Nach sieben Jahren lief es nun erstmals im Fernsehen: Das Eichinger-Porträt „Der Bernd“

15.05.2019 •

Am Tag, als der Film „Der Bernd“ endete (11. April, 0.15 Uhr), wäre der Mann, dem das neunzigminütige Porträt mit dem Vornamenstitel galt, 70 Jahre alt geworden. Doch Bernd Eichinger starb mehr als acht Jahre zuvor am 24. Januar 2011. Der Filmproduzent, der auch Drehbücher verfasste und Filme inszenierte, war in dieser Phase seines Lebens – so der Tenor des Filmporträts – endlich in der bundesrepublikanischen Gesellschaft anerkannt. Im Jahr zuvor war ihm der Ehrenpreis des Deutschen Filmpreises zuerkannt worden. Sichtlich bewegt nahm Eichinger ihn entgegen und ihm kamen die Tränen, als sich die versammelte Branche zu seinen Ehren erhob und ihm einen endlos scheinenden Beifall zollte.

Das Filmporträt „Der Bernd“, das 2012 im Jahr nach Eichingers Tod im Auftrag der Constantin Film AG entstand, ist nach Angaben der Produktionsfirma jetzt zum ersten Mal im Fernsehen ausgestrahlt worden. Der Bayerische Rundfunk (BR), der den Film in seinem Dritten Programm in der Nacht von 10. auf den 11. April zeigte (22.45 bis 0.15 Uhr), hat ihn laut Abspann mit dem Norddeutschen Rundfunk (NDR) und der ARD-Filmgesellschaft Degeto zumindest teilfinanziert. Als Regisseure firmieren – ebenfalls laut Abspann – Carlos Gerstenhauer, Friederich Oetker, Stephanie Dresbach, Tanja Goll und Christine Rothe. Fünf Regisseure, die an einem integralen Film arbeiteten, dürften einen deutschen Rekord darstellen und damit selbst einen Klassiker wie „Vom Winde verweht“ (USA 1939) mit seinen drei Regisseuren locker übertreffen. Eichinger hätte das sicher gefallen, war er ja Zeit seines Berufslebens jemand, der alles nur Denkbare exzessiv betrieb. Warum sollte denn nicht auch der filmische Nachruf auf ihn eine gewisse Form von Exzessivität besitzen?

Das gilt auch für die Zahl der Prominenten, die sich in diesem Film interviewen ließen und die viele Anekdoten aus dem Leben des Mannes beisteuerten, den sie alle nur „der Bernd“ nannten: Mit dabei waren Schauspielerinnen wie Hannelore Elsner (die wenige Tage nach der TV-Ausstrahlung des Films im Alter von 76 Jahren starb), Katja Flint, Nina Hoss und Milla Jovovich, Schauspieler wie Moritz Bleibtreu, Bruno Ganz, Tom Gerhardt, Til Schweiger und Michael „Bully“ Herbig, Regisseure wie Jean-Jacques Annaud, Uli Edel, Roland Emmerich, Wolfgang Petersen, Tom Tykwer, Sönke Wortmann und Doris Dörrie, Produzenten wie Oliver Berben, Fred Kogel, Martin Moszkowicz, Günter Rohrbach und Herman Weigel wie auch Eichingers Tochter Nina und seine (letzte) Ehefrau Katja. Ausschnitte aus vielen Fernsehinterviews mit Bernd Eichinger, der ja als Produzent zu fast jedem seiner Filme befragt worden war, und aus den von ihm produzierten Kinofilmen ergänzten die anekdotenhaften Schilderungen. Kritische Begleiter wurden nicht befragt.

Das verlieh dem Film die Form einer Hagiographie, die durch dezente Hinweise auf ein brachiales Auftreten und eine gewisse Herrschsucht etwas eingeschränkt wurde. Dass das alles nicht unerträglich wirkte, lag auch an der deutlich werdenden Selbstironie des Bernd Eichinger, der mit seinem keckernden Lachen, das im Filme zahllose Male zu hören und zu sehen war, oft sich selbst, seine Sprüche und sein Verhalten kommentierte, als sei das doch nicht so ernst gemeint, wie es erschiene.

