Paul Scheerbart: Perpetuum mobile (Bayern 2) / Edward Morgan Forster: Die Maschine steht still (NDR Kultur)

Die Ambivalenzen des Maschinellen

06.06.2018 • Im Jahr 1909, als die Zukunft noch mechanisch war und die Dystopien aus Holz, veröffentlichte der britische Schriftsteller Edward Morgan Forster (1879 bis 1970) die Erzählung „The Machine Stops“ („Die Maschine steht still“), in der er eine Gesellschaft beschreibt, deren Mitglieder in wabenförmigen Zellen unterhalb der Erdoberfläche leben und miteinander fast nur noch über Bildschirme („Holo-Televisoren“) kommunizieren. Gesteuert wird die Welt von einer Maschine, die die verfettete und buchstäblich zahnlos gewordene Menschheit einmal am Tag für eine Minute in einen narkoleptischen Schlaf versetzt, zwecks Regeneration des Gehirns und „ontologischer Angstreduktion“.

Ein Jahr später, 1910, veröffentlichte der Schriftsteller Paul Scheerbart (1863 bis 1915) den Text „Das Perpetuum mobile – Die Geschichte einer Erfindung“. Beide Werke beschäftigen sich mit dem ontologischen Status des Maschinellen und auf Basis beider Texte sind jetzt zwei Hörspiele entstanden: „Perpetuum Mobile“ in der Bearbeitung von Wittmann/Zeitblom für den Bayerischen Rundfunk (BR) und „Die Maschine steht still“ in der Bearbeitung von Felix Kubin für den Norddeutschen Rundfunk (NDR).

Die beiden Stücke ergänzen sich komplementär. Das Perpetuum mobile, von Scheerbart kurz „Perpeh“ genannt, ist eine Maschine, die, von der Schwerkraft des Planeten angetrieben, niemals stillsteht und den Menschen von aller Arbeit erlösen kann. Das ist in Forsters Maschinenwelt schon geschehen. Doch seine Maschine, die man eher als eine künstliche Intelligenz bezeichnen könnte, beschließt von sich aus, ihre Arbeit einzustellen, quasi offensiv kaputtzugehen, um die menschliche Evolution wieder in Gang zu setzen und ihrer Anbetung als Gottheit zu entgehen.

In der 52-minütigen Scheerbart-Bearbeitung von Christian Wittmann und Georg Zeitblom analysiert der Kultur- und Medienwissenschaftler Joseph Vogl das Perpetuum mobile als einen „Motor zur Entdeckung des schlicht Undenkbaren“, als Wunschmaschine, auf deren physikalische Unmöglichkeit es nicht ankomme. Und jedes Hörspiel wird besser, wenn Jospeh Vogl dazu gleich die Metaebene mitliefert. Noch besser hätte es nur werden können, wenn auch noch Martin Burckhardt darin aufgetreten wäre. Burckhardt hat gerade eine „Philosophie der Maschine“ vorgelegt und vertiefte das Thema in einem an das BR-Hörspiel anschließenden Gespräch mit Ania Mauruschat („Die Maschine als Zauberspiegel“).

Beide Stücke behandeln die Ambivalenzen des Maschinellen. So weist Martin Burckhardt darauf hin, dass sich die Philosophie erst im 17. Jahrhundert mit den „Räderwerkmaschinen“ beschäftigt habe, die schon im 12. Jahrhundert erfunden worden waren – und selbst Scheerbarts „Perpeh“ steht noch in der Tradition der mechanischen Räderwerke mit ihren simplen Programmierungen. Vom gegenwärtigen Stand der Computerisierung der Welt und der Forschung zur Künstlichen Intelligenz (KI) müsse man die Maschine von Grund auf neu denken, fordert Burckhardt. Die Maschinen seien Engelmacher, die ähnlich wie die Erfinder der Alphabet-Schrift durch eine Drehung um 180 Grad dem A die Form des stilisierten Stierkopfs abgetrieben hätten, aus Natur Kultur machten. Burckhardts Konsequenz: „Wir schaffen Engel und wir treiben ab“ – und einer dieser so geschaffenen Engel hört auf den Namen Schönheit.

Und wirklich beschäftigten sich die Insassen der unterirdischen Habitate in Forsters maschinengesteuerter Welt mit den schönen Künsten und empfanden sich nicht im Geringsten als Sklaven der Maschine. Die Hauptfigur Vasháti (Susanne Sachße) beschäftigt sich mit vorweltlicher australischer Musik und hält darüber televisionäre Vorträge. Medientheoretisch waren die Figuren in Forsters Erzählung schon 1909 auf der Höhe gegenwärtiger Diskurse: „Wer braucht ein Original, wenn er ein doppelt so scharfes Abbild haben kann. Abbilder sind die wahren Bilder der Wirklichkeit“, weiß Vasháti und ist sich im gleichen Moment bewusst, dass sie sich in einer platonischen Höhle befindet und Ideen nachjagt: „Ideen sind der Spielball des formbaren Geistes, sie reisen auf den hellen Impulsen der Zeit.“ Nur ihr Sohn Kunó (Rafael Stachowiak) will lieber in die Sphäre des Realen, will heißen: zurück an die Erdoberfläche mit ihrer kaum atembaren Luft. Der überwiegende Rest der Menschheit will lieber zu Engeln werden. So hat Felix Kubin den Leitsatz „Wie Engel befreit, vom Makel der Persönlichkeit“ in einen mehrstimmigen Chor gesetzt, der das 80-minütige Hörspiel umrahmt.

Sowohl Felix Kubin als auch Georg Zeitblom haben für ihre jeweiligen Maschinenwelten eine eigene musikalische Form gefunden. Kubin eine eher songorientierte, Zeitblom eine eher repetitive, räderwerkgesteuerte Computermusik. Beide Stücke entfalten einen gewissen retrofuturistischen Charme. Die Zukunftsvisionen ihrer Buchvorlagen sind erschreckend präzise und gegenwärtig. Zusammen mit Martin Burckhardts Maschinenphilosophie ist man mitten im 21. Jahrhundert angekommen.

06.06.2018 – Jochen Meißner/MK

Print-Ausgabe 24/2018

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