Ellerbeck. 6-teilige Serie mit Cordula Stratmann (ZDFneo/ZDF)

Pfff, so geht Sitcom nicht

14.08.2015 •

14.08.2018 • Sitcoms made in Germany haben im deutschen Fernsehen einen schweren Stand. Es gibt sie praktisch nicht. Schon gar nicht in der im Studio produzierten und mit Publikumslachern intensivierten Variante, die das amerikanische Fernsehen am laufenden Band exportiert („Bully macht Buddy“ auf Pro Sieben war da eine vielversprechende Ausnahme; vgl. FK 48/13). In der Sonderform Mockumentary, einer Doku-Soap-Parodie, hat es die Pro-Sieben-Sitcom „Stromberg“ (nach dem britischen Original „The Office“) hierzulande bisher am weitesten gebracht, und zwar zu fünf Staffeln bis 2012 und einem Kinofilm im Vorjahr. Nichts Nennenswertes kam nach. Bis jetzt.

In die „Heute-Show“-Sommerpause platziert das ZDF auf deren Sendeplatz „Ellerbeck“, eine sechsteilige Sitcom, die an den Mockumentary-Prototypen „Stromberg“, nun ja, zumindest formal heranreicht. Auch hier wird vorgetäuscht, ein Fernsehteam begleite mit der Kamera die Protagonisten im Alltag. Statt des Büro-Ekels Bernd Stromberg steht in „Ellerbeck“ die deutlich sympathischere und vermeintlich harmlosere Kindergärtnerin Sabine Ebert im Mittelpunkt. Die wird von der „Schillerstraßen“-Komikerin Cordula Stratmann in einem Setting gespielt,das sich das Phänomen des „Wutbürgers“ vorknöpft.

In der Sitcom „Ellerbeck“, deren Folgen zuerst bei ZDFneo zu sehen waren, dürfen sich nämlich all jene angesprochen fühlen, die gegen unterirdische Bahnhöfe protestieren oder die prinzipiell Energie aus Windkraft befürworten, solange die Rotoren der Anlagen nicht die eigene Heimat verschandeln. Die Stratmann führt in „Ellerbeck“ in der Rolle der naiven, aber umso engagierteren Erzieherin Sabine so eine Protestbewegung an. Der Zuschauer kapiert indes schnell, dass dieses Grüppchen mit seiner sehr selbstzufriedenen Sicht auf sich selber und dem von Egoismus getriebenen Engagement gar nicht so heldenhaft ist.

Eine geplante Schweinemastanlage im fiktiven und titelgebenden Städtchen Ellerbeck im Emsland treibt Sabines Bürgerinitiative auf die Barrikaden. Mit Miss-Piggy-Masken und Protest-Pappen stürmt die Gruppe in der Auftaktfolge einen offiziellen Termin des Bürgermeisters; zwei von ihnen entblößen sich, im doppelten Wortsinn: „No“ und „Mast“ prangt auf blankem Po und Bauch. Eine spontane und nicht abgesprochene Nackt-Aktion, die bei den anderen Aktivisten bei der anschließenden Manöverkritik im griechischen Stammlokal nicht gut ankommt. Das Gyros, natürlich aus Schweinefleisch, lassen sie sich trotzdem schmecken.

Kann man so eine Gurkentruppe ernst nehmen? Natürlich nicht. Doch zum Lachen kommt es einem bei diesem Kommentar zum Schweine-System Politik auch nicht gerade. Überhaupt, das zeigt der weitere Verlauf dieser Stratmann-Sitcom, schlingert der Humor in „Ellerbeck“ zu oft in Richtung vertrottelte Klamotte mit peinlichem Personal, anstatt dass die politischen Verhältnisse einmal wirklich hintersinnig und komisch verkehrt werden, so dass es wehtut.

Die eigentlich zutiefst ernsthaften und ernst zu nehmenden Konflikte bricht „Ellerbeck“ schmerzbefreit auf Kindergartenniveau herunter, dass es manchmal vor Rührseligkeit trieft. Sabines Rededuell mit dem amtierenden Bürgermeister, einem Schweinemast-Befürworter, endet damit, dass alle zusammen den Kita-Hit „Die Affen rasen durch den Wald“ singen – und Sabine letztlich die Wahl zur Bürgermeisterin gewinnt, was selbst sie überrascht: „Wenn das Politik ist? Pfff.“

Es deutete sich bei diesem Cliffhanger der ersten Episode an, dass die maximal motivierte Novizin Politik fortfolgend sehr wahrscheinlich nicht mehr so leicht auf die Schulter nehmen wird. Sabine, erst wenige Tage im Amt, verzweifelt an mit einem Federstrich gefällten Rosskastanien und enttäuschten Wählern: „Ich kann das nicht. Ich bin keine Bürgermeisterin“, stöhnt sie. Doch spätestens in der dritten Episode der Sitcom (Produktion: Prime Productions) hat sie verinnerlicht: „Politik ist ein dreckiges Geschäft.“ Um an die Spenden einer 100-Jährigen für eine neue Sportanlage zu kommen, schreckt die Bürgermeisterin nicht vor Erpressung zurück. Pfff, so einfach geht also Politik in Ellerbeck.

Der große Sitcom-Wurf ist dem ZDF mit „Ellerbeck“ noch nicht gelungen (übrigens auch nicht mit der mehr auf Pointen-Ping-Pong ausgerichteten Sitcom „... und dann noch Paula“ mit Alexander Schubert in der Hauptrolle, die das ZDF an den sechs Freitagen zuvor ausstrahlte). Sitcom-Potenzial wurde auch deshalb vergeben, weil „Ellerbeck“ zu stark auf die Serienhauptfigur Sabine Ebert zugeschnitten ist. Cordula Stratmann ist der Star und wird auch als solcher inszeniert, was in dieser Überbetonung schade ist.

Die im Ensemble um sie herum agierenden theater- und filmgewaltigen Mimen Markus John (als Bürgermeister Ten Hensen), Inka Friedrich (als Unternehmensberaterin Yvonne) oder Oliver Nägele (als Gorleben-Aktivist Günther) kommen hier nicht zu der Geltung, die sie verdienen. Statt eine echte Ensemble-Comedy mit gleichberechtigten Mit-Spielern zu wagen, vertraut das ZDF lieber auf das vielstrapazierte Baukastenprinzip „Eine starke Frau im Mittelpunkt erobert die Welt“. Beim Publikum kam „Ellerbeck“ bisher nicht gut an. Die Marktanteile der ersten beiden Folgen lagen deutlich unter dem ZDF-Schnitt.

Immerhin, ein paar pfiffige Pointen legt das Autorenquintett Dieter Jakobs, Lars Album, Markus Barth, Morten Kühne und Oliver Welke auch Stratmanns Sidekicks in den Mund. Auf Sabines Seufzer hin, sie tauge nicht als Politikerin, entgegnet Yvonne: „Ist nicht schlimm. Madonna ist auch keine Sängerin.“

14.08.2015 – Senta Krasser/MK

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