Das große Medienspiel

Der Kampf um die amerikanischen Fernsehzuschauer spitzt sich zu

Von Franz Everschor
07.12.2016 •

07.12.2016 • Zwei Ereignisse haben in den letzten Wochen die USA – und vielleicht sogar die Welt – in einem Maß verändert, das zukünftige Generationen womöglich als historisch bezeichnen werden: Im politischen Bereich ist dies die Wahl des umstrittenen Immobilienmoguls Donald Trump zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten und im Medienbereich der beabsichtigte Zusammenschluss des Telekommunikationsgiganten AT&T mit dem weltweit tätigen Medienkonzern Time Warner. Was AT&T und Time Warner angeht (vgl. auch diese MK-Meldung), stellt nach der Fusionswelle der 1990er Jahre die Kombination dieser beiden Riesenunternehmen den Höhepunkt einer vertikalen Integration auf dem Mediensektor dar, einer von Verbraucherorganisationen heftig kritisierten Entwicklung, die nach deren Auffassung die Konsolidierung der mächtigsten Unternehmen ihrer Branchen auf Kosten des kleinen Mannes betreibt.

Allein in diesem Jahr hat sich schon Charter Communications mit Time Warner Cable zusammengetan, NBC Universal kaufte Dreamworks Animation und das Filmstudio Lions Gate umwirbt den Pay-TV-Kanal Starz. Die CBS Corporation denkt darüber nach, sich wieder mit Viacom zu vereinen, während die Walt Disney Company einen Anteil am Streaming-Service BAMTech erworben hat und erwägt, Gebote für Netflix und Twitter zu machen. 2016 war wieder einmal eines jener Jahre, in denen die ganze Medienindustrie in Bewegung geraten ist. Und schon bei dem Deal zwischen Comcast und NBC Universal, der im Vorfeld heftige Bedenken ausgelöst hatte, kam es Anfang 2011 letztendlich doch zu einer staatlichen Genehmigung, wenn auch unter erheblichen Auflagen (vgl. FK-Heft Nr. 3/11). Im Vorfeld der Präsidentschaftswahl, als Donald Trump sich alle Mühe gab, dem Volk nach dem Mund zu reden, distanzierte sich der jetzige President-Elect zwar von dem 85,4 Mrd Dollar teuren AT&T-Geschäft und versicherte, er werde alles tun, um es zu verhindern; doch die Wirklichkeit sieht häufig anders aus als die Versprechungen in einem heiß geführten Wahlkampf.

Ein Schutzzaun gegen die Gefahren der Zukunft?

In der Wirtschaftszeitung „The Wall Street Journal“ bezeichnete Amol Sharma, der ‘Media Bureau Chief’ des Blattes, die Fusionspläne von AT&T und Time Warner als „ein großes Medienspiel“, dessen Strategie mehr der Verteidigung als dem Angriff diene. Der Zusammenschluss, schreibt Sharma – und führte damit eine zur öffentlichen Meinung konträr liegende Interpretation ein –, sei ein Schutzzaun gegen eine Zukunft, in welcher der erste Gedanke des Konsumenten den Medienangeboten von Netflix, Facebook, YouTube und Hulu gehören könnte. Sharma zeigt damit eine Gefahr für die heute beherrschenden Unternehmen auf, die angesichts des fortschreitenden „Cord Cuttings“ der Verbraucher, also mit Blick auf deren Abnabelung vom klassischen (Kabel-)TV-Empfang, nicht von der Hand zu weisen ist und mit der Interessenvertreter der Industrie Deals wie die Übernahme von Time Warner durch AT&T gegenüber der Öffentlichkeit zu rechtfertigen versuchen. Die Situation ist in der Tat komplex: So wie in der Politik große Teile des amerikanischen Volkes nach einer radikalen Veränderung des Status quo verlangen, so werfen sich amerikanische Fernsehzuschauer neuerdings in zunehmender Anzahl in die Arme von Internet- und Streaming-Anbietern, die auf nichts anderes aus sind, als dem Kabelfernsehen der Vergangenheit den Garaus zu bereiten.

