Andorra gegen Lettland

Die ARD, die „Lindenstraße“ und der Geist des öffentlich-rechtlichen Rundfunks

Von Dieter Anschlag

25.11.2018 • „Das Zuschauerinteresse und unsere unvermeidbaren Sparzwänge sind nicht vereinbar mit den Produktionskosten für eine solch hochwertige Serie.“ Das ist die offizielle Begründung dafür, dass die ARD ihre 1985 gestartete Fernsehserie „Lindenstraße“ beenden will. Die Fernsehprogrammkonferenz der ARD habe beschlossen, dass die Serie nicht fortgesetzt werde. So teilte es der WDR es am 16. November mit. Im März 2020 solle die „Lindenstraße“ eingestellt werden. Der WDR mit Fernsehdirektor Jörg Schönenborn ist der für die Serie verantwortliche Sender.

Die in der WDR-Mitteilung genannte Begründung für das Aus der „Lindenstraße“ stammt von ARD-Programmdirektor Volker Herres. Angesichts der auf Ökonomie, Effizienz und Massengeschmack abzielenden technokratischen Argumentation könnte sie aber ebenso gut von einem Manager des kommerziellen Fernsehens stammen. Das ist, nach allen Erfahrungen mit der Programmpolitik von ARD und ZDF in den letzten beiden Jahrzehnten, vielleicht nicht so verblüffend, aber bei der Einstellung der „Lindenstraße“ geht es um einen Kernbestand des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Wenn man etwas, das dazu gehört, meint abschaffen zu müssen, müsste man das schon filigraner und vor allem glaubwürdiger begründen.

Geschichtsvergessen, quotenbesessen

Das angekündigte Ende der „Lindenstraße“ sorgte für Aufsehen und Aufregung. Die Fans der Serie reagierten so geschockt wie deren Macher. Diejenigen, die die „Lindenstraße“ schon immer nicht leiden konnten, ließen ihrer Schadenfreude freien Lauf. Kein Medium im Land, das nicht über die ARD-Entscheidung berichtete, bei Twitter war das Todesurteil für die „Lindenstraße“ eines der Tagesthemen am 16. November. Auch das Ausscheiden von Joachim Hermann Luger als Hans Beimer vor wenigen Wochen sorgte für eine Resonanz im Land, wie sie nur selten durch ein solches fernsehbedingtes Ereignis ausgelöst wird. Das alles zeigt, was viele nach Bekanntwerden des Beschlusses der ARD-Fernsehprogrammkonferenz sagten: Die „Lindenstraße“ ist eine Institution des deutschen Fernsehens und der Bundesrepublik geworden, ein Leuchtturm für die Idee eines (auch im fiktionalen Bereich) gesellschaftlich relevanten öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Allein schon deshalb offenbart die Entscheidung, sie einzustellen, eine gehörige Portion Geschichtsvergessenheit.

Die von Hans W. Geißendörfer erfundene „Lindenstraße“ hat sich diese Position erarbeitet, weil sie mehr ist als eine übliche Serie. In den 1980er Jahren gab es eine Kulturzeitschrift mit dem Titel „Der Alltag“. Im Untertitel hieß sie „Die Sensationen des Gewöhnlichen“ – und das war gewissermaßen auch so ein bisschen das Motto der „Lindenstraße“, die dem Zuschauer versprach, ihn vom Alltag durch den Alltag zu erlösen. Das Abenteuerliche der „Lindenstraße“ lag ja darin, das Mittelmaß als Gardemaß zu verkaufen.

Vielleicht kein Zufall, dass die „Lindenstraße“ in der Kohl-Ära startete, sozusagen ein Gegenangriff von links war auf die Regierung von halbrechts, die die anständigen Leute für sich reklamierte – ein Anspruch, den ihr die „Lindenstraße“ bestritt. Würde man die „Lindenstraße“ einmal daraufhin untersuchen, käme man vermutlich zu der Einsicht, dass die meisten Sympathieträger der Serie ein grün-sozialdemokratisches Herz in der Brust tragen oder gelernt haben, dass es besser wäre, das Herz von den Giften schwarzer Ideologie zu reinigen. Aber die „Lindenstraße“ war und ist wohl eine Serie, in der auch rechts denkende Figuren Sympathien beanspruchen dürfen und nicht aus dem Diskurs ausgeschlossen werden.

