Die Guillotine-Wirkung

Quote und öffentlich-rechtlicher Programmauftrag

Von Gert Monheim
23.03.2012 •

Der Kölner Initiativkreis Öffentlicher Rundfunk (IÖR) veranstaltete am 9. März 2012 ein Symposium zu dem Thema „Was soll der öffentlich-rechtliche Rundfunk für die Gesellschaft leisten?“. Teilnehmer an der Tagung waren Wissenschaftler, (ehemalige) WDR-Redakteure und Medienpolitiker. Eines der Referate, die auf dem an der Universität Köln stattfindenden Symposium vorgetragen wurden, hielt Gert Monheim, geb. am 2. Dezember 1944 im belgischen St. Vith. Monheim, mehrfach mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet, ist einer der renommiertesten Dokumentarfilmer Deutschlands. Er arbeitete von 1971 bis 2009 als Autor und Redakteur für den WDR. Dort war er unter anderem Leiter der Redaktion der renommierten Dokumentations- und Reportagereihe „Die Story“. Der Initiativkreis Öffentlicher Rundfunk wurde 1992 von Mitgliedern und ehemaligen Mitgliedern des WDR-Rundfunkrats gegründet. Er setzt sich für einen staats- und marktfernen öffentlich-rechtlichen Rundfunk ein.  FK

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Als ich vor einigen Wochen gefragt wurde, ob ich etwas zu dem Thema „Die Quote – ein Hindernis für die Erfüllung des öffentlich-rechtlichen Programmauftrags?“ sagen könne, habe ich zurückgefragt: „Warum gerade ich?“ „Weil Sie viele Jahre Programm gemacht und verantwortet haben“, wurde mir geantwortet, „und weil Sie als Pensionär ohne Rücksichtnahme reden können.“ Die Antwort hat mich verblüfft. Zumindest der zweite Teil. Weil ich auch zu meiner aktiven Zeit gerade in dieser Frage nie ein Blatt vor den Mund genommen habe.

Ich habe mich entschieden, die Frage ganz aus der Sicht eines Autors und Redakteurs zu beantworten, der 38 Jahre lang – in einer entscheidenden Phase des öffentlich-rechtlichen Rundfunks – Programm gemacht hat. Und erlauben Sie mir, dass ich meine Beobachtungen auf die Entwicklung der Hintergrundberichterstattung, also vor allem auf Dokumentationen beschränke, weil dieses Genre zu den wenigen originären öffentlich-rechtlichen Hervorbringungen des Rundfunks – wie zum Beispiel auch Radiofeature und Fernsehspiel – gehört. Gleichwohl spiegelt sich meines Erachtens in der Entwicklung der Fernsehdokumentation – die einmal zu den Königsdisziplinen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks gezählt wurde – die allgemeine Entwicklung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in den letzten 30 Jahren.

Rundfunk der Gesellschaft

Als ich Mitte 2009 meinen Schreibtisch aufräumte, weil ich in Pension ging, fand ich meine Dokumentationen fein aufgereiht nach Sendedaten und stellte überrascht fest, dass sie bis Ende der 80er Jahre in der Regel um 20.15 Uhr direkt nach der „Tagesschau“, auf jeden Fall aber in der Primetime gezeigt worden waren. In „Gesucht wird … eine Todesursache“ zum Beispiel deckte ich einen Arzneimittelskandal der Firma Höchst mit vielen Todesopfern und die tödlichen Schwächen der Arzneimittelsicherheit auf. In „Gesucht wird … Gift am Arbeitsplatz“ wies ich bedeutenden Firmen und Arbeitsmedizinern nach, dass sie aus Profitgier Krankheit und Tod von Arbeitern in Kauf genommen hatten. Diese und viele Filme auch meiner Kollegen der renommierten Sendereihe „Gesucht wird …“ erweckten öffentliches Aufsehen, lösten breite gesellschaftliche Diskussionen aus, trugen zu Veränderungen bei. Das öffentlich-rechtliche System war durch diese und natürlich durch viele andere anspruchsvolle, gesellschaftlich orientierte Berichte – wie vom Bundesverfassungsgericht gefordert – Medium und Faktor der Meinungsbildung in Deutschland.