Eine soeben erschienene Studie rechnet vor, dass die amerikanischen Pay-TV-Sender in den kommenden zwölf Monaten 800.000 Abonnenten und damit einen Umsatz von rund einer Milliarde Dollar durch Cord Cutting verlieren könnten. Die Resultate basieren auf einer Repräsentativbefragung, der zufolge jeder Konsument, der seinem Kabelabonnement ade sagt, monatlich 104 Dollar an Gebühren sparen könne. Das ist eine Menge Geld für den durchschnittlichen amerikanischen Fernsehhaushalt und es ist leicht zu verstehen, warum die Abkehr von den Paketabonnements der Vergangenheit allmählich immer mehr Anhänger findet. Überall aus dem Boden schießende Angebote für eine Kombination von High-Speed-Internet, Telefon und Videostreaming kosten den Verbraucher nur einen Bruchteil seiner einstigen Kabelabogebühren. Wären nicht die Live-Übertragungen großer Sportereignisse im traditionellen Fernsehen, so würde die Entwicklung zugunsten der Streamingdienste wohl noch schneller fortschreiten.

Und dann sind da auch noch die 20 Mio US-Haushalte, die zur Zeit überhaupt kein TV-Abonnement besitzen. Immer wieder weist AT&T darauf hin, dass es vornehmlich diese Konsumenten seien, die von der Verbindung mit Time Warner profitieren sollen. Wie glaubwürdig das ist, mag dahingestellt bleiben. Hat sich die Diskussion des Problems bisher vielfach an den kleinen, an unterschiedlichen Interessen ausgerichteten Abonnementpaketen, den sogenannten „Skinny Bundles“, entzündet, so scheint AT&T aller Rhetorik zum Trotz nun doch eher auf eine „Big-Bundle“-Strategie zu setzen, um die bereits in die Tat umgesetzten Pläne von CBS, HBO und anderen zu konterkarieren, ohne Netflix & Co. aus den Augen zu verlieren. CBS und HBO etwa haben bereits die Streaming-Dienste „CBS All Access“ und „HBO Go“ gegründet.

Die Wichtigkeit der Programminhalte

AT&T setzt dabei nun auch auf technologische Veränderungen, die dem Konsumenten den Zugang erleichtern. Das neue Angebot des Unternehmens soll ein Internet-Videoservice mit dem Namen „DirecTV Now“ sein, der über 100 Sendeangebote zum wahlweisen Empfang per Fernseher oder Mobilfunkgerät streamen wird, ohne dass dafür noch eine Satellitenschüssel oder eine Kabelbox nötig wären. Attraktive Networks wie die Sportsender von ESPN sind schon mit an Bord. Mit „sehr, sehr aggressiven Preisen“ will AT&T so Zuschauer von konkurrierenden Angeboten weglocken.

Angesichts dieser Entwicklung ist leicht zu verstehen, warum Time Warner für AT&T, den zweitgrößten Mobilfunkanbieter der USA, ein begehrtes Objekt ist. Wer langfristig die Oberhand in dem Wettstreit behalten wird, hängt letztlich doch wieder vorrangig von den Programminhalten ab. Und Time Warner hat diesbezüglich – neben Comcast und der Walt Disney Company – das Meiste zu bieten, von einem runden Dutzend selbst produzierender TV-Networks wie HBO über den Nachrichtensender CNN bis zum Hollywood-Studio Warner Brothers.

Dennoch ist im Lager der professionellen Beobachter die Zahl der Zweifler groß. Zu sehr erinnert die Milliardenfusion an den Zusammenschluss von AOL und Time Warner gegen Ende der 1990er Jahre, der damals ebenfalls große Hoffnungen bei den Beteiligten geweckt hatte, um dann doch spektakulär zu scheitern. AT&T-Chef Randall Stephenson, der vergangenes Jahr schon den Satellitenbetreiber DirecTV unter sein Dach gebracht hat, ist allerdings überzeugt davon, dass diesmal alles anders ist als zur Jahrhundertwende. „Wenn du in dieser Industrie einen großen Umfang zustande bringst und die entstehende Komplexität zu managen verstehst“, sagte Stephenson unlängst auf einer Investorenkonferenz, „dann ist das ein massiver Wettbewerbsvorteil.“ Mit der Frage, ob dieser Vorteil, so erstrebenswert er für die beteiligten Konzerne sein mag, auch zum Vorteil der Verbraucher gereicht, werden sich in den nächsten Monaten die staatlichen Aufsichtsorgane der USA beschäftigen müssen.