Die „Lindenstraße“ hat die Bundesrepublik sozusagen symbolisch zusammengehalten, sie ist eine Republik in Miniatur, wo sie alle auftauchen: die kleinen und die großen Leute, Ärzte und Hausmeister, Biedermänner, Penner und Punks, Christen und Muslime, Gastarbeiter, Schwule, Progressive, Reaktionäre, Heimatverbundene, Flüchtlinge und so weiter und so weiter. Die „Lindenstraße“ klingt gleichsam wie ein sozialkritischer Schlager von Juliane Werding oder ein Song von Udo Jürgens à la „Ein ehrenwertes Haus“ oder „Griechischer Wein“. Die „Lindenstraße“ war und ist eine fortgesetzte Integrationsmaschine, eine Demokratieübung, eine Brücke zwischen den Generationen. Die „Lindenstraße“ ist Unterhaltung mit politischer Reflexion, das ist selten im heutigen deutschen Fernsehen. Und es ist eine der schwierigsten Übungen, sie gelingt mal besser und auch mal schlechter. Doch auf die gesamte Strecke gesehen ist angesichts der quotengetriebenen Programmverflachung an vielen Stellen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens die „Lindenstraße“ seit Jahrzehnten (!) eine Programmbereicherung. Sie ist ein Wert an sich. Geißendörfer wurde dafür mit einem Grimme-Preis ausgezeichnet.

Die ARD hat viele Menschen vor den Kopf gestoßen

Im Ersten Programm der ARD gibt es Groschenroman-Serien wie „Rote Rosen“ oder „Sturm der Liebe“. Warum auch nicht? Wenn es daneben so etwas gibt wie die „Lindenstraße“. Doch die ARD befindet sich auf einem fatalen Kurs, wenn sie nun die „Lindenstraße“ abschafft, weil angeblich für eine Serie, die nach ARD-Dünken nicht genug Zuschauer hat, das Geld dafür schlecht ausgegeben ist. Das rechnet sich nicht, scheint man sich bei ARD zu denken. Wenn aber tatsächlich das Zuschauerinteresse und unvermeidbare Sparzwänge nicht vereinbar sind mit den Produktionskosten für Hochwertiges und man deshalb etwas abschafft, dann ist das ungefähr so, als würde Deutschlandradio-Intendant Stefan Raue sagen, für die wenigen Hörer, die das Programm Deutschlandfunk Kultur hat, lohnt sich der Aufwand nicht, deshalb machen wir ab morgen nur noch Deutschlandfunk Trivial, das ist halt billiger, denn wir müssen ja sparen.

Im Übrigen impliziert die Begründung von Volker Herres für das „Lindenstraßen“-Aus ja auch schon, dass aufgrund des weniger zur Verfügung stehenden Geldes die Nachfolgesendung der „Lindenstraße“ etwas Minderwertiges sein muss. Denn sie müssen ja sparen. Das grenzt dann schon an eine geistige Bankrotterklärung, eine künstlerische Kapitulation. Die ARD wird nimmer müde, wenn es darum geht, auf die angebliche Vielfalt ihres Programm zu verweisen, im Notfall kann sie dafür sogar Studien vorweisen. Doch die Programmrealität sagt anderes aus. Vielfalt im Ersten sieht zum Beispiel am Donnerstagabend so aus, da laufen um 20.15 Uhr: „Der Zürich-Krimi“, „Der Bozen-Krimi“, „Der Lissabon-Krimi“, „Der Barcelona-Krimi“, „Der Tel-Aviv-Krimi“, „Der Athen-Krimi“, „Der Amsterdam-Krimi“, „Der Prag-Krimi“, „Der Urbino-Krimi“, „Der Kroatien-Krimi“, „Der Usedom-Krimi“. Für diese Art von Vielfalt ist Geld genug da, hier sind „unvermeidbare Sparzwänge“ offenbar vereinbar mit den Produktionskosten – und dem Zuschauerinteresse. Wohinter sich nichts anderes verbirgt als die Quotenbesessenheit der heutigen Programmcontroller.

Wofür bei der ARD und ihren Landesrundfunkanstalten auch Geld genug da ist: für ein völlig unprofiliertes Spartenprogramm namens One, für die Burda-Werbesendung Bambi, für stundenlange Wintersportübertragungen am Samstag und Sonntag, für Fußballrechte etwa an Nations-League-Übertragungen inklusive Spielen wie Andorra gegen Lettland (am 19. November), für die unsägliche Fan-Sendung „Sportschau-Club“ und für die derzeit wohl schlechteste Sendung des deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehens, die da „Live nach Neun“ heißt (nicht zu verwechseln mit dem einstigen Spielebetrugssender 9Live). Und das sind nur einige wenige Beispiele. In einer Programmzeitschrift lassen sich auch abendliche Sendeabläufe finden, die sehen so aus wie dieser derzeit montags abends im Dritten Programm SWR Fernsehen: 22.00 Uhr „Sag die Wahrheit“ (Rateshow), „22.30 Uhr „Montagsmaler“ (Ratespiel), 23.15 Uhr „Meister des Alltags“ (Quiz), 23.45 Uhr „Quiz-Helden“, 0.30 Uhr „Gefragt – Gejagt“ (Rateshow), 1.15 Uhr „Stadt – Land – Quiz“, 2.00 Uhr „Sag die Wahrheit“ (Rateshow), 2.30 Uhr „Montagsmaler“ (Ratespiel), 3.15 Uhr „Strassen Stars“ (Comedy-Quiz), 3.45 Uhr „Dings vom Dach“ (Ratesendung). Da wäre selbst das Sendeschluss-Testbild farbiger als diese Monochromie von Quiz-Formaten.

