Pia-Luisa Lenz: Mujib – Ohne Eltern auf der Flucht. Reihe „Gott und die Welt“ (ARD/NDR)

Wende zum Guten

06.03.2015 •

06.03.2015 • Für sich genommen ist die Szene deprimierend: Ein 17-jähriger Afghane, der der einige Jahre zuvor vor den Taliban geflohen ist, sitzt in Hamburg allein in einem Zimmer und bringt sich ein bisschen Deutsch bei – mit Hilfe einer Trickfilmserie, die im Kinderkanal (Kika) läuft und für die er eigentlich schon viele Jahre zu alt ist. 

Zu diesem Zeitpunkt hat die Geschichte, die Pia-Luisa Lenz in ihrer Reportage „Mujib – Ohne Eltern auf der Flucht“ erzählt, allerdings schon eine Wende zum Guten genommen. Der Protagonist ihres Films (1,44 Mio Zuschauer, Marktanteil: 6,9 Prozent) hat eine Unterkunft in einer betreuten Wohneinrichtung bekommen, bald wird er zur Schule gehen können. Doch der Teenager hat mehr als ein halbes Jahr auf diese Wende warten müssen.

Das Verhängnis beginnt mit einer zehnminütigen „Inaugenscheinnahme“ beim Kinder- und Jugendnotdienst (KJND) Hamburg, kurz nach der Ankunft des Jungen im Februar 2014. Mujib ist damals 16 Jahre alt. Er strebt eine sogenannte Inobhutnahme an, will seinen Anspruch auf Schulbildung, Krankenversicherung und Unterkunft geltend machen, der ihm als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling hierzulande zusteht. Das Fachpersonal des KJND stuft den 16-Jährigen zu diesem Zeitpunkt aufgrund diverser äußerer Merkmale aber als volljährig ein – wodurch sein Anspruch auf Inobhutnahme verfallen würde. Mujib hat zwar eine Geburtsurkunde aus Afghanistan dabei und einen Flüchtlingsausweis aus Norwegen, wo er ein Jahr lang gelebt hatte, bevor er aus Angst, in sein Heimatland abgeschoben zu werden, fliehen musste; aber die Mitarbeiter der behördlichen Einrichtung in Hamburg berücksichtigen die Dokumente nicht. Ihr Motto: Wer wie alt ist, bestimmen wir.

Viele Kollegen beim KJND seien „überfordert“, der Andrang auf die vorhandenen Wohnplätze sei in Hamburg zu groß, sagt im Film ein früherer Mitarbeiter, der unerkannt bleiben will. „Wenn es irgend geht“, werde jemand „für volljährig erklärt“. Filmemacherin Lenz spricht daher von „offenbar systematischen“ Fehlentscheidungen. Aufgrund des großen Andrangs wirkt das Bundesland Hamburg auf eine Gesetzesänderung hin, die es möglich machen soll, unbegleitete Flüchtlingskinder nicht mehr am Ankunftsort unterzubringen, sondern in weniger frequentierte Bundesländer weiterzuschicken. Das Bundesfamilienministerium hat gerade Eckpunkte eines entsprechenden Gesetzentwurfs präsentiert. Dass diese Regelung dem Wohl der Kinder dienlich wäre, lässt sich nicht behaupten.

In „Mujib – Ohne Eltern auf der Flucht“, aufgrund der Debatte über die Gesetzesreform hochaktuell, stellt Pia-Luisa Lenz die Arbeit jener Menschen heraus, die dem afghanischen Flüchtling helfen: die Mitarbeiter von „Fluchtpunkt“, einer evangelischen Beratungsstelle, und Dietlind Jochims, eine Pastorin, die seit April vergangenen Jahres Flüchtlingsbeauftragte der evangelischen Nordkirche in Hamburg ist. Sie lässt Mujib erst einmal bei sich wohnen.

In ihrem Film – zu sehen im Rahmen der Reportage-Reihe „Gott und die Welt“, in der die ARD am späten Sonntagnachmittag im Ersten Themen mit kirchlichem Kontext aufgreift – beschreibt Lenz eindrücklich, wie Hamburger Behördenmitarbeiter einen jungen Flüchtling aus Afghanistan das ohnehin schon schwere Leben noch schwerer machen. Als er bei der Pastorin wohnt, traut er sich kaum einmal aus dem Haus, weil er Angst hat, aufgegriffen zu werden. Er ist einsam, weil er keinen Kontakt zu Gleichaltrigen hat, nach einiger Zeit verfällt er in Apathie, äußert Selbstmordgedanken. Erst eine unter Experten umstrittene Röntgenuntersuchung des gerichtsmedizinischen Instituts der örtlichen Universitätsklinik ändert Mujibs Leben. Bei der Ermittlung seines „Knochenalters“ stellt sich heraus, dass er minderjährig ist. Nun liegt endlich der Beweis vor, den die Behörde anerkennt.

Pia-Luisa Lenz, 2013 gemeinsam mit Christian von Brockhausen für eine Reportage aus einem Lübecker Hochhausblock („Hudekamp – ein Heimatfilm“) mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet, rückt ihrem Protagonisten auch in emotionalen Extremsituationen nicht zu sehr auf den Leib. Als gute Entscheidung erweist es sich auch, dass sie Erzählungen von Geschehnissen für die es keine Bilder gibt – Mujibs Schilderungen zum Taliban-Terror und zu Einzelheiten seiner Flucht –, mit zurückhaltend animierten, gleichwohl bedrückenden Schwarzweiß-Zeichnungen illustriert.

Gegen Ende der halbstündigen Reportage (Redaktion: Anja Würzberg, NDR) bescheinigt Mujibs Klassenlehrerin in der Gewerbeschule dem mittlerweile 17-Jährigen „viel Potenzial“, nicht zuletzt dank seiner Sprachkenntnisse (Deutsch, Englisch, Norwegisch). Man hätte das angesichts der kurz zuvor gezeigten Szene mit dem Kika-Film kaum für möglich gehalten.

06.03.2015 – René Martens/MK