Die Quote spielte in den 70er Jahren für meine Arbeit direkt keine Rolle, die tauchte meiner Erinnerung nach bezeichnenderweise 1984 zum ersten Mal im Zusammenhang mit einer meiner Dokumentationen auf. Der damalige ARD-Koordinator für Politik lobte meinen Film über Höchst und die mangelhafte Arzneisicherheit und sagte: 12,5 Prozent der Zuschauer hätten geguckt, das sei angesichts der übermächtigen Konkurrenz der „Peter Alexander Show“ im ZDF wie 25 Prozent. Die kommerziellen Sender waren gerade erst gestartet und noch unbedeutend. Es gab sie aber schon – die Quote. Doch sie hatte noch nicht die Guillotine-Wirkung wie in späteren Jahren. Im Gegenteil: Der Koordinator in München relativierte die nackte Zahl durch ein qualitatives Argument.

Inhalte an den Rand gedrängt

In den folgenden Jahren haben meine Kollegen und ich noch viele Dokumentationen mit diesem Anspruch in der Primetime gemacht, die ein gewaltiges Echo hatten, in einigen Fällen zu Gesetzesänderungen, in vielen anderen zu Einstellungsänderungen in der Bevölkerung führten. Und diese vier bis sechs „Gesucht wird …“-Sendungen im Jahr alleine bekamen in dieser Zeit mehr Grimme-Preise – nach Fritz Pleitgen „die einzige harte Währung im Fernsehgeschäft“ – als ganze Programm-Hauptabteilungen mit ihrem gesamten Angebot.

Mein erster Befund im Sinne der Fragestellung wird Sie nicht überraschen: Sowohl die Auswahl der Themen als auch ihr Stellenwert, sprich: Sendeplatz im Programm, wurde ursprünglich nach qualitativen Gesichtspunkten und gesellschaftlichen Bedürfnissen getroffen. Die Redakteure und auch Intendanten und Programmdirektoren hatten so etwas wie den innewohnenden Programmauftrag eines „Rundfunks der Gesellschaft“, der die Gebührenzahler mit den für sie wichtigen Informationen in der gebotenen Nachhaltigkeit zu versorgen, die Grundversorgung sicherzustellen hatte.

Das änderte sich in den 90er Jahren, als die kommerziellen Sender  stärker auf den Markt drängten. Das Programm wurde immer weniger nach qualitativen Gesichtspunkten geplant. In den Vordergrund rückte die Frage: ’Wie organisieren wir  ein Programm, das möglichst viele Zuschauer erreicht?’ Nun ist das a priori nicht schlecht: Jeder Autor will möglichst viele Leser oder Zuschauer, jeder Künstler große Aufmerksamkeit. Aber diese Entwicklung  hatte die fatale Wirkung, dass die Inhalte, die vorher im Zentrum des Programms gestanden hatten, plötzlich immer mehr an den Rand gedrängt wurden. Die Dokumentationen verloren ihren festen Sendeplatz, weil – so hieß es – die Zusammenhänge für ein breites Publikum zu komplex seien. Sie wurden hin und her im Programmschema geschoben und es wurde ausprobiert, wo sie am wenigsten Zuschauer kosteten. Und wo kosten sie am wenigsten Zuschauer? Wo ohnehin wenige sind, also außerhalb der Primetime, und schließlich wurden sie fast nur noch im Nachtprogramm gesendet. So kam es zu der bizarren Argumentation, dass – weil die komplexen Inhalte den wachen Zuschauer am frühen Abend angeblich überfordern – sie dem müden Gebührenzahler nach 23.00 Uhr zugemutet werden.

Die Quote als Grundlage von Lob oder Verriss

Das hatte nicht nur Auswirkungen auf eine Gesellschaft, die diesen Rundfunk ja schließlich finanziert und auf diese politische und soziale Information ein Anrecht hat. Das hatte auch Auswirkung auf die Programm-Macher und -Verantwortlichen in den Funkhäusern. Sie überlegten händeringend, wie sie dem Trend begegnen könnten. Ein begabter Kollege schlug vor, statt der damals herkömmlichen Features „Featuretten“ anzubieten, in denen die Inhalte von 45 Minuten in 15 Minuten gepresst und in möglichst schnittiger Form an den Mann und die Frau gebracht werden sollten. Diese 15 Minuten könnte man doch leichter hinter ein mehrheitsfähiges Programm klemmen und insofern vom „Audience-flow“ profitieren. Andere entdeckten plötzlich bei Themen, die jahrzehntelang nahezu den Rang von „Fragen der Nation“ gehabt hatten, dass sie sich doch so ganz der Bildsprache entzögen, mit der man ein modernes Publikum erreichen könne. Den Höhepunkt dieser Entwicklung markierte ein früherer WDR-Programmdirektor, der die gestandenen Programm-Macher des Hauses zu einem Workshop einlud, in dem sie von den eingeladenen Realisatoren kommerzieller Formate lernen sollten, wie man mit schnellen Schnitten und reißerischen Formen hohe Quoten einfahren könne.

