Sigrid Faltin: 100 Jahre Ufa – Im Maschinenraum des deutschen Films (Arte)

Denk’ ich an…Deutschland

08.09.2017 •

08.09.2017 • Denkt man an Film, denkt man an Hollywood. Kein Wunder, haben es doch die US-Amerikaner wie keine andere Nation verstanden, ein Medium als Exportvehikel für ihre Kultur, für ihr Selbstverständnis, für ihren „way of life“ zu instrumentalisieren. Walt Disney, Warner Bros., Paramount, Metro Goldwyn Meyer (MGM) sind Imperien, mit denen man zu allererst gute Unterhaltung für die Welt assoziiert. Hat die Ufa da einen Platz?

Was ist überhaupt diese Ufa? „Denk’ ich an Ufa, denk’ ich an…Deutschland“, sagt der Schauspieler Tom Schilling zu Beginn der Dokumentation, die einen runden Geburtstag feiern soll. Stimmt, eigentlich ist die Geschichte dieser Firma, die am 18. Dezember 1917 gegründet wurde, nichts weniger als ein Kondensat der letzten 100 Jahre deutscher Geschichte, die mit der Erkenntnis eines deutschen Generals beginnt, dass die Kriegsgegner ein noch junges Medium so unverschämt genial als Exportvehikel für ihre Ideen zu nutzen verstanden.

Hätte besagter General Ludendorff nicht 1917 die Notwendigkeit postuliert, einen Propaganda-Konzern als Konkurrenz zu gründen, hätte die Universum-Film Aktiengesellschaft, abgekürzt Ufa, wohl nie das Licht der Welt erblickt. Ein Konzern, der den Deutschen und nicht nur ihnen Träume verkauft. Ein Konzern mit Weltunterhaltungsanspruch! Mehr als ein Jahrzehnt nach Gaumont und Pathé in Frankreich, aber gut ein halbes Jahrzehnt vor Walt Disney, Warner Bros. und MGM hatten die Deutschen die Zeichen der Zeit erkannt, hatten verstanden, dass es noch ein anderes ‘Opium’ gibt, nach dem das Volk lechzt.

Sigrid Faltin hat sich der Herkulesaufgabe gestellt, ein Geburtstagsporträt über den Ufa-Konzern zu machen, der mit kurzen Unterbrechungen seit 100 Jahren im Dienste der (deutschen) Unterhaltung wirkt. Die Aufgabe ist eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, da man den Bogen von Erich Pommer bis Nico Hofmann, von Fritz Langs Filmepos „Die Nibelungen“ bis Sönke Wortmanns ARD-Serie „Charité“, von Goebbels „Wunschkonzert“ bis zur RTL-Soap „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ spannen muss. 100 Jahre, das sind 34 Sekunden pro Jahr, in einem Film, der sich nicht einmal eine Stunde Zeit, der sich genau 58 Minuten Zeit nimmt. Eigentlich ein Unding, wenn man bedenkt, dass der Kultursender Arte doch sonst immer wieder gerne dem 90-Minuten Dokumentarfilm eine Heimstatt bietet. Doch zusammen mit den koproduzierenden Sendern SWR und RBB wollte man es hier kurz und knackig.

So darf Schauspielerin Nadja Uhl im Anzug ans 1920er Jahre Kohlemikrofon treten und (nachfolgend aus dem Off) als Nachrichtensprecherin mit sehr vielen maritimen Metaphern („die Weltmeere des Films erobern“, „erster Ufa-Kapitän“, „mit Tom Schilling wieder ganz vorne mitsegeln“, „sein Steuermann hält im Maschinenraum das Ruder fest in der Hand“) – entsprechende Schiffscartoons gibt es auch dazu – von der bewegenden Geschichte der Ufa erzählen. Und die hat es in der Tat in sich, wie die etlichen historischen und aktuellen Ausschnitte aus den Stummfilm-, Ton- und Farbfilmzeiten bis hin zum Blockbuster-Kinofilm „Der Medicus“ (2013) beweisen.

Politische Besonderheiten wie der zwischenzeitliche Zusammenschluss mit den US-Majors Paramount und Metro Goldwyn Meyer (zu ParUfaMet) in den 1920er Jahren, die Befruchtung des US-Films durch deutsche Emigranten (und Flüchtlinge), die „totale Unterwerfung des Konzerns“ durch NS-Propaganda-Minister Joseph Goebbels, die Durchhaltefilm-Maschinerie am Ende des Zweiten Weltkriegs, die Teilung in Ost und West durch die Siegermächte, die Auferstehung von Defa (im sozialistischen Potsdam-Babelsberg) und Ufa (im kapitalistischen Düsseldorf), die Entdeckung des Erfolgsfernsehens durch Wolf Bauer und Nico Hofmann – all das kann in der Dokumentation nur als mehr oder minder ausführliche Anekdote zum Besten gegeben werden. Das genaue Gründungsdatum der Ufa wird in dem Film, notabene, gar nicht genannt (dann hätte man ja erfahren, dass dieser Jubiläumsfilm eigentlich erst im Dezember hätte gesendet werden müssen).

Die Analysen von unter anderem Ralf Schenk (Defa), Claudia Dillmann (Deutsches Filminstitut) oder Rainer Rother (Deutsche Kinemathek) können nur anreißen, was erst bei genauerer Betrachtung dramatisch, tragisch und unterhaltsam zu werden verspräche. Allein die politische Kontroverse um Nico Hofmanns preisgekrönten ZDF-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“, der die jüngste Geschichte des Konzerns abschloss, ist abendfüllend, muss aber auf Statements von Ufa-Geschäftsführer Hofmann beschränkt bleiben, einen solchen Film unter solchen Randbedingungen so nie wieder produzieren zu wollen. 35 Sekunden pro Ufa-Jahr können verdammt wenig sein, wenn es richtig spannend wird. Wie war das nun genau mit der Geheimaktion „Thusnelda Suppengrün“, Adenauer und dessen Ufa-Verkaufscoup an die Deutsche Bank 1958? Na, vielleicht ein anderes Mal ausführlicher…

„100 Jahre Ufa – Im Maschinenraum des deutschen Films“ ist ein fesselnder ‘Anreißer’, ein Teaser für einen potenziellen abendfüllenden Dreiteiler von Nico Hoffmann, ein Exposé, das zeigt, dass die Stoffe, die Geschichte(n) schreiben, mitnichten nur aus Hollywood kommen, sondern genauso gut aus Babelsberg.

08.09.2017 – Jörg Gerle/MK