Als plötzlich etwas geschah

Der Brand von Notre-Dame bewegt die Welt, aber nicht die ARD

Von Dieter Anschlag
17.04.2019 •

Jedesmal, wenn man an einem Werktag zum Feierabend nach Hause kommt, läuft im Ersten Programm der ARD ein Krimi oder ein Quiz. Krimi und Quiz, das lieben sie bei der ARD, denn sie lieben Quoten. Und deshalb lassen sie sich ihren quotenbringenden Programmfluss nur ungern stören. So ist er, „unserer gemeinsamer, freiheitlicher Rundfunk ARD“. Quiz und Krimi, Krimi und Quiz. Fast alles andere: Ab ins Spätprogramm.

Wenn man an einem Montagabend bei Twitter liest, dass in Paris die Kathedrale Notre-Dame brenne, ist das zunächst erst einmal kaum zu glauben. Dann erhält man kurz darauf gegen halb acht von einem Freund eine SMS mit einem Screenshot des französischen Nachrichtensenders BFMTV, der die brennende Kathedrale zeigt – kein kleines Feuer. Es stimmt also und man denkt sich: Dazu muss ich mir gleich die „Tagesschau“ ansehen.

NRW-Ministerpräsident Laschet zu Recht verärgert

20.00 Uhr, die „Tagesschau“ mit Jens Riewa beginnt. Erste Meldung: „Anklage gegen Ex-VW-Chef Winterkorn“. Man stutzt: Alles Wissenswerte darüber war schon in den „Informationen am Morgen“ beim Deutschlandfunk zu erfahren. Zweite Meldung: „Betreute dürfen an der Europawahl teilnehmen“. Auch wenn dies gut und richtig ist und eine aktuelle Meldung über einen Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts – um eine Top-News handelt es sich wohl nicht. Inzwischen ist fast ein Drittel der „Tagesschau“-Sendung vorbei und jetzt erst, nach rund viereinhalb Minuten, kommt die Meldung: „Notre-Dame in Paris steht in Flammen“.

Was da in der französischen Kapitale geschah, war ein trauriges und ein umso bewegenderes Ereignis mit sofortiger Weltbeachtung. NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) twittert an die Adresse der ARD: „Sie haben die kulturelle und europäische Dimensionen dieser Katastrophe nicht begriffen.“ Und er fragt: Warum müsse man CNN einschalten, um Bilder aus Paris zu sehen, während die ARD Tierfilme zeige? Dies bezog sich auch darauf, dass die ARD nach der „Tagesschau“ um 20.15 Uhr keinen „Brennpunkt“ zeigte. Das macht sie normalerweise schon, sobald erstmals im Jahr die Sonne scheint oder die erste Schneeflocke gefallen ist. Auch im Zweiten ist vor dem „Heute-Journal“ um 21.45 Uhr mit Claus Kleber nichts aus Paris zu erfahren: Das ZDF spult seinen Montagsfilm ab: „So weit das Meer – ein Küstenkrimi“. ARD und ZDF – in Routine erstarrt. In den Fernsehprogrammen des nachrichtenkanallosen öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist der Brand von Notre-Dame, der schon vor 19.00 Uhr begann, in den ersten drei Stunden ein Randereignis.

Claus Kleber beginnt das „Heute-Journal“ mit den Worten: „Plötzlich beherrscht ein Feuer den Abend dieses Nachrichtentages. In der Mitte von Paris brennt die berühmte Kathedrale Notre-Dame.“ Das entscheidende Wort ist „plötzlich“. Plötzlich, das überfordert anscheinend die Verwalter des öffentlich-rechtlichen Journalismus. Sie wissen schon heute, dass sie irgendwann im Juli einen „Brennpunkt“ über eine Hitzewelle senden werden, aber wenn in Paris Notre-Dame brennt, braucht man sehr lange, um überhaupt die Relevanz dieses Ereignisses einzuschätzen.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk im Dämmerzustand

Sie haben immer eine Ausrede bei ARD und ZDF, wenn man ihnen vorwirft, etwas falsch gemacht zu haben. Kritik zu ertragen, ist nicht ihre Stärke, Selbstkritik noch weniger. Sie haben immer alles richtig gemacht. Sie sind ein durch und durch hermetischer Verein, dessen Mitglieder sich immer wieder gerne selbst bestätigen, wie richtig sie alles machen. Doch für das Versagen gerade der ARD bei der Berichterstattung am Tag des Brandes von Notre-Dame gibt es keine Entschuldigung. Trotzig und wie jemand von eher schlichtem Gemüt twitterte ARD-Chefredakteur Rainald Becker in Antwort auf Laschet: „Gaffer TV machen wir nicht. An fundierter Berichterstattung wird gerade gearbeitet.“ Das globale  Interesse an dem Großbrand einer der berühmtesten Kirchen Europas mit der Lust an „Gaffer TV“ zu verwechseln, zeigt eine besondere Art selbstgerechter Bräsigkeit. Und klar, „Gaffer TV“ machen immer nur die anderen, die ARD nie. Ein Kommentator des Deutschlandfunks war der medienethischen Ansicht, dass man „nicht automatisch live draufhalten muss, wenn in Paris eine Kirche brennt“.  Eine ausgedehnte Live-Berichterstattung hatte allerdings auch niemand vom Ersten Programm der ARD verlangt, nur etwas mehr Bewusstsein für historische Symbolik.

Am Abend dieses 15. April, als in Paris Notre-Dame in Flammen stand, waren die ARD-Oberen mit illustren Gästen der Handelskammer Hamburg zusammenzukommen, um das von der ARD konstruierte Jubiläum „70 Jahre öffentlich-rechtlicher Rundfunk“ zu feiern. Mit dabei war auch Kai Gniffke, Erster Chefredakteur von ARD-aktuell, damit verantwortlich für die „Tagesschau“ und gerade Kandidat für das Intendantenamt beim SWR. Hat der Mann von seinen Mitarbeitern keine Mitteilung zum Notre-Dame-Brand auf sein Smartphone erhalten? Hätte er nicht die Hebel für eine umfangreiche aktuelle Berichterstattung in Bewegung setzen können? Und wenn er eine Mitteilung bekam und nichts geschah – umso schlimmer.

Offenbar herrschten hier indolente Schlafmützigkeit und Aktivitätslosigkeit vor. In diesem Dämmerzustand befindet sich insgesamt der öffentlich-rechtliche Rundfunk nach 70 Jahren mehrheitlich durchaus segensreicher Existenz. Und da braucht es etwas mehr medienpolitische  Aktivität als die Tweets eines in diesem Fall zu Recht verärgerten nordrhein-westfälischen Regierungschefs (der auch Länder-Koordinator für die deutschen-französischen Beziehungen ist), um diesem System noch eine nachhaltige Vitaminkur zu verabreichen.

17.04.2019/MK