Jens Rachut: Moorsonate (WDR 3/WDR 1Live)

Horror, Komik und Gesellschaftskritik

03.11.2017 •

03.11.2017 • Horrorstorys funktionieren in der Regel am besten, wenn sie auch mit Humor aufwarten können. Und das kann das neue, unter Autorenregie entstandene Hörspiel des 1954 geborenen Punkmusikers Jens Rachut, das den Titel „Moorsonate“ trägt. Zum Zuge kommt der Humor des Stücks unter anderem in Dialogen wie diesem: „Jetzt sei still! Sonst pupst die Mama so laut, dass wir alle abstürzen.“ – „Oh nein, bitte nicht!“ – „Scherz!“

Geführt wird diese und vielleicht nicht besonders niveauvolle, aber dafür universell komische Unterhaltung am Ende des Stücks von einer Mutter (Viktoria Trauttmansdorff) und ihrem kleinen Kind (Marie Tietjen), während sie in einem Heißluftballon das frühere Bärenmoor überfliegen, das mittlerweile in einen Golfplatz mit angeschlossener Wohnsiedlung umgewandelt wurde. An dem fiktiven Ort Bärenmoor hat sich vor der Trockenlegung und Bebauung aber zunächst einmal die gruselige, von Wahnsinn und Gewalt geprägte Familiengeschichte der dort seit Generationen ansässigen Draigochs abgespielt, von der das 52-minütige Hörspiel erzählt.

Bei den Draigochs handelt es sich um eine verschrobene, abseits der Zivilisation und vorwiegend von der Jagd lebende ‘Rumpffamilie’, den verbliebenen vierköpfigen Rest einer ehemals großen Sippe. Diese Vier, das sind der Vater Ramon Draigoch (gesprochen von Martin Wuttke), die Mutter Kendra Draigoch (Barbara Nüsse), die Tochter Nicole Draigoch (Yvon Jansen) und der Sohn Mike Draigoch (Jens Harzer). Jens Rachut geht nun am Beispiel dieses sozialen Gefüges auf sehr eindrucksvolle Weise auf das relevante Thema des Gefälles und Spannungsverhältnisses zwischen Stadt und Land ein.

Als Mutter Nicole psychisch erkrankt, wird sie von ihrem Mann, der als einziger im Besitz eines Schlüssels ist, in eine nahegelegene Hütte, eine Art Verlies gesperrt. In dem Umstand, dass er darin eine Hilfe zur Selbsthilfe sieht, offenbart sich das gesellschaftsferne und bösartig eigenbrötlerische Weltbild dieses Pater familias, der im Übrigen auch selbst mental nicht ganz gesund ist und gerne von erlegten Beutelwölfen und Säbelzahntigern schwadroniert. Tochter und Sohn werden hingegen als Angehörige der nächsten Generation gezeichnet und betteln den Vater geradezu an, die Mutter in die (namenlos bleibende) Stadt zum Arzt zu bringen.

Ein zunächst nur witzig erscheinendes Detail zum Dialekt von Sohn Mike entpuppt sich im weiteren Verlauf noch als sehr bedeutungsvoll. Mike spricht Hessisch und das klingt natürlich an sich einfach schon lustig (hier kommt auch wieder der Humoraspekt zum Tragen), da im dem Hörspiel ansonsten keine oder nur schwach ausgeprägte norddeutsch klingende Akzente bei den Figuren auszumachen sind. Auf einer zweiten Ebene führt Jens Rachut mit diesem Kniff in der Sprecherführung (Jens Harzer kann natürlich auch Hochdeutsch sprechen, wie er hier in seiner zweiten Rolle als Erzähler unter Beweis stellt) die Blut-und-Boden-Ideologie, von der dieses Familiendrama ebenfalls handelt, ad absurdum. Denn woher sollte schließlich ein im vermutlich norddeutschen Bärenmoor geborener und aufgewachsener Mann einen hessischen Dialekt bekommen haben?

Von der Familie Draigoch wird über die Figur der Tochter Nicole der Bogen zum anderen, kürzeren Erzählstrang des Stücks gespannt. Sie hat nämlich eine Beziehung mit dem verkifften Mitarbeiter einer nicht näher bezeichneten städtischen Behörde; sein Name ist Robert Holm (Jörg Pohl). Er wird von seiner ohne Namen auskommenden karriereorientierten „Fastchefin“ (Katja Danowski) über die anstehenden Pläne zur großangelegten Verschönerung der Sumpflandschaft informiert, die – ohne im Stück in der Umsetzung dargestellt zu werden – am Ende der Geschichte greifen.

Genau eine Woche vor Halloween sendeten das Kulturprogramm WDR 3 und die Jugendwelle 1Live mit „Moorsonate“ ein Stück (Redaktion: Isabel Platthaus), das ein hervorragendes Beispiel dafür darstellt, dass Horror mit Komik und fundamentaler Gesellschaftskritik zusammengedacht und zusammengebracht werden kann. Jens Rachut ist eindeutig einer der innovativsten und intelligentesten Autoren des deutschsprachigen Hörspiels. Zum hervorragenden Gelingen der „Moorsonate“ haben zudem Thomas Wenzel mit seiner schaurig-schönen Musik und Peta Devlin mit der technischen Realisation beigetragen.

03.11.2017 – Rafik Will/MK