Der sprechende Mensch

Hans-Dieter Grabe oder: Was dokumentarische Beobachtungen leisten können

Von Manfred Riepe
30.04.2019 •

Dokumentarische Filme sind nach wie vor ein zentrales Genre des Fernsehens. Das Genre hat sich jedoch nach und nach stark verändert. So zeigte eine am 7. Februar vorgestellte Studie auf, dass heutzutage 80 Prozent aller dokumentarischen Sendungen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen formatiert sind (vgl. MK-Meldung) – was die Gestaltungsfreiheit deutlich einengt. In der Reihe „Menschen hautnah“ des Dritten Programms WDR Fernsehen kam es, wie im Januar dieses Jahres bekannt wurde, sogar zu Verfälschungen (vgl. MK-Artikel), die symptomatisch vor Augen führten, wohin es führen kann, wenn Sender von Filmemachern erwarten, dass sich die Ergebnisse von deren dokumentarischen Betrachtungen in immer präziser vordefinierte Formate einfügen. Auf der anderen Seite führt die immer weiter um sich greifende Praxis des Reenactments dazu, dass dokumentarische Elemente mehr und mehr darauf reduziert werden, Zuträger für fiktionalisierte Erzählungen zu sein. Der „klassische“ Dokumentarfilm – wie immer man ihn im Detail auch definieren mag – findet immer weniger Platz im (linearen) Fernsehen, im Hauptprogramm schon gar nicht. Das war einmal anders. Die Filme des Dokumentaristen Hans-Dieter Grabe, 82, liefen zwar nicht immer zur besten Sendezeit; rückblickend zeigt sich aber, dass mittels dieser Filme das Fernsehen zur politischen Willensbildung beigetragen und Grabe dafür eine eigene fernsehspezifische Form entwickelt hat. MK-Autor Manfred Riepe hat eine neu erschienene DVD-Edition mit weitgehend unbekannten Arbeiten Grabes zum Anlass genommen, einen Blick auf Alleinstellungsmerkmal von Grabes dokumentarischem Handwerk zu werfen. • MK

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Im Jahr 1945 war Simon Wiesenthal Vorsitzender einer von den Amerikanern in Österreich eingerichteten Kommission für verfolgte Minoritäten. Nicht alle, die bei diesem Gremium vorstellig wurden, um als Ausgleich für während der NS-Zeit erlittene Qualen begehrte Lebensmittel zu erhalten, sagten die Wahrheit. Wiesenthal musste mithin herausfinden, wer tatsächlich von den Nazis verfolgt worden war und wer sich möglicherweise als nur vorgetäuschtes Opfer Care-Pakete oder andere Vergünstigungen erschwindeln wollte.

Unter den Menschen, die bei der Kommission vorstellig wurden, befand sich eine Frau, deren Schönheit Wiesenthal hervorhebt. Zum Beweis dafür, dass sie im „Dritten Reich“ eine Leidenszeit durchgemacht hatte, ließ sie mit Hilfe zweier Träger mehrere schwere Kisten anschleppen, die prall gefüllt waren mit, wie Wiesenthal schätzt, „zwanzig- oder dreißigtausend Postkarten“, alle geschrieben von ihrem früheren Ehemann, den sie einst in den 1930er Jahren geheiratet hatte. Nachdem Österreich 1938 von Hitler besetzt worden war, wurde ihr Gatte, ein „Vollarier“, zum fanatischen Nationalsozialisten, der sich von seiner „halbjüdischen“ Frau aus Karrieregründen scheiden ließ. „Die Liebe“ so Wiesenthal, „verwandelte sich in einen Hass.“ Über sieben Jahre hinweg schrieb er ihr mehrere Postkarten täglich, auf denen er jeweils einen anderen Nazi-Spruch von der Art „Der wahre Kriegshetzer ist der Jude!“ notierte. Die Karten waren alle an ihre Arbeitsstelle adressiert – die Frau war Beamtin bei der Bahn –, wo ihr Vorgesetzter, ebenfalls ein Nazi, sie ihr jeweils mit einem süffisanten Grinsen aushändigte.