Blickrichtung Silicon Valley

Über eines hat man in den Vereinigten Staaten keine Zweifel: Der Deal zwischen AT&T und Time Warner wird nicht der letzte seiner Art sein, sondern eher ein neuer Anfang. Es gehört wenig hellseherische Begabung dazu, um vorauszusagen, dass sich die Medienlandschaft in den nächsten Jahren wieder einmal enorm verändern wird. Die vertikale Integration wird fortschreiten. Medien- und Telekommunikationsindustrie werden sich miteinander verbünden und der Blick wird sich immer mehr auf die Wortführer des digitalen Zeitalters richten, auf Silicon Valley. Google und CBS liefern dafür gerade ein Beispiel. Bei Google denkt man schon lange über eine Ausweitung der YouTube-Plattform nach. Ein erster Schritt wird ein neuer Service mit dem Namen „Unplugged“ sein, der optimistischen Schätzungen zufolge bereits Anfang 2017 auf den Markt kommen soll. Mit Unplugged zielt auch Google auf jene Konsumentengruppe ab, die entweder über kein traditionelles Pay-TV-Abonnement verfügt oder in jüngster Zeit den Paketverträgen abtrünnig geworden ist. Wie überfüllt der Sektor des Internet-Fernsehens demnächst sein könnte, zeigt sich am erklärten Interesse weiterer Unternehmen. Von Apple bis Sony stehen sie Schlange, um die Art, wie das amerikanische Volk in Zukunft fernsieht, von Grund auf zu verändern.

Das Dilemma der kleinen TV-Networks

Auch kleine, von vornherein auf einen begrenzten Interessentenkreis orientierte Networks arbeiten inzwischen heftig daran, bei dieser Entwicklung nicht außen vorzubleiben. Das 1996 von dem Schauspieler und Regisseur Robert Redford ganz für anspruchsvolle Filmfreunde ins Leben gerufene Sundance TV (vgl. FK-Hefte Nr. 4/95 und 11/96) ist ein gutes Beispiel dafür. Sundance TV gehört heute AMC Networks (und zu einem kleinen Teil immer noch Robert Redford) und kann von der Hälfte aller amerikanischen Fernsehhaushalte empfangen werden. Aus dem ursprünglich Sundance Channel genannten Sender ist im Lauf der Jahre längst ein Gemischtwarenladen geworden, der zwar nicht aufgegeben hat, weiterhin Gewicht auf unabhängig produzierte Spiel- und Dokumentarfilme zu legen, der sich jedoch nicht scheut, auch Massenware zu programmieren. Neuerdings gehören auch selbst hergestellte Serien dazu, was 2016 zu einem 27-prozentigen Wachstum in der angepeilten Zuschauergruppe der 25- bis 54-Jährigen geführt hat.

Sundance TV wurde von AMC, das im Jahr 2008 eine halbe Milliarde Dollar für die Übernahme des Senders bezahlt hat, zukunftssicher gemacht, indem es unter anderem in den Streaming-Service Sling TV integriert wurde, der vielen Cord Cutters heute als preiswerte Alternative zum teuren Kabelempfang dient. Das Beispiel führt vor Augen, wie sich kleine TV-Networks in einem überfüllten Umfeld am Leben halten können. Es zeigt aber auch, welche programmlichen Zugeständnisse der Überlebensprozess spezialisierter Sender oft unvermeidbar mit sich bringt. Das Schicksal der Muttergesellschaft AMC, von deren Namen American Movie Classics nur noch die Abkürzung und keine Spur des einstigen Inhalts übriggeblieben ist, schreibt sich so auch bei Sundance TV in die Zukunft fort.

Chinas Schritt auf den US-Fernsehmarkt

Auch eine noch so kursorische Übersicht zu den neuesten Entwicklungen auf dem US-amerikanischen Fernsehsektor kann inzwischen ohne den Blick auf China nicht mehr auskommen. Der reichste Mann Chinas, der 62-jährige Multimilliardär Wang Jianlin, ist auf dem besten Weg, sich auf dem amerikanischen Film- und Fernsehmarkt als eine führende Kraft zu etablieren. Wang, der einst sein Vermögen mit Immobilien verdiente, scheint sich zum Ziel gesetzt zu haben, unter den Sumner Redstones der amerikanischen Entertainment-Industrie eine Spitzenposition zu erklimmen. Zuerst hatte es so ausgesehen, als ob er nur an Filmunternehmen interessiert sei. Im Mai 2012 erwarb Wang für 2,6 Mrd Dollar die Kinokette AMC (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Fernsehnetwork); die Kette ist mit 388 Multiplexen die zweitgrößte in den USA. Im März 2016 gingen für 1,2 Mrd Dollar auch die Carmike Cinemas den Weg in Wangs Eigentum, vier Monate später für 650 Mio Dollar die Odeon und die UCI Cinemas. Und Anfang dieses Jahres hatte der „Mann mit den tiefen Taschen“ 3,5 Mrd Dollar für Legendary Entertainment auf den Tisch geblättert, eines der angesehensten Mini-Studios in Hollywood.

