Der Reality-TV-Präsident

Mit Donald Trump gewinnt eine Kunstfigur des Fernsehens die US‑Wahl

Von Dietrich Leder
09.11.2016 •

Als der frisch gewählte künftige US-Präsident am 9. November um 8.48 Uhr deutscher Zeit am heutigen Mittwoch die Bühne betrat, wirkte er für seine Verhältnisse schon fast ein wenig nachdenklich, als könne er kaum glauben, dass er entgegen allen Vorhersagen die Wahl doch gewonnen hatte. Dass Donald Trump, als er dann das Wort ergriff, sich bei seiner Konkurrentin Hillary Clinton für ihren engagierten Wahlkampf bedankte, wirkte ebenso ungewöhnlich. Hatte man doch noch die Rufe in Erinnerung, die bei seinen Kundgebungen immer wieder angestimmt worden waren und die eben dieser Konkurrentin Gefängnis angedroht hatten. Das schien ebenso vergessen wie seine Drohung, jedes Wahlergebnis, das nicht ihn zum Sieger machte, als Fälschung zu bezeichnen. Stattdessen versprach Trump, er wolle die ob des Wahlkampfs gespaltenen Vereinigten Staaten wieder einen.

Doch der präsidiale Redestil, dessen er sich im Moment des Triumphs befleißigte, liegt ihm deutlich nicht. Trump, der Republikaner, sprach ohne Elan und wirkte beinahe noch müder als sein zehnjähriger Sohn, der bei der Rede direkt neben ihm stand und fast im Stehen einzuschlafen drohte. Routiniert spulte Trump noch einmal seine Wahlversprechen herunter, um anschließend fast jedem Mitglied seines Teams persönlich zu danken. Es wurde eine endlose Kette an Dankesfloskeln, die auch den Secret Service, der sich um seine Sicherheit gekümmert habe, mit einschloss.

Als das Fernsehen noch auf Trumps bevorstehenden Auftritt wartete, hatten die Kameras in der Halle in New York, in der sich viele Hundert Trump-Fans versammelt hatten, mühsam nach Personen gesucht, die nicht dem Prototyp seiner Unterstützer glichen, also jenen männlichen Weißen mittleren Alters mit roter Baseball-Kappe, die hier auf ihr Idol warteten. So kam gleich mehrfach auch eine Frau ins Bild wie auch die einzigen beiden Farbigen, die mit ihrem T-Shirt ihre Sympathie für Donald Trump ausdrückten.

Die gering geschätzte Macht des Mediums

Nicht nur Trump war die Verblüffung über diesen Wahlausgang anzumerken. Ob in der ARD, im ZDF, im US-Sender CNN oder bei der britischen BBC – überall staunten die Experten über die Tatsache, dass dieser Mann so überaus deutlich gewonnen hatte. Hierzulande gab es kaum einen USA-Kenner bei den Sendern, der etwas anderes als einen Sieg von Hillary Clinton erwartet hatte. Das ist auf eine doppelte Weise kennzeichnend: Zum einen dafür, dass die Kenntnis über die tatsächliche Stimmung in den USA doch wesentlich kleiner ist, als die Experten vor allem selbst glauben. Zum anderen dafür, dass man die Macht des eigenen Mediums eher gering schätzt. Denn Donald Trump ist ein Produkt des Fernsehens, ohne dass er nie so populär hätte werden können, dass er nun als Nachfolger des acht Jahre lang regierenden Demokraten Barack Obama der 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika wird.

Genauer: Der Milliardär und Unternehmer Trump ist das Produkt eines Reality-TV, das sich mit seinen Unterhaltungsshows eine eigene Realität geschaffen hat, die von Kunstfiguren wie ihm dominiert wird (vgl. auch diesen Artikel). Man kann sich vorstellen, dass Dieter Bohlen („Deutschland sucht den Superstar“, RTL) und Carsten Maschmeyer („Die Höhle der Löwen“, Vox), als sie das Ergebnis der US-Wahlnacht hörten, für einen Moment dachten, ob sie nicht auch in die Politik gehen sollten...

Als Donald Trump den Saal in der New Yorker Halle über einen seitlichen Balkon betrat, ballte er im Angesicht der ihn umjubelnden Menge für einen kurzen Augenblick die rechte Faust. Man könnte diese Geste, die ja lange als Gruß der kommunistischen Arbeiterbewegung galt, als Sinnbild dafür nehmen, dass es bei dieser Präsidentenwahl vor allem das weiße Proletariat war, das bislang eher die Kandidaten der Demokraten gewählt hatte, aber nun ins Lager der Konservativen gewechselt war und somit erst die Mehrheit für Trump zustande brachte. Diese Klientel, die unter dem Niedergang der Industrien in den USA zu leiden hat und die vom Boom etwa der Computer- und Medienbranche nicht im Geringsten profitiert, hatte Donald Trump mit seinem Populismus gewonnen. Bei ihr hatte auch sein offener Rassismus und Sexismus verfangen. Selbstverständlich wird er die Hoffnungen, die gerade die sozial Deklassierten in ihn steckten, enttäuschen.

09.11.2016/MK