Diese Geschichte erzählt der 2005 verstorbene österreichisch-jüdische Holocaust-Überlebende Wiesenthal in dem aus dem Jahr 1978 stammenden Fernsehporträt „Simon Wiesenthal oder Ich jagte Eichmann“ (ZDF). Wiesenthal, von Beruf eigentlich Architekt und Publizist, ist als „Nazi-Jäger“ bekannt geworden, der an der Ergreifung nicht weniger untergetauchter NS-Verbrecher beteiligt war, darunter Karl Josef Silberbauer, jener SS-Mann und Polizist, der im August 1944 in Amsterdam Anne Frank und ihre Familie verhaftet hatte. Der Film über Wiesenthals Arbeit ist nun im Rahmen einer zweiten Sammlung mit neun weiteren Arbeiten von Hans-Dieter Grabe wieder zugänglich. Nach „Hans-Dieter Grabe: Dokumentarist im Fernsehen. 13 Filme. 1970 bis 2008“ enthält die neue DVD-Edition unter dem Titel „Lebenserfahrungen“ eher unbekannte Filme aus den 1970er und 1980er Jahren. In dieser Zeit ist Grabe noch dabei, seinen persönlichen Stil zu entwickeln. Die vergleichsweise selten gezeigten Filme sind geeignet, um die Arbeitsweise Grabes kennenzulernen: Obwohl der Dokumentarist immer wieder Themen der Zerstörung wie den Holocaust, den Bombenabwurf über Hiroshima und den Vietnamkrieg aufgriff, offenbaren nahezu all seine Filme stets auch eine spirituelle Dimension. Diese Dimension hat allerdings nichts mit Theologie, Eso­terik oder Religion zu tun; es geht vielmehr um die Leidensfähigkeit des Menschen, die in diesen Dokumentationen teilweise die Intensität von Martyrien erreicht.

Insgesamt 58 Filme hat Hans-Dieter Grabe realisiert, eine Produktivität, die sich – ähnlich wie im Fall von Klaus Wildenhahn beim NDR – seiner Ausnahmeposition als fest angestellter Redakteur beim ZDF verdankte – eine Position, aus der heraus er, wie der Kritiker und Publizist Wilhelm Roth einmal schrieb, „immer wieder den gleichen Film gedreht hat“, nämlich das Porträt jeweils einer Person, mit der er ein sehr persönliches Gespräch führte, in dem eine Intensität entstand, die den Betrachter heute noch mitreißt.

Die minimalistische Situation beispielsweise, in der Simon Wiesenthal hinter seinem Schreibtisch sitzend von jener Frau erzählt, die von den antisemitischen Postkarten ihres Ex-Mannes gequält wurde, ist paradigmatisch für Grabes Arbeitsweise. Es geht in seinen Filmen oft um eine tiefe Schicht der Verletzung, des seelischen Leidens und um sichtbare körperliche Versehrtheit. Aber es geht jeweils auch darum, dass diese Traumata als etwas erkannt werden, das mit der Art und Weise des „In-der-Welt-Seins“ des Menschen schlechthin zu tun hat. Aus diesem Grund werden die Symptome der seelischen und körperlichen Versehrtheit ohne jeglichen voyeuristischen Gestus von Grabe in Szene gesetzt.

