Daniel Kehlmann: Der Mentor (MDR Figaro/Ö1)

Charmelos

28.11.2014 •

28.11.2014 • Mit seinen Invektiven gegen das sogenannte „Regietheater“ hat der 1975 in München geborene Regisseurssohn und Erfolgsschriftsteller Daniel Kehlmann („Die Vermessung der Welt“) einigen Beifall von dem Teil des bürgerlichen Publikums bekommen, das ohnehin nicht (mehr) ins Theater geht – oder es wutentbrannt verlässt, wenn es seinen Goethe/Schiller/Kleist nicht wiedererkennt. Mit eben dieser Begründung habe Kehlmann zehn Minuten nach Beginn der deutschen Erstaufführung seiner Komödie „Der Mentor“ türknallend das Frankfurter Fritz-Rémond-Theater verlassen. Deshalb, so schreibt es der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) auf seiner Internetsite, halte Kehlmann bei der Radioversion von „Der Mentor“ selbst die Fäden in der Hand. Was nun allerdings nicht heißt, dass er den Regisseur Götz Fritsch als Marionette durch sein Stück geführt hat, sondern nur, dass die Hörspielfassung seines Theatertextes vom Autor selbst erarbeitet wurde.

Zum Inhalt: Der Dramatiker Benjamin Rubin ist ein gealtertes One-Hit-Wonder der Literatur, er konnte trotz zehn Theaterstücken, zweier weiterer Romane und zwölf Drehbüchern nie mehr an den Erfolg seines Erstlingswerks „Der lange Weg“ anknüpfen. Nun soll er gegen ein Honorar von 10.000 Euro im Auftrag einer Kulturstiftung fünf Tage lang einem jungen Autor als Mentor dienen. Doch anscheinend will sich niemand von dem alten Zausel coachen lassen. So muss der junge Schriftsteller Manfred Wegner, den ein manisch-depressiver Kritiker aus „grundloser Begeisterung“ einmal als „Stimme seiner Generation“ gelobt hatte, ebenfalls mit 10.000 Euro gelockt werden, um sich der Konfrontation mit dem großen alten Mann zu unterziehen. Also, um Realismus geht es in diesem Hörspiel von Daniel Kehlmann schon mal nicht.

Natürlich findet Benjamin Rubin, der perfiderweise mit dem Dramatiker Franz Xaver Kroetz als Sprecher besetzt wurde, kein gutes Haar an dem Text des jungen Wegner (Christoph Bach), was diesem doch mehr ausmacht, als er es sich zunächst eingestehen will. Zumal auch seine mitgereiste Ehefrau Gina (Stephanie Schönfeld), eine Kunsthistorikerin, von deren Einkommen er lebt, nicht so ganz von der Außergewöhnlichkeit der Werke ihres Mannes überzeugt ist. Nebenbei erkennt der Sekretär der Kulturstiftung (Ilja Richter), dass er doch lieber Künstler wäre als Kulturfunktionär.

Es kommt zur Krise, Wegner wirft seinen Laptop und das ausgedruckte Manuskript in den See und reist ab. Seine Frau, die ein Fan von Rubins Erstlingswerk ist, bleibt noch und am nächsten Morgen duzt die Schriftstellergattin den Mentor – im Boulevardtheater ein überdeutlicher Hinweis auf stattgefundenen Geschlechtsverkehr. Was sich schon in der Nacherzählung wie eingeschlafene Füße anfühlt, ist leider auch so inszeniert.

Aber worum geht es eigentlich in den knapp 60 Minuten, die das Hörspiel an Aufmerksamkeit benötigt? Um die Theaterliteratur? Nur sehr am Rande. Die paar Sätze, die aus den Werken der Autoren zitiert werden, sind eher schwurbelig, und was Rubin seinem jüngeren Kollegen an kritischen Anmerkungen mitgibt, ist keine 100 Euro wert, geschweige denn 10.000 oder die gesteigerte Aufmerksamkeit des Hörers. Geht es um den Literaturbetrieb? Dazu ist das Stück bis auf ein paar wohlfeile Sottisen zu flach und unpräzise. Was bleibt, ist der Ehebruch einer von ihrem waschlappigen Mann enttäuschten Frau mit einem Mann, der wenigstens früher mal etwas dargestellt hat.

„Der Mentor“ ist mithin eine klassische boulevardeske Dreiecksgeschichte, gegen die natürlich überhaupt nichts einzuwenden wäre, wenn man sie doppelt so schnell und auf die Pointen hin inszeniert hätte. Außerdem hätte man den Figuren etwas mehr Doppelbödigkeit gönnen können, anstatt auf der charmelosen Eindimensionalität eines grantelnden Altmeisters und der unglaubwürdigen Naivität eines Nachwuchsschriftstellers zu beharren. So hat man beinahe Mitleid mit dem alten Rubin und das ist mit das Schlimmste, was einer Figur in einer Boulevardkomödie passieren kann. „Reiner Blödsinn macht noch kein Geheimnis“, wirft der alte Rubin seinem Adepten an den Kopf, und auch der durchsichtige Kniff, die gesamte Handlung in den Rahmen einer Rückblende zu stellen bzw. als Ausgeburt von Wegners Phantasie erscheinen zu lassen, trägt nichts zur Nobilitierung dieses Stücks bei, sondern verärgert eher zusätzlich.

Beim Hörspiel „Der Mentor“ handelt es sich um eine Koproduktion von MDR, Westdeutschem Rundfunk (WDR) und Österreichischem Rundfunk (ORF). Der Ursendung am 16. November bei MDR Figaro folgte am 22. November die Ausstrahlung im Programm Ö1. Wann das Stück im WDR-Radio zu hören ist, steht noch nicht fest.

• Text aus Heft Nr. 48/2014 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

28.11.2014 – Jochen Meißner/FK