Die Vergangenheit der Menschheit

Tragödie, Komödie, Farce: Die drei Finalisten des 65. Hörspielpreises der Kriegsblinden

Von Jochen Meißner
03.05.2016 •

„Die letzte Phase einer weltgeschichtlichen Gestalt ist ihre Komödie.“ Dieses Bonmot von Karl Marx hat Andreas Ammer seinem Hörspiel „The King is Gone – Des Bayernkönigs Revolutionstage“ als Motto vorangestellt. Zusammen mit den Brüdern Micha und Markus Acher hat Ammer das Stück für den Bayerischen Rundfunk (BR) realisiert und er hat damit bei den ARD-Hörspieltagen 2015 in Karlsruhe den Publikumspreis ‘ARD Online Award’ gewonnen. Jetzt ist „The King ist Gone“ einer von drei Finalisten für den 65. Hörspielpreis der Kriegsblinden.

Die 15-köpfige Jury, die sich aus Vertretern des Bundes der Kriegsblinden Deutschlands (BKD) und aus von der Film- und Medienstiftung NRW berufenen Fachkritikern zusammensetzt, nominierte aus den insgesamt 20 Einreichungen der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz außerdem Sibylle Bergs Stück „Und jetzt: Die Welt! Oder: Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen“, eine Produktion des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) unter der Regie von Stefan Kanis. Dritter Finalist ist „Die lächerliche Finsternis“ von Wolfram Lotz, eine Produktion des Südwestrundfunks (SWR) in der Regie von Leonhard Koppelmann. Auf alle drei Stücke trifft das Marx-Zitat zu, wenn man nur den Begriff der Gestalt etwas abstrakter fasst.

Andreas Ammer: „The King is Gone“

Andreas Ammers rund 60-minütige Komödie, die auf einem aus dem Jahr 1919 stammenden Kolportageheftchen des weithin unbekannten Autors Josef Benno Sailer basiert, schildert die Abdankung von Ludwig III., des letzten bayerischen Königs, in den Wirren der Münchner Räterevolution von 1918/19. Dessen Flucht droht schon an Problemen mit der königlichen Staatskarosse und den Widrigkeiten des frühen Automobilismus zu scheitern (mangelhafte Technik, mangelhafte Benzinversorgung, mangelhafte Straßenbeleuchtung).

Auf die popmusikalische und popkulturelle Verfahrensweise, die Ammer zusammen mit der Blasmusik der sogenannten „Hochzeitkapelle“ der Acher-Brüder, die sonst so hippe Bands wie The Notwist, Lali Puna oder das Tied & Tickled Trio betreiben, ist an dieser Stelle schon hingewiesen worden (vgl. MK-Artikel). Auf den ARD-Hörspieltagen im Herbst vorigen Jahres waren alle drei nominierten Stücke dabei und dort konnte man ihre je eigenen Strategien im Umgang mit dem Pop sozusagen am lebenden Objekt miteinander vergleichen.

Wolfram Lotz: „Die lächerliche Finsternis“

Nach Marx ereignen sich „alle großen weltgeschichtlichen Thatsachen und Personen so zu sagen zweimal [… ], das eine Mal als große Tragödie, das andre Mal als lumpige Farce“. Und so war das friedliche Ende der bayerischen Monarchie der fast behagliche Widerschein der blutigen Revolutionen zuvor. Dass sich nicht nur die Geschichte, sondern auch die Literatur als Farce wiederholen lässt, demonstriert das 95-minütige Stück „Die lächerliche Finsternis“ von Wolfram Lotz, das ursprünglich als Hörspiel konzipiert war, doch zunächst auf den deutschsprachigen Theaterbühnen Furore machte und erst danach den Weg ins Radio fand (vgl. MK-Kritik).

Das Hörspiel von Lotz basiert auf Motiven von Joseph Conrads Erzählung „Das Herz der Finsternis“ aus dem Jahr 1899, die im kolonialen Kongo spielt. Wurde der Stoff von Francis Ford Coppola in seinem berühmten Kinofilm „Apocalypse Now“ (1979) in den Vietnamkrieg verlegt, so holt Wolfram Lotz den Plot zurück nach Afrika. Allerdings auf einen afrikanischen Kontinent, auf dem der Hindukusch ein Fluss ist und wo man an der Hochschule von Mogadischu ein Diplom-Studium in Piraterie belegen kann, das eine der Figuren im Stück mit einem Stipendium vom Islamistischen Studienwerk auch absolviert. Setzte Ammer in „The King is Gone“ auf das Stilmittel der unfreiwilligen Komik, so zieht Lotz gerne das Register der grotesken Übertreibung. Aber das ist nur eine Technik, um das Farcehafte postkolonialistischer Verhältnisse zu karikieren. Regisseur Leonhard Koppelmann vollzieht auf akustischer Ebene die ironischen Oszillationen zwischen Ernsthaftigkeit und Komik, Tragödie und Farce nach.