„Wir hätten am liebsten die Schwarzblende gezogen“

Die eigentümliche Spannung entsteht nie durch das Bedienen einer Schaulust, sondern umgekehrt durch die weitgehende Zurücknahme des Bildhaften. Eine Zurücknahme, die nicht im Widerspruch steht zu zuweilen sehr drastischen Bildern. In seinem Film „Nur leichte Kämpfe im Raum Da Nang“ beispielsweise dokumentierte Grabe 1970 die Arbeit des chirurgischen Assistenzarztes Alfred Jahn auf dem vor Vietnam vor Anker liegenden Lazarettschiff Helgoland. Nie zuvor wurde der Vietnamkrieg so gezeigt wie in diesem Film. Zu sehen sind Kinder, denen Gliedmaßen fehlen oder denen ein Stück ihres Gesichts von Granaten weggerissen wurde. Über die Wirkung während der Erstausstrahlung dieses Films erklärte Grabe in einem Interview, das er im Anschluss an eine Wiederholung des Films bei 3sat gab: „Ich erinnere mich noch eines Anrufes eines Kollegen aus der Sendeleitung, der sagte, wir hätten am liebsten die Schwarzblende gezogen, weil nach diesem Film es uns eigentlich unmöglich war, noch andere Sendungen laufen zu lassen.“

Trotz drastischer Bilder von körperlicher Versehrtheit, die auch in „Hiroshima, Nagasaki – Atombombenopfer sagen aus“ (ZDF 1985) zu sehen sind, ist das Visuelle bei Grabe immer dem Diskurs untergeordnet. Grabe hat die Technik des beobachtenden Zuhörens auf faszinierende Art verfeinert. Das „Gespräch“ ist für ihn nie einfach nur ein Interview, in dem etwas abgefragt wird. Durch sein einfühlendes Hinhören dringt er in tiefe Schichten des Seelischen vor, ein Prozess, der in seinem Film „Das Wunder von Lengede oder Ich wünsch’ keinem, was wir mitgemacht haben“ (ZDF 1979), der in der neuen DVD-Edition enthalten ist, sogar eine metaphorische Dimension bekommt. Sechzehn Jahre nach dem Grubenunglück, bei dem am 7. November 1963 eine Gruppe von Bergleuten verschüttet wurde und zunächst für tot gehalten worden war, bis man elf von ihnen nach 14 Tagen aus 60 Metern Tiefe noch retten konnte, spricht Grabe mit einigen der Überlebenden. In seinem Film verdichtet sich beim Zuhören das Gefühl, als wären die Kumpels noch immer dort unten, eingeschlossen in der Finsternis, in der sie bereits mit dem Leben abgeschlossen hatten. Licht in diese Dunkelheit kommt durch das Sprechen.

Eine Herausforderung für den Zuschauer

Man denkt spontan an jene Geschichte, über die Sigmund Freud in seinen Vorlesungen 1916 berichtete: „Ein Kind, das sich in der Dunkelheit ängstigte, hörte ich ins Nebenzimmer rufen: ‘Tante, sprich doch zu mir, ich fürchte mich!’ – ‘Aber was hast du davon? Du siehst mich ja nicht.’ Darauf das Kind: ‘Wenn jemand spricht, wird es heller.’“ In diesem Sinn funktionieren auch Hans-Dieter Grabes Filme. So spürt man beim Sehen des Lengede-Films, dass diese Bergmänner keine vorgestanzten Sätze von sich geben, sondern mühevoll ein Trauma verbalisieren. Wie so oft bei Grabe ist diese Intimität auch eine Herausforderung für den Zuschauer.

In Reinform zeigt sich diese formale und inhaltliche Zuspitzung in dem heute weitgehend vergessenen, nun in der DVD-Sammlung enthaltenen Film über Gisela Bartsch (vgl. FK-Heft Nr. 31/77). Die körperbehinderte Krankenschwester hatte zwei Jahre zuvor Jürgen Bartsch geheiratet, einen verurteilten Kindermörder. Er wurde Mitte der 1960er Jahre von deutschen Frauen, die ein Meinungsforschungsinstitut befragt hatte, als „größter Verbrecher des 20. Jahrhunderts“ bezeichnet, noch vor Stalin, Hitler, Himmler und Eichmann. Evoziert wurde dieses Schreckensbild durch die Berichterstattung jener Boulevardpresse, deren Methoden in Grabes Film nebenbei entlarvt werden.

