Daniel Kehlmann: David Mahlers Zeit. Ein akustischer Traum (HR 2 Kultur)

Das gute alte Traumhörspiel

26.06.2015 •

Den linearen Ablauf der Zeit zu durchbrechen, ist im wirklichen Leben bekanntlich nicht möglich. Aber um das auszugleichen, gibt es ja Bücher, Filme, Fernsehserien – und natürlich Hörspiele. Die chronologische Ordnung in der Darstellung von Ereignissen so richtig durcheinanderzuwirbeln, ist eine Domäne der Erzählkunst in all ihren unterschiedlichen medialen Ausformungen. Von der reinen Technik des Erzählens kann die Zeitbeherrschung bei fiktionalen Stoffen sogar auf das Erzählte selbst ausgedehnt werden. Hierfür berüchtigt ist natürlich das Genre der Science-Fiction, in der es an jeder Ecke zeitreisende Charaktere gibt.

Doch auch außerhalb dieser Genre-Grenzen kann zumindest das Spiel mit der Reihenfolge der erzählten Ereignisse funktionieren. Zum Beispiel, wenn sich die Geschichte um einen Physiker dreht, der glaubt, das Geheimnis der Zeitumkehrung entdeckt zu haben. Um genau eine solche Person handelt es sich bei David Mahler, dem Protagonisten von „David Mahlers Zeit“. Das Traumhörspiel nach Daniel Kehlmanns Roman „Mahlers Zeit“ (Suhrkamp-Verlag 1999) wurde von Alexander Schuhmacher für den Hessischen Rundfunk (HR) inszeniert.

Mit vier Formeln und einer besonderen Strahlungsart hat David Mahler vor, das Problem mit der stetig vorwärtsschreitenden Zeit anzugehen. Sein Angriffspunkt bei diesem Vorhaben ist der zweite Hauptsatz der Thermodynamik oder auch Wärmelehre. Mit dessen Widerlegung, so ist es Mahler im halbschlafenden Dämmerzustand klar geworden, ließen sich die Aufhebung und Umkehrung von Tod und Verfall tatsächlich durchführen. Zunächst wäre die Wirkung nur auf das Versuchslabor begrenzt, doch Stück für Stück würde sie auf der ganzen Erde Raum greifen. So zumindest stellt es sich Mahler vor.

Der Doktor der Physik, der eine Stelle als Assistent an einer Universität innehat, stößt mit seinen Ideen, die er unbedingt verbreiten will, jedoch durchweg auf taube Ohren und wird sogar verspottet. Da er jedoch von der Richtigkeit seiner Erkenntnisse überzeugt ist, steigert er sich in einen Wahn hinein, der in einem Gefühl des Manipuliertwerdens und Verfolgtseins zum Ausdruck kommt. In diesem Wahn und in Träumen, Halluzinationen und Zuständen gestörten Zeitempfindens macht sich auch das Hin-und-herswitchen in der Chronologie der erzählten Zeit bemerkbar. Auf dieser Traumebene finden die kleineren und größeren Zeitreisen statt, die Mahler je mal als Déjà-vu, mal als Vorahnung erscheinen.

Für die Durchführung seines Experiments in der materiellen Welt müsste Mahler (gesprochen von Michael Rotschopf) die Fachwelt von seinen Thesen überzeugen. Der Fokus seiner diesbezüglichen Bemühungen liegt auf dem Einholen der Meinung des Nobelpreisträgers Boris Valentinov (Hans Diehl). Ihm sendet Mahler seine Aufzeichnungen zu. Da er keine Antwort erhält, versucht er mit Hilfe seines Freundes Marcel (August Diehl) den namhaften Physiker ausfindig zu machen.

Der immer kränker werdende und immer wahnhafter agierende Mahler verhält sich seinem sozialen Umfeld gegenüber feindselig. Auf seine Freundin Katja (Eva Gosciejewicz) reagiert er zunehmend gereizt und aggressiv, verdächtigt sie sogar, seine Bemühungen zu torpedieren. Bei seinem Chef, Professor Grauwald (Felix von Manteuffel), verliert Mahler jegliches Ansehen, nachdem er seine Thesen zur Veröffentlichung in der von Grauwald herausgegebenen wissenschaftlichen Zeitschrift vorgeschlagen hat. Von seinem Professor wird ihm lediglich die Inanspruchnahme psychiatrischer Hilfe nahegelegt, woraufhin Mahler beleidigend wird.

Letztlich passiert, was Mahler befürchtete: Er stirbt, ohne seine Thesen verbreitet zu haben. Ein Herzinfarkt erwischt ihn an einem Bahnsteig, als er den gesuchten Boris Valentinov gerade ausfindig gemacht hat. Der berichtet dem ebenfalls anwesenden Marcel, dass er sich Mahlers Aufzeichnungen angesehen habe, doch der habe sich schlicht und einfach verrechnet.

Die stark ausgeprägte Mystery-Ebene des 90-minütigen Hörspiels entfaltet ihren Reiz und auch ihre Komik aus der Verortung im Wahnhaften und wird geerdet durch die Verknüpfung mit den physikalischen Grundbedingungen der Welt bzw. den Zweifeln an ihnen. Dieses Traumhörspiel ohne metaphysischen Ballast ist im besten Sinne unterhaltend; gekonnt wird das Tempo gewechselt, wenn es nötig ist, und das Gegenspiel von plausiblen Denkansätzen und abgründigen Absurditäten hält seine Balance. „David Mahlers Zeit“ ist eine hervorragende Arbeit von Alexander Schuhmacher und seinen Schauspielern (in den weiteren Rollen: Ursula Illert, Sascha Nathan, Jochen Nix, Wolf von Lindenau, Birgitta Assheuer, Hans Jörg Krumpholz, Sylvia Heid und Noel Wilde). Wenn das gute alte Traumhörspiel noch einmal zu neuen Ufern aufbrechen sollte – die hier eingeschlagene Richtung ist sicher nicht verkehrt.

26.06.2015 – Rafik Will/MK

Print-Ausgabe 24/2019

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