Volker Präkelt: Dr. Feelgood oder Nichts als Chemie (NDR Kultur)

Hollywood und Washington auf Speed

15.04.2016 •

Aufputschmittel, Hormone und Vitamine kombiniert mit Substanzen wie Drüsensekreten von Affen, Präparaten aus Schafsplazenta oder auch aus dem Knochenmark von Bisons – es sind durchaus haarsträubend klingende Rezepte, die Dr. Max Jacobson (1900 bis 1979) für seine Patienten anmischte und ihnen injizierte. Dennoch suchten zahlreiche Prominente von Truman Capote über Billy Wilder bis zu John F. Kennedy die New Yorker Praxis von Jacobson auf und waren von dessen ‘Kuren’ offenbar recht angetan. Die ungewöhnlichen Behandlungsmethoden galten unter ausgebrannten Berühmtheiten als Geheimtipp und verschafften dem sonderbaren Arzt den Beinamen „Dr. Feelgood“.

Mit dieser interessanten historischen Persönlichkeit hat sich der seit vielen Jahren als Radio- und Fernsehmacher arbeitende Volker Präkelt in seinem Originalhörspiel „Dr. Feelgood oder Nichts als Chemie“ auseinandergesetzt. Das knapp einstündige Stück wurde unter Präkelts Regie vom Norddeutschen Rundfunk produziert (Redaktion: Susanne Hoffmann) und nun im Programm NDR Kultur urgesendet.

Den Einstieg in dieses durchinszenierte Hörspiel, das ohne O-Töne auskommt, bildet zum einen ein Potpourri mit Ausschnitten von einer Enthüllungsstory und anderen Zeitungsberichten, die Jacobsons Handeln kritisch darstellen, und zum anderen gibt es Statements gestresster Regisseure, Schriftsteller und Sänger zu hören, die die unbedingte Erfordernis reibungslosen Funktionierens in ihren Berufen betonen. Die kurze Collage legt die Grundlage für die Darstellung der im Fokus dieses biografischen Stücks stehenden letzten Anhörungen Max Jacobsons vor der ärztlichen Zulassungsbehörde des Staates New York am 24. und 25. April 1975.

Um den Verlust seiner Approbation zu verhindern, versucht Jacobson (Christian Redl) der Ausschussvorsitzenden Dr. Alice Gayle-Oaks (Marion Breckwoldt) in einem Vieraugengespräch darzulegen, welch enorme Bedeutung seine Tätigkeit nicht zuletzt für die Interessen der USA gehabt habe. Hierfür berichtet er ihr vor allen Dingen von seiner Zeit als ‘Leibarzt’ von John F. Kennedy. Nicht nur für die Fernsehdebatte mit Richard Nixon habe er Kennedy fitgespritzt, sondern auch für dessen Verhandlungen mit Nikita Chruschtchow. In einer szenischen Rückblende wird der absurde Humor herausgearbeitet, der sich aus dem Zusammenspiel des aufgeputschten, nach immer mehr Spritzen verlangenden präsidialen Patienten („Das ist ein Befehl!“) und des vorgeblich auf das Patientenwohl bedachten, aber dennoch sehr freigiebig mit seiner Spezialmixtur umgehenden Arztes ergibt.

Des Weiteren geht Jacobson im Gespräch mit der Ausschussvorsitzenden auf seine Lebensstationen und Wegmarken ein. Als Freiwilliger half er auf einer Berliner Krankenstation im Ersten Weltkrieg Verwundete zu versorgen; in Berlin machte er auch seine Ausbildung zum Mediziner und eröffnete dort am Kurfürstendamm eine eigene Praxis, die er jedoch bald schon aufgeben musste, um aus Deutschland zu fliehen, denn als Jude wurde er von den Nazis verfolgt. Zunächst ging er nach Paris, bevor er schließlich in die USA übersetzte und dort zu Ruhm kam. Auf synthetische Stimulanzien als Therapeutikum hatte ihn nach eigener Aussage der Psychoanalytiker C.G. Jung gebracht.

Dr. Gayle-Oaks lässt sich ihrerseits nicht so schnell beeindrucken und konfrontiert Dr. Jacobson mit belastenden Aussagen von Patienten und Mitarbeitern sowie mit der schieren Menge an Amphetaminen, die seine Praxis regelmäßig bestellte und weitergab. So ergibt sich ein witziges Hin und Her zwischen der zu Recht empörten Gayle-Oaks und dem ruhigen Jacobson, der seine Medikamentengaben auch nicht ganz zu Unrecht als ein patentes Schmiermittel für das reibungslose Funktionieren von Showbusiness und Politbetrieb sieht.

Auch wenn das Hörspiel „Dr. Feelgood oder Nichts als Chemie“ durchaus auf den Sensationsfaktor setzt, den die Verbindung von Promis und Drogen mit sich bringt, so unternimmt es doch auch den Versuch, den Menschen Jacobson und die Antriebsfeder seines Handelns zu beleuchten. Zu diesem Zweck werden neben Rückblenden auch Traumsequenzen genutzt, die etwa zeigen, wie Jacobson seine Frau verliert, weil die von anderen Ärzten in die Psychiatrie eingewiesen wird. Präkelt psychologisiert dankenswerterweise kaum und beschränkt sich darauf, die bekannten Fakten zur Person „Dr. Feelgood“ in dramaturgisch ansprechender Weise (mittels der im Hörspielbereich bewährten Verhörsituation) zu präsentieren. Die Kurzweiligkeit und der Humor dieses Stücks, besonders in den flotten Dialogen, sind bestechend und sorgen dafür, dass das akustische Porträt desjenigen Mannes, der Hollywood und Washington auf Speed brachte, neben dem beträchtlichen Informationsgehalt auch hohen Unterhaltungswert aufweist, auch noch bei mehrmaligem Hören.

15.04.2016 – Rafik Will/MK

Print-Ausgabe 15-16/2019

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren