Jörg Buttgereit: Summer of Hate (WDR 1Live)

Die Wahnvorstellungen des Charles Manson

08.05.2018 • Eigentlich wird im Radio derzeit in allen für Feature- und Hörspielausstrahlungen einschlägig bekannten Programmen das deutsche 68er-Jubiläum abgearbeitet. Es gibt rückblickende Dokumentationen auf die politischen und kulturellen Umbrüche der damaligen Zeit zu hören. Und es wird Radiokunst aus den Archiven wieder zum Leben erweckt, die heute ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel hat.

Der Filmregisseur und Hörspielmacher Jörg Buttgereit ist der Zeit – so gesehen – ein wenig voraus. Denn in seiner neuen doku-fiktionalen Radioarbeit „Summer of Hate“, die unter Redaktion von Natalie Szallies für den WDR-Jugendsender 1Live produziert wurde, bezieht sich Buttgereit nicht auf 1968 und die Studentenrevolte, sondern auf 1969 – mit Woodstock und dem „Summer of Love“ das Schlüsseljahr der US-amerikanischen Hippie-Bewegung. Dass im Hörspiel die Liebe durch den Hass ersetzt wird, hat mit dem Betrachtungsobjekt zu tun: Der 1961 geborene Jörg Buttgereit, der auch so etwas wie ein Horrorfachmann ist („Horror Entertainment“, WDR 3; vgl. FK-Kritik), widmet sich in „Summer of Hate“ den 1969 begangenen Morden der sogenannten „Manson Family“, einer kleinen Sekte in Kalifornien. Deren Oberhaupt war Charles Manson, der im November 2017 nach lebenslänglicher Haftstrafe 83-jährig im Gefängnis starb.

Das Hörspiel ist in seinen Gewaltschilderungen sehr explizit. Dadurch, dass die Taten selbst nicht in Szene gesetzt werden, sondern nur rückblickend über sie erzählt wird, kommt es im Lauf der rund 55 Minuten Sendelänge allerdings nicht zu effektgespickten Splattersequenzen. Im Radio wirken solche Szenen schließlich auch nicht so drastisch wie auf der Leinwand. Stattdessen haben in multiperspektivischer Manier unter anderem Mitglieder der „Manson Family“ und an der Verbrechensaufklärung beteiligte Polizisten das Wort. So stellt sich beim Hören ein viel unterschwelligeres Gruselgefühl ein als beim Sehen eines Horrorstreifens.

Zum Auftakt erklingt der Song „Sexy Sadie“ von den Beatles. Nach ein paar Takten folgt dann eine Art Reuebekenntnis: „Charlie war kein cooler Typ. [...] Was wir gemacht haben, war nicht abgefahren.“ Diese Worte kommen von Susan Atkins. Sie wurde, so erfährt man später, von ihrem Sektenführer Charles Manson „Sexy Sadie“ genannt. Atkins war maßgeblich an den von Manson in Auftrag gegebenen Morden beteiligt. Da die naheliegende Einsicht, dass es ganz und gar nicht „abgefahren“ ist, Menschen umzubringen, sich bei Susan Atkins erst recht spät durchsetzte, sind die das Hörspiel einleitenden Aussagen lange nach ihrer Verurteilung – zunächst zur Todesstrafe, dann umgewandelt zu lebenslänglicher Haft – anzusiedeln.

Nach einigen Augenblicken beginnt dann einer der wenigen darstellenden Abschnitte des Stücks. Man hört den in der Polizeizentrale eingehenden verzweifelten Notruf einer Haushälterin, die beim Betreten des Grundstücks ihrer Arbeitgeber in Beverly Hills mehrere Leichen entdeckt. Es folgt die detaillierte Beschreibung der vorgefundenen Mordszenerie durch einen ermittelnden Beamten. Es handelt sich bei dem Tatort um das von dem Filmregisseur Roman Polanski angemietete Haus in Los Angeles, bei den Toten um Polanskis Frau Sharon Tate und zum Tatzeitpunkt zufällig anwesende Familienfreunde.

Die sogenannten „Tate-Morde“ stehen hier im Zentrum. Der Mordserie, die von der „Manson Family“ im Sommer 1969 begangen wurde, fielen aber noch mehr Menschen zum Opfer. Auch deren Schicksal wird im Hörspiel abgehandelt, meist aus der Perspektive der Polizei, die schildert, wie sie Charles Manson und seinen Sektenmitgliedern auf die Spur gekommen ist.

Ein weiterer wichtiger Aspekt, dem Jörg Buttgereit in „Summer of Hate“ Platz einräumt, ist die Ideologie der Manson-Sekte. Von ihr wurde ein „Helter Skelter“ genannter, angeblicher „Rassenkrieg“ von Schwarzen gegen Weiße propagiert – und Schutz davor biete nur die „Manson Family“ (die nur Weiße als Mitglieder aufnahm). Diese Wahnvorstellung ist schon schlimm genug – zusätzlich wollte Manson aber den Bürgerkrieg eben durch die von ihm in Auftrag gegebenen Morde noch anfachen. Manson plante, sich nach dem überstandenen Chaos zum Weltherrscher zu ernennen.

In „Summer of Hate“ werden sehr radioaffin die weniger offensichtlichen Horroraspekte der Manson-Sektenmorde ausgearbeitet. Ohne das ganz hervorragende Sprecherteam – darunter Lars Rudolph als Charles Manson, Jule Böwe als Susan Atkins und Astrid Meyerfeldt als Erzählerin – wäre das nicht möglich gewesen. Auch beeindruckend: Buttgereit zeigt, wie Manson die Codes und Strukturen der eigentlich weltoffenen Hippiekultur nutzte, nur um sie inhaltlich mit einem rassistischen Erlösungsversprechen zu verdrehen. Auch wenn man es wegen des schauderhaften Geschehens nicht unbedingt zweimal hören mag – gehört haben sollte man „Summer of Hate“ als Hörspielfan auf jeden Fall.

08.05.2018 – Rafik Will/MK