Doch richtig Unruhe zog in Hollywood und an der New Yorker Börse erst ein, als nun zum ersten Mal auch eine Fernsehproduktionsfirma hinzukam: Für eine Milliarde Dollar hat Wang die Dick Clark Productions erworben. Sogar im Abgeordnetenhaus in Washington wurde man aufmerksam und forderte eine Ausweitung der Befugnisse des ‘Committee on Foreign Investment in the U.S’. Die neuesten Akquisitionen von Wangs Dalian Wanda Group, so berichtete die einschlägige Presse, hätten Bedenken über Chinas Versuche erhöht, Kontrolle über amerikanische Medien auszuüben. Wang wies solche Unterstellungen natürlich gleich zurück. Sein Ziel, sagt er, sei ausschließlich Profit und nicht Propaganda.

Gleichzeitig ließ Wang aber auch durchblicken, dass die neueste Akquisition für ihn nur „der erste Schritt auf den Fernsehmarkt“ sei. Immerhin kein schlechter Schritt, um sich Zugang zur westlichen Welt zu verschaffen. Das Unternehmen Dick Clark Productions nennt sich selbst den „weltgrößten Produzenten von Live-Entertainment-Programmen“. Die Direktübertragungen von den Preisverleihungen der Golden Globes und der American Music Awards kommen zum Beispiel von Dick Clark. War der Erwerb von großen Kinoketten durch ein chinesisches Unternehmen der amerikanischen Film- und Fernsehindustrie schon nicht geheuer, so äußert sich inzwischen überall die Sorge, die Dalian Wanda Group und andere chinesische Firmen könnten auf der Suche nach lukrativen Investitionen vermehrt zum Kauf von Produktionsstätten übergehen und damit Einfluss auf die Inhalte US-amerikanischer Film- und Fernsehprodukte ausüben. Die Bedenken sind nicht unbegründet. Wangs Versuch, 49 Prozent des Hollywood-Studios Paramount Pictures zu erwerben, scheiterte nur an internen Konflikten bei Viacom, der Muttergesellschaft von Paramount.

30 Mio Zuschauer für „The Blacklist“

Wenn nun im Anhang zu diesem Blick auf den Status der US-Fernsehindustrie traditionsgemäß eine Auflistung der neuen dramatischen Serien der alteingesessenen Broadcast-Networks folgt, so mag diese Liste angesichts der sich abzeichnenden korporativen Veränderungen, mit denen sich die Fernsehbranche konfrontiert sieht, von eher anekdotischer Bedeutung erscheinen. Dem ist aber nicht so. Die vier großen Broadcast-Networks ABC, CBS, NBC und Fox bilden auch in einem von zahllosen Kabelnetworks und Streaming-Diensten überschwemmten TV-Universum nach wie vor den Grundstock des amerikanischen Fernsehangebots. Sie sind nicht nur Hauptbestandteil aller Paketverträge der Satelliten- und Kabelanbieter, also der sogenannten Bundles, sondern sie erreichen auch in der diversifizierten Fernsehlandschaft des Jahres 2016 immer noch die meisten Zuschauer.

Es sind nicht nur populäre Sportereignisse und die Verleihung der Oscars, die Sehbeteiligungen erreichen, von denen andere Networks nur träumen können (zum Beispiel das American-Football-Endspiel um die Super Bowl im Februar 2015 mit 115,2 Mio Zuschauern). Auch die Serien, die den Hauptbestandteil des täglichen Abendprogramms der Broadcast-Networks ausmachen, kommen trotz rückläufiger Zahlen bis jetzt noch immer auf Einschaltquoten, die andernorts nicht erreicht werden; so erzielte beispielsweise die Folge 21 von „The Blacklist“ 30,5 Mio Zuschauer. Es ist eine nicht zu verleugnende und längst weltweit wahrgenommene Tatsache, dass viele Serien der amerikanischen Kabelnetworks – und neuerdings auch der Streaming-Anbieter – ein höheres Qualitätsniveau aufweisen als die stärker dem Massengeschmack angepassten Produktionen der Broadcast-Networks. Das sollte jedoch nicht dazu verführen, den Serien von ABC, CBS, NBC, Fox und auch dem kleineren CW-Network, die jeden Abend von vielen Millionen amerikanischer Fernsehzuschauer eingeschaltet werden, weniger kritische Aufmerksamkeit zu schenken.

Im Folgenden ein Überblick über neue dramatische Serien, die von den amerikanischen Broadcast-Networks in diesem Herbst gestartet wurden (von den Serien dürfte wie üblich in absehbarer Zeit der Großteil auch in deutschen Fernsehprogrammen laufen):

Designated Survivor (ABC)

Jack Bauer aus der Serie „24“ als Präsident der Vereinigten Staaten? Nach Donald Trump erscheint alles möglich. Aber das? Kiefer Sutherland hat deshalb als Produzent von „Designated Survivor“ (vgl. auch diese MK-Meldung) seine ikonische Darstellerrolle aus „24“ gehörig auf ein ziviles Niveau heruntergefahren und gleichsam die Figur in ein durchschnittliches Washingtoner Kongressmitglied namens Tom Kirkman verwandelt. Aus „24“ ist auf diese Weise eine Mischung aus „The West Wing“ und „Independence Day“ geworden, eine Art politischer Katastrophenfilm für das Wahljahr 2016. Damit jeder weiß, dass es hier richtig ernst zugeht, fliegt im Pilotfilm zuerst einmal gleich das ganze Parlament in die Luft und dabei kommt auch der US-Präsident zu Tode. Der Kleinste unter den Abgeordneten bleibt als Einziger am Leben und sieht sich unzeremoniell als Präsident vereidigt, noch bevor er das Geschehen überhaupt fassen kann. Nun muss sich Tom Kirkman alias Kiefer Sutherland in der größten Katastrophe beweisen, die Amerika je erlebt hat. Daraus hätte leicht ein Roland-Emmerich-Film im Serien-Format werden können. Doch nicht nur Sutherland reißt sich erfolgreich zusammen und wächst glaubhaft in seine neue Rolle hinein, sondern auch die Autoren haben es verstanden, aus dem spektakulären Konstrukt ein perfektes Serien-Drama zu machen. Ohne zu vergessen, dass sie ihrem Affen Zucker geben müssen, integrieren sie genau jene Themen, die das Volk in den vergangenen Jahren umgetrieben und bis ins Mark erschüttert haben, in die allmähliche Verwandlung eines „netten kleinen Mannes“ vom unauffälligen Abgeordneten zum idealen Staatspräsidenten. Ein ehrgeiziges Vorhaben auf ausgetretenen Spuren, dem man auch trotz Donald Trump mit einiger Spannung folgen kann.

Notorious (ABC)

„Scandal“ heißt eine der erfolgreichsten Serien des Networks ABC. Ausgehend von der zur Zeit modischen Konzentration auf attraktive Frauenfiguren in üppig ausgestatteten Milieus, war es naheliegend, dass Imitationen bald folgen würden. Was einst in Soap Operas verbannt wurde, hat längst die Primetime erobert. Man wundert sich nicht mehr über beruflich und seelisch überbeanspruchte Star-Anwältinnen oder – wie in „Notorious“ – Fernsehproduzentinnen. Und damit das Ganze auch noch einem weiteren Trend entspricht, basiert die Story, ganz locker natürlich, auf dem allen Lesern der Boulevardpresse vertrauten Techtelmechtel der Produzentin Wendy Walker mit dem Strafverteidiger Mark Geragos, der Berühmtheiten wie Michael Jackson und Winona Ryder vor Gericht vertreten hat. Äußerer Anlass für viel Hektik im Studio und im Schlafzimmer ist hier die Festnahme eines jungen Milliardärs, der im Verdacht steht, ein Kind überfahren und Fahrerflucht begangen zu haben. Was im Pilotfilm nach allen Regeln der Kunst auf Sex und Skandal hochgepeppt ist, versandet allerdings in den folgenden Episoden rasch in konventionelle Bahnen.

Conviction (ABC)