Mein zweiter Befund im Sinne der Fragestellung wird Sie ebenfalls nicht überraschen: Im Laufe der 90er Jahre wurden Inhalte, die vorher im Zentrum des Programmauftrags gestanden hatten, an den Rand gedrängt. Wenn Dokumentationen zu komplexeren gesellschaftlichen Zusammenhängen produziert wurden, dann für den späten Abend. Die schlimmere Entwicklung passierte aber in den Köpfen vieler Redakteure, die – vor lauter Angst, einen Sendeplatz und damit an Bedeutung zu verlieren – zu immer mehr Zugeständnissen an Inhalte und Formen bereit waren.  Diese „Selbstkommerzialisierung“ hat unser Programm, wenn man es mit dem ursprünglichen Programmauftrag und den Leistungen der vorangegangenen Jahrzehnte vergleicht, in weiten Teilen zum Spielball von quotenorientiertem Programm-Management gemacht. Ich habe Kollegen aus der obersten Führungsebene des WDR erlebt, die einen Film von mir wortreich und überschwänglich gelobt oder bodentief verrissen haben, die aber – wie sich im Laufe des Gesprächs herausstellte – nur die Quote gesehen hatten.

Ein ganz neuer Versuch: „Die Story“

Als wir Ende der 90er Jahre auf das Programm der ARD  schauten, da blickten wir auf viele seichte Unterhaltungsformate, bei denen die kommerzielle Konkurrenz immer schon besser, weil unbekümmerter war; und wir sahen auch damals schon auf zu viele Talkshows oder ähnliche Gesprächsformate. Geblieben waren im Wesentlichen die Qualität und die guten Plätze unserer aktuellen Informationssendungen; die Hintergrundberichterstattung aber hatte unter dem Quotendruck ihre einstmals wichtige Bedeutung weitgehend eingebüßt. Das galt für die Sendeplätze und das galt erst recht für die Machart vieler Dokumentationen, die zwischen ernsthaftem Anliegen und Anbiederung an einen vermeintlichen Publikumsgeschmack schwankten. Zu oft hatten die Macher der Sendungen bei Quoten, die unter ein bestimmtes Level gefallen waren, die vorwurfsvolle Frage hören müssen, warum sie nicht mehr Zuschauer erreicht und was sie denn wohl falsch gemacht hätten. Zu oft waren Sendungen mit sogenannten schwachen Quoten eingestellt, solche mit überraschend hohen Quoten plötzlich als vorbildlich und zukunftweisend dargestellt worden, um beim nächsten Quotenflop wieder infrage gestellt zu werden. Eine durchgehende Sendereihe mit gesellschaftpolitischen Dokumentationen, mit denen gerade die ARD früher geglänzt hatte, gab es meiner Erinnerung nach nicht einmal mehr in den Dritten Programmen.

In dieser Phase haben sich Programm-Macher sozusagen von unten entschieden, noch einmal einen ganz neuen Versuch zu starten. Redakteure und Redakteurinnen der WDR-Programmgruppen Inland und Ausland planten gemeinsam eine neue politische Dokumentationsreihe, die Anfang 2000 einen wöchentlichen Sendeplatz im WDR Fernsehen bekam und bis heute unter dem Titel „Die Story“ noch immer erfolgreich auch mit vielen investigativen Dokumentationen im Programm ist. Parallel sollten zirka zehn der „Storys“ jährlich für die ARD produziert werden. Für das WDR Fernsehen wurden bestimmte inhaltliche und formale Vereinbarungen beschlossen und es wurde auch eine Quotenvorgabe festgeschrieben, die  jährlich überprüft wurde. Sie wurde schließlich zwischen vier und fünf Prozent angesiedelt und lag bei einem durchschnittlichen Marktanteil von sieben Prozent der Zuschauer für das Gesamtprogramm in einem realistischen Bereich. Ich kann für mich als Redaktionsleiter und für die Redakteure reinen Herzens sagen, dass wir viel über inhaltliche und formale Anforderungen diskutiert haben. Quotendenken hat unsere Entscheidungen nicht geprägt – das sollte uns zum Verhängnis werden.

