Die Frage nach der Medienevolution

Im Zeitalter des Übermediums: Medienevolution und Gesellschaft

Von Lutz Hachmeister
17.05.2013 •

Medienevolution ist eine Metapher, die inmitten drastischer ökonomischer und publizistischer Umbrüche auch in der Medien- und Kommunikationsbranche selbst an Bedeutung zugelegt hat. Auf der Cologne Conference des Jahres 2012 wurde in einem hochrangig besetzten Seminar unter dem Titel „Im Zeitalter des Übermediums: Medienevolution und Gesellschaft“ unter anderem darüber debattiert, „ob das World Wide Web als Übermedium, durchaus im nietzscheanischen Sinne, eigene spirituelle und soziale Strukturen ausbilden kann, die sich von Organisationsform und Gehalt herkömmlicher Massenmedien grundsätzlich unterscheiden“. Die Veranstaltung, organisiert vom Institut für Medien- und Kommunikationspolitik (IfM), fand im Stiftersaal des Kölner Wallraff-Richartz-Museums in Kooperation mit dem WDR und der Stadt Köln statt. Die „Funkkorrespondenz“ (heute: „Medienkorrespondenz“) dokumentierte in ihrem Heft Nr. 20/2013 die auf dem Seminar gehaltenen Referate von Lutz Hachmeister (IfM), Phillip Albers (Zentrale Intelligenz Agentur, Berlin), Gert Scobel (ZDF/3sat, Mainz), Tim Wu (Columbia Law School) und Richard Barbrook (University of Westminster), die zusammengenommen auch als Einführung in die historischen, soziologischen und ökonomischen Aspekte der Thematik gelesen werden können. So wird nach der Vergleichbarkeit von biologischer und (medien)technologischer Evolution gefragt und es werden die möglichen Folgen medienevolutionärer Sprünge für Medienkonzerne und Politik geschildert. Im Folgenden publizieren wir den einführenden Text von Lutz Hachmeister auch online. • FK

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Es ist seltsam, dass es keine zureichende Theorie der Medienevolution gibt – zumindest nicht im deutschsprachigen Raum, aber auch die internationalen Anstrengungen sind überschaubar.1 Zwar hat sich die universitäre Kommunikations- und Medienwissenschaft, zunächst abschätzig, dann widerwillig, mit der Kommunikationsökologie der kanadischen Schule (Innis, McLuhan) beschäftigen müssen2, und gewiss gibt es zahlreiche Studien und Überblicksdarstellungen zur „Mediengeschichte“ oder zum „Medienwandel“3, doch eine das Evolutionskonzept umfassende, ausschöpfende intellektuelle Anstrengung findet sich kaum. Dies ist aus zwei Gründen sonderbar. Zum einen bieten transdisziplinäre Erkenntnisse aus Soziobiologie, Neurowissenschaften, Quanteninformatik und Kommunikations- und Netzwerkforschung neue Einblicke in die Karrieren von Informations- und Kommunikationssystemen. Zum anderen haben sich mit dem Aufkommen des Übermediums Internet die politökonomischen, gesellschaftstheoretischen und auch technikphilosophischen Fragen an das Aufkommen und die Wirkungen von Informations- und Medienkonfigurationen verschärft. Das Feuilleton der „Qualitätszeitungen“, die Blogs der „Netzgemeinde“ und Enquete-Kommissionen von Parlamenten fragen nach dem Überleben bzw. nach der Adaptionsfähigkeit von publizistischen Medien, der „Öffentlichkeit“ oder repräsentativen Politikmustern in ihrer bisherigen Form. Ganze Flugzeugladungen von deutschen Medienmanagern sind im Silicon Valley eingetroffen, weil sie neue Geschäftsmodelle in Zeiten „disruptiver Technologien“ studieren möchten.

Zuvor hatte sich der Vorstandvorsitzende der Axel Springer AG mit einem Verweis auf das „Rieplsche Gesetz“ beholfen, dem zufolge, in knapper Interpretation, „neue Medien“ die jeweils älteren nicht vollständig verdrängen, sondern diese in modifizierter Form und Funktion überleben. Es ist dies eines der wenigen „Gesetze“ der Kommunikationswissenschaft, stammt allerdings noch aus den Zeiten der Zeitungskunde. Der Nürnberger Historiker und Zeitungsredakteur Wolfgang Riepl hatte sich 1911 in seiner Dissertation mit dem Nachrichtenwesen der Römer beschäftigt und herausgefunden, „dass neben den höchstentwickelten Mitteln, Methoden und Formen des Nachrichtenverkehrs in den Kulturstaaten auch die einfachsten Urformen bei verschiedenen Naturvölkern noch heute im Gebrauch sind […]. Andererseits ergibt sich gewissermaßen als Grundsatz der Entwicklung des Nachrichtenwesens, dass die einfachsten Mittel, Formen und Methoden, wenn sie nur einmal eingebürgert und brauchbar befunden worden sind, auch von den vollkommensten und höchst entwickelten niemals wieder gänzlich und dauernd verdrängt und außer Gebrauch gesetzt werden können, sondern sich neben diesen erhalten, nur dass sie genötigt werden können, andere Aufgaben und Verwertungsgebiete aufzusuchen.“4