„Procedurals“ nennt man in Amerika jene Polizeiserien, die nicht dem ausgedienten Sherlock-Holmes-Schema folgen, sondern sich auf die minutiösen wissenschaftlichen Details der Beweisführung konzentrieren. Diese Serien stehen seit ein paar Jahren hoch im Kurs. Sie mit einer guten Portion Sex und Melodram anzureichern, hat ABC schon bei „Scandal“ zum Erfolg verholfen. Neben „Notorious“ folgt auch „Conviction“ diesem Trend. Es genügt den Autoren nicht, eine „Conviction Integrity Unit“ ins Leben zu rufen, die frühere Verurteilungen vermutlich Unschuldiger erneut unter die Lupe nehmen soll, sondern sie erfinden auch noch eine Hauptfigur, die mit allen Ingredienzen einer Soap Opera geschmückt wird. Die junge Dame, die die neue Polizeieinheit leiten soll, ist die Tochter eines früheren US-Präsidenten und seiner Frau, die jetzt für das höchste Staatsamt kandidiert (hört, hört!). Die Tochter hat ein Problem mit Rauschgift und eine schiefgelaufene Beziehung mit ihrem Vorgesetzten hinter sich. Ihre Vergangenheit ist alles andere als sauber und sie hat offensichtlich auch Probleme mit ihren Mitarbeitern. Die einzelnen Fälle, die sie zu untersuchen hat, sind dabei wenig mehr als so etwas wie Stichwortgeber für eine Geschichte, die auf reichlich durchsichtige Art das an kurzlebigen Sensationen interessierte Publikum anlocken will. Vergeudung eines in den USA durchaus aktuellen Themas – so könnte man das auch nennen.

Bull (CBS)

Paul Attanasio, von dem die viel gesehene Serie „House“ stammt (in Deutschland unter dem Titel „Dr. House“ ausgestrahlt), Steven Spielberg, Hollywoods Aushängeschild, wenn es um ‘gehobene’ Kinoware geht, und Phil McGraw, seit 2002 als „Dr. Phil“ der wohl bekannteste Psychologe im amerikanischen Fernsehen, zeichnen gemeinsam als Produzenten von „Bull“ verantwortlich. Ist „Bull“ deshalb eine herausragende Serie geworden? Die meisten amerikanischen Kritiker votieren für „Nein“. Ein Vorzug dieser CBS-Serie ist auf den ersten Blick, dass sie das abgenutzte Klischee des Gerichtsdramas unter einem neuen Blickwinkel angeht. Sie betrachtet, inspiriert durch McGraws frühe Karriere als „Gerichtsberater“, die vorgestellten Fälle weder aus der Perspektive der Anklage noch aus Sicht der Verteidigung, sondern mit dem analytischen Auge eines Psychologen, der mit moderner Technik und einem ganzen Stab von Mitarbeitern die potenziellen Juroren auf ihre vermutete Haltung bei der Urteilsfindung durchleuchtet. Die ungewohnte Perspektive verleiht „Bull“ zunächst eine gewisse Attraktivität, die aber von Folge zu Folge nachlässt, weil sie sich mehr als effekthaschender Gag denn als Spannungssteigerung erweist. So hängt auf Dauer doch wieder alles von der Originalität der einzelnen Fälle ab – und die kommen kaum über traditionelle Vorgänger hinaus.

Pure Genius (CBS)

Kombinationen verschiedener Genres sind wieder Mode im amerikanischen Serien-Fernsehen. „Pure Genius“ versucht sich an einer Mixtur aus Krankenhausserie und Science Fiction. Ein junger und natürlich schwerreicher Unternehmer hat eine technisch und personell auf höchstem Niveau eingerichtete Klinik gegründet, die möglich macht, was niemand sonst kann. Doch der arrogante junge Übermensch, der das alles geschaffen hat, braucht Ärzte, die sich von seinen Experimenten überzeugen lassen. In Dr. Wallace (Dermot Mulroney) glaubt er einen solchen genialen Chirurgen gefunden zu haben. Nur der Pilotfilm stand Kritikern zur Sichtung zur Verfügung und so lässt sich nicht recht sagen, ob sich die Kombination aus futuristischer Technik und herkömmlicher Serien-Geschichte beim Publikum ebenso bewähren wird wie zum Beispiel auf anderem Sektor die CBS-Serie „Person of Interest“. Doch eines steht auch jetzt schon fest: Die „Pure-Genius“-Hauptdarsteller können Michael Emerson und Jim Caviezel aus „Person of Interest“ nicht im entferntesten das Wasser reichen. Und das allein entscheidet oft genug über Leben oder Tod einer neuen Serie.

