Elmar Theveßen im Gespräch mit Reinhard Kardinal Marx. Reihe „Phoenix Kamingespräch“ (Phoenix)

Kirche an der Seite der Flüchtlinge

07.09.2015 •

Zum Kamingespräch bei Phoenix am Sonntagmittag laden – im Wechsel – Elmar Theveßen (ZDF) und Jörg Schönenborn (ARD/WDR) herausragende Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens ein. Statt im traditionellen und titelgebenden Kaminzimmer der American Academy in Berlin traf der stellvertretende ZDF-Chefredakteur Theveßen den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Kardinal Marx, in einem Bibliothekszimmer der Bischöflichen Residenz in München.

Es war ein über die 60 Minuten hochkonzentriertes Gespräch mit druckreifen Antworten des Kardinals auf gut vorbereitete Fragen des Interviewers. Das mochte fast ein wenig an die legendären Interviewsendungen von Günter Gaus erinnern. Gaus hatte in der Sendereihe „Zur Person“, die zum ersten Mal am 10. April 1963 im ZDF ausgestrahlt wurde, Politiker, Wissenschaftler und Künstler zu Gast. Herausragendes Kennzeichen war, dass Gaus selber nicht zu sehen war – mit Ausnahme seines Hinterkopfs.

Anders die Anordnung im Kamingespräch beim Dokumentations- und Ereigniskanal Phoenix. Auch hier sparsame Kameraführung mit vorwiegend drei Einstellungen: die beiden Gesprächspartner je einzeln oder beide zusammen im Bild vor einer Bücherwand. Mal allein auf das Gesicht gezoomt, mal auf den Oberkörper mit den gestikulierenden Armen und Händen. Der Kardinal und Erzbischof von München und Freising schlicht gekleidet wie ein Pastor, lediglich der Bischofsring weist ihn als Würdenträger aus.

Theveßen verzichtete auf die ansonsten üblicherweise zu erwartenden Themen wie Kirchenfinanzen, Missbrauchsvorwürfe und Kirchenaustritte; stattdessen ging es schwerpunktmäßig um Europa, die Bischofssynode im Herbst in Rom zum Thema Ehe und Familie und es ging um die hochaktuelle Diskussion um die Flüchtlinge. Was kann die Kirche leisten, was leistet sie hier? Und wie steht sie denen gegenüber, die Hassparolen skandieren? Sind diese Menschen nicht zum Teil auch Christen?

Kardinal Marx bezog dazu eindeutig Stellung, sah gute Gründe für Menschen, die in ihren Heimatländern keine Zukunft sehen, nach Europa zu kommen. Keiner könne sich bei Protesten auf das Christen­tum berufen. Und er wies wie nebenbei darauf hin, dass die Protestierer sehr wohl wüssten, mit welchen Parolen und Aktionen sie die Aufmerksamkeit der Medien erreichen könnten. Das war eine subtile Medienkritik, auf die Theveßen aber nicht weiter einging.

Mit Blick auf die steigende Anzahl Asylsuchender verurteilte Marx die jüngsten Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte scharf. Diese Menschen zu bedrohen und zu attackieren, zeuge von einer enormen Verrohung, die die Gesellschaft niemals akzeptieren dürfe. Wo Flüchtlinge bedroht seien, stehe die Kirche an ihrer Seite. Theveßen hatte das Gespräch mit Hilfe von Äußerungen von Papst Franziskus strukturiert, zu dessen engsten Beratern auch der Kardinal aus München gehört. Dies hatte den Vorzug, dass Marx die Aussagen des Papstes in einen größeren Zusammenhang stellen und dessen Motive erläutern konnte.

Als es um die Krise der EU ging, erklärte Marx ausdrücklich, dass er in Sachen Griechenland-Rettung ausdrücklich nur als Privatmann Stellung nehmen und nicht für die katholische Kirche in Deutschland sprechen könne. Er vermisse die gemeinsame Idee für Europa, merkte er an, nach der Beilegung der Probleme um Griechenland müsse es jetzt darum gehen, die Zukunft zu sichern. Zuvor hatte der Kardinal den Euro und die Flüchtlingsfrage als existenzielle Fragen der europäischen Gemeinschaft benannt. Sieht der Sozialethiker Marx die Jugendarbeitslosigkeit nicht auf der gleichen Ebene? Genannt hat er sie jedenfalls nicht.

Für die Familiensynode im Herbst dieses Jahres in Rom versuchte Marx die Erwartungen zu dämpfen. Da müsse es darauf ankommen, auch die Kulturen etwa in Afrika und Asien mitzunehmen. Manches, so prognostizierte er, werde in Rom nicht zu einem Abschluss kommen, ganz abgesehen davon, dass die Synode lediglich berate; entscheiden müsse am Ende der Papst.

Es war ein intensives Gespräch, ganz ohne Frage, und es ist gut, dass so etwas in diesem Phoenix-Format möglich ist. Gewünscht hätte man sich hier allerdings ein bisschen mehr persönliche Facetten; jedenfalls mehr als die Information, dass 61-jährige Kardinal Marx „ein leidenschaftlicher Borussia-Dortmund-Fan“ sei – wie man von Elmar Theveßen erfuhr.

07.09.2015 – Martin Thull/MK

Print-Ausgabe 10/2020

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