Bei einem präziseren Blick auf Riepls Untersuchung (immerhin einem Ansatz, der Aspekte der Medienevolution berührt) wird schnell klar, dass die Kategorien „Ergänzung“ und „Verdrängung“ ziemlich unscharf sind – interessanter wäre es, Dominanzen und Marginalisierungen zu untersuchen. In diesem Sinne hatte später Marshall McLuhan beobachtet, dass neue Medienformen ältere Apparate, Medienkonfigurationen und Wahrnehmungskontexte schnell musealisieren – so der Tonfilm den Stummfilm, das Farbfernsehen das Schwarzweißfernsehen, zuletzt die E-Mail den Brief. Dies bedingt gravierende medienökonomische Brüche und Verschiebungen, bei denen Riepls Gesetz nicht unbedingt tröstet. Andererseits gibt es verblüffende Effekte wie die Umsatzsteigerung der Post, weil etwa bei Amazon bestellte Pakete durch Menschen und Lastwagen transportiert werden müssen, oder den hohen Verbrauch traditioneller Energien durch die Internet-Server.

Riepls interessanter Blick auf das antike „Nachrichtenwesen“ ist jedenfalls nicht unbedingt auf alle Medienkonfigurationen und Kommunikationstechnologien zu übertragen. Jede Theorie der Medienevolution steht und fällt mit der Validierung ihres Medienbegriffs, oder vielmehr mit der Benennung von Medienkonfigurationen und ihren Kontexten von Wahrnehmung und Bewusstsein. Ein erweiterter Medienbegriff ist grundsätzlich zeichentheoretisch fundiert, ein pragmatischer, auf das Alltagsverständnis gerichteter Medienbegriff bezieht sich auf Meta-Medien wie Buch, periodische Presse, Kino, Radio, Fernsehen, World Wide Web. In einer übergeordneten technikphilosophischen, kybernetischen Sphäre wird man allgemein von „Information“, „Energie“ und „Transport“ reden. Überdies gibt es basistechnologische Sprünge, die fast alle jeweils modernen Medienformen betreffen, während die Begriffe zunächst konstant bleiben, nach der Digitalisierung etwa bei Presse, Fotografie und Film.5 Das Konzept einer „Medienevolution“ wird dadurch kompliziert, dass all diese Begriffs- und Aspektstrukturen nicht nur legitim sind, sondern sogar zwingend ins Kalkül gezogen werden müssen.

Niklas Luhmann, der im Anschluss an Talcott Parsons mit seiner soziologischen Systemtheorie auch noch Macht, Geld oder Liebe als „symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien“ ins Spiel brachte, hat in einem posthum publizierten Buch zur „Ideenevolution“6 vermutet, dass sich „der Widerstand einer handlungs- oder kulturtheoretischen Soziologie gegen eine Übernahme von Anregungen aus der Theorie organischer Evolution […] auf die Prämisse eines linearen, wie immer komplex verursachten Prozesses“ zu beziehen scheint. Mit der Evolutionsperspektive scheine „eine sinnfremde, selektive Mechanik behauptet zu sein, die weder gewählt noch gewollt, weder vorausgesehen noch vermieden“ werden könne; damit werde aber, so Luhmann, angesichts der Bedeutung und der Reichweite der Evolutionstheorie „möglicherweise zu viel abgelehnt“. Tatsächlich lautet eine der Hauptfragen an die Idee einer Medienevolution, wie sehr Konzepte und Begriffe der biologischen Evolutionstheorie (Selektion, Adaption, Variation, Effizienz) auf Medien- und Informationsökologien übertragen werden können, ohne bei einem planen Medien-Darwinismus zu landen.7 Zudem gibt es eine Grundangst der Sozial- und Kulturwissenschaften, durch neuro- und soziobiologische Theoreme in einen engen Sinnbezirk folkloristischer Gesellschaftsbeobachtung zurückgeworfen zu werden, wie man am verzagten Umgang der Soziologie mit der von Richard Dawkins entwickelten „Memetik“ sehen kann.8 Dagegen ist ein memetisches Grundgefühl in der „Netzgemeinde“ weit verbreitet; beinahe jedes Schlagwort und jeder erfolgreiche Twitter-Hashtag wird zum Mem stilisiert.