This Is Us (NBC)

Wenn in der Welt des Fernsehens alles mit rechten Dingen zuginge und wenn es einen Preis für den besten Pilotfilm der TV-Saison gäbe, dann müsste „This Is Us“ der Gewinner sein. Dan Fogelman hat schon früher im Film („Mr. Collins’ zweiter Frühling“) und im Fernsehen („Crazy, Stupid, Love“) sein Talent für differenzierte Komik bewiesen. Sein Drehbuch für den Pilotfilm von „This Is Us“ ist ein treffliches Amalgam aus Drama und Komödie, wie es heute selten zu finden ist. Auf seinen Ideen baut die ganze Serie auf, doch sie verliert leider bald an Timing und Leichtigkeit. Dabei bleibt sie aber trotzdem originell genug, um im Umfeld dieser Saison zu überstehen. Die Lebensgeschichten mehrerer Geschwister werden hier ineinander geflochten und auf verschiedenen Zeitebenen durchgespielt. Hat man sich erst einmal an die beständig wechselnden Zeiten gewöhnt, so findet man sich als Zuschauer mit diesen Menschen, ihrem Hadern und ihren mühsam erkämpften Freuden eng genug verbunden, um der Serie treu zu bleiben. Bestandteile früherer Erfolgsserien (wie etwa der NBC-Produktion „Parenthood“) lassen sich nicht übersehen. Doch Fogelman und seinen Koautoren gelingt es, eigenständige Figuren und Problemstellungen zu entwickeln, die den regelmäßigen Zuschauer selbst dann noch interessieren dürften, wenn gelegentlich einmal zu stark auf den Knopf der Sentimentalität gedrückt wird. „This Is Us“ ist gewiss kein Meisterwerk, unterscheidet sich aber wohltuend vom seriellen Einerlei der neuen Broadcast-Saison.

Timeless (NBC)

Das Konzept der „Zeitmaschine“ lässt sich offenbar endlos abwandeln. Nicht nur NBC, sondern auch das kleine Network CW versucht sich in dieser Saison an einer neuen Variante (siehe „Frequency“ weiter unten). Was die NBC-Serie „Timeless“ zumindest für eine Weile interessant macht, ist die Idee, dass ihre drei Helden (unter ihnen eine junge Geschichtsprofessorin) bei ihren Zeitreisen nicht nur die Vergangenheit verändern, sondern ungewollt auch die eigene Gegenwart, in die sie jedesmal zurückkehren. In den beiden ersten Episoden sind es die Havarie des Luftschiffs „Hindenburg“ und die Ermordung Abraham Lincolns, die sich die Autoren vornehmen. Die wechselnden Kostümpartys, die eine solche Serie bedeutet, wurden in den USA rechtzeitig vor Halloween gestartet, wo sie in der Tat am besten hinpassen. Dass keiner der Beteiligten die fantastischen Abenteuer ganz ernst nimmt, macht den Unsinn erträglich. Wer aber ausgewachsene Science Fiction erwartet, dürfte enttäuscht werden.

Pitch (Fox)

Baseball als Zentrum einer Fernsehserie hat in den USA allemal Chancen, Zuschauer zu finden. Doch „Pitch“ ist langfristig weniger ein Programm für Männer, sondern eher eine Serie für Frauen, die sich hier nicht nur für den Sport begeistern können, sondern auch für ein kaum den Teenagerjahren entwachsenes Mädchen, das es als Pitcher bis in die Major League schafft. „Pitch“ ist eine weitere Serie von Dan Fogelman (siehe oben: „This Is Us“) und zeichnet sich durch glaubwürdige Dialoge und eine in Grenzen gehaltene Portion Soap Opera aus. Was die Serie von anderen Baseball-Filmen unterscheidet, ist vor allem die sympathische Hauptdarstellerin Kylie Bunbury, bekannt aus „Twisted“ (ABC Family) und „Under the Dome“ (CBS); sie macht auch auf dem Spielfeld eine gute Figur. Dass Geschlechter- und Rassenfragen eine Rolle spielen, verwundert nicht, überdeckt aber auch nicht den Spaß an Karriere und Karriereknicks der beneidenswert talentierten Sportlerin. Im Vergleich zu anderen Angeboten der neuen TV-Saison ist „Pitch“ eine unterhaltsame Abwechslung.

Lethal Weapon (Fox)