Mehr Geld für Hochglanz

Jedenfalls in der ARD. Der im Jahr 2000 in München verantwortliche Koordinator und ARD-Chefredakteur sagte uns unverblümt, dass es für den Termin am Montagabend in der ARD – zunächst um 21.45, später um 21.00 Uhr – eine Quotenvorgabe von 10 Prozent gebe. Und wir sollten mal froh sein, dass er auf der gleichen Sendeschiene populistische Formate wie zum Beispiel „Legenden“ (im wesentlichen Biografien von Filmstars von Liz Taylor bis Roy Black) und „Die großen Kriminalfälle“ untergebracht hätte. Diese Reihen würden die bei unseren komplizierten politischen „Storys“ zu erwartenden Quotentiefs hoffentlich ausgleichen. Wenn die vorgegebene „Mischkalkulation“ von 10 Prozent im Durchschnitt unterschritten würde, dann hätte der ARD-Programmdirektor, der die Dokumentationen für „Quotenkiller“ halte, einen geeigneten Vorwand, die Dokumentationen in die Nacht zu verschieben. Im Übrigen erwartete der ARD-Koordinator „Hochglanzdokumentationen“! Eine in sich widersprüchliche, von keinem Fachwissen oder praktischen Erfahrungen getrübte Programmkategorie, die er bis zum Ende seiner Amtszeit nicht mit Leben füllen konnte, die gleichwohl aber von fast allen Chefredakteuren und Fernsehdirektoren als ein Schlüsselwort für quantitativ erfolgreiche Dokumentationen übernommen wurde.

Wir bekamen – wahrscheinlich weil man Hochglanz mit teuer assoziierte – einen eigenen, besser ausgestatteten Etat für die ARD-„Storys“ (Geld, das wir gerne in die Recherchen gesteckt haben) und überlegten uns, wie wir es schaffen könnten, unseren eigenen Ansprüchen und den quantitativen Vorgaben gerecht zu werden. Ein Weg war, Politiker zu porträtieren, die ihre Zeit und die Gesellschaft auf ihre Weise geprägt hatten. Wir wollten ihnen gerecht werden, ihre Leistungen aber auch kritisch hinterfragen. Es entstanden  Filme über Franz Josef Strauß, François Mitterand und Silvio Berlusconi. Für alle drei Dokumentationen hatten wir ausgezeichnete Autoren gefunden, die richtig gute Filme machten – die Reaktionen aber hätten unterschiedlicher nicht sein können.

Quote schlecht = Film schlecht

Bei Strauß überschlugen sich die Kritiker vor Lob, insbesondere unsere ARD-Hierarchie. Er war von fast 15 Prozent der Zuschauer gesehen worden. Ganz schlecht weg kam Silvio Berlusconi. Der hatte nur knapp 6 Prozent der Zuschauer erreicht. Widersprüchlich reagierten die Kritiker auf den Film über Mitterand. Der wurde zunächst hochgelobt. Allerdings zu einem Zeitpunkt, als die Quote aus unerfindlichen Gründen ausnahmsweise mal nicht früh genug in der täglichen Schaltkonferenz vorlag. Als am nächsten Tag bekannt wurde, dass sie bei 7,6 Prozent gelegen hatte, wurde der Film Tag für Tag schlechter –zumindest in den zunächst zögerlichen und dann immer massiveren Kritiken aus München. Da half auch nicht, dass erfahrene Kritiker darauf hinwiesen, dass es Auslandsthemen beim deutschen Publikum immer schwerer hätten als so eine Reizfigur wie der Bayer Strauß. Der eine Film war sehr gut und die beiden anderen waren schlecht. Das sehe man doch an der Akzeptanz der Zuschauer. Punkt! Uns wurde unmissverständlich klargemacht, dass wir bei weiteren Quotenproblemen mit Konsequenzen rechnen müssten.

