Jan Weiler: Eingeschlossene Gesellschaft. Auf drei Sendetermine aufgesplittetes Hörspiel (WDR 3)

Gruppendynamik im Lehrerzimmer

26.01.2018 • Ein Vater sieht rot: Manfred Prohaska verschafft sich am Freitagnachmittag nach Schulschluss Zugang zum Städtischen Gymnasium und nimmt im Lehrerzimmer sechs Pädagogen in Geiselhaft. Er versperrt die Tür und bewacht den Ausgang mit einer Waffe im Anschlag. Das Tatmotiv: Seinem Sohn Fabian fehlt ein Leistungspunkt für die anstehende Zulassung zur Abiturprüfung, die Lehrer sollen sich eine Stunde lang beraten und am Ende der Diskussion dem Schüler nachträglich den fehlenden Punkt zuteilen. In seinem Wahn fordert der Vater – den Autor Jan Weiler in seinem Hörspiel „Eingeschlossene Gesellschaft“ selber darstellt – sogar eine einstimmige Entscheidung, aber in einer geheimen Abstimmung wird nur ein Remis erzielt.

Vorher haben die Lehrer unter den Bedingungen der Geiselhaft nicht nur kontrovers über ihre Entscheidungsfindung und über Erziehungs- und Lehrmethoden gestritten. Unter dem psychischen Druck entwickelt sich auch ein gruppendynamischer Prozess, in dem alle Beteiligten ihre Masken fallen lassen und unterschiedliches individuelles Fehlverhalten offenbaren. Die Kollegen mutieren in der Konfrontation der gegenseitigen Animositäten, Anschuldigungen und Bedrohungen, die viel unter den Teppich Gekehrtes hervorholen, zu Feinden. Der Lehrer Vogel fühlt sich in eine Außenseiterrolle gedrängt und gemobbt, ein Kollege wird sexueller Übergriffe bezichtigt, der Chemielehrer muss sich verantworten, weil er im Schullabor Abzüge von Aktaufnahmen angefertigt hat. Auch das intime Verhältnis einer Lehrerin mit einem verheirateten Kollegen wird aufgedeckt, ihr Outing nimmt die Frau zum Anlass, den spießigen Kollegen eine sexualfeindliche Moral vorzuwerfen und ein Plädoyer für den von ihr praktizierten „casual sex“ zu halten.

Schließlich kommt es zu Handgreiflichkeiten zweier Lehrer, ehe jemand den Einfall hat, per Handy einen Notruf an die örtliche Polizei abzusetzen. Dieser Anruf bleibt Manfred Prohaska nicht verborgen, er betritt daraufhin wütend das Lehrerzimmer und prangert in einem Rundumschlag die moralische Disqualifikation und die pädagogische Inkompetenz seiner Geiseln an.

Die Polizei macht Prohaskas Amoklauf ein Ende, er wird angeschossen und verhaftet. In einer Art Epilog wird berichtet, Sohn Fabian sei der fehlende Punkt dann zugesprochen worden. Nicht alle Details dieser Geiselnahme (und manche Details fehlen) sind logisch nachvollziehbar. Die Geiselnahme gibt vor allem den Rahmen für die substanzielle Handlung: den gruppendynamischen Prozess im Lehrerzimmer. Damit zeichnet der 1967 in Düsseldorf geborene Hörfunk-, Film- und Buchautor Jan Weiler ein negatives Gruppenporträt. Regisseur Leonhard Koppelmann folgt den Intentionen des Autors, indem er kaum die Action der Geiselnahme ausspielt, sondern den Fokus auf Dialoge der durchweg guten Sprecher setzt (darunter Wolf Aniol, Jan Maak und Annette Frier). Von der Atmosphäre der Bedrohung, der Furcht vor dem Schlimmstmöglichen ist im Verhalten der Lehrer nicht viel nachzuempfinden. Völlig misslungen ist die Szene des Notrufs der Eingeschlossenen mit einem Polizisten, der eine dem Anlass ganz unangemessene Karikatur bietet.

Das inklusive An- und Absagen insgesamt 103 Minuten dauernde Hörspiel wurde bei WDR 3 aufgesplittet an drei aufeinanderfolgenden Abenden gesendet, in Häppchen von 35, 32 und 36 Minuten – die kurzen Sendezeiten sind ein Tribut an das neue Programmschema, das etwa ab 19.40 Uhr das Format „Foyer“ anbietet: eine entbehrliche „Einstimmung“ (Anmoderation) auf die folgende Konzertübertragung, die wohl nur als Sparzone in der Programmagenda (vgl. MK-Meldung) zu erklären ist – sehr zum Nachteil der Hörspieldramaturgie. (Die drei Tranchen der Produktion „Eingeschlossene Gesellschaft“ stehen in der WDR-Mediathek noch bis zum 2. März 2018 zum Download zur Verfügung.)

26.01.2018 – Norbert Schachtsiek-Freitag/MK

Print-Ausgabe 13/2018

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren