Bockige Haltung

Grimme trifft die Branche zur Diskussion über die Bedeutung des Dokumentarischen

Von René Martens
18.12.2017 •

„Wie in einer Zeitschleife“ fühle er sich manchmal, sagte der Dokumentarfilmer Thomas Frickel am 6. Dezember in Berlin im Rahmen einer Diskussion, die unter dem Titel „Die Bedeutung des Dokumentarischen“ in der ‘Deutschen Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen’ stattfand. Seit Jahren, so der Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm (AG Dok), gehe es in den Debatten um die Lage des Dokumentarfilms und der Dokumentarfilmer immer wieder um dieselben Themen.

Dennoch scheint der Redebedarf derzeit besonders groß zu sein. Das zeigt sich daran, dass nach dem ersten Advent in Berlin innerhalb von 48 Stunden gleich zwei sich thematisch überschneidende Diskussionsrunden stattfanden. Zwei Tage bevor die vom Grimme-Institut unter dem Motto „Grimme trifft die Branche“ organisierte Veranstaltung „Die Bedeutung des Dokumentarischen“ über die Bühne ging, hatte die AG Dok ebenfalls über die Materie diskutieren lassen, in diesem Fall lautete der Titel „Mut zur Wirklichkeit – Die Rolle des dokumentarischen Fernsehens für das Gelingen von Gesellschaft“.

Neuer Schwung war im Juni dieses Jahres in die Debatte gekommen, als im Rahmen des ersten SWR-Dokumentarfilm-Festivals in Stuttgart zwölf Regisseure eine Protestnote gegen ihre Arbeitsbedingungen präsentierten (vgl. MK-Meldung). David Bernet, einer der Verfasser dieses als „Stuttgarter Erklärung“ zumindest branchenbekannt gewordenen Schreibens, saß nun bei der Berliner Veranstaltung des Grimme-Instituts mit auf dem Podium.

Sinkende Experimentierfreude in Redaktionen

Bernet, Mitglied im Vorstand der AG Dok und Autor des in diesem Jahr mit dem Deutschen Dokumentarfilmpreis ausgezeichneten Kinofilms „Democracy – Im Rausch der Daten“ (TV-Erstausstrahlung am 14. Februar 2017 bei Arte), wies unter anderem darauf hin, es gebe an den Filmhochschulen derzeit einen relativ hohen Anteil von Studenten, die „dezidiert“ Dokumentarfilme machen möchten. Die „Experimentierfreude“, etwa bezüglich „neuer Erzählformen“, sei unter ihnen groß. In den Redaktionen der Sender sei dagegen in den vergangenen Jahren die Bereitschaft, Neues auszuprobieren, gesunken. Es gebe dort zwar „kompetente Dokumentarfilmredakteure“, die hätten aber „immer weniger Spielraum“. Bernet beklagte auch eine „Verjournalistierung“ des Dokumentarfilms, also die Marginalisierung von Dokumentarfilmregisseuren, die sich nicht oder nicht in erster Linie als Journalisten verstehen. Nicht zuletzt seien die Budgets der ARD-Anstalten für die zwölf langen Dokumentarfilme, die das Erste jährlich zeige, gesunken. In der Regel laufen diese Filme in der Sommerpause um 22.45 Uhr.

ARD-Chefredakteur Rainald Becker merkte dazu an, es seien „eher 14 bis 16“ als zwölf Dokumentarfilme, die das Erste pro Jahr zeige. Und was Sendeplätze für den langen Dokumentarfilm angehe, habe das ZDF, „glaube ich, null“, so Becker. Peter Arens, beim ZDF Leiter der Hauptredaktion ‘Geschichte und Wissenschaft’, entgegnete darauf, dass im Rahmen des Sendeplatzes „Das kleine Fernsehspiel“ jährlich zehn lange Dokumentarfilme zu sehen seien. Der ZDF-Sendeplatz ist allerdings Nachwuchsregisseuren vorbehalten; hinzu kommt, dass dieser Sendetermin (0.20 Uhr) nicht gerade auf Freunde des linearen Fernsehens ausgerichtet ist.