Und schon ist von Netflix die Rede

Mit dem Einstellungsbeschluss für die „Lindenstraße“, die immerhin Woche für Woche noch von rund 2,2 Mio Zuschauern gesehen wird, hat die ARD ohne Not viele Menschen vor den Kopf gestoßen, die ihr wohlgesonnen sind, die schätzen, was öffentlich-rechtlicher Rundfunk ist und sein und bieten kann. Man wundert sich und fragt sich, was in den Köpfen derer vorgeht, die solche Beschlüsse treffen, wie es die ARD-Fernsehprogrammkonferenz getan hat. Es müssen verschiedene Welten sein. In Großbritannien hat der öffentlich-rechtliche Rundfunk nicht so viel Geld wie die hiesigen Anstalten, die pro Jahr über neun Milliarden Euro aus dem Rundfunkbeitrag und durch Werbung einnehmen. Und doch laufen im Vereinigten Königreich Serien wie „Coronation Street“ (ITV) – das Vorbild für die „Lindenstraße“ – und „East Enders“ (BBC) immer weiter und weiter, auch wenn die Einschaltquoten dort aufgrund der Marktveränderungen ähnlich stark gesunken sind und ebenfalls gespart werden muss. Aber man kann sich vorstellen, dass es in Großbritannien eine Frage der Ehre ist, nationale Institutionen und Identifikationssendungen nicht aus kleinkarierten Gründen abzuschaffen. Um es darum kurz und bündig so zu sagen: Eine Serie wie die „Lindenstraße“ schafft man nicht ab, man modernisiert sie. Das wäre der Ehrgeiz, den ARD und WDR hätten zeigen müssen. Und natürlich ist das Argument, dass die Produktionskosten für die „Lindenstraße“ zu hoch sind, so vorgeschoben wie lächerlich.

Mitte Oktober auf einer Tagung der Gewerkschaft Verdi in Hamburg hat die Kommunikationswissenschaftlerin Barbara Thomaß, die auch Mitglied im ZDF-Verwaltungsrat ist, in einem Vortrag festgestellt, es fehle an „lauteren Stimmen aus der Gesellschaft“, die den öffentlich-rechtlichen Rundfunk unterstützten, gerade jetzt, wo er von nicht wenigen verstärkt in Zweifel gezogen werde. Das Problem in diesem Zusammenhang erläuterte Thomaß dabei so: Wenn man „zivilgesellschaftliche Organisationen oder Kulturinstitutionen“ auf die fehlende Unterstützung anspreche, merke man, wie schnell dann deren „Unmut über das Programm“ zum Ausdruck komme. Damit, schrieb dazu MK-Autor René Martens in seinem Bericht über die Verdi-Tagung (vgl. hier den MK-Artikel), sei ein Problem des öffentlich-rechtlichen Rundfunks benannt: Er habe jene, die ihn jetzt verteidigen müssten, mit einem anspruchsärmer gewordenem Programm vergrault. Mit ihrem „Lindenstraßen“-Beschluss hat die ARD ihre Anspruchshaltung weiter verringert und die Anzahl der Nicht-Verteidiger des öffentlich-rechtlichen Rundfunks weiter erhöht. Die Verantwortlichen in den Sendern müssen sich dann auch nicht darüber wundern, dass immer mehr Menschen der öffentlich-rechtliche Rundfunk irgendwann egal ist und sie bald nur noch nur Netflix kennen.

Die ARD sollte, wenn sie klug zu sein in der Lage ist, die „Lindenstraßen“-Entscheidung revidieren. Netflix soll schon Interesse geäußert haben, die Serie fortzusetzen – das wäre dann allerdings die größte Blamage für Schönenborn, Herres & Co. Wenn die Fernsehprogrammkonferenz der ARD übrigens unbedingt eine Sendung aus dem Ersten absetzen will, die es auch verdient hat, hätten wir einen Alternativvorschlag: „Live nach Neun“.

25.11.2018/MK

Print-Ausgabe 24/2018

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