Für Susan Blackmore, Dawkins’ erfolgreichste Propagandistin, gibt die Memetik Antworten auf die Frage, „warum und wie sich das menschliche Gehirn entwickelt hat und warum sich die Menschen in wesentlichen Aspekten von anderen Spezies unterscheiden“. Blackmores Hypothese lautet wie folgt: „Der Lauf der Evolution des Menschen hat sich völlig verändert, als Imitation das erste Mal auftauchte, denn diese hat einen neuen Replikator in die Welt gesetzt: das Mem. Seit jener Zeit haben zwei statt nur ein Replikator die menschliche Evolution angetrieben. Aus diesem Grund verfügen die Menschen über derart große Gehirne, und darum sind allein die Menschen in der Lage, eine grammatikalisch strukturierte Sprache zu benutzen und zu verstehen, zu singen, zu tanzen, Kleider zu tragen und kumulative, komplexe Kulturen hervorzubringen. Anders als andere Gehirne mussten die menschlichen Gehirne das Problem der Auswahl unter den zu replizierenden Memen lösen. In anderen Worten: Ihre Gehirne wurden dazu entworfen, selektiv zu imitieren.“9 Wir wollen dem nicht mit der großen Warum-Frage begegnen, die alle mehr oder weniger reduktionistischen Modelle von „Ursprüngen“ oder „anfänglichen Anfängen“ (Heidegger) empfindlich trifft, sondern auf das auch bei Blackmore erkennbare Konzept eines dualistischen oder zumindest zweistufigen Evolutionsmodells hinweisen, das hier von einer Dynamisierung der genetischen Entwicklung durch das Auftauchen der Meme ausgeht. Soziologen würden ihre zweite Stufe mit der Entwicklung funktional ausdifferenzierter Gesellschaften zünden, bei denen (Kommunikations-) Techniken sowohl Movens als auch Resultat dieser Differenzierung sind. Im Prinzip geht es jeweils um Modelle der Ko-Evolution zwischen psychophysischen Systemen und Technologien, derer sich Menschen auf einer dritten Stufe bewusst sein können, indem sie die biologische Evolution an sich, aber auch daraus folgende kultur- und medienästhetische Entwicklungen rational oder zumindest konzeptionell reflektieren können.10

Ein radikaleres Beschleunigungsmodell für das Entstehen und die weitere Entwicklung des „Techniums“ (Kevin Kelly) hat Ray Kurzweil entworfen. Der Erfinder und Futurologe, der 2012 konsequenterweise als „Director of Engineering“ bei Google Inc. anheuerte, geht davon aus, dass die Technik als Fortsetzung der Darwin-Evolution mit anderen Mitteln begriffen werden muss. Dabei kommt es zu Umschlägen von Quantität in Qualität, die schließlich – dank der Computertechnologie – im Transhumanismus künstlicher Intelligenzen münden.11