So berichtet Gisela Bartsch, wie Reporter der „Bild“-Zeitung sich in ihrer Abwesenheit unter einem Vorwand Zutritt zu ihrem Elternhaus verschafft hatten, in dem sie zu dieser Zeit noch wohnte. Hier fotografierten sie im Gästezimmer ein Doppelbett, dessen Abbildung in dem Boulevardblatt mit einer schlüpfrigen Bildunterschrift versehen wurde und so die Assoziation erweckte, Gisela Bartsch habe für ihren Ehemann das Schlafzimmer hergerichtet. Aus heutiger Sicht würde dies nichts Ungewöhnliches darstellen. Damals aber war die in der „Bild“-Zeitung erweckte Assoziation alles andere als unschuldig. Abgesehen davon, dass das im dem Blatt abgebildete Foto mit dem Doppelbett mitnichten das Bett der beiden Eheleute darstellte – die übrigens kein einziges Mal Gelegenheit hatten, miteinander allein zu sein –, zielte die von „Bild“ erzeugte Assoziation darauf ab, Gisela Bartsch als sexuell aktive Frau darzustellen. Vor dem Hintergrund der repressiven Sexualmoral der 1960er Jahre war diese Falschdarstellung für Gisela Bartsch extrem kompromittierend. Auf Kosten einer Frau, die sich gegen diese sachlich falsche Darstellung nicht wehren konnte, sollten die „Bild“-Leser sich ausmalen, wie eine unter Fehlbildungen im Gesicht leidende Krankenschwester in dem abgebildeten Bett mit einem Mann verkehren würde, der zwischen 1962 und 1966 vier Jungen getötet hatte, und zwar, wie in Zeitungen zu lesen war, durch „Zerschneiden bei lebendigem Leibe“. Unter anderem aufgrund dieser tendenziösen Darstellung in der „Bild“-Zeitung wurde Gisela Bartsch, wie sie im Film erklärt, von Kollegen lange Zeit extrem gemobbt.

In dieser bemerkenswerten Sequenz spiegelt sich in nuce die unvergleichliche Machart eines Grabe-Films wieder. Mit seiner nüchternen Sachlichkeit, die an die Aneinanderreihung von Akten erinnert, ist Grabes Film nicht nur eine Gegendarstellung zu dieser reißerischen, aus kommerziellen Interessen evozierten Phantasievorstellung in der „Bild“-Zeitung. Darüber hinaus bietet er einer bemerkenswerten Frau, die neben ihrer körperlichen Behinderung obendrein noch durch die Boulevardpresse einer schweren seelischen Belastung ausgesetzt war, die Möglichkeit, ihre Geschichte zu erzählen – und zwar so, dass die große Last, die sie zu tragen hatte, unaufgeregt und mitreißend zugleich in eine Geschichte übersetzt wurde.

Gisela Bartsch erzählt, und zwar auf ihre ureigene Weise, wie sie ihr Leben trotz zahlreicher Widrigkeiten recht gut in den Griff bekommen hat. So wurde ihr beispielsweise wegen ihrer Behinderungen – an einem Fuß hat sie keine Zehen – eine Einstellung als Krankenschwester erst nach mehreren, beharrlichen Anläufen gewährt. Nur bei einem für sie wichtigen Vorhaben ersehnte sie sich Hilfe von jemand anderem. Von einem Menschen, den sie näher an sich heran lassen konnte. Einem Mann. Seit Monaten trug sie die Adresse eines plastischen Chirurgen mit sich herum. Sie grübelte zu dieser Zeit über die Möglichkeit einer Nasenkorrektur. Ihr von Geburt an verformtes Gesicht, so ihre Hoffnung, würde danach ein Stück weit dem anderer Frauen ähneln.

