Sebastian Kunas/Norbert Lang: ANNA (Bayern 2)

Wenn die Sprachsoftware agiert

15.06.2018 • Eine Software zur Spracherkennung und Sprachausgabe in einem Hörspiel als ‘Sprecherin’ einzusetzen, ist eine Besetzungsentscheidung, die man wahrscheinlich am ehesten dem Genre der Science-Fiction zurechnen würde. Sebastian Kunas und Norbert Lang haben mit ihrem Stück „ANNA“ aber keine direkte Zukunftsvision zum Zusammenleben von Mensch und Maschine inszeniert (auch wenn sich das Hörspiel in gewisser Weise durchaus mit diesem Thema beschäftigt). Die beiden Autoren legen mit ihrer im Auftrag des Bayerischen Rundfunks (BR) entstandenen Arbeit eine humorvolle Momentaufnahme vom technischen Stand einer Computerstimme der Jetztzeit vor. Dabei setzen sie auf einen medienwissenschaftlichen Überbau und lassen einige Experten zu Wort kommen, was dem Stück Feature-Anklänge verleiht.

Ein Feature ist es angesichts seiner überaus verspielten Herangehensweise allerdings dann doch nicht. Kunas und Lang lassen die Experten-O-Töne und die Sprachsoftware ANNA des Apple-Betriebssystems MacOS auf eine ausgefallene Art miteinander interagieren. Kurze Passagen der Aufnahmen werden ANNA vorgespielt, die von ihr daraufhin wiederholt werden – allerdings häufig fehlerhaft. Die Fähigkeit zum Zuhören musste ANNA übrigens erst von den Autoren einprogrammiert werden.

Wie unterschiedlich die Software den genau gleichen Satz oder gar ein einzelnes Wort interpretiert, verdeutlichen die Autoren mit einer Art akustischem Ping-Pong. Man hört innerhalb einer Interviewpassage zunächst ein kurzes Piepen, das den ungefähren Beginn des von ANNA wiederzugebenden Abschnitts markiert. Und dann legt die Sprachsoftware nach einem weiteren Piep-Geräusch los und gibt im Wechsel mit dem stets aufs Neue eingespielten O-Ton-Schnipsel die absurdesten Wiederholungen von sich. Manchmal werden diese Wiederholungen auch als pure Reihungen eingesetzt, dann verzichten Lang und Kunas auf das Hin und Her zwischen menschlicher Stimme und Software-Stimme.

Am besten funktioniert der komische Effekt des „Stille-Post“-Prinzips mit einzelnen englischen Wörtern. Wenn als Vorlage etwa der Begriff „human enhancement“ zu hören ist, macht die Software aus dem letzten dieser beiden Wörter beispielsweise „Im Ernst, Mann!“, „Handstand“, „Sandmann“ oder „Tanzmann“.

Das Hörstück „ANNA“ ist in die folgenden sechs Kapitel eingeteilt: „Was wir uns ausmalen“, „Der erweiterte Körper“, „Die Transhumanisten“, „Konsequenzen“, „Friktion“ und „Orakel“. In diesen Kapiteln gehen dann auch die Medien- und Kulturwissenschaftler Christoph Engemann und Karin Harrasser sowie der Biologe und Philosoph Georg Toepfer inhaltlich auf den aktuellen Stand der Verschmelzung von Mensch und Maschine ein, zeigen mögliche Entwicklungen auf und erläutern die damit verbundenen Hoffnungen und Ängste.

Das klingt zwar wieder stark nach Feature, aber Sebastian Kunas und Norbert Lang unterbrechen und rhythmisieren den Sprachfluss ihrer Interviewpartner immer wieder durch besagte Computerwiederholungen. Dabei stellt sich manchmal auch regelrechtes Gänsehautfeeling ein. Denn dadurch, dass ANNA die Auseinandersetzung mit den Themen Künstliche Intelligenz (KI) und ‘technisch erweiterte Menschen’ fetzenweise ‘aufgreift’, ergibt sich hin und wieder der Eindruck, die Maschine spreche über sich und ihre ‘Artgenossen‘. Das ist natürlich Quatsch, denn ANNA fungiert nur als eine Art maschineller Papagei mit geschädigtem Gehör.

Ein wichtiger Aspekt, der bei diesem Hörstück auch gegen die Kategorisierung als Feature spricht, ist der Verzicht auf die einordnende Ebene der Autorenkommentierung. Gesprochen wird nur von der weiblichen Software-Stimme (sowie einer männlichen für die Ansage der Zwischentexte) und von den Experten. Hinzu kommen eine spacige Musikebene und ein amüsantes Spiel mit Soundeffekten. Man könnte „ANNA“ vielleicht als eine Mischform aus modernem Sprachexperiment, digitaler Klangkunst und Feature bezeichnen.

Begleitend zum Stück findet sich auf der Website von Bayern 2 ein von Marie Schoeß geführtes Gespräch mit den beiden Autoren, in dem auch deutlich wird, wie viel Tüftelei dieser Produktion zugrunde liegt. Dazu kann man auf die Website auch noch ein Gespräch von Ania Mauruschat mit dem Elektrotechnik-Ingenieur und Philosoph Rolf Eraßme zum Nachhören abrufen.

Bereits aus sich selbst, noch mehr aber im Zusammenspiel mit den beiden vom BR online gestellten Interviews, greift das im Programm Bayern 2 zu hörende Stück „ANNA“ drängende Fragen der heutigen Zeit auf. Was passiert, wenn wir die Planung unserer Lebensführung zunehmend an Algorithmen übertragen? Oder auch: Wie spiegeln sich Rollenstereotype in der Vergegenständlichung der Frauenstimme zum computergenerierten dienstbaren Geist wider? Und wie wirkt sich diese Vergegenständlichung wiederum auf den zwischenmenschlichen Umgang aus? Die Produktion „ANNA“ steht somit in bester Art für Unterhaltung und Belehrung. (Das Stück und die Interviews sind im Netz im „Hörspielpool“ des BR weiterhin zum Anhören verfügbar.)

15.06.2018 – Rafik Will/MK

Print-Ausgabe 23/2018

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