Kurzweil visioniert für Mitte des 21. Jahrhunderts, wie mit ihm auch Vernon Vinge oder Hans Moravec, den etwas missverständlich benannten Zeitpunkt der „Singularität“, von dem an das „ewige Leben“ zumindest der menschlichen Gehirne möglich ist. Er propagiert aber auch eine Dominanz der vom evolutionären Prozess mithilfe der Menschen hervorgebrachten überlegenen techno-logischen Existenzen (wobei seit längerem in ethischen und philosophischen Zirkeln darüber diskutiert wird, ob und wie diese dann auch „Bewusstsein“ und „Gefühle“ entwickeln werden). Wir finden hier das Axiom des Schachcomputers, der den besten menschlichen Schachgroßmeister schlägt, und das ältere literarische Bild des Menschen als „Zauberlehrling“, der von den Instrumenten besiegt oder gar unterjocht wird, die er selbst entworfen hat.12 Interessant am Wirken Kurzweils und anderer Futurologen ist, dass die Futurologie ihre SciFi-Besonderheit der 1950er und 1960er Jahre eingebüßt hat, weil sie wirklicher geworden ist. Inzwischen ist die technologische Umwelt als mehr oder weniger verlässliche Infrastruktur so selbstverständlich und von ihren „Nutzern“ weithin akzeptiert, dass einstweilen auch die kühnsten Weissagungen für ihre weitere Ausdifferenzierung mit pragmatischer Gelassenheit hingenommen werden – sofern es sich nicht um unmittelbar lebensbedrohende Techniken handelt. In seinem Standardwerk „The Age of Spiritual Machines“ (1999)13 prognostizierte Kurzweil für das Jahr 2019: „Die Menschen benutzen dreidimensionale Displays, die in ihre Brillen oder Kontaktlinsen eingebaut sind. Diese Retina-Displays erzeugen ein sehr realitätsnahes virtuelles Environment, das die ‘reale’ Umgebung überlagert.“ Ein normales „Telefongespräch“ beinhalte dreidimensionale Bilder mit hoher Auflösung und dreidimensionale holographische Displays; die Mehrzahl der zwischenmenschlichen „Meetings“ erfordere „keine physische Nähe“ mehr. Um allerdings auch das haptische Environment total zu erleben, müsse man in eine Virtual-Reality-Kabine gehen; diese Technologie, so Kurzweil 1999, werde sehr gern „für medizinische Untersuchungen und sexuelle Kontakte mit menschlichen oder künstlichen Partnern benutzt“. Und: „Häufig wird diese Form der Interaktion sogar bevorzugt, selbst wenn der menschliche Partner in der Nähe ist, denn sie ermöglicht ein intensiveres Erleben und bietet mehr Sicherheit.“

Solche Vorhersagen sind, wie auch die des „papierlosen Büros“, zunächst auf der langen Strecke der Fehlprognosen geblieben – es kann aber auch wieder anders kommen, in anderer Form, zumal nach Kurzweils eigenem Denkansatz die Grenze zwischen „menschlichen“ und „künstlichen“ Partnern ja durchlässig werden dürfte. Selbst die schärfsten Gegner Kurzweils (der sich von zahlreichen Vitaminpillen, literweise Mineralwasser und täglich zehn Tassen grünem Tee ernährt, um die technologische Singularität noch zu erleben und unsterblich zu werden) attestieren ihm ein ungewöhnliches Technikverständnis und eine gewisse Prognosefähigkeit – sonst hätte ihn das inzwischen knallhart informationskapitalistisch agierende Unternehmen Google wohl auch kaum engagiert. Auch Kurzweils Zyklenmodell der Technologien ist durchaus brauchbar: Er unterscheidet die Phasen der Vorläufer und Visionäre, der eigentlichen Erfindungen und der Entwicklung, auf die das Reifestadium, das Stadium der Anwärter, des Überholten und des Historischen folgen. Dieses Zyklenmodell aufnehmend, wären in einer sozialwissenschaftlich fundierten Theorie der Medienevolution, an der Kurzweil & Co. weniger Interesse haben, stärker die Momente von Resistenz (der anthropologischen Konstanten, Körper, Individuen und Gruppen), von Latenz und Verzögerung zu analysieren.

Da eine Catch-all-Theorie der Medienevolution zwar in dem Sinne zu denken ist, dass sich die Unterschiede zwischen Physik und Metaphysik aufheben, dieses aber zur Zeit kaum konsistent zu formulieren ist, wäre pragmatischerweise zunächst auf die Aspektstruktur des Gegenstands zu verweisen. Zu den philosophischen Fragen zählt das Apriori der Technik, das vor allem Heidegger seit den 1920er Jahren beschäftigt hat, bevor er dann in den 1960er Jahren barsch die Ablösung der Philosophie (als Universitätsdisziplin) durch die „Kybernetik“ verkündete. Heidegger ist in der Begründungsphase der deutschen „Medienwissenschaft“ zum Darling der neuen Medienphilosophen (Sloterdijk, Kittler, Hörisch) geworden, weil er sich gegen die bekannte „Organextensions-These“ (Technologien als funktionale Erweiterung körperlicher Organe des Menschen) ins Feld führen ließ: Das Wesen der Technik, so Heidegger, habe nichts mit der sichtbaren Technik im Sinne von Apparaten, Werkzeugen und Maschinen zu tun, sondern sei prä-anthropologisch in der mythischen Nähe des ursprünglichen „Seyns“ situiert und dem Menschen eigentlich nur im Modus der „Entbergung“ zugänglich. Heidegger kam auf den häufiger ironisierten Begriff des „Ge-Stells“ und interessierte sich dabei, bevor er auf die umfassendere „Kybernetik“ stieß, in einer Mischung aus Faszination und Erschrecken für die mass media als Beschleunigungs- und Öffentlichkeitstechnologien.14 1949 formulierte er im Club zu Bremen: „Zum Bestand desjenigen Bestellens, durch das die Öffentlichkeit als solche gestellt, herausgefordert und so erst eingerichtet wird, gehören Funk und Film. Ihre Maschinerien sind Bestand-Stücke des Bestandes, der alles ins Öffentliche bringt und so die Öffentlichkeit unterschiedslos für alles und jedes bestellt. Bestand-Stücke dieses Bestandes der Einrichtung und Lenkung der Öffentlichkeit sind nicht nur die Maschinerien, sondern in ihrer Weise auch die Angestellten dieser Betriebe bis zum Rundfunkrat. Dieser ist vom Bestand, der Rundfunk heißt, gestellt, das heißt zur Bestellung dieses Betriebes herausgefordert. Als Bestand-Stück dieses Bestandes bleibt er in ihn eingesperrt.“

