Robert Weber: Des Teufels langer Atem. 4‑teiliges Hörspiel (WDR 3)

Clarice Starling auf Mission im Radio

09.09.2018 • Clarice Starling kennt wahrscheinlich jeder. Und auch wenn Ihnen der Name vielleicht zunächst einmal nichts sagt, Sie kennen sie. Clarice Starling ist die Heldin eines Hollywood-Films, der 1991 in die Kinos kam und der nicht nur ein großer kommerzieller Erfolg wurde, sondern auch einen bis heute anhaltenden ‘Kultstatus’ für sich verbuchen kann: „Das Schweigen der Lämmer“. In der Verfilmung des gleichnamigen Psychothrillers des Schriftstellers Thomas Harris wird die FBI-Agentin Starling von Jodie Foster verkörpert. Sie sucht nach einem unbekannten Serienkiller – und nimmt dafür die Hilfe eines anderen, bereits inhaftierten Serienkillers in Anspruch. Bei dem handelt es sich um den von Anthony Hopkins gespielten Kannibalen Hannibal Lecter. Er fungiert als sadistisches Orakel, das der Agentin im Austausch gegen traumatische, schlachthofbezogene Geschichten aus ihrer Kindheit kleine Hinweise zur Verbrechensaufklärung gibt.

Jetzt hat der Hörspielautor Robert Weber die Geschichte um die Ermittlerin aufgegriffen und schickt Clarice Starling (gesprochen von Cathlen Gawlich) auf eine neue Mission: In Webers Hörspielvierteiler „Des Teufels langer Atem“ ist diese Clarice Starling die Hauptfigur – jedoch tritt sie hier nicht auf gewöhnliche menschliche Mörder, sondern ihr Gegenspieler ist der Teufel höchstpersönlich (gesprochen von Wanja Mues).

Jeder der vier Teile ist rund eine halbe Stunde lang und stellt eine in sich abgeschlossene Episode dar. In der Auftaktfolge, die wie das ganze Hörspiel den Titel „Des Teufels langer Atem“ trägt, geht es in die Finanzwelt. Ein bis dahin erfolgloser Spekulant namens Steven Nash (Norman Matt) kann in den nuller Jahren für seine undurchsichtigen Aktionen einen Mann namens Louis Cyphre als Geldgeber gewinnen. Dabei geht Nash, ohne es zu wissen, aber einen Pakt mit dem Teufel ein. Bald platzt die Blase, als realer Bezugspunkt dient hier das Jahr 2008. Nash reagiert abweisend auf die Beschwerde seines Hauptinvestors Cyphre. Da es sich bei Louis Cyphre um den personifizierten Teufel handelt, der entsprechenden Einfluss hat, rächt dieser sich an Nash für den Verlust seines Geldes beim Börsencrash. Er hängt Nash eine Mordserie an und besucht ihn noch kurz vor dessen Hinrichtung im Todestrakt, verkleidet als Gefängnispfarrer. Clarice Starling, die mit den Ermittlungen im Fall betraut war, schöpft Verdacht und geht den Unschuldsbeteuerungen nach, die der mittlerweile qualvoll mittels Gift hingerichtete Nash bis kurz vor seinem Tod abgegeben hat.

Nachdem nun der Teufel als handelnde Figur eingeführt worden ist, konzentrieren sich die weiteren drei Hörspielepisoden auf Clarice Starling und ihre Ermittlungen. In der zweiten Folge „The Man who fooled Houdini“ (ab jetzt sind die Titel – warum auch immer – englischsprachig) stößt die Ermittlerin auf die enorme Ähnlichkeit zwischen den Videoaufnahmen des vorgeblichen Gefängnispfarrers Cyphre und alten Fotos des Zauberers Houdini. Starlings Recherchen werden von Rückblenden ergänzt, in denen Houdini tatsächlich wie Cyphre nur ein weiteres Alias des Teufels ist. Der Kriminalfall hier schildert Houdinis satanische Rache an dem Kartenkünstler Dai Vernon (Heikko Deutschmann) nach einer verlorenen Wette.

Danach geht es wieder zurück in die Gegenwart. Im dritten Teil unter dem Titel „Mail to the Devil“ erpressen zwei Gangster, bei denen es sich um Nashs Henker aus der ersten Folge handelt, verschiedene Prominente, Politiker und Manager. Weil auch Louis Cyphre darunter ist und man sich mit dem Teufel bekanntlich besser nicht anlegt, wendet sich die kriminelle Aktion der Gangster gegen sie selbst. Clarice Starling hat mittlerweile natürlich längst durchschaut, was abgeht, schreibt Cyphre zur Fahndung aus und lässt seine Konten sperren. Das nimmt der Teufel bzw. Louis Cyphre persönlich. Deshalb bringt er in der abschließenden Episode „Who is Moses?“ Starlings Sohn Joseph (Thorben Drube) mit Hilfe eines verhexten Stofftiers – einem Löwen, der Moses heißt – zuerst um den Verstand und dann ums Leben. Starling kommt daraufhin in die Psychiatrie. In der letzten Szene verordnet ihr Louis Cyphre, der mittlerweile in die Rolle eines Arztes geschlüpft ist, eine Elektroschocktherapie.

Dieser sadistisch-morbide Ausgang ist das genaue Gegenteil eines Happy-Endings, aber nicht weniger stumpf. Denn der absolute Triumph des Bösen ist nun einmal genauso langweilig wie der uneingeschränkte Sieg des Glücks. Es bleibt außerdem die Frage, wieso Robert Weber sein stellenweise durchscheinendes Konzept einer Genre-Parodie auf Psychothriller nicht stärker forciert und stattdessen auf Teufel-komm-raus Fantasy-Elemente in das Hörspiel eingeflochten hat (Regie: Annette Kurth). Der Teufel als durch die Zeit reisende Person passt nicht gut zu den forensischen und psychoanalytischen – also durch und durch wissenschaftlichen – Methoden einer FBI-Ermittlerin. „Tatort“-Kommissare müssen es schließlich auch nicht mit den Untoten aus „Game of Thrones“ aufnehmen.

09.09.2018 – Rafik Will/MK

Print-Ausgabe 22/2018

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