Der Weg zum Digitalradio: Unumkehrbar, unverzichtbar

07.09.2018 • Als vor kurzem die wie eine Schreckensnachricht erscheinende Meldung durch die Medien ging, dass nach der Ende 2017 erfolgten Umstellung von UKW auf DAB plus in Norwegen die Radionutzung in dem Land fast um die Hälfte eingebrochen sei, wähnten sich die Kritiker des digitalen Rundfunks kurz im Aufwind. Indes, es waren für die zugrunde liegende Berechnung die Vergleichsgrößen falsch angesetzt worden, indem der reichweitenstarke Monat Januar 2017 mit dem Ferienmonat Juli 2018 verglichen wurde. Private wie öffentlich-rechtliche Rundfunkveranstalter in Norwegen sprechen tatsächlich von nicht einmal zwei Prozent Hörerverlusten – kein allzu großer Wert für eine radikale Technikumstellung. Karola Wille, Intendantin des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR), der in der ARD die Federführung für das Digitalradio innehat, nannte die scheinbare Schreckensnachricht anlässlich eines Hintergrundgesprächs am 26. August in Berlin als „unwahre Tatsachenbehauptung“.

Schwerpunktthema des Hintergrundgesprächs war der aktuelle Stand der DAB-plus-Technik in Deutschland. Anders als in Norwegen, Dänemark, Belgien, der Schweiz und Großbritannien schwächelt der Umstiegswille hierzulande noch. Gut eine Million aller verkauften Radiogeräte pro Jahr (das ist etwa ein Viertel aller Neukäufe) sind Digital- und/oder Webradio-tauglich, der Rest setzt immer noch allein auf UKW. Die Wachstumsraten in Deutschland entwickeln sich ziemlich linear, von etwa 18 Prozent im Juli 2016 bis etwa 25 Prozent im Mai 2018.

Weniger Kosten, mehr Programme

Karolas Wille setzt ihre Hoffnungen auf die Europäische Union (EU), die plane, um die Jahreswende 2018/19 eine Richtlinie zu verabschieden, der zufolge für Neugeräte die Interoperabilität verschiedener Empfangswege vorgeschrieben sein soll – sprich: nur noch Multinormgeräte dürfen dann zugelassen werden, die mindestens einen digitalen Standard (DAB plus oder Internetradio) beherrschen. Ähnliches erhofft man sich von der Novelle des deutschen Telekommunikationsgesetzes. Der Weg „weg von UKW sei unumkehrbar geworden“, sagte die MDR-Intendantin, denn inzwischen spreche die ARD auf diesem Feld mit einer Stimme, was bis 2014 nicht unbedingt der Fall gewesen sei.

Ulrich Liebenow, Betriebsdirektor des MDR, hält einen linearen Ausspielweg für das Radio für unverzichtbar. Er verwies bei dem Hintergrundgespräch in Berlin darauf, dass mit DAB plus nicht nur real 20 Prozent der Übertragungskosten eingespart würden, sondern man über die digitalisierten Frequenzbänder erheblich mehr Programme übertragen könne. Im Sendegebiet des MDR wären das zwölf DAB-plus- statt der bisher drei bis vier UKW-Programme. Über Förderszenarien für private Rundfunkveranstalter müsse man angesichts des Problems von mehr Konkurrenz nachdenken, so Liebenow, denn das Thema DAB plus sei weniger ein technisches als vielmehr ein Wettbewerbsthema. Technisch seien inzwischen 93,5 Prozent der Fläche Deutschlands digital versorgt. 98,5 Prozent der Autobahnen seien entsprechend abgedeckt und bei 82 Prozent der Fläche reiche die Stärke der Sender auch für eine Indoor-Versorgung.

Immer mehr Haushalte mit DAB plus

Ab dem 28. September bzw. 4. Oktober wird es in Deutschland zwei kleinere Regionen geben, wo man die Programme des Deutschlandradios dann nur noch digital empfangen kann: Es sind dies die Insel Helgoland in der Nordsee und die Region Mittenwald/Krün/Wallgau in Bayern. Chris Weck, Hauptabteilungsleiter ‘Technik und Infrastruktur’ beim Deutschlandradio, schreibt im September-Heft des Senders zum Thema DAB plus, das Digitalradionetz werde derzeit kontinuierlich ausgebaut. „Die weiteren Planungen sehen vor“, so Weck, „ab dem Jahr 2021 sukzessive die terrestrische Simulcastausstrahlung zu reduzieren und weitere UKW-Sender außer Betrieb zu nehmen. Das Ziel ist, nach 2025 den vollständigen Umstieg auf das terrestrische Digitalradio DAB plus abzuschließen.“

Laut dem Anfang September veröffentlichten „Digitalisierungsbericht 2018“ verzeichnet die Nutzung von DAB plus nun „im fünften Jahr in Folge kontinuierliches Wachstum“. Der Anteil von Haushalten mit DAB plus lege überall zu, besonders in der Ländergruppe Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen mit plus 3,5 Prozent. Bayern liege hier „wegen einer breiten Programmvielfalt, einer sehr guten Netzabdeckung und entsprechender politischer Rahmenbedingungen“ mit 22,3 Prozent vorn, gefolgt von Sachsen mit 22 Prozent und Baden-Württemberg mit 18,7 Prozent. Der Digitalisierungsbericht wird erstellt im Auftrag der Landesmedienanstalten unter Beteiligung von ARD, Deutschlandradio und des Sendenetzbetreibers Media Broadcast.

07.09.2018 – jm/MK

Print-Ausgabe 22/2018

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