Das ist medienpolitisch und betriebssoziologisch hellsichtig gedacht, 1949 immerhin schon, obwohl Heidegger jede Form der Soziologie ablehnte, aber als Künstler der ständigen Selbstnegation auch kein „Kulturkritiker“ wie Oswald Spengler oder Ludwig Klages sein wollte. Deshalb: „Es wird hier, wohlgemerkt, nicht über die Rundfunkhörer, auch nicht über den Rundfunk abgeurteilt. Es gilt nur, darauf hinzuweisen, dass in dem Bestand, der Rundfunk heißt, ein Bestellen und Stellen waltet, das in das Wesen des Menschen eingegriffen hat. Weil das so ist, und weil der Mensch nicht von sich aus allein und nie durch sich über sein Wesen entscheidet, deshalb kann das Bestellen des Bestandes, deshalb kann das Ge-Stell, das Wesen der Technik, nichts nur Menschliches sein. Man geht deshalb endgültig in die Irre, wenn man versucht, die Technik aus der menschlichen Intelligenz und gar noch aus der artistischen Intelligenz abzuleiten. Das Artistische setzt die ars, die ars setzt die techne und diese setzt das Wesen des Technehaften voraus.“15

Da Heidegger bei seiner Technikbetrachtung über kein Konzept der Ko-Evolution verfügte, kam er zu dem weitreichenden Schluss, dass der Rundfunk „in das Wesen des Menschen“ eingegriffen habe, also nicht nur die Alltagsexistenz, sondern das Dasein des Menschen grundsätzlich verändert habe. Diese These findet ihre Fortsetzung in jüngeren Schriften zu zerebralen und kognitiven Veränderungen durch die Netzkommunikation16, führt aber in jedem Fall wieder zu soziologischen Aspekten der Medienevolution, wie der Herausbildung von Öffentlichkeiten und Milieus oder der konkreteren Gruppierung von Kohorten rund um die Entstehung „neuer Medien“ (moderner: „Mediengenerationen“), die schon bei den „Arbeiter-Radiovereinen“ zu beobachten waren und zuletzt mit der „Netzgemeinde“ eine deutlich spirituelle Ausprägung gefunden haben (wobei es dabei vor allem um Konkurrenzen mit dem hergebrachten publizistisch-politischen Establishment und eigene Raumbesetzungen sowie Karrierechancen geht). Auch die vom Neomarxismus frühzeitig identifizierte „kalifornische Ideologie“ mit ihrer Mischung aus Surfern, Bastlern und Nerds auf der einen und dem universitär-militärischem Komplex auf der anderen Seite gehört in dieses Feld.17 Weiter ist zu fragen, wie sehr im engeren Sinn politische Entscheidungen (Regulierungen, Förderungen von Infrastrukturen, Steuerprivilegien, Frequenzvergaben etc.) auf das Tempo der Medienevolution Einfluss haben – vielleicht lässt sich unter diesen Macht- und Demokratie-Aspekten auch am ehesten für eine besondere Analyse der Medienevolution im Vergleich zur allgemeinen Technologie-Entwicklung18 plädieren. Schließlich geht es in einer ökonomischen Betrachtungsweise um das Verständnis von „Medien“ als Institutionen, Unternehmen, Konkurrenzen19 und um kreative Zerstörung im Schumpeterschen Sinn, bis hin zur Analyse von Berufen und Rollen, die im Zuge medien­evolutionärer Sprünge entstehen (Verleger, Journalisten, Medienkünstler etc.).20