Ein anderer Weg, dem Dilemma zu begegnen, war, politische, bzw. wirtschaftliche  Entwicklungen und deren Folgen wie zum Beispiel die der „New Economy“ in Geschichten unter dem Arbeitstitel „Glücksritter“ zu fokussieren. Als diese drei Folgen nur zirka 7 Prozent brachten, war es um „Die Story“ geschehen – jedenfalls in der ARD-Primetime.

Ende 2003 wurde der Etat von knapp 2 Millionen um 600 000 Euro gekürzt. Das Geld wurde für ARD-Dokumentationen zur Verfügung gestellt, die – das war überdeutlich – mehr Akzeptanz, sprich: höhere Quoten, versprachen. Es entstanden Sendereihen wie „Liebe an der Macht“, in denen die Eheleute Gorbatschow oder Clinton in ihrem privaten Leben und politischen Kampf dargestellt wurden. „Die Story“ war in den Jahren vorher bis zu zwölfmal in der ARD, davon durchschnittlich siebenmal in der Primetime gesendet worden. Dass in den darauf folgenden beiden Jahren sehr viel seltener überhaupt noch WDR-Dokumentationen in der ARD-Primetime zu sehen waren und dass die Quoten der ARD-Dokus stark schwankten und oft nicht besser waren als die der früheren „Storys“, interessierte nicht. „Die Story“ hatte als gesellschaftspolitische Farbe der ARD-Doku am Montag keine Chance mehr. Sendungen werden im WDR durch ein aufwendiges Verfahren evaluiert, die Entscheidungen der Hierarchen in aller Regel aber nicht.

Auszeichnungen helfen nichts

Mein dritter Befund im Sinne meiner Aufgabenstellung lautet: Selbst wenn sich ein dokumentarisches Format als erfolgreich und imagebildend herausstellt, hat es – zumindest in der ARD – nur langfristig Chancen, wenn es auch die nötige Quote bringt; die gesellschaftliche Relevanz spielt bestenfalls in zweiter Linie eine Rolle. Der heutige Redaktionsleiter hat bei der Verleihung des Hanns-Joachim-Friedrich-Preises an „Die Story“ Ende 2010 darauf hingewiesen, dass die Sendereihe bis zu diesem Zeitpunkt 75 nationale und internationale Preise, darunter viele Grimme-Auszeichnungen und mehrfach den Deutschen Fernsehpreis, bekommen hatte. Das hilft alles nichts. Seit einigen Jahren überprüft vor der Ausstrahlung sogar eine eigene Kommission der ARD, ob die in den jeweiligen Sender gefertigten und abgenommenen Filme die Erwartungen auch erfüllen. Welche Erwartungen das letztlich sind, das können Sie sich inzwischen schon selber beantworten. Mal abgesehen davon, dass durch diese Praxis im Konfliktfall das Prinzip des „verantwortlichen Redakteurs“ verletzt wird.

Mit dankenswerter Klarheit hat Professor Rossen-Stadtfeld in seinem einleitenden Referat auf diesem Symposium die Bedeutung gerade des investigativen Journalismus für das öffentlich-rechtliche System verfassungsrechtlich begründet und gefordert, dass diese Informationspflicht des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Zukunft ihre durch Quotendenken verlorengegangene Bedeutung zurückgewinnen muss.

Dass das auch möglich ist, dafür ein letztes Beispiel. „Die Story“ ist seit zwölf Jahren im WDR Fernsehen fest verankert und hat immerhin schätzungsweise 500 gesellschaftspolitische Dokumentationen produziert. Darunter einige, die gravierende politische, soziale und juristische Folgen gehabt haben. Ich will nur ein Beispiel herausgreifen. Der sogenannte Kölner Messeskandal und die Machenschaften des Oppenheim-Esch-Fonds wären nie aufgedeckt worden, wenn nicht zwei „Story“-Autoren seit 2005 diese Geschichte recherchiert und in vier Dokumentationen unter dem Gesamttitel „Milliarden-Monopoly“ bis 2010 aufgedeckt hätten. Das war öffentlich-rechtliches Fernsehen at its best. Und es war der WDR, der diese viermal 45 Minuten möglich machte. Es geht also – immer noch! Es gibt Autoren und Redakteure, die das können und die sich auch von noch so einflussreichen und reichen Strippenziehern nicht abhalten und unter Druck setzen lassen. Es gibt ein Justitiariat, das die neun Klagen, die wir allein gegen einen der Filme bekamen, ganz sportiv nimmt. Die Prozesse haben wir im Übrigen alle gewonnen, so wie wir auch vorher nie einen verloren hatten. Und es gibt einen Sender, der offenbar bereit und in der Lage ist, solche Dokumentationen – zumindest im eigenen Programm – möglich zu machen.

