Feudalistische Kapitalisten und ihre Launen: Wie es zu voreiligen Nachrufen auf Servus TV kam

06.05.2016 •

Mit Nachrufen ist das so eine Sache: Kommen sie zu spät, mokieren sich alle, dass man das, was man dann lesen könne, schon längst anderswo gelesen habe. Kommen sie zu früh, haben die, die den Tod von jemanden oder das Ende einer Sache beschrien haben, nicht nur einen törichten Fehler begangen, weil sie nicht ordentlich recherchierten oder einfach einer Meldung Dritter glaubten, sondern sie haben auch bewiesen, wie nervös, fast hysterisch das Geschäft ist, an dem sie sich beteiligen.

Das mussten manche Medienmacher erleben, die am vorigen Dienstag und auch am Mittwoch Nachrufe auf den in Österreich beheimateten Sender Servus TV verfassten, der auch in Deutschland und der deutschsprachigen Schweiz per Kabel und ansonsten über Satellit empfangen werden kann. Als sie in ihren Nachrufen die Qualitäten dieses in Salzburg ansässigen Privatsenders bilanzierten und manche Anekdote aus dem Umgang von dessen Besitzer Dietrich Mateschitz mit seinen Angestellten ausmalten, beriefen sie sich auf eine Meldung des Senders selbst. Darin hieß es am 3. Mai (Dienstag) um 11.00 Uhr, Servus TV werde eingestellt, da der Sender „wirtschaftlich untragbar geworden" sei. Man habe seit 2009, als Mateschitz den Sender aus einem österreichischen Regionalprogramm heraus gegründet hatte, alle Jahre einen „nahezu dreistelligen Millionenbetrag“ zugeschossen. Doch leider lasse die aktuelle Markt- und Wettbewerbssituation keine wirklich positive Entwicklung erwarten. Mit dem Ende des Senders würden etwa 250 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz verlieren. Viele von ihnen waren für ihren Job extra nach Salzburg gezogen.

Der Sender Servus TV, der auch in Nordrhein-Westfalen, dem einwohnerstärksten Bundesland in Deutschland, ins Kabelnetz eingespeist wird (und zwar auch schon sehr frühzeitig ohne Zusatzkosten in HD-Qualität), fiel durch ein gepflegtes Spielfilm- und Serien-Angebot, Reise- und Sportdokumentationen, durch Live-Übertragungen von der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) wie auch von kulturellen Großereignissen aus Österreich auf. Ein Vorteil des Senders für seine Zuschauer war zugleich ein Nachteil für dessen Besitzer. Die möglichen Zeiten für Werbung wurden selten ausgefüllt und bestanden oft aus Autopromotion-Spots und aus Reklame für das Reiseland Österreich. Verblüffend war die geringe Gemeinsamkeit mit dem, was das zum kleinen Mateschitz-Imperium gehörige Red Bull TV als Internet-Plattform anbietet, nämlich Videos und Live-Übertragungen von Extremsportarten. Nur den von Red Bull gesponserten Stratosphärensprung des Fallschirmspringers Felix Baumgartner aus 34 Kilometer Höhe im Oktober 2012 übertrug Servus TV live und erzielte damit auch in Deutschland eine gute Einschaltquote.

Mit dem Erfrischungsgetränk Red Bull hatte der Unternehmer Mateschitz sein Wirtschaftsunternehmen aufgebaut, das ihm ein Milliardenvermögen eintrug und einträgt. Der unfassbar große Erfolg von Red Bull, den man nur mit dem von Coca-Cola vergleichen kann, basiert auf einer aggressiven Werbe- und Marketingstrategie, die vor allem auf junge, sport- und actionorientierte Menschen abzielt. In diese Strategie, die alle Medien umfasst, schien ein Fernsehsender wie Servus TV zu passen, auch wenn der sich deutlich zurückhaltender gab als etwas die erwähnte Internet-Plattform Red Bull TV.

Spätestens als 2012 Klaus Bassiner vom ZDF, wo er die Hauptabteilung „Reihen und Serien (Vorabend)“ viele Jahre lang geleitet hatte, zu Servus TV wechselte, schien der Sender sein Qualitätsprogramm weiter ausbauen zu wollen. Doch Bassiner strich nach zwei Jahren schon wieder die Segel und auch sein Nachfolger wurde in Salzburg nicht alt. Vor wenigen Wochen war zudem bekannt geworden, dass Servus TV auch die Übertragungsrechte an der Deutschen Eishockey-Liga verloren hatte.

All das hatte die Medienjournalisten darauf vorbereitet, dass Servus TV bald ein Ende finden könnte, wie es dann schließlich die Meldung vom 3. Mai besagte. Dass es aber an den großen finanziellen Verlusten nicht allein gelegen haben mag, dass Mateschitz sein Prestigeobjekt aufgeben wollte, deutete der Nachruf in der „Süddeutschen Zeitung“ (SZ) an. Der österreichische Unternehmer, der im Sender für seine cholerischen Interventionen ins Programm bekannt war und einmal sogar einen Gast einer Talkshow habe ausladen lassen, als der gerade auf dem Landeanflug auf Salzburg war, habe sich über die Idee einiger Mitarbeiter riesig aufgeregt, bei Servus TV – man höre und staune – einen Betriebsrat zu gründen. In seiner Wut darüber, so deutete es der SZ‑Artikel an, könne Mateschitz deshalb die Einstellung des Senders verkündet haben.

Da muss etwas dran gewesen sein. Denn am 4. Mai (Mittwoch), als die Nachrufe auf den Sender überall erschienen waren, kam um 15.45 Uhr die nächste Pressemitteilung aus Salzburg mit der Überschrift „Positive Wendung Servus TV“. Man werde den Sender weiterführen und die Kündigungen zurücknehmen. Grund: Die „überwiegende Mehrheit der Mitarbeiter“ lehne einen Betriebsrat ab. Auch wenn die Pressemitteilung verhieß, dass der Sender die „Fortsetzung der parteipolitischen unabhängigen Linie“ garantiere, bleibt nach diesem Hin und Her ein fader Geschmack zurück – angesichts der Machtgeste eines Multimilliardärs, der sich neben einem Formel‑1-Rennstall auch noch einen Fernsehsender hält und diesen nur unter der Bedingung weiter betreibt, dass sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dem Wunsch nach einer gewerkschaftlichen Vertretung versagen. Das ist nichts anderes als Feudalismus – nur jetzt auf dem Gebiet eines elektronischen Mediums.

Und es ist zugleich ein sehr starkes Grundsatzargument für öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der seine Existenz ja der Idee verdankt, dass man Radio und Fernsehen (und heute auch Internet) als Meinungsplattformen nicht solchen feudalistischen Kapitalisten und ihren Launen überlassen darf. Egal, wie sehr solche Launen auf eine Überdosis des Energy-Getränks Red Bull zurückzuführen sind.

06.05.2016 – Dietrich Leder/MK

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