Für die biologische Evolutionslehre gilt, dass sie, bei allen Residuen, unterschiedlichen Adaptionen und rätselhaften Urtümlichkeiten, einen prinzipiell irreversiblen Prozess beschreibt. Dies dürfte ko-evolutionär auch für die Entfaltung von Verbreitungsmedien und Kommunikationstechnologien gelten. Die Medienevolution führt daher 1.) zu einer je beschleunigten Übertragung von Zeichen, über 2.) immer größere Entfernungen, zu 3.) niedrigeren direkten Kosten, mit 4.) einer exponentiell gesteigerten Zahl von Medien, Netzwerken und Speichern, an 5.) eine potentiell immer größere Zahl von Nutzern, mit 6.) mit einer immer dichteren Beschreibung und Abbildung der Innen- und Umwelten zu 7.) einer tendenziellen Aufhebung der Grenzen zwischen Körper, Bewusstsein und Kommunikationstechnologien. Diese Entwicklungsformel kann auch dystopisch interpretiert werden, wie jetzt von Evgeny Morozov gegen die „Buzzword“-Ideologie und den „Solutionism“ der Internetpropheten21 oder von der französischen Gruppe „Tiqqun“, die in „Kybernetik und Revolte“ gegen den neuen, totalitär-kybernetischen Informationskapitalismus angeht. Aus der Formel folgt auch zwingend, dass die „Inhalte“ der Kommunikation technologischer werden.

So sind in medienevolutionärer Perspektive auch nicht die Schrebergärten der „Netzgemeinde“ interessant, sondern die frappierend kühlen Thesen von Memetikern wie Susan Blackmore, die schon 1999 schrieb: „Viele glauben offenbar, dass wir, weil wir die Internetmaschine gebaut haben, dieses Netz auch kontrollieren. Dies ist eindeutig nicht der Fall […]. Wenn die memetische Analyse, die ich hier gegeben habe, richtig ist, wird sich das System, solange die Menschen die Infrastruktur aufrechterhalten, tatsächlich rasch ausbreiten und sich jeder Kontrolle von irgendjemandem oder irgendetwas entziehen – wie ein riesiges natürliches Ökosystem“.22 Zu fragen wäre daher, auf welche Weise dieser Kontrollverlust jeweils politisch kompensiert wird, was nach der „Internetmaschine“ kommt und ob sich der Medienbegriff durch neue Decodierungs- und Transporttechniken wieder seinen spirituellen Ursprüngen nähert – im Sinne der Vorstellungen von „Gedankenlesen“ und „Gedankenübertragung“.

Die Medienevolution dürfte gewinnbringend am ehesten als Teil eines umfassenderen kulturellen Prozesses, also weder ausschließlich technikdeterministisch noch anthropozentrisch, zu analysieren sein. Dieser Prozess bringt aber unweigerlich bestimmte, sich wiederholende Wertungen, Befürchtungen und Euphorien mit sich. Im politischen Raum hat das Schicksal der deutschen Piratenpartei jüngst gezeigt, dass jede funktionale Hoffnung auf eine Befreiung von biologischen, psychophysischen oder soziologischen Beschwernissen durch Kommunikationstechnologien (in diesem Fall: durch „das Netz“) trügerisch ist. Ebensowenig gibt es im soziologischen Sinn irgendeine „digitale Gesellschaft“, von der sich einige Netzeuphoriker die Verflüssigung herkömmlicher Machtverhältnisse erwarten. Intelligentere Beobachter der Medienevolution wie Douglas Rushkoff oder Jaron Lanier haben sich denn auch zunehmend enttäuschter über das emanzipatorische Potential eines Übermediums geäußert. Für eine nicht-normative Kommunikationsökologie (die davon ausgeht, dass nicht jedes „zwischenmenschliche Gespräch“ wertvoller ist als die Wahrnehmung kommunikationstechnischer Umwelten) bleibt jedenfalls ein tieferes Verständnis der medienevolutionären Abläufe unerlässlich. Zur Schärfung des Bewusstseins für die psychophysischen Rückkopplungen der Medienevolution wäre ein konsistentes Erkenntnisprogramm erst noch zu entwickeln.