Meine Versuche, einige dieser gesellschaftlich so wichtigen Dokumentationen in der ARD zu platzieren, sind allerdings gescheitert. Ich habe zum Beispiel dem ARD-Koordinator einen aufsehenerregenden Film über die dubiosen Machenschaften eines Kölner Politikers und Bundestagsabgeordneten angeboten. „Wenn ich den nicht kenne, kennen die Zuschauer ihn auch nicht“, meinte er. Was er nicht ausdrücklich sagte: Und dann gucken auch nur wenige Zuschauer. Der Beitrag wurde mit diesem schlichten Argument abgelehnt, ohne dass der Verantwortliche sich auch nur die Mühe gemacht hätte, den Beitrag auf seine mögliche Relevanz hin anzusehen.

Milchmädchen und der Spaßaugust Günther Jauch

Wir haben diese Dokumentation natürlich im WDR Fernsehen gezeigt; die von der „Story“ aufgedeckte Vermischung von politischen Ämtern und privaten Interessen hat die Öffentlichkeit  aufgeschreckt und schließlich dazu geführt, dass der Politiker seine Parteiämter verlor und nicht mehr in den Bundestag gewählt wurde. Nicht eine Folge der oben beschriebenen, inzwischen legendären Reihe „Milliarden-Monopoly“ hatte Chancen auf einen ARD-Sendeplatz. Die zynischen Ablehnungen hatten ein fatales Ergebnis: Sie erstickten unsere hochgesteckten Ziele und einige WDR-Verantwortliche bekamen mehr und mehr den Eindruck, dass wir wohl die falschen Angebote für die ARD machten. Die Folgen habe ich oben geschildert.

Ich komme zu meinem letzten Befund und zu der Frage, ob die Quote ein Hindernis bei der Erfüllung des Programmauftrags ist? Ja, sie ist es für viele politische und kulturelle Angebote, aber sie muss es nicht unbedingt und in jedem Falle sein, wie die erfolgreichen „Storys“ im WDR Fernsehen zeigen. Wenn wir uns auf die rein quantitative Konkurrenz einlassen, wie es die ARD jedenfalls in weiten Teilen tut, dann verhindert die Quote allerdings anspruchsvolle, gesellschaftlich relevante Programme.

Ein schlagendes Beispiel dafür ist die letzte Entwicklung: An fünf Abenden hintereinander blockieren Talkshows andere wichtige Programme. Das hat unter anderem dazu geführt, dass Dokumentationen jetzt ganz aus der Primetime – außer im Sommer, wenn die Talkshows Ferien machen – verbannt sind. Und dies unter anderem deshalb, weil man den quotenträchtigen Günther Jauch unbedingt als Talkmaster zur ARD holen wollte, der unter der Woche den Spaßaugust bei RTL geben darf. Man muss sich das mal vorstellen: Damit fünf Talkmaster mit einer überschaubaren Anzahl von immer gleichen Gäste von Sonntag bis Donnerstag in der ARD plaudern können, erreichen die Dokumentationen, in denen gesellschaftliche Zustände grundsätzlich und nachhaltig untersucht werden, den normalen Gebührenzahler oft nicht mehr, der am nächsten Morgen zur Arbeit muss. An diesem Beispiel wird überdeutlich, auf welchen verhängnisvollen Weg die ARD sich begeben hat.

Das öffentlich-rechtliche System verliert seine Legitimation, wenn es auf Quantität und nicht auf Qualität, wenn es auf Beliebigkeit und nicht auf Relevanz setzt. Aber selbst die, die fürchten – wie leider auch mein geschätzter Kollege Thomas Nell –, dass wir mit abnehmenden Zuschauerzahlen unsere Legitimation verlieren, rechnen wie die Milchmädchen. Wir erreichen ja mit unseren Dokumentationen oft so viele Zuschauer wie Talkshows und vergleichbare Formate. Aber dabei bleibt’s ja nicht. Einzelne „Storys“ und auch zum Beispiel Geschichtsdokumentationen können bis zu 30-mal in der ARD, in den Dritten Programmen und bei Phoenix gezeigt werden. Diese Sendungen haben im Lauf der Zeit ganz sicher mehr Zuschauer gesehen als viele Talkshows, die wegen ihres schnellen Verfallsdatums normalerweise nur ein-, zwei- oder dreimal wiederholt werden können. „Programmvermögen“ nennt man so was, und hier gehen tatsächlich mal Qualität und Quantität  eine Einheit ein.