Sibylle Berg: „Und jetzt: Die Welt!“

Die Nominierung von Sibylle Bergs 55-minütigem Hörspiel „Und jetzt: Die Welt!“ unter der Regie von Stefan Kanis (vgl. MK-Kritik) ist insofern bemerkenswert, als dass dabei die Jury unter Vorsitz der Autorin Anna Dünnebier die Schauspielerin und Sängerin Marina Frenk zur Miturheberin des Hörspiels erklärt hat. Das ist in der langen Geschichte des Hörspielpreises erst einmal passiert, als nämlich im Jahr 2011 der Sprecher Lorenz Eberle zusammen mit seinem Autor und Regisseur Robert Schoen von der Jury zum Koautor erklärt wurde und für das Stück „Schicksal, Hauptsache Schicksal“ (HR) nach Motiven aus Joseph Roths Novelle „Die Legende vom heiligen Trinker“ mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden ausgezeichnet wurde.

In jetzigen Fall lobt die Jury Marina Frenks „unglaublich vielseitige Stimme“, mit der sie den vier unterschiedlichen Frauenrollen in dem Stück Präsenz verleihe, mit der sie eigene und fremde Lieder singe und letztere durch ihre Arrangements und Interpretationen zu etwas Neuem mache. War es bei Andreas Ammer noch die Straße, auf der sich das Geschehen abspielte, und waren es bei Wolfram Lotz der Fluss und der Dschungel, so schlagen sich in Sibylle Bergs Hörspiel die Frauen Gemma, Minna und Lina und als vierte die namenlose Erzählerin „an einem verregneten Abend am Ende des Wachstums“ durchs Leben. Auswege gibt es da nicht mehr. Wohin auch, wenn die Welt unter dem Diktat der Ökonomisierung aller Lebensbereiche steht und sich dieses Prinzip auch schon in die Körper und Denkstrukturen der Figuren hineingefressen hat?

Marina Frenk: Eine Schauspielerin als Miturheberin

Obwohl Sybille Berg oft als grimmige Autorin der depressiven Verzweiflung rezipiert wird, ist sie doch eigentlich eine Virtuosin des Komischen. Das Komische ist in die Grunddisposition der vier Frauenfiguren ihres Hörspiels eingeschrieben und es realisiert sich auch im Spott über die vergeblichen Kämpfe gegen eine (offensiv falsch betonte) „Hetéronormativität“ der Verhältnisse und die Verschönerung der hässlichen Stadtmöblierung durch „Urban Knitting“. Die größte Zumutung durchökonomisierter Verhältnisse ist es aber, ihnen gegenüber eine ironische Existenz führen zu müssen. An dieser Paradoxie werden die vier Frauenfiguren von Sibylle Berg irre und dagegen hilft dann nur noch eine paradoxe Intervention: entweder ein gereimtes Spottgedicht oder ein Gewaltexzess. Weder das eine noch das andere ändert natürlich irgendetwas an den Verhältnissen, doch beides hat eine Entlastungsfunktion – wie auch das Komische überhaupt.

Die Zartheit, mit der Marina Frenk in den Rollen der vier Frauen der heillosen Konstruktion der Welt entgegentritt, und die Intensität, mit der sie Lieder von Rio Reiser (Ton Steine Scherben), Fanny van Dannen, Chinawoman oder Udo Jürgens singt, haben ihr verdientermaßen die Nominierung als Miturheberin eingebracht. Sibylle Bergs Figuren haben keine Chance und können auch die nicht mal nutzen, weil alle ihre Kräfte schon zur Bewältigung der Paradoxien aufgewendet werden, die die Welt für sie bereithält. Da hilft nur ein Blick zurück zu Karl Marx. Im Anschluss an seine These, dass die letzte Phase einer geschichtlichen Gestalt deren Komödie sei, fragt er sich: „Warum dieser Gang der Geschichte?“ Und er gibt die Antwort: „Damit die Menschheit heiter von ihrer Vergangenheit scheide.“ Der Gewinner des 65. Hörspielpreises der Kriegsblinden wird am 4. Mai bekannt gegeben; die Verleihung findet am 11. Mai beim WDR in Köln statt.

03.05.2016/MK

Print-Ausgabe 24/2019

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