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Fußnoten

1 Mit vereinzelten Ausnahmen wie den Arbeiten von Michael Giesecke und  Manfred Faßler (vgl. Faßler: Cyber-Moderne. Medienevolution, globale Netzwerke und die Künste der Kommunikation, Wien/New York 1999); vgl. auch Matthias Bickenbach: Medienevolution – Begriff oder Metapher? Überlegungen zur Form der Mediengeschichte, in: Fabio Crivellari et al. (Hg.): Die Medien der Geschichte. Historizität und Medialität in interdisziplinärer Perspektive, Konstanz 2004, S. 114ff. Im internationalen Kontext W. Russell Neuman (Hg.): Media, Technology and Society. Theories of Media Evolution, Chicago 2010, und James Gleick: The Information. A History, A Theory, A Flood, New York 2011

2 Vgl. den Überblick von Philipp Albers in diesem Heft (gedruckte Ausgabe von „Funkkorrespondenz" Nr. 20/2013)

3 Vgl. zuletzt Frank Bösch: Mediengeschichte. Vom asiatischen Buchdruck zum Fernsehen, Frankfurt am Main 2011

Eine erweiterte Version von Riepls akademischer Arbeit erschien 1913 bei Teubner unter dem Titel: „Das Nachrichtenwesen des Altertums. Mit besonderer Rücksicht auf die Römer“, Berlin/Leipzig. Nachdruck der Kernthesen mit dem Titel „Das Gesetz von der Komplementarität“ bei Manfred Bobrowsky/Wolfgang Duchkowitsch/Hannes Haas (Hg.): Medien- und Kommunikationsgeschichte. Ein Textbuch zur Einführung, Wien 1987, S. 144ff. Riepl (1864-1937) war bis 1932 Hauptschriftleiter der „Nordbayerischen Zeitung“ in Nürnberg und hatte nebenher in Erlangen bei dem Althistoriker und Archäologen Adolf Schulten („dem Entdecker von Numantia“) promoviert.

5 Der prinzipiell unendliche Medienbegriff ist konstitutives Problem jeder „Medienwissenschaft“, die sich damit in ihren Gegenständen auflöst. Nach einer euphorischen, gegen die Publizistik- und Kommunikationswissenschaft gerichteten Entdeckungsphase der ästhetischen und historischen Dimensionen „der Medien“ hat sich in letzter Zeit Ernüchterung auf der Theorieebene eingestellt; vgl. Claus Pias (Hg.): Was waren Medien? Zürich/Berlin 2011. Am phänomenologisch verstandenen Begriff der „Zeitung“ als Begründung einer akademischen Disziplin wollte bekanntlich auch die Münchener Schule der „Zeitungswissenschaft“ noch bis in die 1960er Jahre festhalten. Zum umfassenderen kommunikationstheoretischen Feld siehe David W. Park/Jefferson Pooley (Hg.): The History of Media and Communication Research, New York 2008

Niklas Luhmann: Ideenevolution. Beiträge zur Wissenssoziologie, herausgegeben von André Kieserling, Frankfurt am Main 2008

7 Vgl. den Beitrag von Gert Scobel in diesem Heft (gedruckte Ausgabe von „Funkkorrespondenz" Nr. 20/2013); vgl. auch George B. Dyson: Darwin Among the Machines. The Evolution of Global Intelligence, Reading/Mass. u.a. 1997

Für Nicht-Memetiker hier hoch einmal die zentrale Stelle aus Richard Dawkins’ „Das egoistische Gen“ (zuerst 1976): „Ich meine, dass auf unserem Planeten kürzlich eine neue Art von Replikator aufgetreten ist. Zwar ist er noch jung, treibt noch unbeholfen in seiner Ursuppe herum, aber er ruft bereits evolutionären Wandel hervor, und zwar mit einer Geschwindigkeit, die das gute alte Gen weit in den Schatten stellt. Das neue Urmeer ist die ‘Suppe’ der menschlichen Kultur. Wir brauchen einen Namen für den neuen Replikator, ein Substantiv, das die Assoziation einer Einheit der kulturellen Vererbung vermittelt, oder eine Einheit der Imitation. Von einer entsprechenden griechischen Wurzel ließe sich das Wort ‘Mimem’ ableiten, aber ich suche ein einsilbiges Wort, das ein wenig wie ‘Gen’ klingt. Ich hoffe, meine klassisch gebildeten Freunde werden mir verzeihen, wenn ich Mimem zu Mem verkürze“. (Zitiert nach der deutschen Jubiläumsausgabe, Heidelberg 2008, S. 320f). Als Beispiele für Meme nennt Dawkins „Melodien, Gedanken, Schlagworte, Kleidermoden, die Art, Töpfe zu machen oder Bögen zu bauen“. Erfrischend die Replik von Tom Wolfe: „Dawkins ist jetzt der Erzbischof des darwinistischen Fundamentalismus und Oberpriester der Meme. Es ergibt sich allerdings ein ernstes Problem mit den Memen. Es gibt sie nämlich nicht“ (Digi-Blabla, Feenstaub und der menschliche Ameisenhaufen, in: ders.: Hooking Up,  München 2001).