Dokus um 20.15 Uhr? Bei Phoenix

Sollten zumindest manche Dokumentarfilme nicht ohnehin viel früher laufen? Klaudia Wick, bei der Deutschen Kinemathek Leiterin der Abteilung ‘Audiovisuelles Erbe’ und an diesem Tag Moderatorin des Grimme-Panels, fragte Rainald Becker, ob das Erste nicht beispielsweise Stephan Lambys aktuellen 75-minütigen Dokumentarfilm „Bimbes – Die schwarzen Kassen des Helmut Kohl“ (ARD/SWR; vgl. MK-Kritik) um 20.15 Uhr hätte zeigen können. Ja, hätte man, sagte Becker. Der von ARD und ZDF gemeinschaftlich betriebene Sender Phoenix tat genau dies übrigens einen Tag nach der Berliner Grimme-Veranstaltung, also am 7. Dezember.

Die ARD-Vorsitzende und MDR-Intendantin Karola Wille meinte, auch bei „Nervöse Republik. Ein Jahr Deutschland“ (ARD/NDR/RBB; vgl. MK-Kritik), einem anderen Dokumentarfilm Lambys, hätte man angesichts des dort vermittelten Erkenntnisreichtums über eine Ausstrahlung in der Primetime nachdenken können. „Manchmal fehlt uns der Mut zum Experiment“, konstatierte Wille, die an der Diskussion auch in ihrer Eigenschaft als „Filmintendantin“ der ARD teilnahm – ein Posten, der beinhaltet, die Kontakte zu den Interessensvertretern der Filmbranche zu halten.

Auch unter Kostenaspekten kann die Produktion von Dokumentarfilmen höchst sinnvoll sein. So berichtete Regina Schilling, Koautorin der Grimme-gekrönten und vor der Diskussion in der Kinemathek gezeigten ARD-Produktion „Geschlossene Gesellschaft – Der Missbrauch an der Odenwaldschule“ (SWR/HR; vgl. FK-Heft Nr. 33/11), der Film habe 150.000 Euro gekostet und sei 17-mal ausgestrahlt worden. Der ebenfalls auf dem Podium sitzende Medienkritiker Fritz Wolf wies darauf hin, dass Klaus Sterns ARD-Dokumentation „Versicherungsvertreter“ (WDR; vgl. FK-Heft Nr. 23/12) sogar 58 Sendetermine gehabt habe.

Das Minenspiel des ARD‑Chefredakteurs

Ein Umdenken ist bei ARD und ZDF dennoch nicht erkennbar. Rainald Becker sagte, er werde nicht versprechen, dass das Erste künftig zwanzig lange Dokumentarfilme pro Jahr zeigen werde, denn das werde nicht passieren. Die Dokumentarfilmer ihrerseits haben da noch ganz andere Vorstellungen. Ein Termin pro Woche – das müsse doch möglich sein, „von mir aus am Freitag um Viertel vor elf“, meinte Regina Schilling. Auch AG-Dok-Geschäftsführer Thomas Frickel sagte, die ARD könne es sich leisten, im Ersten einen langen Dokumentarfilm pro Woche zu zeigen.

Dass eine signifikante Verbesserung des Verhältnisses zwischen den Beteiligten in absehbarer Zeit nicht leicht vorstellbar ist, machte während der Veranstaltung auch das Minenspiel Rainald Beckers deutlich. Der ARD-Chefredakteur stellte während der gesamten Diskussion eine bockige Haltung zur Schau, geprägt unter anderem von spöttischem Lippenspiel und genervtem Hochziehen der Augenbrauen. Als Regina Schilling bemängelte, die Sender ließen es an „Respekt“ gegenüber Dokumentarfilmregisseuren fehlen, man werde eher als eine Art niedliches Geschöpf betrachtet, entgegnete Becker, die ARD habe sehr wohl „einen sehr großen Respekt“ vor Dokumentarfilmern. Es gelang ihm allerdings nicht, einen Gesichtsausdruck hinzubekommen, der dem Wortlaut des Gesagten einigermaßen gerecht wurde.

Immerhin deutete Rainald Becker an, das Erste plane, im Jahr 2018 „für eine bestimmte Zeit wertvolle kürzere Dokus zur Primetime“ zu senden. Näheres behielt er allerdings für sich.

18.12.2017/MK

Print-Ausgabe 19/2019

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