Eine spirituelle Form der Betrachtung

Es geht hier also um das komplexe Thema, wie ein Mensch von anderen gesehen wird. In dieser Situation wendet die Außenseiterin sich an einen anderen Außenseiter, den inhaftierten Jürgen Bartsch, mit dem sie schon seit einiger Zeit brieflich in Kontakt steht und der sie in ihrer Entscheidung, sich die Nase operieren zu lassen, bestärkt. Mit einer seelischen Großaufnahme, die stets taktvoll distanziert bleibt, macht der Film spürbar, wie hier über die Gefängnismauern hinweg eine vielleicht unverständliche, aber durchaus berührende Form der Intimität entstehen konnte. Im Gegensatz zu dem vulgären Zerrbild, das die Boulevardpresse von dieser Beziehung evoziert hatte, gelingt Grabe die vorsichtige Spurensicherung einer Liebesbeziehung – die sich nicht wirklich entwickeln konnte, weil Bartsch kurze Zeit später während einer Operation infolge eines Narkosefehlers verstarb. Grabe macht in seinem Film die Seele von Gisela Bartsch sichtbar – man kann diese Form der Betrachtung nur als spirituell bezeichnen.

Um sensible Projekte dieser Art realisieren zu können, musste der Filmemacher seine Technik der Konzentration aufs Wesentliche verfeinern. Das heißt: Das Wechseln der Schauplätze und die Verwendung von Archivmaterialien wird bei Grabe auf ein Minimum begrenzt. Im Interview mit Christoph Huebner, das auf einem umfangreichen Booklet-PDF zu der neuen DVD-Edition enthalten ist, führt Grabe aus, wie wichtig es ihm ist, dass Menschen wie Gisela Bartsch „Vertrauen zu mir haben“. Und der Prozess, um dieses Vertrauen zu gewinnen, beginne lange Zeit vor den Dreharbeiten. Der Filmemacher weiter: „Ich besuche Leute so oft wie möglich, nicht um sie bereits über sich selbst auszufragen, sondern um ihnen das Gefühl zu geben: Da ist jemand, der sich Zeit nimmt, für den sie wichtig sind.“ Um das Vertrauen aufzubauen, erzählt Grabe zunächst von sich selbst. Was seine Protagonisten zu erzählen haben, das werden sie später, wenn die Kamera läuft, zum ersten Mal sagen.

Dadurch ergibt sich diese spontane Unverstelltheit des Ausdrucks, die einem Grabe-Film seine unvergleichbare Intensität verleiht. Diese Intensität zeigt sich nirgendwo deutlicher als in jenem unvergesslichen Moment des Films „Mendel Schainfelds zweite Reise nach Deutschland“ (ZDF 1972). Während einer Zugfahrt erzählt der KZ-Überlebende, wie er einem eben gestorbenen Mithäftling das letzte Stück Brot wegnahm. Angesichts dieser Erinnerung kommen ihm Tränen in die Augen: „Vielleicht“, so Mendel Schainfeld, „hätte es ein anderer nötiger gebraucht als ich.“ Es ist eine Szene, die gleichberechtigt neben dem berühmten Moment steht, in dem der Friseur Abraham Bomba in Claude Lanzmanns Dokumentarfilm „Shoa“ davon berichtet, wie er im KZ Treblinka Menschen die Haare schnitt, die daraufhin ins Gas mussten.

Um in dokumentarischen Filmen eine solche Intensität zu erreichen, vertraute Grabe einem Drehteam mit Fingerspitzengefühl: „Falsches Benehmen kann alles zerstören, was man in Wochen aufgebaut hat.“ Wichtig für seine Arbeit war immer auch das Setting. Wer mit Dokumentarfilmern geredet hat, weiß, wie übergriffig deren Arbeit sein kann. Damit beispielsweise eine Szene in einem Gefängnisfilm mehr nach Kino aussieht, werden die Häftlinge gebeten, ihre quietschbunte Woolworth-Garderobe gegen monochrome Kleidung zu tauschen. Für Grabe wäre solch eine Manipulation undenkbar.