9 Susan Blackmore: Evolution und Meme: Das menschliche Gehirn als selektiver Imitationsapparat, in: Alexander Becker et al. (Hg.): Gene, Meme und Gehirne. Geist und Gesellschaft als Natur, Frankfurt am Main 2003, S. 48/49

10 „Wenn Natur und Kultur wieder ununterscheidbar werden, wird auch die Geschichte einer Wissenschaft, die auf beider Ausdifferenzierung gründete, am Ende angelangt sein.“ Friedrich Kittler: Eine Kulturgeschichte der Kulturwissenschaft, München  2001, 2. Auflage, S. 140

11 Vgl. auch Eric Steinhart: Teilhard de Chardin and Transhumanism, in:„Journal of Evolution and Technology“ 20 (2008), S. 1-22

12 Radikalisiert in der Prognose des Physikers Hugo de Garis, der für das Ende des 21. Jahrhunderts von einem Weltkrieg zwischen künstlichen Intelligenzen und Menschen mit Milliarden von Toten ausgeht; ders.: The Artilect War: Cosmists vs. Terrans, Palm Springs 2005

13 In deutscher Übersetzung mit dem zeittypischen Titel „Homo S@piens. Leben im 21. Jahrhundert – was bleibt vom Menschen?“ bei Kiepenheuer & Witsch erschienen. Siehe jetzt auch Ray Kurzweil: How to Create A Mind. The Secret of Human Thought Revealed, New York u.a. 2012

14 Vgl. dazu Michael E. Zimmerman: Heidegger’s Confrontation with Modernity. Technology, Politics, Art. Bloomington/Indianapolis 1990.  Zum technikphilosophischen Stand der Dinge, mit explizitem Bezug auf Heideggers „außergewöhnliche philosophische Intuition“ (Erich Hörl), siehe jetzt: Die technologische Bedingung. Beiträge zur Beschreibung der technischen Welt, herausgegeben von Erich Hörl, Frankfurt am Main 2011, mit Beiträgen von Jean-Luc Nancy, Gilbert Simondon, Bernard Stiegler, Dirk Baecker u.a.

15 Martin Heidegger: Das Ge-Stell, in: Bremer und Freiburger Vorträge. Gesamtausgabe Bd. 79, hg. von Petra Jaeger, Franfurt am Main 2005, 2. Auflage, S. 24ff, hier S. 38/39

16 Nicholas Carr: The Shallows. What the Internet Is Doing To Our Brain, New York 2010 (deutsch 2011)

17 Vgl. dazu den Beitrag von Richard Barbrook in diesem Heft (gedruckte Ausgabe von „Funkkorrespondenz" Nr. 20/2013) und grundlegend Fred Turner: From Counterculture to Cyberculture. Steward Brand, the Whole Earth Network and the Rise of Digital Utopianism. Chicago 2006. Die Absicht einer „Raumbesetzung“ bzw. der Kreation neuer Netzräume (gegen das medienkapitalistische Establishment) war begründend für John Perry Barlows „Declaration of Independence of Cyberspace“ (1996). Das war vor der Herausbildung neuer Wissens- und Datenkonzerne wie Google, Amazon, Twitter oder Facebook.

18 Vgl. George Basalla: The Evolution of Technology, Cambridge 1988 und W. Brian Arthur: The Nature of Technology: What It Is and How It Evolves, New York 2009. Für eine ausführliche Monografie zur Verbindung kommunikationspolitischer und technologischer „constitutive moments“ siehe Paul Starr: The Creation of the Media. Political Origins of Modern Communications, New York 2004

19 Vgl. Tim Wus Zyklenmodell des Master Switch in diesem Heft (gedruckte Ausgabe von „Funkkorrespondenz" Nr. 20/2013)

20 Der ökonomische Effekt von Verbreitungsmedien und Transportmitteln war schon Mitte des 19. Jahrhunderts Thema von Karl Knies in der deutschen historischen Schule der Nationalökonomie, vgl. ders., Der Telegraph als Verkehrsmittel, Tübingen 1857, und Die Eisenbahnen und ihre Wirkungen, Braunschweig 1853

21 Evgeny Morozov: To Save Everything, Click Here: The Folly of Solutionism, New York 2013

22 Susan Blackmore: Die Macht der Meme. Die Evolution von Kultur und Geist, Heidelberg/Berlin 2000. Mit einem Vorwort von Richard Dawkins, S. 344

17.05.2013/MK

Lutz Hachmeister

Foto: Jim Rakete