Wieso lassen die Gremien der Sender das zu?

Obwohl das alles doch bekannt ist, wie kommt es, dass diesem Treiben seit Jahren kein Einhalt geboten wird? Wieso lassen es die Gremien in den Sendern zu, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk unter dem – wie ich meine – selbstgemachten Quotendruck immer mehr auf die schiefe Bahn gerät? Der Rundfunkrat soll sich nicht konkret in Sendungen einmischen, das muss klar sein! Aber wenn die Sendestrukturen erkennbar aus den Fugen geraten, wenn der öffentlich-rechtliche Rundfunk immer weniger unterscheidbar von den kommerziellen Anbietern wird – wer soll dieser Entwicklung Einhalt gebieten, wenn nicht die gesellschaftlich relevanten Gruppen? Die ihre Vertreter ja in die Gremien entsenden, damit sie über den Programmauftrag wachen.

Es sind ja hochrangige ehemalige und aktuelle Gremienvertreter in diesem Raum hier. Warum haben Sie nicht nachgefragt, als der „Story“ ein Drittel des Etats genommen wurde? Was haben die Gremien unternommen, als unbedingt Jauch den wichtigen Sonntagabend-Talk übernehmen musste? Klar, einmal hatten Sie ihn verhindert – und mussten sich von ihm als „Gremlins“ beschimpfen lassen. Hatte er Sie damit so erschreckt oder hatte er in den beiden folgenden Jahren so viel dazugelernt, dass Sie ihn beim zweiten Versuch akzeptierten? Jauch ist in den letzten Jahrzehnten durch alle möglichen Talente aufgefallen. Nur mit einem nicht: mit politischem Sachverstand.

Ein kurzer Blick in die Vergangenheit macht deutlich, wie weit sich das öffentlich-rechtliche System von seinen Ursprüngen entfernt hat. Als ich beim WDR anfing, wurden wichtige gesellschaftspolitische Sendungen unter anderem von Joachim Fest, von Peter Merseburger, Gert von Paczenky und von Günter Gaus moderiert. Leider von keiner Frau, aber von Männern, die schon eine publizistische oder sogar  wissenschaftliche Lebensleistung vorzuzeigen hatten. Solche publizistischen und politischen Schwergewichte – Männer und Frauen – gibt es natürlich auch heute. Aber Jauch? Für seine Wahl gab es nur einen wichtigen Grund: die Quote.

Den Rundfunk nicht den Erbsenzählern überlassen

Setzt das Privileg der Beitragsfinanzierung nicht zwingend voraus, dass die Sender das Programm nach gesellschaftlich relevanten Kriterien gestalten müssen? Bei der fatalen Talkshow-Flut hätten die Gremien die Möglichkeit, ja, die Pflicht gehabt, nachzufragen, zur Not auch einzugreifen. Professor Rossen-Stadtfeld hat mit aller verfassungsrechtlichen Stringenz darauf hingewiesen, dass unsere Verfassung nach Art. 5, Abs. 1 des Grundgesetzes von einem gebührenfinanzierten Public-Service-Rundfunk ein der „Meinungsbildungsfreiheit verpflichtetes Programm“ verlangt und keinen quotenmaximierenden „More-of-the-same“-Programmstrom.

Sieht das ein im wahrsten Sinne des Wortes „alter“ Programm-Macher zu einfach?  In diesem Raum ist genügend Sachverstand vereint, diese Fragen aus den verschiedenen fachlichen Perspektiven – aus der programmlichen, ganz wichtig auch: aus verfassungsrechtlicher und gerne auch aus Sicht der Gremienmitglieder – zu beleuchten und mögliche Konsequenzen zu diskutieren. Wir sollten ein Rundfunksystem, das für die demokratische Entwicklung so entscheidend war und weiterhin ist, nicht den Erbsenzählern überlassen.

• Text aus Heft 12/2012 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

23.03.2012/MK