Christoph Korn: RIOT. Hörstück mit Texten von Friedrich Engels und Frantz Fanon (SWR 2)

Schrillbunte Alb-Räume

08.05.2018 • Die Hörspielredaktion des Südwestrundfunks (SWR) stellt Christoph Korns Hörspiel „RIOT“ – es firmiert in den Ankündigungen auch als „Hörstück“ – ausdrücklich in den Kontext von „200 Jahre Karl Marx“, dessen Leben und Werk in diesen Tagen und Wochen landauf, landab gewürdigt wird. Am 5. Mai 1818 wurde Marx in Trier geboren, Die Radioarbeit „RIOT“ („Aufstand“, „Unruhen“) in diesen Zusammenhang zu stellen, ist durchaus legitim, denn die komplexe akustische Collage ist ein Reflex und eine flashartige Rückbesinnung auf die revolutionären Entwicklungen und Ereignisse, die sich um 1845 und in den Folgejahren in England, aber auch in Deutschland abspielten und von Karl Marx (1818 bis 1883) und Friedrich Engels (1820 bis 1895) theoretisch und sozialphilosophisch begleitet und fundiert wurden.

Engels war bei den revolutionären Ereignissen des Jahres 1848 in Wuppertal-Elberfeld und Wuppertal-Barmen unmittelbar involviert und musste den Zusammenbruch des Aufstands mit Vertreibung und neuerlicher Flucht nach England bezahlen. Das Scheitern von politischen Zielen und Idealen, die Unterdrückung freiheitlicher und demokratischer Impulse, dies ist ein Kernthema des Hörstücks, das ein bitteres Klagelied über die sozialen Verhältnisse im noch zerstückelten Deutschland und im England des 19. Jahrhundert

Der Audio- und Medienkünstler Christoph Korn („Eingedenken.de“, „Kairos-net.org“, „check mate live“) hat vor allem das sozialpolitische Standardwerk von Friedrich Engels, die Schrift „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ (1845), und überlieferte Dokumente vom gescheiterten Elberfelder Aufstand genommen und diese zu einem schrillbunten akustischen Bilderbogen verwoben, der sich nur sehr bedingt als dokumentarische Revue versteht. „Das Hörstück ‘RIOT’ ist keine akustische Rekonstruktion der revolutionären Ereignisse von 1849“, betont der Medienkünstler ganz ausdrücklich.

Im Verlauf der knapp einstündigen Sendung entsteht beim Hörer neben einer gewissen Ratlosigkeit, die sich aufgrund von gewaltigen Sprüngen zwischen Dokumenten und Gedichten und anderen Texten einstellt, vor allem eine ganz allgemeine Tristesse und Melancholie, weil jedem akustischen Ansatz (sei es Lied, Text, Paraphrase oder Rhythmus) der Stempel des Scheiterns aufgedrückt wird. Die Geknechteten in den Fabriken zu Manchester oder die Heimarbeiter am Webstuhl in Barmen werden zu kreatürlichen Opfern verdichtet, aber auch verkürzt. Vernichtung der menschlichen Würde (hier wie dort), Folter durch Hunger und Arbeit werden in meist sehr kurzen Sequenzen immer wieder aufgerufen, wobei dem Hörer kaum die Zeit gelassen wird, herauszufinden, wo die Passionen der Ausgebeuteten abgelichtet sind: diesseits oder jenseits des Kanals. Was bleibt, ist die akustisch eingefangene Wut über nicht enden wollendes Leid – aber auch ein gewisses Befremden über einen Hörspieltitel („RIOT“), der im deutschen Sprachraum bereits vor dem Hören verstörend wirken könnte.

Dabei ist das Hörstück dort am stärksten und überzeugendsten, wo sich kleine Sprechchöre bilden und in anaphorischer Rhythmisierung von der Ausbeutung und Unterdrückung (zum Beispiel am Webstuhl) berichten. Christoph Korn evoziert durch metallisch klingende Alb-Räume eine Betroffenheit auch beim Hörer, ja – allerdings fehlt diesem der Kompass oder auch eine Wünschelrute, um sich in den labyrinthischen Verästelungen zurechtzufinden. Ein intendierter Brückenschlag ins Hier und Jetzt darf vermutet werden, er wäre allerdings ein Metaanliegen, das nur Kundigen offenstehen dürfte: Historikern, Tonkünstlern, Politologen und geschulten Radiomachern. Das Hörspielprojekt wurde übrigens durch ein Arbeitsstipendium der Film- und Medienstiftung NRW gefördert; SWR-Chefdramaturg Manfred Hess begleitete diese gewiss ganz besondere Radioarbeit.

08.05.2018 – Christian Hörburger/MK

Print-Ausgabe 23/2018

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