Der nun schon seit vielen Jahren andauernde Hang der amerikanischen Filmindustrie, beim Publikum erfolgreiche alte Filme durch wenig erfindungsreiche Neuverfilmungen auszubeuten, hat inzwischen auch das Fernsehen erreicht. CBS hat sich in dieser Saison auf die in den 1980er Jahren populäre Serie „MacGyver“ gestürzt und Fox versucht sich an einer Wiederbelebung des „Lethal-Weapon“-Franchises. Schon die vier Kinoproduktionen der einst mit Mel Gibson und Danny Glover perfekt besetzten Verulkung des Cop-Genres ließen von Film zu Film an Originalität nach. Fox hat bei seiner Serien-Version jetzt nicht nur gegen die Erinnerung an eine Sternstunde der Actionfilm-Parodie anzukämpfen, sondern auch gegen eine Legion von Nachahmern, die in den letzten Jahrzehnten von den Einfällen der alten Filme gezehrt haben. So bleiben für diese Serie eigentlich nur junge Zuschauer übrig, die genügend Spaß finden können an den ansonsten allseits bekannten Imitationen. Allen anderen steht die nostalgische Erinnerung beständig im Weg. Kein Wunder, dass die amerikanische Kritik mit diesem neuen „Lethal-Weapon“-Produkt sehr unfreundlich umgegangen ist. Dabei muss man zugestehen, dass die beiden Hauptdarsteller Damon Wayans und Clayne Crawford ihre Sache nicht einmal schlecht machen, solange man für einen Augenblick Gibson und Glover aus dem Gedächtnis streichen kann.

The Exorcist (Fox)

Noch ein Remake eines Klassikers der Kinoleinwand, diesmal aus dem Horror-Genre. Nachdem schon Serien wie „Damien“ (A&E; auf den „Omen“-Filmen beruhend) und „Rosemary’s Baby“ (NBC) auf der Strecke blieben, merkt man nun auch diesem Versuch an, dass sich die Macher der Gefahren durchaus bewusst sind. Regie und Darstellung haben bei „The Exorcist“ mehr Sorgfalt in die Neukreation des allseits Bekannten investiert, als zu erwarten war. Und auch die Story versucht bei ihren Typen und Lokalitäten etwas andere Wege zu gehen, obwohl sie letztlich um das Grundkonzept des Klassikers nicht herumkommt. Ob sich die im Pilotfilm angestrebte Balance von Schockeffekten, subtilem Horror und ernsthaftem Unterbau auf Serien-Länge durchhalten lässt, wird sich erst noch herausstellen.

Frequency (CW)

Kein Jahr geht vorbei ohne eine neue Serie, die sich so oder so von dem uralten Vorbild der „Twilight Zone“ beeinflussen lässt. Diesmal muss ein jahrzehntelang in der Garage verstautes Amateurradio herhalten, um den Kontakt zwischen totem Vater und noch lebender Tochter herzustellen. Sie ist eine New Yorker Detektivin mit schlechten Erinnerungen an einen Vater, der 1996 als vermeintlich korrupter Cop ums Leben kam. Als eines Tages das verstaubte Radio mysteriöse Kontakte zwischen den beiden herstellt und es ermöglicht, alle zeitlichen Grenzen zu überspringen, kommen sich Vater und Tochter näher. Es gehört nicht viel Phantasie dazu, um vorauszusehen, dass das geheimnisvolle Radio bald dazu beitragen wird, den Vater zu rehabilitieren und die Tochter bei ihrer Polizeiarbeit zu unterstützen. Die CW-Serie beruht auf einem Kinofilm aus dem Jahr 2000, wobei es ihr wenig gut bekommt, dass sie die damals recht konzise Geschichte nun über viele Stunden ausdehnt.

No Tomorrow (CW)

Das vorwiegend auf junges Publikum ausgerichtete Network CW hat mit seinen Serien „Jane the Virgin“ und „Crazy Ex-Girlfriend“ in den beiden vorigen Jahren ein Komödien-Genre kreiert, das nicht nur von den Zuschauern, sondern auch von großen Teilen der amerikanischen Fernsehkritik dauerhaft akzeptiert wurde. Es ist also keine Überraschung, dass in dieser Saison eine dritte Serie hinzukommt, die auf den Topoi der früheren Erfolgsproduktionen aufbaut. Unverkennbar ist allerdings, dass sich die Versatzstücke allmählich abnutzen, deshalb weniger komisch wirken und dass die Storys immer konstruierter daherkommen. Wieder ist es eine weibliche Hauptfigur um die 30, die im Mittelpunkt steht. Als sie eines Tages den rotbärtigen Xavier kennenlernt, verfällt sie dessen robustem Charme, auch wenn er sein Leben nach reichlich seltsamen Richtlinien gestaltet: Er glaubt nämlich daran, dass die Welt in acht Monaten von einem Asteroiden zerstört wird, und hat deshalb eine Liste von Vorhaben gemacht, die er bis dahin gemeinsam mit seiner neuen Freundin abarbeiten will. Ähnlich scheinen die Produzenten der Serie zu verfahren und sie opfern dafür ein Gutteil der Spontaneität, die „Jane the Virgin“ und „Crazy Ex-Girlfriend“ von anderen TV-Komödien unterscheidet.

07.12.2016/MK