Etwas sehr Fernsehgemäßes

Dank seiner Konzentration aufs Wesentliche entwickelt Hans-Dieter Grabe den von ihm sogenannten „Gesprächsfilm“, eine Wortwahl, die heute, zur Zeit des Primats von Visualität, Unterhaltung und Formatierung, geradezu archaisch anmutet. Ein „Gespräch“ ist bei diesem Filmemacher jedoch nie eine Unterhaltung, ein Interview, ein Abfragen von Statements oder ein Palaver wie in der Talkshow. Wenn Grabe in seinen Arbeiten immer wieder den „sprechenden Menschen“ in den Fokus nimmt, dann entwickelte er damit eine Form, die dem Medium Fernsehen auf überraschende Weise gerecht wurde: „Und dann habe ich“, so Grabe im Interview mit Huebner, „auch gemerkt, gerade auch durch die Reaktion von Zuschauern, dass das Zuhören, das Einem-Gespräch-Folgen, das jemanden Sehen-Können, der über wichtige Dinge redet, dass das etwas sehr Fernsehgemäßes sein kann. Das geht zwar auch im Kino, aber es ist eher fernsehgemäß.“

In diesem Sinne fernsehgemäß ist auch der Film über Gisela Bartsch – obwohl er im konventionellen Sinn nicht sehr ‘kunstvoll’ erscheint. Zu sehen ist meistens nur der sprechende Kopf der Protagonistin, die auf einer orange-braun gestreiften Couch sitzt. Im Hintergrund sind eine weiße Raufasertapete und an die Wand gepinnte Postkarten zu sehen: Das sind keine ‘schönen’ Einstellungen, keine ‘beeindruckenden’ Filmbilder; aber gerade in ihrer schmucklosen Perspektive des prosaischen Alltags eröffnen sie einen Raum, der in Dokumentarfilmen oft verschlossen bleibt.

Neben diesem faszinierenden Porträt befindet sich in der DVD-Edition unter anderem noch ein früherer Film über den heute fast vergessenen Bundespräsidenten Gustav Heinemann (1899-1976), der sich seinerzeit als erstes deutsches Staatsoberhaupt für eine Aussöhnung mit den von Hitler überfallenen deutschen Nachbarstaaten wie Holland und Dänemark eingesetzt hatte. Bemerkenswert ist auch der aus dem Jahr 1982 stammende Film „Fritz Teufel oder Warum haben Sie nicht geschossen?“ (vgl. FK-Heft Nr. 16/82), die einzige Produktion Grabes, bei der seinerzeit eine Passage zensiert wurde. Abgerundet wird die Sammlung von seinen beiden abschließenden Arbeiten: Im Film „Raimund – ein Jahr davor“ (3sat; vgl. FK-Kritik) versucht Grabe den Suizid seines Nachbarn zu ergründen und in „Anton und ich“ (ZDF 2017) porträtiert er einen allein lebenden Bauern, der pflegebedürftig wird und versucht, so lange es geht alleine und ohne Hilfe zurechtzukommen. Auch in dieser letzten Arbeit macht Grabe eine Dimension des menschlichen Daseins sichtbar, die in heutigen dokumentarischen Filmen nur noch selten zu sehen ist. Eine spirituelle Dimension.

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Lebenserfahrungen. 9 Filme von Hans-Dieter Grabe 1970-2017. 2 DVDs. Herausgegeben von Klaudia Wick für die Stiftung Deutsche Kinemathek, Absolut Medien 2019, 14,99 Euro. Auf der DVD-Edition sind folgende Filme versammelt:
• Es gibt schwierige Vaterländer, eins davon ist Deutschland – Gustav Heinemann in Holland, Dänemark, Norwegen
(1970)
• Gisela Bartsch oder Warum haben Sie den Mörder geheiratet?
(1976/77)
• Simon Wiesenthal oder Ich jagte Eichmann
(1978)
• Tytte Botfeldt: Aufs Sterben freu’ ich mich
(1979)
• Das Wunder von Lengede oder Ich wünsch’ keinem, was wir mitgemacht haben
(1979)
• Bernauer Straße 1 bis 50
(1981)
• Fritz Teufel oder Warum haben Sie nicht geschossen?
(1982)
• Raimund – ein Jahr davor
(2013/14)
• Anton und ich
(2017)

30.04.2019/MK

Print-Ausgabe 15-16/2019

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