Noam Brusilovsky/Ofer Waldman: We love Israel. 7-teiliges Hörspiel-Serial (SWR 2)

Innovativ in Kunst verwandelt

15.06.2018 • Kann man ein Land lieben? Gustav Heinemann hatte da eine eindeutige Meinung: Er liebe keine Staaten, sondern seine Frau. Das antwortete Anfang 1969 der damalige Bundespräsidentenkandidat dem „Spiegel“ auf die Frage nach seinen Heimatgefühlen. Allerdings bezog sich Heinemanns Aussage seinerzeit auf die Bundesrepublik und kann eher als eine nüchtern-schlagfertige Absage an Patriotismus gesehen werden.

Die beiden aus Israel stammenden und in Berlin lebenden Autoren Noam Brusilovsky und Ofer Waldman haben nun für dem Südwestrundfunk (SWR) ein Hörspiel-Serial realisiert, das den Titel „We love Israel“ trägt. Ihre Arbeit ist jedoch meilenweit von einer radiophonen Feier der Vaterlandsliebe entfernt. Vielmehr erläutern die beiden mit sehr kunstvollen Mitteln, warum der Staat Israel ein liebens- und lebenswertes Land ist, auch wenn sie selbst dort jetzt nicht mehr wohnen. Das Statement des Titels muss zudem im Kontext des gewaltigen Hasses gesehen werden, der Israel immer wieder entgegenschlägt, und ist damit nicht zuletzt eine spielerisch geschickte Provokation von Antisemiten.

Von der Form her ist „We love Israel“ als Siebenteiler angelegt, wobei die Laufzeit der einzelnen Stücke etwa 15 bis 20 Minuten beträgt. Bei SWR 2 wurde die Produktion an zwei Tagen in zwei Blöcken von rund 54 Minuten ausgestrahlt. Für ihre Arbeit sind die Autoren unter auch nach Israel geflogen und haben auf ihrer Reise zu Aspekten des alltäglichen Lebens dort recherchiert und O-Töne gesammelt. Die eröffnende Episode („Abflug“) und der abschließende Teil („Am Flughafen Ben Gurion“) des Siebenteilers korrespondieren mit Beginn und Ende des Auslandsaufenthalts. Das Serial als Reisereportage zu bezeichnen wäre trotzdem verkehrt.

Es handelt sich bei der Radioarbeit „We love Israel“, die vom SWR auch online als Podcast veröffentlicht wurde, um einen Grenzgänger zwischen den Genres. Ob es ein Hörspiel oder ein Feature ist, das problematisiert das Stück am Anfang sogar selbst. In der ersten Folge stellen die Autoren nämlich zunächst sich und ihr Projekt vor, das anlässlich des 70. Jahrestags der Staatsgründung Israels entstanden ist. Am ehesten kann man die Vorgehensweise von Brusilovsky und Waldman so bezeichnen: Sie dokumentieren ihre Reiseeindrücke mit dem Mikro und wandeln sie in Kunst um.

So werden etwa am Flughafen Berlin-Schönefeld die nach Israel reisenden Deutschen zu den Beweggründen ihres Fluges befragt. Das Ergebnis hört man allerdings nicht bloß in Form einer bunten O-Ton-Collage. Stattdessen setzen die Autoren auf eine dramaturgische Einbindung: Die Antworten der Interviewten werden in Beziehung zu den Fragen einer fiktiven israelischen Einreisebeamtin gesetzt, die von einer Schauspielerin gesprochen wird. So und ähnlich basteln Brusilovsky und Waldman ihre Szenarien in „We love Israel“. Ein Instrument ist das Ineinanderfließen von O-Tönen und durch Schauspieler gesprochenen Texten. So verschwimmen die Grenzen zwischen Skript und O-Ton. In Folge Nummer 3 („Milch und Honig“), die sich mit der LGBT-Szene in Tel Aviv beschäftigt, werden zahlreiche Schalten zum Reporter am Strand getätigt und es wird dabei eine Live-Sendung inszeniert.

Sehr gut managen es die beiden Autoren, sich auf humorvolle Weise mit dem Problem auseinanderzusetzen, dass Israel wie wohl kein anderes Land der Welt als Projektionsfläche für Sehnsüchte und Ängste genutzt wird – gerade auch in Deutschland. Der Zusammenhang dieser beiden gegensätzlichen Sehweisen zur deutschen Schuld am Holocaust wird dabei ebenfalls thematisiert. Die Autoren fragen zudem in Folge 5 („Aussteiger“), was Israel für eine Bedeutung hat, wenn man aus Deutschland dorthin ausgewandert ist. Eine junge Studentin beschreibt den Mangel an Normalität in der Bundesrepublik, was unter anderem den Umgang mit ihr als Jüdin angeht. Entweder wurde sie angefeindet oder sie wurde bewundert – irgendeinen Kommentar gab es seit ihrer Kindheit immer, sobald ihr Glauben auffiel. In Israel kann sie leben, ohne auf ihren Glauben reduziert zu werden.

Die am stärksten für Kontroversen bezüglich israelischer Politik sorgenden Themen werden in Folge 6 („Kabarett“) abgehandelt. Hier gibt es eine Art Show, bei der ein Entertainer bissigen Humor bietet. Dabei macht er unter anderem deutlich, dass Antisemitismus nicht zu einer akzeptablen Sache wird, nur weil sich eventuell auch Juden finden, die sich für die Hasspropaganda einspannen lassen. Genauso hart geht dieser Entertainer mit der antisemitischen Organisation BDS (Abkürzung für: Boycott, Divestment and Sanctions) ins Gericht – daraufhin besetzen BDS-Aktivisten die Bühne und rufen: „We don’t love Israel!“

Überhaupt problematisieren die Autoren immer wieder den eigenen Titel, stehen dabei aber fest zu ihm. Wenn sie am Schluss nach Berlin zurückfliegen, stellen sie trotzdem fest, dass sie sich auf die verhältnismäßig entspannte Stadt an der Spree freuen. Die Hörer des Serials können sich ihrerseits auch freuen, und zwar über eines der innovativsten Hörstücke der letzten Zeit. Man sollte es unbedingt gehört haben – an Aktualität wird es nichts einbüßen. Die Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste wählte die SWR-2-Produktion „We love Israel“ zum Hörspiel des Monats Mai (vg. MK-Meldung).

15.06.2018 – Rafik Will/MK