Gewichtiger noch als das Verschweigen von Konflikten und Streitfällen oder die nur vorsichtige Andeutung seiner gesundheitlichen Krisen, die er infolge seines exzessiven Lebens durchlebte, war die mangelnde Durchleuchtung der ökonomischen Basis des Produzenten Bernd Eichinger. So fiel der Name von Leo Kirch erst im Zusammenhang mit Eichingers Demission 2001 als Vorstandsvorsitzender der Constantin Film AG. Dass ebendieser Leo Kirch (1926-2011) kurz nach der Neugründung des Filmproduktionsunternehmens 1978, die Eichinger nach dem Konkurs der alten Constantin betrieben hatte, als stiller Gesellschafter und Hauptfinanzier eingestiegen war, wurde lange Zeit – auch von Eichinger selbst – verschwiegen. Kirch, der umstrittene deutsche Medienmogul, hatte sich seit den 1980er Jahren an vielen Produktionsfirmen beteiligt, oft ohne dass diese Beteiligungen bekannt wurden. Einige seiner Beteiligungen wurden erst nach der Insolvenz der Kirch-Gruppe 2002 bekannt.

Auch die Hintergründe anderer Anekdoten wurden im Film nicht erläutert. Dass Martin Moszkowicz, der 1991 zur Constantin gestoßen war und sie heute als Vorstandsvorsitzender leitet, gegen Eichingers Projekt „Der Untergang“ (2004) Vorbehalte hatte, da diese Verfilmung der letzten Tage von Adolf Hitler den Massenmord an den europäischen Juden ausblendete, wird zumindest angedeutet. Nicht erwähnt wird, dass Martin Moszkowicz der Sohn des Fernsehspielregisseurs Imo Moszkowicz ist, der als Jude das Konzentrationslager Auschwitz überlebte. Hätte der Film dies erwähnt, hätte seine Kritik an der Kinoproduktion „Der Untergang“ ein größeres Gewicht erhalten. Stattdessen durfte der 2014 verstorbene Frank Schirrmacher, damals einer der Herausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, noch einmal diesem Film huldigen, dessen Drehbuch Bernd Eichinger auf Basis eines Buchs von Schirrmachers Herausgeber-Vorgänger Joachim C. Fest geschrieben hatte. Eine substantielle Kritik hätte noch einmal das Spiel mit der Spekulation offengelegt, dem sich Eichinger bei vielen der von ihm produzierten Filme verschrieben hatte.

Dass er sich gelegentlich heftig verspekulierte, hing auch damit zusammen, dass er mit den Spekulanten der Börse – einmal war im Film neben ihm Thomas Haffa zu sehen, der mit vielen Bluffs die Aktien seiner Fernsehrechtefirma EM-TV in den Himmel gehoben hatte, ehe sie wenig später abstürzten – letztlich wenig zu tun hatte. Eichinger sah sich eher als klassischer Kinomogul US-amerikanischer Provenienz, der sich neben ‘proletarischen Filmen’ wie „Voll normaaal“ (1994) auch an Projekte wie die Verfilmung des von Hubert Selby geschriebenen Avantgarde-Romans „Letzte Ausfahrt Brooklyn“ (1989) wagte und der seine größten Kinoerfolge mit Bestsellerverfilmungen wie „Der Name der Rose“ (1986), „Das Geisterhaus“ (1993) oder „Das Parfüm“ (2006) errang.

Seine Karriere hatte Eichinger als Produzent über die von ihm mitgegründete Firma Solaris ja auch mit der Herstellung von Autorenfilmen von Hans W. Geißendörfer, Alexander Kluge, Bernhard Sinkel und Wim Wenders begonnen. In ihrem filmhistorischen Essay „Verfluchte Liebe deutscher Film“ (vgl. MK-Artikel) hatten Dominik Graf und Johannes F. Sievert erklärt, dass ein Wendepunkt der jüngeren deutschen Filmgeschichte jener Moment gewesen sei, als Eichinger 1980 Roland Klick von der Regie des Films „Christiane F. – Die Kinder von Bahnhof Zoo“ entband und die Inszenierung seinem Kumpel Uli Edel überließ. Auch diesen Konflikt thematisierte das Porträt nicht. Was es geliefert hat, sind weitere Mosaiksteine für eine Geschichte des bundesdeutschen Films, die noch zu schreiben wäre. Bernd Eichinger erhielte in dieser Geschichte ein bedeutsames Kapitel – auch bar jeder Hagiographie.

15.05.2019 – Dietrich Leder/MK

Print-Ausgabe 15-16/2019

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