeder neuen Ausstrahlung. Kein Wunder, dass das Konzept inzwischen auf anderen Sektoren imitiert wird. Sendereihen wie „Hotel Impossible“ und „Bizarre Foods“ beim Travel Channel oder „Man Caves“ im Programm des Networks DIY (= Do It Yourself) sind ohne das Vorbild von HGTV kaum denkbar.

Weder der Börsenkrach noch die Immobilienkrise von 2008 konnten den kommerziellen Aufstieg von HGTV negativ beeinflussen. Der Sender bringt inzwischen mehr als ein Drittel des Gesamtumsatzes von Scripps Networks ein und hat in jüngster Zeit eine jährliche Umsatzsteigerungsrate von rund elf Prozent. Analysten schreiben die steile Erfolgsquote des Networks zum einen der unterhaltsamen Machart und dem Informationswert der Sendungen zu, zum anderen aber auch ganz besonders einem psychologischen Faktor: Gemeint ist die Empathie des Publikums in Bezug auf die jeweils wechselnden Kaufinteressenten, die in jeder Folge vorgestellt werden. Das sachliche Thema des Immobilienkaufs findet dadurch eine Ergänzung auf menschlicher Ebene, die nicht nur die Neugier, sondern auch das emotionale Engagement der Zuschauer befriedigt. Das wiederum schlägt sich in der Zusammensetzung des Publikums nieder. HGTV rangiert inzwischen als die Nummer 1 bei Frauen mit Einkommen über 100.000 Dollar. 73 Prozent des Primetime-Publikums von HGTV sind weiblich, 78 Prozent Hauseigentümer und 67 Prozent haben einen College-Abschluss.

Ein süchtig machendes Programm

Wer heute HGTV einschaltet, stößt auf ein gegenüber der Anfangszeit des Senders stark diversifiziertes Angebot. Wenn auch an dieser Stelle bisher nur von „House Hunters“ und „House Hunters International“ die Rede war, so machen diese beiden Serien, die das Network groß gemacht haben, lediglich einen Teil dessen aus, was so viele Zuschauer zu süchtigen HGTV-Anhängern werden ließ. Nichts hat das Network in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten so gut verstanden wie die Ausweitung des Erfolgskonzepts auf verwandte Bereiche und die immer stärkere Individualisierung der einzelnen Sendereihen. Mit speziell ausgerichteten Angeboten werden die Zuschauer in besonders attraktive Landstriche, Urlaubsgebiete und fremde Länder geführt. „Beachfront Bargain Hunters“, „Island Hunters“, „Living Alaska“ und „Mexico Life“ sind regelmäßig wiederkehrende Titel, die sich großer Beliebtheit erfreuen.

HGTV gibt sich erstaunlich viel Mühe, immer am Puls der Zeit zu sein. Davon zeugen Sendungen wie „Tiny House Hunters“ und „Tiny House, Big Living“. Ein besonders unter jungen Menschen überall in den USA spürbarer Trend geht nämlich in Richtung „kleine Häuser“. Es sind nicht nur Außenseiter der Wohlstandsgesellschaft, die immer größeren und immer teureren Häusern den Rücken kehren. Viele Amerikaner aller Einkommensklassen interessieren sich plötzlich für den Charme des Winzigen und für Mobilität. Sie machen sich daran, kleine Wohnungen auf Rädern zu bauen oder fertig von spezialisierten Unternehmern zu kaufen. Sie fliehen aus der Enge der Großstadt hinaus in die reichlich vorhandene Natur, aber ohne auf die Errungenschaften des modernen Häuserbaus ganz zu verzichten. HGTV folgt den „Aussteigern“ auf Schritt und Tritt und je mehr Beispiele der Sender auf den Bildschirm bringt, umso wahrnehmbarer steigen Nachfrage und Zuschauerzahl. Auch Leute, die nie daran denken würden, in der räumlichen Bescheidenheit eines bloß 40 oder sogar nur 20 Quadratmeter kleinen Hauses zu leben, schalten die HGTV-Sendungen als eine Art reizvolles Kuriositätenkabinett ein.

Hammer und Brecheisen

Was vielleicht am meisten zur Bindung des Publikums an den Sender beigetragen hat, ist die geschickte Wahl der Präsentatoren. Nicht gewiefte, aber uniform daherkommende Fernsehpersönlichkeiten führen durch die Programme des Networks, sondern ganz alltägliche Leute, die keine TV-Stars, sondern Leute vom Fach sind und die sich ihren Erfolg offenkundig mit ihrer Hände Arbeit verdienen. Da gibt es zum Beispiel Tarek und Christina El Moussa, ein junges verheiratetes Paar aus dem Süden von Kalifornien, die sich nach der Geburt ihres ersten Kindes auf den Kauf und die Renovierung von Einfamilienhäusern zum Zweck des sofortigen Weiterverkaufs spezialisiert haben. Sie beleben eine Sendung mit dem nonchalanten Titel „Flip or Flop“ durch ihr unprätentiöses Auftreten und gelegentliche Streifzüge durch ihr Privatleben. So ähnlich konzipiert ist auch die Sendereihe „Love It or List It“, in der die Designerin Hilary Farr und der Immobilienmakler David Visentin einen ständigen Wettkampf um die Gunst eines (stets wechselnden) Ehepaars ausfechten, das sich zwischen der Renovierung seines alten Hauses und dem Erwerb eines neuen entscheiden muss.

Den größten Erfolg erzielen die Zwillinge Jonathan und Drew Scott, ehemalige Schauspieler, die sich ganz auf Immobilien verlegten und neben ihrem alltäglichen Geschäft inzwischen fünf Formate bei HGTV auf Sendung haben, deren beliebtestes „Property Brothers“ heißt. Auch hier sind es vor allem der Charme und die Muskeln der beiden Zwillingsbrüder, die diese Sendereihe zu einem Hit gemacht und dem Network stolze Quoten eingebracht haben. Vielleicht hält die Zuschauer ja nicht nur die Sehnsucht nach einem schönen Zuhause am Bildschirm fest, wenn die Zeit für HGTV gekommen ist, sondern auch die Tatsache, dass die „Helden“ hier schon mal selbst zu Hammer und Brecheisen greifen, falls es nötig ist.

Und falls der republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump so weitermacht mit seiner selbst Parteikollegen abschreckenden Brecheisenmethode des Wahlkampfs, könnte es gut sein, das Hillary Clinton bald Präsidentin der Vereinigten Staaten ist, die erste Frau in diesem Amt. Dann wird sie in den kommenden vier Jahren wohl wieder weniger oder gar keine Zeit mehr Zeit haben, „Love It or List It“ zu sehen.

09.09.2016/MK